Auf der Suche nach der Sprache

Vor etwa zwei Jahren habe ich vorübergehend das Schreiben von Büchern eingestellt. Es gab dafür mehrere Gründe und der für eine Autorin vielleicht existentiellste ist der: Ich finde keine adäquate Sprache mehr für diese wildverrückte Zeit. Es geht mir wie meinem "ewigen Machwerk", einem Roman, den ich vor vielen Jahren begann, den ich alle paar Jahre komplett umschrieb, der mit mir lebt und nicht ins Leben kommen will. "Fluchten" heißt sein Arbeitstitel und seine Figuren sehnen sich in die Welt zurück. Fast rührend wirkt die erste Version. Da litten sie "an der größten Disruption des Jahrhunderts", dem Einbruch des Internets ins Leben. Und sie fragen sich, ob diese komische neue "Virtualität" so etwas ähnlich harmloses sein wird wie ein Telefon oder sich aufblasen möchte zu einer Parallelwelt. Sie straucheln auf dem schmalen Grat der Übertritte und suchen ihre Welt.



Ich habe lange gebraucht, um zu merken, dass solche Manuskripte nicht dazu da sind, je veröffentlicht zu werden. Sie bilden das Hintergrundrauschen für die eigentlichen künstlerischen Arbeiten. Müssen die notwendige Luft zum Atmen und Wachsen haben, weil man heimlich an ihnen frisst, um die eigenen neue Pfade zu überleben. Sie sind das Wilde, das ungezähmt bleiben muss, weil Kreativität diesen Abstand braucht vom Menschengemachten. Eigentlich ist mein "ewiges Machwerk" das Gleiche wie meine Waldwanderungen oder das freie Herumschmieren auf Leinwand: Ich versuche, zu begreifen. Kunst kann auch ein Weg sein, das Begreifen irgendwie zu versuchen.

Es sind nicht einfach nur die Plots, die Geschichten, die im Spannungsfeld zwischen Fiktion, Realität und Fake unglaublich werden. Es ist mir auch die Sprache abhanden gekommen. Hochkarätige journalistische Beiträge lesen sich plötzlich wie Politthriller. Nackte Nachrichten erzählen von Personen und Taten, die so durchgeknallt erscheinen, dass jeder Hollywood-Produzent abwinken würde: "Das glaubt uns kein Mensch!" Fiktion wird instrumentalisiert, das ergibt dann den Fake und im besten Fall die Literatur für innere Fluchten. Oder auch nur unsägliche, geklonte Massenware. Ich stelle fest, dass ich in diesem Zeiten auch weniger lese. Es berühren mich weniger Bücher. Dagegen scheuen sich Serien nicht vor Genzüberschreitungen, neuen Sichtweisen.

Aber manchmal passiert es dann doch: Ich lese /höre atemlos, bin bis unter die Haut "aufgerissen", zutiefst berührt. Weil da jemand diese Sprache gefunden hat. Weil es jemand schafft, Unaussprechliches, Unsagbares in klare Worte zu fassen. Und ich denke: Ja, so kann man darüber sprechen und es geht tief, es spricht auch danach noch mit mir, zwingt mich zum Nachdenken über unsere Existenz.

Die Frau, die so spricht, hat 2015 den Literaturnobelpreis bekommen. Die weißrussische Schriftstellerin Swetlana Alexandrowna Alexijewitsch wird für ihre "Dokumentarprosa" gerühmt - sie ist passend zur Zeit eben auch Journalistin, nutzt journalistische Formen. Schriftstellerisch macht sie etwas, was derzeit in der bildenden Kunst wieder Erfolge feiert: Sie klebt Collagen. Sie weiß, dass unser Sprechen und Schreiben in dieser Zeit ein splitterhaftes sein muss. Ihr Werk "Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft" ist eigentlich schon wieder uralt, von 1997. ARTE hat den dazugehörigen Film "Das Gebet" des luxemburgischen Filmemachers Pol Cruchten im tiefsten Nachtprogramm versteckt. Der ist so alt noch nicht, von 2015, und er verknüpft die Texte der Schriftstellerin mit sehr starken, traumhaft und doch realistisch wirkenden Bildern. So findet der Film eine neue Sprache für dieses seltsame Kippen in den Menschen, das uns Unbeteiligte äußerlich zwischen Faszination und Grauen angesichts der "Zone" hält. Was kann ein Mensch noch in Worte fassen, wenn er die Welt nicht mehr versteht, ja wenn die Welt, wie er sie kannte, von unsichtbaren Kräften aufgelöst, umgestürzt wurde?

