Einkaufen gehen

Ich habe es zu oft verschoben, jetzt hilft alles nichts - die Wocheneinkäufe sind fällig. Ich fahre in die Stadt mit meiner Liste, vielleicht kann ich dort einen Abstecher zum Wochenmarkt machen. Und dann würde ich die Fahrt am liebsten gleich wieder verschieben. Eine Stunde zuvor hat ein weiterer Terrorist bei Paris mehrere Geiseln in einem jüdischen Supermarkt genommen. Beide Geiselnahmen hängen zusammen, sämtliche Terroristen haben den gleichen dschihadistischen Hintergrund, kommen von einem selbsternannten Prediger, der schon mehrere Jahre im Gefängnis saß wegen seiner Umtriebe. Es gleichen sich die Kriegswaffen, die militärische Ausbildung, die eiskalte, fast entmenschlichte Brutalität. Einkaufen ...?

In einer muslimischen Firma an der Route arbeiten sie noch, bereiten sich aber auf das Freitagsgebet vor. Heute werden die Imame in ganz Frankreich der Opfer gedenken und die Gräueltat noch einmal verdammen - so wie es sämtliche Muslimverbände und leitenden Persönlichkeiten schon öffentlich getan haben. Sie werden heute abend die Muslime dazu aufrufen, am Sonntag bei den Märschen mitzugehen: für Freiheit und für die Republik. Denn das sagen sie immer wieder: Solche Taten sind Gotteslästerung, stehen gegen den Islam und ziehen eine Religion in den Dreck. Wer solchen Terror begeht, der will nicht nur das friedliche Miteinander von Religionen und Kulturen zerstören, der tritt auch den Islam in den Dreck. Und ähnelt dabei so erschreckend den Rechtsradikalen und Rechtspopulisten.

Leere auf dem Parkplatz der jüdischen Fabrik, als ich vorbeifahre - hier ist mittags Schluss wegen des Schabbat. Der überfallene Supermarkt bei Paris war voll - für den Schabbat haben die Leute die letzten Einkäufe getätigt.

Einkaufen gehen ... mir kommt diese notwendige und alltägliche Handlung auf einmal völlig pervers vor. Wie kann ich einfach so in einen Supermarkt marschieren, wo andere gerade in einem solchen Todesangst ausstehen? Nach Markt und Schwätzchen ist mir schon einmal gar nicht - und beim Passieren des Marktplatzes sehe ich, dass ich nicht die einzige bin, die so denkt. Gähnende Leere zwischen den Ständen. Die Menschen auf den Straßen halten die Köpfe in Schals geduckt, ziehen die Mützen ins Gesicht. Es ist nicht allein der Sturm. Sie hetzen, schauen zu Boden, mit betretenen und traurigen Mienen.

Mütter holen ihre Kinder von der Schule ab. Ich lebe in friedlicher Idylle. Der Schulbus fährt von der Stadt aus durch den Naturpark, in den Dörfern gackern Hühner und Enten. Und doch sind selbst die Kleinsten hier, am anderen Ende Frankreichs, aus der Idylle gerissen. Sie haben Fragen und die Größeren verstehen die Welt nicht mehr. Warum tun Menschen anderen Menschen das an? Kann ein Gott so etwas wollen? Ist Gott so böse wie die "Gotteskämpfer"? Wie gehen wir mit Hass um?

Sie zeichnen heute in ganz Frankreich, zeichnen Kinderbildchen in der Maternelle, auf denen keine Prinzessinnen mehr zu sehen sind, sondern Menschen mit Stiften und Böse mit Gewehren. Karikaturen zeichnen die Älteren, in Gedenken und in Solidarität mit den ermordeten Künstlern, die ihren Eltern und Großeltern ein Stück Frankreich waren, ein Stück Kultur ihres Lebens. Die Schulen werden mit den Zeichnungen geschmückt und spontan gab es gestern Märsche von Schülern durch die Stadt, wo sie ihre Bilder hochhoben. Ein paar hundert Kilometer weiter haben Spezialeinheiten gerade eine Maternelle und eine Schule evakuiert - sie lagen nur 200 Meter vom Supermarkt entfernt. Eine Lehrerin erzählt im Radio, wie man das bei den ganz Kleinen macht, damit sie nicht traumatisiert werden: "Wir haben Schulschluss gespielt. Die Panik hatten nur die Eltern."

