Trüffel, Sterne, Drogen und die ganze Merde

Aufgrund der Ereignisse in Frankreich musste ich mich erst sortieren. Mit der Wuchtbrumme Houellebecq (ich bin noch mittendrin im Buch) doppelt. Und nach der Euphorie jenes Sonntagsmarsches, der wirkte wie "I have a dream", ist ein grauer Alltag eingekehrt mit Polizisten in kugelsicheren Westen an der Grenze und einem dreistelligen Millionenetat für Sicherheitskräfte und Geheimdienst. Die Hoffnungsvollen vom Sonntag möchten mit dem Kopf gegen die Wand schlagen - ein Staat, der sich die drohende Pleite regelmäßig schön rechnet, dessen Sozialsystem irgendwann implodiert, macht mal schnell über 400 Millionen Euro locker für mehr Überwachung. Derweil reise ich im Kopf mit Houellebecqs Protagonisten ins Quercy, in jenen abgelegenen Landstrich, in dem auch mein völlig anderer Roman "Lavendelblues" spielt ... und bekomme Angst: Sein bedrohliches Quercy liegt plötzlich sehr viel näher im Bereich des Möglichen als das meine.

Wer Zen sucht, backt Baguette in fünf Tagen.
Eine befreundete Geschäftsfrau formulierte das heute so: "Ich weiß nicht, was in Frankreich kaputt ist. Aber 2014 war auch bei meinen Kunden das schlimmste Jahr. Du glaubst gar nicht, was für Schicksale ich mir im Büro anhören musste. So viele Menschen, die an den Rand der Verzweiflung getrieben wurden oder sich sogar das Leben nehmen wollten, weil nirgends mehr etwas funktioniert!" Die Geschichten von Behördengängen, wo man nur noch auf Ignoranz, Unwissenheit und Abscheu der "Fonctionnaires" trifft, kamen mir bekannt vor. Mir haben Menschen, die an verantwortlichen Stellen arbeiten, offen gestanden, dass Schikanen "von oben" erwünscht seien. Geld, das der Staat nicht gleich zahlen müsse, weil der Bürger die falschen Formulare habe oder seine Rechte nicht kenne, ist Geld, mit dem man ein paar Monate arbeiten kann. Oder es eben in die Geheimdienste investieren. Dann fragte sie mich: "Sag mal, standen 2014 vielleicht die Sterne irgendwie schlecht?" Und ich konnte nur antworten, dass ich mich eher fragte, welche falsche Droge man weltweit ins Trinkwasser schütte. Es gibt ja Wissenschaftler, die den Weltuntergang ausrechnen.

Keine Verschwörungstheoretiker: Wissenschaftler und Fachautoren des Bulletin of Atomic Scientists rechnen ganz ordentlich die Zustände auf der Welt und die Atomwaffen und Atombedrohung hoch. Die Doomsday Clock oder Atomkriegsuhr zeigt dann anschaulich, wie viel Zeit wir noch haben, bis die Uhr Zwölf schlägt. So mies wie 2015 sah es schon lange nicht mehr aus - 1984, 1953, 1949 standen wir ähnlich kurz vor der Katastrophe. Drei Minuten vor Zwölf.

Wir versinken im eigenen Dreck. Irgendwie sind so viele externe Probleme hausgemacht und wir basteln weiter, als würde uns schon nichts geschehen. An manchen Tagen ist der Overflow der Informationen und der menschliche Dreck in Kommentarspalten nicht mehr zu ertragen, da hilft oft nur noch der Rückzug, das eigenen Erden ... oder auch mal der wilde Tanz auf dem Vulkan. Immerhin habe ich nun ein Baguetterezept aus den Vogesen gefunden, für das man fünf Tage braucht. So viel Zen und Bergwanderungen mit dem Hund müssen einfach erden.

Wer mich kennt, der ahnt, dass ich nicht der Typ bin, wie in Houellebecqs "Unterwerfung" tatenlos am Herd zu stehen. Ich finde, es wird Zeit, die ganz anderen Geschichten zu erzählen, die immer zu kurz kommen: Wie in einer Welt des Umbruchs mit all ihren schmerzvollen Entwicklungen auch Visionen für eine menschlichere Zukunft entwickelt werden. Wie Menschen weltweit längst damit experimentieren, was man anders machen könnte. Texte über eine denkbare Zukunft müssen keine Verdrängungsmechanismen beinhalten. Sie sind durchaus wichtig, damit nicht noch die letzten Unentschlossenen umkippen nach ultrarechts oder populistisch. Ich lese derzeit so viele Trüffel im Netz, meist im englischsprachigen - Trüffel, die einfach zu kurz kommen. Meine Interessen, über die ich gern bloggen würde, haben sich erweitert.

Und da sind wir bei des Pudels Kern: Schon lange überlege ich, wie ich die sehr unterschiedlichen Blogs unter einen Hut bekomme. Und habe mich entschlossen, doch alles zusammen in einem einzigen neuen Blog unter Wordpress zusammenzufassen. Das Ganze zu professionalisieren in Richtung "Zeitschrift". Dann lassen sich auch Kommentare unterschiedlicher Medien einbinden. Im Moment erarbeite ich mir ein tragfähiges Konzept dafür, bis dahin laufen die Blogs hier weiter. Kreativphase. Ich bin gespannt ...

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In diesem Blog ist kein Platz für diesen Dreck. Ich lese das auch nicht, sondern lasse automatisch löschen.

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