Schreiben oder das Verlangsamen von Seifenblasen

Wer jetzt die übliche wohlfeile Bestsellerformel erwartet, kann weitersurfen. Ich gebe hier auch keine Schulung nach dem Motto: "Wie du deine mitternachtslangweilige Bauchnabelschau so mit Worten pierct, dass du damit ultrareich und irre berühmt wirst". Wenn ich das alles draufhätte, hätte ich es längst selbst angewandt. Ich möchte auf das Schreiben blicken, das etwas mit den Schreibenden anstellt. Das mit diesem speziellen Feeling zu tun hat. Bei mir ist es das Schreiben von literarischen Sachtexten, nicht Fiktion. Vor wenigen Tagen überfiel mich dieses Feeling hinterrücks.

Ich kann mich leider nicht mehr an Einzelheiten zu diesem Werk erinnern, aber das Gefühl kennt sicher jede/r ...

Es gibt Grenzen, die wir AutorInnen überschreiten, damit unsere LeserInnen sich das nicht antun müssen. Die meisten RomanautorInnen kennen das Gefühl, das einem an die Substanz gehen kann, wenn man eine geliebte fiktive Figur quält und leiden lässt, weil es der Spannungsbogen erfordert. Manche können tagelang nicht essen, während beim Lesen nur noch der wohlige Schauer mit erträglichem Grusel bleibt.

Ich überschritt die unsichtbare Grenze beim Schreiben meines Portraits von Vaslav Nijinsky, eines Menschen, der wirklich gelebt hat, dessen NachfahrInnen noch leben. Plötzlich stieß ich auf Briefe eines seiner Pfleger, die mir den Atem nahmen - und die ich meinen LeserInnen vorenthielt. Für mich war Nijinsky bei der jahrelangen Recherche längst eben diese geliebte Figur geworden, die man beim Romanschreiben entwickelt. Aber ich wusste auch: Er hat wirklich gelebt. Er hat das alles wahrhaftig und lebendig selbst erlitten. Aber ein Buch ist kein Abschreiben von Leben. Ich bin als Autorin eine Art Demiurg, setze eine Schöpfung in die Welt. Ich bin es, die entscheiden muss, wann der Vorhang fällt und wie und warum Figuren die Bühne betreten. Ich erschaffe auch in Nonfiction aus der Realität eine Scheinrealität, eine Art Parallelwelt, die im besten Fall die LeserInnen berührt, Emotionen in ihnen weckt. Ja, auch im Sachbuch. Ein gutes literarisches Sachbuch verankert Fakten und Wissen über innere Bilder und Emotionen. Dann packt es und dann bleiben sie haften.

Jener Pfleger schrieb, wie er Nijinsky in einem grauenhaften Zustand entdeckt hatte und für seine Befreiung durch die Gendarmerie sorgte. Es hat lange gedauert, bis der weltberühmte Tänzer in einer Klinik wieder einigermaßen in einen "menschlichen Zustand" versetzt wurde. Damit ist gemeint, dass er sauber und versorgt vor sich hinstarrte und Nahrung zu sich nahm. Man hatte ihn in einem Zimmer wochenlang eingesperrt, misshandelt, wie ein Tier behandelt. Als man es öffnete, war das Zimmer über und über mit Kot beschmiert. Die Täter: seine Familie, teilweise unfähig, eine dem Suff ergeben. Die eigentliche Täterin: seine Frau, die mal wieder verreisen wollte, nur sich selbst sah, ihn einfach "abstellte", weil der psychisch Kranke, der nun kein Halbgott mehr war, störte.

Ich schrieb jedoch keinen Thriller über Menschen, die andere Menschen über lange Zeit im eigenen Haus gefangenhalten und quälen. Das war ja ein Sachbuch, über ein ganz anderes Thema obendrein. Von der Faktenlage her konnte ich nie herausfinden, ob seine Frau wusste, was sie anrichtete - sie leugnete jedes Mitwissen. Ich konnte das nur in ein Mosaik einfügen, das sich aus ihren Handlungen und Verhaltensweisen bildete - auch Menschen, die mit Fakten arbeiten, bilden dann Hypothesen. Ich habe die Geschichte im Buch nicht erzählt, weil ich keinen Thriller schrieb, weil ich meine Hypothese letztlich nicht untermauern konnte, weil ich dieses extreme Bild in meinem Kopf nicht alles andere überstrahlen lassen wollte in den Köpfen der LeserInnen. Ich bin ja diejenige, die das Geschehen auf der Bühne regelt.

