Fertig vom Einkaufen

Der Psychostress beim Einkaufen eben war in etwa vergleichbar mit Einkaufen in einem völlig fremden Land ohne alle Sprachkenntnisse, in dem alles völlig anders funktioniert, als man sich das ausmalen könnte. Vor dem Déconfinement und nicht zu nah am Feiertag habe ich mich ins Städtel begeben und in den Lerclerc gewagt, bei uns das Äquivalent zu mittelgroßen Hypermarchés, die nicht nur Essen verkaufen. Auf der Website klingt die Einführung in das neue Einkaufen reichlich clean und wie eine Wissenschaft. Ich werde es so schnell nicht wiederholen!

Das fehlt mir gewaltig: Einkaufen auf dem Markt. Das Gemüse in den Supermärkten ist größtenteils eine Tragödie. (Foto vom Herbst, als die Welt noch in Ordnung war und es einen Markt gab).


Was ich berichte, findet noch unter Ausgangssperre statt, sprich, wir dürfen im Moment nur einzeln das "Lebensnotwendige" einkaufen, alle Läden, die nicht in diese Kategorie gehören, haben geschlossen. Dazu brauchen wir einen Passierschein, den wir ausdrucken und als eidesstattliche Erklärung ausfüllen - Kontrollen gibt es, Bußgelder auch. Morgen erfahren wir, wie es ab Mo. weitergeht, dann soll der Passierschein hinfällig sein, aber das Bewegungsradius soll auf 100 km beschränkt werden. Was jetzt schon wie ein Hohn klingt, denn ich sah heute so viele Autos wie noch nie aus völlig abseitigen Departements, die sichtlich nach Urlaubslaune aussahen - ich frage mich, wie die das machen.

Ab Montag gibt es in den meisten Läden getrennte Einkaufszeiten. Leclerc macht erst ab 9 Uhr fürs normale Publikum auf, aber schon extrem früh: Zuerst für alle in Krankenhaus- und Pflegeberufen, dann eine Stunde für Menschen ab 70. Kann man sich nicht dazwischenschmuggeln, das geht nur mit Nachweis.

Entweder war ich zu blöd oder das System ist extra knifflig: Ich musste mich erst mal zum Eingang für die Schlange durchfragen. Das ist ein aus Einkaufswägen und Absperrbändern gebautes Schlangenlinienfahren, so dass man nur noch einzeln durchkommt, aber dann im Ernstfall nebeneinander steht ... nun ja, der Mindestabstand in Frankreich beträgt ja auch nur einen Meter. Habt ihr schon mal so richtig fest geniest? Eben. Aber da gibt es wohl kulturelle Unterschiede. Maximal 40 Leute dürfen in den riesigen Einkaufsmarkt hinein, ein Security-Mensch regelt das in Zweiergrüppchen, zwischendurch flirtet er mit der Backwarenverkäuferin oder Kassiererinnen auf dem Nachhauseweg, ziemlich auf Tuchfühlung übrigens.

Schon beim Warten habe ich mein Problem erkannt, denn ich trug eine selbstgebastelte Maske. Zwar beschlug die Brille nicht, weil sich der T-Shirt-Stoff anschmiegte - aber ich muss normalerweise im Laden die Brille absetzen und in der Hand halten. Sonst kann ich nichts lesen. Ich besitze zwar eine Brille für Nah und Mittelprächtig, aber die müsste ich dann wieder im Auto zum Fahren wechseln. Von wegen, tatsch dir nicht ins Gesicht! Also laufe ich herum wie eine missgestaltete Laufente: Brille nach unten auf die Nase gezogen, wo sie plötzlich auf der Maske rutscht, mühsam darüber hinweglesend und dann mit Kopf nach hinten in die Ferne blicken. Wobei ein kurzer Schmiss nach hinten die Brille am Rutschen hindert.

Bei den Pfeilen in den Gängen am Boden hatten sie gespart, der Parcours war nicht zu halten. Und er war frustrierend, denn die Hälfte von all dem, was ich seit Wochen dringend brauchte, war ausverkauft. Nudeln gibt es satt und im Sonderangebot. Klopapier gab's auch in Hülle und Fülle, zu übelsten Preisen. Aber ich bekam die letzte Zahnpasta. Allemagne liefert nicht nach. Vin mousseux war wieder leergeräubert und ich schnappte mir auch schnell noch einen Rosé davon. Ich weiß auch nicht, aber irgendwie muss man nach solchen Tagen das Leben begießen, die eigene Toughheit, den Auszug als Ritterin ins Coronaland. Entweder liefert la France nicht nach - oder la France ist in diesen Zeiten deftig dem Alkohol verfallen oder desinfiziert sich inwendig - es ist nicht leicht. Dafür hat kaum jemand geschnallt, dass das billigste, stinkendste Eau de Cologne 70% hat, also tatsächlich desinfizieren kann: die Hände!

Desinfektionsmittel gab es nämlich wieder nicht. Auch nicht beim Betreten des Ladens, wie versprochen. Bei Rausgehen konnte man sich aus einer festgeklebten Gemeinschaftsflasche immerhin was auf die Hände pumpen. Kaufen? Fehlanzeige. Seit Ausbruch des Virus habe ich in Frankreich das berühmte Gel hydro alcoolique nur in Regierungsankündigungen gesehen, nie real und schon gar nicht zum Kaufen.

