Futurologischer Kongress für Literatur

War das eine Nacht! Zuerst bin ich dem völligen Fehlen begegnet, sozusagen dem Tod in der Musik, und dann war da dieser General ... Aber erzählen wir von Anfang an. Als Synästhesistin habe ich bei Konzerten für mein Eintrittsgeld bekanntlich etwas mehr Vergnügen als bloße Hörer und Zuschauer, ich bekomme sozusagen den "LSD-Trip" frei Haus. Musik sehen, fühlen, riechen - kein Problem. Sofern die Musik etwas taugt. Denn eigenartigerweise ballert ein Gustav Mahler auf allen Ebenen intensivst Sinneseindrücke auf mich, während die Konservenmusik im Supermarkt ausschaut wie die Farbwüste eines fernen Planeten, eindimensional dazu.

Und dann gestern die Uraufführung zweier Kompositionen des jungen russischen Komponisten und Pianisten Nikita Mndoyants. Der Mann komponiert synästhetische Feuerwerke! Bei "Whistling a Tune" von 2010 ist es dann passiert: Da waren ein, zwei Takte, in denen der Tod in die Musik geriet. Literaturfreunde kennen das Phänomen: Es gibt Bücher, die sich vor Untiefen nicht scheuen und die den Lesern einen ganz tiefen, wahren Einblick in Liebe und Tod gleichermaßen geben können. Damit meine ich jetzt nicht die Wegleseware, nicht die Fluchten, in denen das Sterben zum Kitsch verkommt. Ich meine diese Bücher, die einen am Gebein packen und lange nicht mehr loslassen; die einen womöglich verändern.

Solch ein Musikstück war das. Musik kann das manchmal auch. Zuerst habe ich gar nicht begriffen, was ich fühlte. Ein, zwei Takte lang war ein Schalter umgelegt. Es gab keine Farben mehr, keine Gerüche mehr, nichts mehr. Nur eine Harmoniefolge, die sich gegenseitig zur absoluten Stille aufhob, zu einer Fehlstelle. Der Atem von "Whistling a Tune" setzte kurz aus - um sich dann wieder freizubrechen. Live war das besonders intensiv zu erleben - denn nicht nur ich hielt den Atem an. Der Applaus war wie eine Erlösung.

Synästhesie ist etwas ungeheuer Praktisches. Wenn ich nämlich - meist durch Kunst aller Arten - so ein richtiges Bombardement der Sinnesverschmelzungen erleben durfte, öffnen sich bei mir irgendwelche kreativen Pforten und ich werde von Ideen überschwemmt. Weil ein braver Mensch, der am nächsten Tag früh arbeiten muss, aber nächtens schläft, und weil ich auch richtig müde war, deckte ich meine Pforten mit der Bettdecke zu und mahnte sie, sich zu gedulden, bis ich ausgeschlafen hatte.

Da kam ein russischer General, der eine erstaunliche Ähnlichkeit mit einem der Geiger des Abends hatte, auf mich zu und knipste mir meine Eintrittskarte für den Futurologischen Kongress der Literatur ab. Die Russen hatten das System der Nationen abgeschafft und Literatur als identitätsstiftend erklärt, so dass ich mir erst meinen literarischen Pass abholen musste. So landete ich auf einer Insel, auf der ein "Adelskongress" von schrillsten und skurrilen Typen in einer Umgebung tagte, die wie in der ersten Verfilmung von "The Prisoner" wirkte. Das hatte ich nun von meinem Namen! Ein Balletttänzer, der einen goldenen Schal zu schneeweißer Toga trug, ermahnte mich mit affektierter Stimme, ich solle mich nicht durch die falsche Literatur manipulieren lassen und mir unbedingt einen der neuen beweglichen Avatare kaufen. Das waren biegsame Masken, auf die wie bei einem Bildschirm mein jeweiliges Autoren-Ich aufprojiziert werden konnte - vollkommen vernetzt mit den Social-Chips, die sich Fans unterschiedlicher Buch-Plattformen freiwillig implantieren ließen. Ein paar Feuilletonisten kamen in Maske und schauten irgendeiner Adelstussi zu, die als interaktiv quatschendes und werkelndes Kochbuch in Küchen gebeamt wurde und selbstständig den Einkaufszettel im Kühlschrank umprogrammierte.

Keine Frage, ich wollte da raus, schnellstmöglich von der Insel runter und zu dem freundlichen General zurück. Auf der Flucht sah ich, wie die Russen beim Futurologischen Kongress der Literatur ein geniales Feuerwerk nebst Lasershow abfackelten. Der komplette Bauplan der Titanic in 3 D erschien am Himmel und ich war endlich wieder auf dem Futurologischen Kongress der Literatur.

Der General erklärte mir, dass ich meinen Pass nun wegwerfen könne, denn Menschen würden sich nur noch um ihre Lieblingsliteratur gruppieren und sich von dieser regieren lassen. Dabei ließ die Literatur keine Wünsche mehr offen, denn die Autoren reagierten sofort auf Publikumswünsche und schrieben in Echtzeit in den Hirnchip hinein. Szenen wurden von Lesern weggeklickt, Protagonisten wie früher Anziehpuppen vom Publikum umgestaltet, Happy-Ends verstärkt. "Wir haben heute die totale Demokratie!", beeilte sich der General zu sagen. Ein Cyborg-Schriftsteller gab zu bedenken, dass die Filterfunktion der beweglichen Adelsavatare noch nicht mächtig genug sei. Immer noch gäbe es Bruchstellen bei der Verquickung von Games, Film und Buch, so dass eine perfekte Konditionierung im Sinne des Geldbörsenvereins noch nicht fehlerfrei zu erreichen sei.

