Weihnachtsrauschverweigerung

Unterm Jahr sind wir uns alle einig: Unser System des völlig überhitzten Konsumierens zu immer niedrigeren Preisen, teils aus Geiz, teils aus echter Not, wird uns eines Tages Kopf und Kragen kosten, wenn wir so weitermachen. Schon jetzt fliegt uns das, was aus einem ursprünglich positiv gedachten Kapitalismus wurde, in seinen Auswirkungen um die Ohren. Ein völlig entfesseltes System, in dem man inzwischen sogar rein virtuell herumzocken kann, wenn man denn kann, bringt einen Rattenschwanz an Problemen mit sich: Klimakrise, Artensterben, soziale Ungerechtigkeit und indirekt Hass, Populismus, Extremismus. Es gibt Abhandlungen über die Zusammenhänge.

Was wir nicht wirklich brauchen, wird uns aufgeschwatzt.


Aber einmal im Jahr werden dann sogar diejenigen, die auf entsprechenden Demos mitlaufen, rückfällig: in der Weihnachtszeit. Und weil inzwischen in vielen Branchen die WeihnachtskonsumentInnen die Hauptumsätze einbringen, werden die immer früher und immer lauter umworben. In Deutschland sollen schon die ersten Weihnachtsmärkte eröffnet haben - Mitte November! Manche heißen deshalb frech Winterwelten, um sich früher einzumogeln, während draußen der Herbst erst die Blätter färbt. Es geht um Umsatz. Um Geld. Schon lange nicht mehr um Weihnachten als Fest der Liebe *hust* ... Und auch die fiebrig glänzenden Augen von Kindern, die früher bis zum letzten Moment aufs Christkind warten mussten, um sich über seltene Freuden umso mehr freuen zu können, sie werden wohl seltener. Es ist normal geworden, Lebkuchen im August zu essen und Mitte November unter Kitschbeleuchtung Glühwein zu trinken. Hier im Elsass lassen manche ihren Weihnachtsschmuck schon so lange hängen, bis er durch Osterputz ausgetauscht wird. Man könnte eigentlich gleich nach Halloween ...

Manchmal erinnert etwas an die Heimeligkeit des Besonderen ...


Ich habe gut lästern, fast klingt es ein wenig falsch in meinem Ohr. Gehöre ich doch zu denjenigen, die wirtschaftlich auf Weihnachten angewiesen sind, weil da schlicht die meisten Menschen Geschenke kaufen. Weil dann das Geld lockerer sitzt. Seit ich mein Atelier habe, ist der Stress, der bisher meist Ende November beginnt, im Vergleich zum Rest des Jahres enorm. An Heilig Abend falle ich wie EinzelhändlerInnen und KunsthandwerkerInnen totmüde ins Bett und will nur noch bis Jahresende durchschlafen. Das kann ich dann im Januar, wenn nichts läuft. Was also jammere ich eigentlich?

Ich sehe eine ungute Entwicklung vor allem bei den Kleinstunternehmungen vieler KollegInnen aus den Bereichen Kunst und Kunsthandwerk. Die beim althergebrachten Weihnachtsfest wirklich geschätzt wurden. Da entsteht eine Diskrepanz: Sie legen sich viel mehr krumm für die Kundschaft, haben angeblich mehr Möglichkeiten - aber die Umsätze sinken kontinuierlich. Bisher konnte ich nicht genau greifen, wo das Problem liegen könnte. Zwei Dinge haben mich auf eine Spur gebracht.

Der heiße Hinweis war eine Werbemail von Etsy an uns ShopinhaberInnen. Man bietet uns an, jetzt nicht nur mit dem Black Friday Umsätze zu generieren, sondern gleich mit einer ganzen Black Week oder wie auch immer sich die Aktion nennen mag. Es gibt digitale Hilfen zur Verwaltung und für die Coupons, wie verführerisch (ich verweigere mich da übrigens).

Wir alle kennen diese aus den USA längst zu uns geschwappte Extremschnäppchenjagd, die ein sehr zweischneidiges Schwert ist: Auf der einen Seite befördert sie das wilde, unbedachte, meist nicht nachhaltige Konsumieren und den Geiz. Auf der anderen Seite ist das für die zunehmende Schicht der prekär Beschäftigten und der Armen oft der einzige Termin, um sich mit etwas zu versorgen, was man sich zum normalen Preis schon lange nicht mehr leisten kann. Eine Teufelsspirale.

Je größer man geschäftlich aufgestellt ist, desto eher kann man sich solches Verkaufen leisten. Da wird mit Mischkalkulation gearbeitet, da verzichtet man auf ohnehin völlig übertriebene Spannen oder kauft vorher im Großgebinde in China und sonstwo in Asien ein. Neuerdings soll sich Nordkorea als Geheimtipp entwickeln - die Menschen sind dort so jämmerlich arm und versklavt, dass sie für uns zu noch niedrigeren Niedrigstpreisen fertigen. Eine Teufelsspirale: Turbokonsum dieser Art befördert Sklaverei und bitterste Armut dort, wo es den Menschen ohnehin nicht gut geht. Es rechnet sich, je weiter im Westen wir leben. Es rechnet sich, je größer und reicher man schon ist, denn dann machen die Unsummen und Unmengen von Kleinvieh erst Mist.