Da komme ich zum hiesigen Reizthema Masken. Ab Montag werden die zumindest in Schulen, auf Arbeitsplätzen und im  ÖPNV Pflicht. Warum nur da? So wird verschleiert, dass es immer noch nicht genügend gibt. Leute, die im Laden welche tragen (eine Minderheit), haben ausschließlich selbstgenähte oder abenteuerliche Konstrukte auf. Frei verkäuflich sind sie nicht, es gibt sie nur rationiert an der Kasse - und das erst seit Dienstag. Überraschung: Keine Mehrfachmasken da. Nur Wegwerfmasken. 10 Stück zum teuflisch gestiegenen Preis von 5,90 Euro. Entweder verbucht über die Kundenkarte. Oder, wer keine hat wie ich: Vorlage von Pass / Ausweis, Name, Adresse und Nummer werden notiert, erst dann gibt's die Masken! Fahlt nur noch ein Bezugsschein.

Wie das eine Familie mit drei, vier Kindern machen soll und sich das auch noch leisten könnte, ist mir ein Rätsel. Frankreich versagt hier immer noch jämmerlichst. Versprechungen, dass das mit den Masken noch werden könnte, glaubt niemand mehr.

Und eigentlich sind die Masken, beobachtet man die Leute, schlicht eine Lachnummer. Meine fiel mir beim Bezahlen an der Kasse schlicht übers Kinn nach unten. Ich hatte die Rechnung nicht damit gemacht, dass meine kleine hakige Nase beim Herunterbeugen abschüssig wirkt und eine Bindung hinten im Hals plötzlich Abfahrtski fährt. Und dann? Ranfummeln soll man ja nicht. Also hatte ich einen Schal. Der Rest der Leute telefoniert munter beim Schlangestehen. Genau, mit diesem völlig versifften Teil, das keiner desinfiziert, aber ständig betatscht ... Smartphone genannt. Das klebt an der Backe, auf der Maske und sonstwo ... Man kann's den Leuten aber auch nicht verdenken, es ist menschlich! Nicht auszudenken, wenn man zwischendurch was Trinken muss oder ein Eis essen will!

Das Einkaufen selbst habe ich abgekürzt. Es ist alles unwahrscheinlich teuer geworden. Die Einmalhandschuhe, die fürs Obst und Gemüse versprochen waren, gab es nicht. Schilder baten einen, die Einwegbeutel "wie einen Handschuh zu benutzen", um das Gemüse anzufassen. Damit waren die meisten - einschließlich mir - logistisch völlig überfordert, denn irgendwie sollte das ja auch noch in den Beutel hinein ... Kurzum: Jeder tatschte das Zeug an wie immer, mit bloßen Händen oder mit zweifelhaften, schwiemeligen, porösen Gummihandschuhen aka Baktereinschleudern.

Als es dann nicht nur nicht mal mehr Trockenhefe gab, sondern auch kein Backpulver mehr (Irish Soda Bread geht damit), wurde ich aus Verzweiflung todesmutig. Ich kaufte Labberfertig-Croissants in zu großer Plastikverpackung und ein Riesenbaguette zu 69 Cent, dem man eine Plastiktüte über die Papiertüte gestülpt hatte. In der Hoffnung, die Verkäuferin hat sich die Hände gewaschen ... Todesmutig, weil Riesenbaguettes zu 69 Cent auch ganz genauso schmecken wie sie kosten. Aber das sind diese Entbehrungsgelüste: Endlich mal ein Brot so weich wie Watte nach all dem schweren Zeug, das mir beim Backen oft schief läuft.

Schwätzchen, ein paar nette Worte wie sonst im Laden? Tja ... man erkennt die Leute nicht mehr! Leute, die sich eh nur schwer die Gesichter merken können, sind nun maskenblind. Und die fehlende Mimik ist wie ins Leere twittern. Nein, man sieht es den Augen nicht immer an, ob jemand lächelt. Es gibt Menschen, die lachen und die haben abgrundtief traurige Augen!

Es gab dann doch noch Grund zur "Freude". Ich ergatterte zwei viel zu teure Pakete Gartenerde und drei halbtote Tomatenpflanzen, die ich gerade aufpäpple. Meine Samen gingen nicht schnell genug auf. Vielleicht habe ich nun mit diesem Pflanzen Glück.

Menschen, die jetzt in finanziellen Schwierigkeiten sind, haben es zusätzlich schwer: Wir können nicht in die Discounter in Deutschland. Und ein Einkauf bei Leclerc ist vergleichsweise fast doppelt so teuer wie bei Aldi France ...

Damit bin ich nun endgültig Einkaufshasserin geworden. Das nächste mal wieder der kleinere gemütliche Aldi und der Dorfladen. Bei den großen allenfalls noch in den Drive. Bis anschließend alles einschließlich mir desinfiziert war und die Wäsche gewechselt, war ich zweieinhalb Stunden am Schaffen. Man hat ja sonst nichts zu tun! Corona, ich hasse dich, ich hasse dich inständig!

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