Psssst, das Mädel lernt!

Kürzlich las ich bei Facebook in einem Kommentar, man könne von Fünfzigjährigen nicht mehr erwarten, dass sie noch grundlegend Neues erlernen wollten. Nun bin ich zum Glück um einiges älter und kann entsprechend altersentspannt auf solchen Unsinn pfeifen. Unsere Jahrgänge haben ja ohnehin eine ziemlich hohe Lebenserwartung und da wäre es doch ziemlich langweilig, bereits Jahrzehnte vor dem Exitus damit aufzuhören, Neues denken zu wollen! Es soll bekanntlich auch gegen Alzheimer gut sein, die graue Schwabbelmasse im Kopf nicht zu unterfordern. Auch wenn es jenem FB-Kommentator fremd sein mag: Man lernt mit 50+ recht leicht, wenn man es denn will und wenn man nie aufgehört hat, neugierig zu sein. Wenn es Spaß macht, lernt man sogar noch leichter, weil man gelernt hat zu lernen und die Fehler der Jugend nicht wiederholen muss. (Man wiederholt allerdings manchmal Wörter allzu oft, tztztz ...).

Collagenausschnitt. Material: altes Buch, Nix, zerrissener Gelatineprint, feines Zellstoffpapier, entfremdetes Stempelkissen

Ich habe erst im vergangenen Jahr "so Zeugs" an "so Datenbanken" gelernt, von dem ich vorher nie vermutet hätte, dass es mir Spaß machen könnte. Irgendwann fragte ich nur neugierig, wie man das eigentlich nenne, was ich da arbeite: Content Management System. Die Programmierer sitzen irgendwo in Deutschland, die Redaktion auch, aber woanders - und eingelernt wurde ich per TeamViewer, jenem praktischen Programm, wo einem jemand von weitem sozusagen das Händchen führt, also mit Fernzugriff auf Maus und Tastatur zeigt, wie es geht. Plus ein paar geschriebene Anleitungen, neugieriges Fragen und mutiges Herumprobieren - et voilà.

Lernen empfinde ich als bereichernd und berauschend. Und seit ich das, außerhalb von Institutionen und festen Kursen, in meiner eigenen Geschwindigkeit kann (manchmal in rasendem, manchmal in gesetzerem Tempo), bin ich hungrig nach mehr, viel mehr! Deshalb habe ich beschlossen, mich auch im Atelier auf den Hosenboden zu setzen. Mein Papierschmuck ist das eine, aber da sind noch so viele Möglichkeiten. Bei meinen Kunstschachteln ist das eher ein fröhliches Experimentieren und Suchen, wenn ich etwa endlich den ultimativen Leim finden muss, der Glas auf Holz klebt. Der Rest ist Spiel und man kann sich die ersten Ergebnisse jetzt auf meiner Website anschauen.

Richtig auf den Hosenboden setze ich mich jetzt jedoch in Sachen Art Books / Art Journaling, was mich als "Buchmacherin" ganz besonders fasziniert. Da gibt es so viele Materialien und Techniken (wie Überflüssiges) - man ertrinkt bei Youtube schier in Tutorials und muss aufpassen, durch den Dschungel an Produktwerbung hindurchzufinden zum Inhaltsreichen. Ich experimentiere wild. Aber ich habe auch einen Vorsatz: Eine Technik pro Woche. Soweit es die Zeit zwischen Ateliersarbeit und Nebenjob überhaupt zulässt, teste ich eine Technik mindestens. Schon um herauszufinden, was "mein Ding" ist und was mich tödlich langweilt. Vorteil eines gewissen Alters: Das langweilige Zeug kann man getrost anderen überlassen. Die können das nämlich, wenn es ihnen Spaß macht, sehr viel besser!




Modernes Doodeln funktioniert auch ohne die Drogen der 1960er. Einfach wild ein Krikelkrakel aufs Papier werfen (das Gesicht), sich wie beim Wolkengucken von den Formen inspirieren lassen und möglichst nichts denken.
Schlechtes Fernsehprogramm hat mir also den ersten Versuch in sogenannter Doodle Art ermöglicht, außerdem wollte ich neue Marker ausprobieren. Heute braucht's ja meist dolle, meist englische Begriffe und das Ganze wird Trend. Als ich ein Kind war, taten das Erwachsene unter Drogen und nannten die professionellen Ergebnisse Pop Art, sie lernten vom "automatischen Schreiben" und "automatischen Malen", das bereits die Surrealisten zur Mode gemacht hatten. Kommt alles wieder und so habe ich mich an die seltsamen Viecher und Gebilde erinnert, die ich manchmal aus Langeweile in der Schule vor mich hinkritzelte. Sehr entspannend übrigens und man kann dabei sogar einen miesen "Tatort" im Fernsehen übersehen.