Aber man kann es sich eben gut vorstellen bei einem Handy, einem Staubsauger oder dem Elektrokrempel, den wir im Februar schon wieder entsorgen, weil kaputt und nicht reparierbar. Musste ja billigst gefertigt werden. Es hat in unserem System seine Berechtigung, weil unser System auf Konsum und Wachstum ausgerichtet ist. Solange man genau das stützen will.

Wenn jedoch schon eine Plattform wie Etsy auf den Black Train aufspringt, was hat das für Konsequenzen? Es geht dort, wenn man es ernst nimmt und die schwarzen Schafe abzieht, um Handgemachtes! Um Menschen, die etwas als Hobby fertigen oder als FreiberuflerInnen, die sich im Idealfall irgendwann eine klitzekleine Manufaktur aufbauen können. Falls sie sich MitarbeiterInnen leisten können, handelt es sich oft um Familienmitglieder, in der Weihnachtszeit helfen Freundinnen und Freunde aus. Diese Menschen haben fixe Materialkosten, budgetieren oft nicht einmal ihre Unkosten richtig und können von Hand eben nur ein gewisses Maximum schaffen. Alles darüber wird unschön, billig. Oder es wird zur Selbstausbeutung.

Und genau das geschieht, wenn Kunst und Kunsthandwerk sich zu Black Weeks und anderen Ramschaktionen überreden lässt. Auch zehn Prozent Rabatt liegen nicht auf der Straße für solche Menschen. So manches Kleinstgewerbe entpuppt sich deshalb auch in unserer reichen Welt als freiwilliger (?) Sweatshop.

Mir begegnen so oft KollegInnen auf Märkten und Messen, die mich ganz jämmerlich an die Heimarbeiterinnen des 19. Jahrhunderts gemahnen. Ich erinnere mich noch gut an die Frau, die traumhafte Colliers in Perlenwebtechnik fertigte, sich Augen und Finger verdarb, den ganzen Tag schuftete, um genügend "Masse" zu machen. An einem Collier arbeitete sie mindestens drei Tage, die japanischen Glasperlen sind teuer. Und dann legte sie das Preisschild hin: 20 Euro. Zwanzig Euro brutto für drei Tage Arbeit, für das Material, für Kosten wie Arbeitszimmer, Heizung, Strom etc. Ich weiß, dass genau diese Frau beim Black Friday mitmachen wird, dass sie geschuftet hat, um möglichst viel für einen "Supersale" zu fertigen.

Und dann geht es ihr vielleicht so, wie ich das beim Kreustichfestival über Stickerinnen mitangehört habe. Sagt eine Besucherin zu ihrer Freundin: "Kauf das nicht. Das bekommst du nachgeworfen auf Alibaba und selbst bei Amazon. Das kannst du in Shanghai nach Kilos kaufen!" Nein, natürlich nicht das. Es sieht nur oberflächlich so aus, ist natürlich nie so gut und akribisch gearbeitet. Aber wer schaut einem geschenkten Gaul schon ins Maul? Habenhabenhaben wollen, möglichst wenig geben.

Bei eben dem Festival gab es für mich ein zweites Augenöffnen. Eigentlich waren es drei Menschen, zwei Frauen und ein Mann. Sie führten vor, was man heutzutage selbst in Frankreich nur noch seltenst zu sehen bekommt: Spitzenklöppelei und Goldapplikationsstickerei, wie man sie noch an Trachten sieht. Es sind die Momente, wo unsereins nur noch andachtsvoll staunt, so viel Können, Geduld, Akribie, aber auch körperliche Anforderungen sind da vonnöten. Die professionelle Spitzenklöpplerin meinte, sie könne die Klöppel nur deshalb so schnell werfen, weil sie das seit ihrer Kindheit mache. Als andere mit Barbiepupen spielten, fing sie an, das Spitzenklöppeln zu erlernen. Und dann sagt sie, ganz beiläufig: "Wir brauchen Leidenschaft für so etwas. Bezahlt werden wir für diese Arbeit schon lange nicht mehr richtig."

Im Gespräch werden dann die Gründe sichtbar, warum auch im traditionsbewussten Frankreich, das eigentlich seltene Berufe fördert, immer mehr Zweige des Kunsthandwerks absterben. Einen wirklich gerechten, wertschätzenden Lohn können sich bei den heutigen Verhältnissen nur noch die wirklich Reichen leisten. Noch heute können sich Stickerinnen, die in der Haut Couture bei den Luxusmarken unterkommen, glücklich schätzen, es ist eine Minderheit unter allen Könnerinnen, dabei verdienen sie nicht viel. So manche hat ein Zubrot als Lehrende, über Workshops oder Vorträge. Denn auch die sehr reichen Menschen kennen den Spruch von "Geiz ist geil" - oder wie meine Oma zu sagen pflegte: "Von den Reichen kannst du sparen lernen". Deshalb werden die meisten Arbeiten dieser Art selbst von den berühmtesten Pariser Modelabels nach Indien outgesourct. Nicht nur, weil die Leute dort absolut fantastisch arbeiten - sie arbeiten vor allem um einiges preiswerter!

