Die Töne der Welt

Es windet eisig ums Haus, die Fenster sind fest verschlossen, sämtliche Ritzen an Türen besser gestopft. Trotzdem höre ich in meinem Büro die typischen morgendlichen Töne. Gestern waren es Kettensägen im nahen Wald und Kinderlachen zwei Häuser weiter, die Hunde bellen sich die Nachrichten entlang der Landstraße zu. Und dann ist es Zeit für die Lieferungen.

Das Tröten am Morgen ... Foto (c) by PvC

Früher, als ich hierher zog, schob der Briefträger sein Fahrrad den Berg hoch, manchmal durch Morast oder notgedrungen auf der Straße, denn Gehwege gab es noch nicht. Fahren musste er vom Städtchen ins Dorf, denn dort lag die Postverteilerstelle. Der Briefträger war Bretone, ein ehemaliger Lehrer, und es war schön, sein keltisch gefärbtes Französisch zu hören, ein Schwätzchen zu halten. Wenn man ihn nicht verpasste - die Fahrradklingel hätte einen kaum erreicht, eine Haustürklingel gab es auch noch nicht. Man klopfte noch mit einem alten Metallring an der Haustür.

Inzwischen ist alles irgendwie lauter und schneller geworden, die Postlerinnen und Postler müssen dafür nicht mehr mit Muskelkraft über die Hügel und Landstraßen kurbeln. Aber diese Töne der Welt, die für einen kurzen Moment in der meinen halten, sind geblieben.

Da ist als erstes jenes durchdringende laute Hupen, das in Entenhausen wahrscheinlich "tröööööööt, trööööööt, tröööööööt" geschrieben würde. Das ist der freundliche Mann von der Post, der bei einer alten Frau vorbeifährt, sie begrüßt, ein wenig redet. So, wie das der Briefträger früher mit dem Fahrrad immer getan hat. Heute können sich Angehörige diesen Dienst mieten, im Postabonnement, um sich zu vergewissern, ob die fern lebende alte Mutter noch lebt und ob sie etwas braucht. Dieser Postler ruft auch mal den Arzt oder die Krankenschwester oder irgendeine Betreuung. Man kann die Uhr stellen nach seiner Tröte. Und irgendwie klingt sie tröstlich: Solange er jeden Morgen so markerschütternd hupt, lebt jene alte Dame noch, lebt sie noch in ihrem eigenen Haus, selbstständig.

Später kommt die Zeit der größeren Lieferwagen. UPS rauscht heran, brummt, liefert stumm und geschwind, dreht den Motor hoch, rauscht wieder davon. Diese stillen braunen Dinger kommen selten. Aber dann ist es wieder Zeit für Amazon und all die Klamottenpäckchen und was man sonst im Internet bestellt und was nicht über die Post läuft. In der Nachbarschaft bekommen sie fast jeden zweiten Tag solche Päckchen. Als der Lieferant wechselte, bin ich fast vom Stuhl gefallen, selbst dem Hund fiel die Kinnlade herunter! Durchs geschlossene Fenster plötzlich Jahrmarkt! Ein ganzer orientalischer Bazar, es dudelt, dass dem jungen Mann im Auto eigentlich längst die Ohren abgefallen sein müssten. Wenn ich die Augen schließe, sehe ich alte Vans auf sandigen Pisten zuckeln, ab und zu äugen Kamele gleichgültig auf den musikalischen Wagen. Ich sehe ihn durch verwinkelte, hügelige Gassen tuckern und meine, dass der eisige Wind nach Weihrauch duften müsse. Jedenfalls rieche ich durchs geschlossene Fenster Weihrauch und Zimt und andere Gewürze.

Tatsächlich ist der junge Mann von weit her mit der großen Flüchtlingswelle gekommen und er lacht und lächelt und ist stolz, diesen Wagen fahren zu dürfen. Er freut sich, dass er in einen Landstrich Frankreichs geraten ist, wo auch nicht alle Einheimischen Französisch beherrschen, das macht ihn mutiger, die neuen Wörter auszuprobieren. Bilbo ist mittlerweile so fasziniert von der Rappelkiste, dass er ihn am Hoftor begrüßt. Denn wenn der Lieferant seine Autotür öffnet, quillt in der Tat Rauch heraus, jede Menge Rauch ... Der Hund reckt dann neugierig die Nase in die Luft; aber nein, es ist kein Weihrauch, den kann man ja nicht rauchen.

Fast schon langweilig, wenn es später nur mal kurz "quäääääk" macht. Oder auch nichts. Das ist dann die "echte" Post, die mit dem gelben Auto. Der motorisierte Briefträger, der Briefe und Päckchen sortiert, steht eher auf Schnulzen und nicht so laut wie im fahrenden Bazar. Aber die beiden haben etwas gemeinsam - wenn sich die Autotür öffnet, steigt Rauch auf, viel Rauch. Bei der Papstwahl könnten sie den gebrauchen. Manchmal stelle ich mir vor, der Mann müsse schon so haltbar geräuchert sein, dass ihm dieser eisige Wind heute unmöglich etwas anhaben kann. Ich sitze im kuschlig Warmen bei der Arbeit und es würde mir etwas fehlen ohne das Tröten und Tschingdarassa und Quäk.

1 Kommentar:

  1. Papstwahl im Postauto! Das ist doch mal ein guter Plan für das nächste Konklave. Aber Spaß beiseite: Deine poetischen Schilderungen sind wie immer sehr, sehr schön, und gerade die anrührenden Details, die sich mit manchen vielleicht gar nicht einmal aus sich heraus schönen Tönen verbinden, machen deine kleine Symphonie hier so lesenswert und tröstlich. Danke dafür!

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