Keine Rücksicht auf Verluste: die eigene Monotypie zerreissen, mit Zellstoffpapier überkleben und mit den Kanten eines Stempelkissens traktieren ...
Nächste Lektion: Collage aus Mixed Media. Hieß in meiner Kinderzeit "Zusammenbeppen mit Zeugs". Heute erzählen sie dir, welche dollen Leime und Dinge du dringend kaufen musst, bevor du überhaupt anfangen kannst - alles Kappes. Der von Amerikanerinnen zu einer eigenen Wortschöpfung hochgelobte Leim ist übrigens der schlimmste Fehlkauf des letzten Jahres gewesen: Ich "modpodge" garantiert nie mehr, denn das Zeug stinkt bestialisch, kann vieles nicht, vergilbt erstaunlich schnell und klebt im Sommer lustig bereits trockene Seiten zusammen. Ein weißer Schulleim tut es völlig, zum Anfangen reichen alte Zeitungen, Zeitschriften und Müll.

Stempeln kann man sogar mit dem Stempelkissen selbst und dessen Kanten, aber auch eingetrocknete Gemüsereste eignen sich hervorragend: Lauch macht schöne Ringmuster, Kohlstrünke drucken Rosen. Das ist es, was mich an Mixed Media fasziniert: Mit ein wenig Fantasie finde ich Werkzeuge und Zubehör in der Natur, in der Küche. So trifft man mich plötzlich auch mal in Billigstläden oder im Baumarkt, wo ich nichts anderes im Sinn habe, als Dinge zu entfremden im Namen der "Kunst". So eignet sich das Band, mit dem man Übergänge zwischen Gipsplatten abklebt, wunderbar als Schablone für Farben oder Strukturpasten. Mullbinden kann man einfärben und direkt verwenden, man kann sie bei Monotypien für Strukturen einsetzen (genauso wie Umhüllungen von Meisenknödeln oder Orangensäckchen), sie knüllen und damit stempeln oder wischen. Ich kaufe dann auch schon mal ein absolut kitschiges, komisches Metall"tablett", weil es ungeheuer schmal und sehr lang ist, sehr gewölbte filigrane Kanten hat und nach einer Landschaft aussieht, durch die ich ein altes Spielzeugauto fahren lassen werde. Fehlt noch die Fantasielandschaft und ein Aufhänger, fertig ist die Assemblage Box.

Auf den Fotos sieht man übrigens immer das gleiche Bild in anderen Ausschnitten. Hier haben sich außerdem ein Stück Landkarte und Schnipsel aus einer Zeitschrift eingeschlichen.

Hört man heraus, dass ich elend beschäftigt sein werde?
Darum werde ich auch bei FB zurückfahren und mich weniger an hitzigen Debatten beteiligen, die Zeit fressen. Man findet mich garantiert bei Pinterest, denn dort sammle ich Inspirationsstoff und Lernzeug. Bei Instagram war ich sehr ruhig, aber das will ich wieder aufleben lassen - so ein Foto postet sich schnell. Und auf Twitter habe ich derzeit keine Lust, seit die Timeline nicht mehr nach Uhrzeit, sondern Algorithmen geht. Bloggen läuft immer. Vielleicht blogge ich auch ab und zu mal kurze Tipps aus der Bastelküche, weiß ich noch nicht. Machen ja genügend andere.

Und schließlich ruft die Gartenarbeit früher als sonst. Und das CMS ruft jetzt, ich bin dann also mal "auf Arbeit", die Kunst finanzieren!

Kommentare:

  1. Viel Vergnügen und viel Erfolg mit den neuen Techniken! Die angedachten "Tipps aus der Bastelküche" würde ich sehr schön finden, denn was du da ausprobierst, klingt spannend. Ich bin sehr neugierig, was noch daraus wird.

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    1. Ja, wenn ich mindestens eine Leserin habe, warum nicht! So eine eingetrocknete Lauchstange beim Stempeln ist ja schnell fotografiert und meist selbsterklärend.

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