Das Konsumkarussell dreht immer schneller und wilder.


Eine noch kleinere Minderheit von KunsthandwerkerInnen hat einen sehr besonderen und modernen Dreh gefunden, hat das Handwerk völlig "entstaubt" und im Luxusbereich angesiedelt. Kürzlich sah ich die Arbeit einer Glaskunsthandwerkerin, die eine uralte, spezielle Tradition von Glasbildern für die damals ärmere Landbevölkerung mit echtem Gold, neuem Design und Riesenformaten so verwandelt hat, dass ihre Manufaktur inzwischen von reichen Ölscheichs, russischen Milliardären und asiatischen Selfmademen für deren Paläste gebucht wird. Sie hat es verdient, aber sie hat auch Glück. Was sie erschafft und beherrscht, ist so eigen, dass es auf längere Sicht nicht kopiert werden kann. Und selbst dann ist es diesem Klientel wichtig, dass die Marke stimmt, das Exponat eben aus Paris und nicht aus Asien kommt.

Aber wie traurig sieht es bei den anderen aus, welche die Mehrheit und den raren Nachwuchs stellen. Die eine macht es als "nettes Hobby nebenher", während der Ehemann gut verdient und ihr den Rücken dafür freihält. Die andere zehrt, noch jung und enthusiastisch, von Leidenschaft und Liebe zum Metier - wie lange wird sie das durchhalten? Einer hat ein Auskommen, weil er sich ebenfalls in ganz Europa und über die Grenzen hinweg aufgestellt hat, weil immer noch Museen und Sammlungen Fachmenschen wenigstens zum Restaurieren brauchen.

Was das mit Ramschsales zu tun hat? Auf der gleichen Messe gab es Kilometer von Spitzen, die einem regelrecht nachgeworfen wurden. Die leider nicht immer als das deklariert waren, was dahintersteckte: billige Maschinenware. Sie sahen nur so aus als ob. Und man bekommt sie tatsächlich nach Gewicht bei Alibaba & Co.

Keine Frage, die Billigspitzen haben ihre Berechtigung. Man will nicht für alles Teures verarbeiten. Oder kann sich etwas anderes nicht leisten. Sie sind ja auch irgendwie schön. Schlimm ist nur, dass die Spitzenklöpplerinnen und der Goldsticker in so einer Halle mittendrin sitzen müssen - und alles staunt und keiner kauft. Es ist ja der direkte Preisvergleich da! Nicht der Qualitätsvergleich. Es wird auch nicht mehr darauf geschaut, ob das jemand beruflich macht, zum Lebensunterhalt. Ist doch alles ein nettes Hobby. Hat die Frau doch seit ihrer Kindheit nur gemacht, weil's Spaß macht. Hoppla?!

Ich kann und mag das alles nicht mehr, diesen Turbokonsum mit Wertschätzungsverweigerung. Wir kaufen immer schneller, oft immer dümmer, weil man uns die Hintergründe und Folgen vorenthält. Und so mache ich noch konsequenter das, was ich bereits in meinem Elsassbuch beschrieben hatte mit den Weihnachtsmärkten: Ich habe den Plastikkram und die billigen Blingblings einfach über. Veranstaltungen rund ums Thema genieße ich jedoch so viele wie selten zuvor: Da geht es um die ganz alten Traditionen, die Hintergründe und Geschichten. Ich werde mir das ein oder andere Rezept für Bredele abschauen und endlich einmal vom Fachmann lernen, wie man eine traditionelle Neujahrsbrezel backt. Mit Menschen zusammensein, reden, gemeinsam essen. Es ist ein Krafttanken, während die anderen über Weihnachtsmärkte oder durch Läden hetzen, weil auch die Ansprüche der Beschenkten immer größer werden.

Muss man wirklich immer schneller, immer mehr produzieren, auf den Markt werfen, Profite steigern und steigern? Und wenn die Rabatte ins Unermessliche steigen, andere ausbeuten?

Ich frage mich immer öfter, ob es in diesem heißlaufenden System nicht auch andere Wege geben könnte, die nicht so viele Menschen herausschleudern vom Kettenkarussell. Wie man selbst den Teufelskreisläufen entkommen könnte. Warum wir eigentlich Ware mit Geld bezahlen und nicht ganz anderes. Antworten habe ich keine. Ich lese neugierig. Und zeitweises Entkoppeln hält zumindest mir den Kopf zum Nachdenken frei.

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