Was für ein Alptraum!

Ich hatte heute einen Alptraum, der mir immer noch in den Knochen sitzt. Ihr kennt das sicher: Man wird mitten in einem Traum aus dem Schlaf gerissen und braucht Minuten, um sich orientieren zu können. Die Welten kleben noch zu nah zusammen, um Realität und Illusion auseinander sortieren zu können. Fast möchte man an Parallelwelten glauben.


Ich fuhr Auto, es war aber nicht das meine, denn ich würde nie einen alten Opel Kadett in Mülleimerorange fahren. Aus den Sitzen quoll die Füllung und auf dem Rücksitz saß mein Hund Bilbo. Es hätte trotz allem ein gemütlicher Traumausflug werden können.

Wenn nicht plötzlich dieser völlig durchgeknallte Typ auf mich zugerannt wäre. Ich bremste scharf, um ihn nicht zu verletzten (dabei hätte ich im Traum echt Gas geben können, schadet ja nichts). Der riss die Tür auf, blaffte was, drohte mir mit irgendwas und befahl mir, ihn fahren zu lassen. Der Typ war echt bedrohlich, schien mir aber auch irgendwie krank und ich war voller Panik (vor allem um meinen Hund) und dann aber auch wütend. Unsäglich wütend, was dieser Typ sich herausnahm ...

Ich weiß nicht wie, aber ich konnte nicht so schnell fliehen und musste beiseite rücken. Ich sah, dass der aufgeblasene Typ körperlich erstaunlich klein war, dachte noch, so würde der mein Auto nie fahren können, der ist ja viel kleiner als ich! Schob ihm die ganze herausquellende Füllung unter und da war eine Decke, aus der Kaktusstacheln wuchsen, die schob ich gleich mit, schön obenauf platziert.

Ich will es kurz machen, Alpträume zu erzählen hat so gar nichts Grusliges und sie sind auch nur für die Träumer interessant. Das, was diesen so schauderhaft für mich machte, war die Tatsache, dass der Typ offenbar auf einem Selbstmordtrip war. Ich verstand, dass er keinen Pfifferling auf Menschenleben gab, auch nicht auf sein eigenes. Als er mir sagte, dass er als kleiner Bub davon geträumt habe, wie es sei, gegen eine Mauer zu fahren, wurde mir eiskalt. Ich begriff, der wollte nur seine Kindheitssehnsucht wahrmachen. Das Schlimmste aber war, dass ich den Typen kannte. Jeder kannte ihn, jeder kennt ihn.

Er war krank, er war einsam, er hatte diese Todessehnsucht in sich und diesen Drang, mit möglichst großem Effekt abzugehen. Er bedrohte mein Leben und das meines Hundes. Und wie er so stoisch auf diesen Kaktusstacheln saß, so lebensklein und machtaufgeblasen, verdorrte in seinem Umfeld alles, was Liebe war, Zuneigung ... die Luft zerknitterte und raschelte trocken und tot. Ich hatte komische Visionen von mittelalterlichen, feuerfarbenen Höllenbildern und Antichristdarstellungen und von Kasperletheater. Aber neben mir saß nur ein kleines Kind in einem Altmännerkörper, das genau wusste, seine Mutter würde sein Geschrei nicht mehr hören - und deshalb brüllte er mich und den Hund an, so wie er überall herumblaffte, mit Worten, mit Tweets, denn jeder kennt ihn.

Was sich da in diesem mülleimerorangefarbenen Auto abspielte, war das kalte Grausen. Weil es einerseits so banal verlief und andererseits alles plötzlich so klar schien: Der wollte endlich an seine eigene Mauer rasen. Der hatte es nicht umsonst so mit Mauern.

Und wie das so ist in amerikanischen Horrorfilmen, musste irgendeine Rettung kommen, ein großer Stunt zum Abschluss. Ich war allein, obwohl ich nach allen Rettungskräften dieser Welt schrie, dass sie mich, uns, die Menschheit retten sollten. Aber ich war allein. Nur mein Hund sprach. Bilbo saß ungerührt auf dem Rücksitz, beobachtete das Ganze und sprach irgendwie auf telepathischem Wege.

"Ihr habt ihn ans Steuer gelassen", sagte er, "aber seid verdammt noch mal nicht so doof, euch von ihm ins Verderben fahren zu lassen." Wenn mein Hund in Träumen Kraftausdrücke benutzt, heißt es, aufmerksam zu sein! "Du kannst nur noch versuchen, auszusteigen. Wir müssen alle zusammen aussteigen und ihn allein lassen."

Das war dann der Stunt zur letzten Rettung: Ich packte meinen Hund unter den Arm, der auf einmal fliegenleicht war, stemmte in voller Fahrt die Tür auf, warf mich heraus und rollte ab. Perfekter Hollywoodabgang ohne Blessuren! In dem Moment wurde ich innig geküsst: Eine echte Hundezunge fuhr mir übers Gesicht, ein vierbeiniges Kerlchen tatzte mich aufdringlich. Mein Hund musste dringend nach draußen und ich hatte verschlafen.

Das war dann irgendwie ein Happyend - wir hatten überlebt, weil wir rechtzeitig ausgestiegen waren. Weil wir den Täter isoliert hatten. Da fuhr er also - ganz mit sich allein und mit seinen Gedanken - niemand würde dabei sein, niemand ihn sehen. Das Gegenteil von Größe. Groß war nur die Mauer.

Nur hockt mir dieser Alptraum immer noch im Gebein, weil ich diesen Typen weiterrasen sehe. Er rast immer noch und ich bin längst wach. Wie wach muss ich noch werden?

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