Wir klagen heute über Empathielosigkeit, über Menschen, die manchmal erschreckend Robotern ähneln oder die einzigartig geworden sind in der Kunst des Wegschauens. An so vielen Orten erstarken politische Richtungen, die eigentlich Todeskulte sind, gefeierte Lebensverachtung. Und mittendrin sitzt einer, der eigentlich nie und nimmer auf einem öffentlichen Posten sitzen dürfte angesichts seiner eigenen Verfassung - dieser eine zündelt und droht und bringt die Menschheit mit Tweets - mit kurz auf Tasten gebellten Worten - immer wieder kurz vor den Abgrund, von dem er sich nährt, den er feiert. Da sollen einem nicht die Worte versagen?

Und hat er nicht fast schon so etwas wie radioaktive Strahlkraft, im übertragenen Sinne gesprochen? Die Menschen im Film und im Buch können sie nicht sehen, nicht riechen, manche überhöhen sie als Visionen. Sie verdrängen und reden sich in eine naive Fluchtwelt hinein, sie hoffen das Beste und sehen doch die Monster, die das Ding schuf, mit eigenen Augen. Sie wollen fliehen und stecken gebannt fest, manche kehren zurück - wie Schlachtvieh umarmen sie das Monster. Sind wir so sehr anders als sie?

Das ist die stille Qualität von Film und Buch: Indem wir uns in diese seltsam schwebende Zwischenwelt ziehen lassen, berühren wir unsere eigene Versehrtheit. Das ist nicht nur Tschernobyl! Es ist eigenartig. Da sind wir von mythisch-paradiesischen Großversprechungen auf ein angebliches "Wassermannzeitalter" in eine Welt des positiven Denkens gestürzt, die uns seit vielen Jahren die Flügel verbrennt. Aber Ikarus darf nicht mehr abstürzen. Akribisch basteln wir an unseren Systemen von Perfektion, Erleuchtung und dem Traum vom ewigen Leben ohne Altern. Um uns stirbt es, um uns droht in immer kürzeren Abständen das ganz große Sterben, aber wir haben keine Kraft mehr, das ganz natürliche Sterben im Leben anzuschauen. Es ist ein fatales Gebräu, das wir da zu uns nehmen, denn es könnte uns tatsächlich die Welt kosten. Das wissen wir, wir wissen es ganz genau. Und wagen doch nicht, die nackte Realität anzuschauen. Der Abgrund fasziniert uns zu sehr - oder warum handeln wir nicht längst für das Leben?

Wir leiden unter all dem, ohne pragmatisch und zielstrebig, ja hoffnungsvoll, Lösungen zu suchen. Die Figuren in meinem "ewigen Machwerk", würde ich es wieder umschreiben, hätten sich längst eingenistet in der Virtualität, würden mit Robotern menschlichere Beziehungen pflegen als mit Mitmenschen. Aber sie hätten entdeckt, dass sie auch die Virtualität längst infiziert haben, mit ihrem ganz und gar nicht perfekten Menschsein, ihren Ängsten, ihrem Hass, ihrem verzweifelten kindlichen Greifen nach jeder nur greifbaren Emotion. Handeln wir nicht gemeinsam für diesen Planeten, weil wir uns so verzweifelt wünschen, uns wieder als Menschen fühlen zu können? Ist es das? Was ist uns eigentlich wirklich abhanden gekommen? Unsere Unschuld haben wir doch schon lange verloren?

Natürlich werde ich diesen Roman nie zu Ende schreiben, nie veröffentlichen, weil sich die Sequenzen im Moment des Ausgesprochenwerdens bereits selbst überholt haben. Nichts reicht an diese Realität heran. Die adäquate Sprache: Ist das nicht eher das Nichtgesagte, das Nichtgeschriebene, die Pause, die Leerstelle?

Manchmal dann gibt es diese Texte von anderen, in denen ich ahne und deren Leerstellen ich folgen möchte.

Wenn ich jetzt eine Birke aus Bruchstücken von einem Buch in Schnipseln einer Collage zusammenklebe, ahne ich, dass ich vielleicht nicht zufällig mit einer Kunstform arbeite, die Unmengen von Kleber braucht. Das Bild wächst aus dem Versehrten, aus dem Unvollkommenen. Die Sprache für diese Zeit habe ich noch nicht gefunden, aber ich klebe, klebe, was das Zeug hält, diese Fetzen aus Büchern ...

Und ich wünschte, es gäbe mehr Filme (zu besseren Sendezeiten), mehr Bücher (in Stapeln), die uns so am Gebein kratzen können, die so das Innere des Menschen nach außen kehren können.

Der Film "Das Gebet" ist noch bis 13.05.2018 in der Mediathek von ARTE zu sehen.
Der Titel der deutschen Übersetzung (durch Ingeborg Kolinko) von Swetlana Alexandrowna Alexijewitschs Buch ist: Tschernobyl, eine Chronik der Zukunft - im Link eine Besprechung des DLF.

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