Der Geldbörsenverein hatte eine Kette von Vergnügungszentren geschaffen, in denen man sich rund um die Uhr mit multimedial-multiformaler Literatur berieseln lassen konnte. Das war ihm gelungen, weil in der Vergangenheit die Regierungen der Welt das neue Konzept als Bildungstempel subventioniert hatten. Es herrschten daraufhin bald die totale Demokratie, die totale Literatur, das totale Prinzip der Wunscherfüllung. Literatur war immer schneller geworden, immer einfacher, immer zugänglicher - sie hatte den Globus überschwemmt. Die Müll-Bots, die nichts anderes zu tun hatten, als die überschwappende Literaturflut aufzusaugen und in feste Nahrungsmittel umzupressen, gingen nicht umsonst auf dem Futurologischen Kongress der Literatur auf die Barrikaden. Sie verlangten, dass der Geldbörsenverein endlich aufhörte, mit Nahrungsmitteln zu spekulieren.

Da nahm mich der freundliche General beiseite. "Sie wollen sicher zu den Leuten vom Samisdat", sagte er. Samisdat? War das nicht vor meiner Zeit?
"Aber es gibt doch gar keine Zensur mehr, keine Verbote?", fragte ich.
Der General lachte ein tiefes, aus dem Bauch röhrendes Lachen. "Was brauchen wir noch Zensur, meine Liebe! Das Zauberwort heißt Überflutung! Liefert den Menschen alles, was sie sich in einem Buch wünschen und liefert ihnen noch mehr dazu! Überfütterung! Brei, nichts als Brei, kennen sie noch das uralte Märchen vom süßen Brei? Damals, als Sie jung waren, haben die mit der totalen Demokratie es doch schon geschafft gehabt, Bücher unsichtbar zu machen, ohne sie zu verbieten. Gebt den Leuten eine Top Ten und sie lesen die Nummer 101 nicht mehr! Gebt ihnen eine zweite Top Ten, und sie fangen an, über eine dritte zu diskutieren, ohne überhaupt eins der Bücher zu lesen! Schließt sie an den Social Chip an und sie pfeifen alle auf der gleichen Wellenlänge, pfeifen ein lustiges Liedchen und nie wieder wird Stille sein. Zensur ist heute die Abwesenheit von Stille."
"Und der Samisdat?"

Der General nahm mich an der Hand, führte mit der anderen seinen Zeigefinger an die Lippen und ermahnte mich, über alles, was ich jetzt in den geheimen Räumen sehen würde, zu schweigen. "Das ist unsere einzige Chance gegen die totale Literatur. Schweigen. Fehlstellen."

In einem der Räume saßen vermummte Schriftsteller und schrieben eigenartige Texte. Einige von ihnen arbeiteten an Romanen ohne detaillierte Figurenbeschreibung. Lektoren radierten Haarfarben aus, Beschreibungen von Kleidung, von Gesichtern - und mahnten an, wenn ein Roman sich zu sehr den Baukastensystemen annäherte. Andere Autoren verlangsamten ihre Texte auf eine anarchistische Weise. Man konnte sie nur verstehen, wenn man sich auf den Atem jener Texte einließ, wenn man die Wörter einzeln kaute, schmeckte und auf der Zunge zergehen ließ. Dazu war es nötig, das Dauerrauschen des Hirnchips abzustellen. Solche Texte wurden vor jeder Literaturplattform geheim gehalten. Nicht auszudenken, wenn öffentlich würde, dass hier Literatur geschaffen wurde mit Fehlstellen! Literatur, die nicht sofort jedes Bedürfnis von Kunden befriedigte!

"Sehen Sie jetzt, wie gefährlich unsere Arbeit hier ist?", fragte mich der General. "Was Sie hier lesen können, sind unverfälschte Geschichten aus echten und individuellen Menschenköpfen, keine beweglichen Echtzeitfassungen mehr. Was wir hier machen, ist brandgefährlich: Wir schaffen Pausen. Wir schreiben Leerstellen. Wenn sie nach dem Kongress wieder gehen, entscheiden Sie sich. Die projizierbare Avatarmaske ist der neueste Schrei und wirklich billig. Das, was wir hier machen, kommt Sie womöglich teuer zu stehen. Das Buch haben wir längst überwunden, jetzt arbeiten wir gegen die totale Literatur."

Und was macht die Autorin, als sie nach diesem Satz aufgewacht ist? Sie befindet sich in einer recht seltsamen Stimmung, denn all die Menschen und Wesen dieses Traums sind so klar und deutlich und lebensecht, als sei es gar kein Traum gewesen. Der General hat mir noch eine Menge anderer Dinge gezeigt. Für mein Essay über die Zukunft des Buchs muss ich jetzt nur noch schnell genug mittippen können. Und dazu mache ich Pause von den lachhaften Anfängen des Hirnchips, den technisch noch ach so primitiven Social Media.

Ich danke Stanislaw Lem, dass er es geschafft hat, sich auch noch an meinem Traum zu schaffen zu machen.
(c) by Petra van Cronenburg, alle Rechte vorbehalten

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