Ich stehe im Abholstau an der Schule - friedlich und frei können sich die Kinder hier bewegen. Und trotzdem wird es Spuren hinterlassen. Einkaufen fahren ... nein, da ist keine Angst. Wir hatten sie schon einmal, die Panik, an Tankstellen, in Läden. Als in Frankreich die Vorstädte brannten und man trotz besseren Wissens bei jedem Jugendlichen zusammenzuckte, der einen Kanister mit Benzin füllte anstatt einen Autotank. Bis auch das verboten war, aus Sicherheitsgründen.

Angst ist es nicht, als ich den Einkaufswagen losmache und mit anderen Leuten zum Eingang laufe, nur dieses seltsame Gefühl, am falschen Ort im falschen Film zu sein. Es klingt komisch, aber es fühlt sich an wie eine kleine Perversion. In einem Supermarkt in diesem Land die Todesangst - und wir denken zur gleichen Zeit ans Sonderangebot fürs Wochenende, darf das sein? Anderen scheint es ähnlich zu gehen. Ich blicke zufällig einer alten Frau in die Augen und lese darin, dass sie die Welt nicht mehr versteht. Dabei hat sie einen Krieg hinter sich und den Algerienkrieg dazu. Viele, die man vom Sehen kennt und sonst grüßt, schauen sofort zu Boden oder in die Ferne ... mir geht es ähnlich. Ein kurzes Nicken nur, flüchtig ... wir müssen es uns nicht laut sagen: Wir haben keine Worte mehr. Müssten wir jetzt miteinandern sprechen, wie Worte finden für diesen Horror? Die letzten haben wir gestern in stundenlangen Gesprächen verbraucht, mit der Familie, mit Freunden. Waren morgens gerädert aufgewacht und hatten gehofft, alles sei nur ein böser Traum. Einmal noch umdrehen, die Augen aufschlagen und die Welt wäre wieder die alte. Und nach dem Frühstück eine neue Eskalation.

Gespenstisch ist die Atmosphäre im Laden. Als würden Geister huschen. Wir beeilen uns alle, holen die Ware, hetzen zur Kasse. Hinter uns, neben uns scheinen wie Gespenster jene Menschen zu stehen, die seit einer Stunde das schlimmste Trauma ihres Lebens durchmachen, in einem Supermarkt. Es hat Tote gegeben, heißt es. Selbst die Familien an der Fleischtheke schweigen sich gegenseitig an. Der Metzger bleibt knapp und hat nur Worte fürs Fleisch, fürs Bedienen ... sonst kokettiert und schwatzt er fürs Leben gern. Einkaufen gehen ... das haben die jüdischen Mitbürger vor einer Stunde auch wollen, sich auf den Schabbat freuen ...

Schweigen und Hetzen und gesenkte Blicke, Trauermienen auch an der Kasse. Kein Schwätzchen heute. Stille. Höflichkeit. Und als die Kassiererin mir einen guten Tag wünscht und ich im alten Reflex auch ihr, da stehe ich neben mir und frage mich, was wir beide eigentlich damit meinen. Ihr geht es wohl ähnlich, sie lächelt schief. Alles andere als schön ist dieser Tag, scheint ihr Blick zu sagen, aber wir müssen doch zivilisiert bleiben! Wir dürfen uns doch unsere Zivilisation und unser Miteinander nicht kaputt machen lassen.

Dieser Text ist Bestandteil einer losen Folge von Texten, mit denen ich mir einfach spontan einiges von der Seele schreiben muss. Über Grenzsituationen ähnlicher Art habe ich einen Band literarischer "Etüden" verfasst: Blaue Fluchten.

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