Und trotzdem ist die Szenerie Teil meines Buchs. Dank dieses Wissens konnte ich den Charakter seiner Frau schärfen und versuchen, mich in sein Leiden einzufühlen. Hätte die Geschichte mich nicht derart tief berührt, dass ich drei Wochen lang unfähig war zu schreiben, das Buch hätte nicht so viele Menschen derart berühren können. Auch wenn die Situation nicht in Worten vorkommt, sie arbeitet zwischen den Zeilen.

Das ist für mich eins der Geheimnisse des Schreibens: Ich kann niemanden berühren, wenn ich selbst unbeteiligt bliebe oder in flachen Affekten verharrte. Ich muss mich öffnen, weich machen ... werde verletzlich.

Und darum habe ich mich oft gefragt, ob und was Schreiben mit Resilienz zu tun haben könnte. Resilienz bedeutet seelische Widerstandsfähigkeit, es ist das, was uns in Krisenzeiten stark macht. Dazu kann übrigens, wenn es übergroß und überwältigend wird, auch die Dissoziation gehören, eine Art Abspalten. Ich bloggte zu diesem Thema unter dem frischen Eindruck eines heute fast vergessenen Terroranschlags: "Da hilft nur Fugenkitt". In jenem Beitrag mache ich mir auch Gedanken um eine Art Schreiben, die in solchen nach Bewältigung schreienden Situationen auf uns einprasseln: Clickbait-Journalismus, fast manisch getriebener Nachrichtenjournalismus und all das unqualifizierte Getexte in Social Media, das einen gefährlich lauten Sumpf bildet aus "Volkes Stimme" und dem Geschwätz Schaulustiger. Ich möchte mal saftig frech die Hypothese aufstellen, dass es sich dabei um ein "schnelles" Schreiben handelt, um ein Schreiben, bei dem die Textenden sich in Dissoziation vom Sujet befinden, aber oft auch von den eigenen Gefühlen. Anders würden sie weder ertragen, was sie tun, noch vor einem inneren integren Anspruch bestehen können (den viele bereits verloren haben). Wäre sicher ein lohnendes Essay-Thema.

Was ich Schreiben in Dissoziation nenne, ist für manche Schreibende gerade überlebensnotwendig, um die eigene Resilienz zu bewahren. KriegsreporterInnen dürfen auch nicht ihre Seele verlieren. Aber Schreiben bildet eben auch immer jene Parallelwelten, in denen die LeserInnen sich reiben, konfrontiert werden, erleben. Und da kommen wir an einen kritischen Punkt: Dieses schnelle, herausbrüllende Schreiben kleistert uns regelrecht zu, trifft uns im Minutentakt. Kommen wir überhaupt noch runter von dem Trip? Als Schreibende wie Lesende?

Es ist dann wie von Zauberhand passiert, das ich das "Feeling" wieder hatte. Dieses Feeling fürs "Slow Writing", wie ich es mal analog zu all den Slow-Bewegungen nennen will. Das "innerliche" Schreiben, das etwas mit mir macht und darum nur funktioniert, wenn ich mich dafür weich mache.

Ich traf auf das Gefühl in einer Situation, wo man es am wenigsten vermutet: in einer völlig überheizten, meinem Geschmack nach von Menschenmassen fast überfüllten Ausstellungshalle. Ich streifte umher, ohne etwas zu wollen, ohne Ziel, ohne Suche nach Zweckerfüllung. Ich sage das so deutlich, weil es eine wichtige Voraussetzung kreativer Schöpfung ist. Manchmal stellte ich neugierige Fragen, wie sie alle stellten. Bekam stereotype Antworten, wie sie jeder bekommt, der solche Fragen stellt. Ab und zu erzählte jemand etwas mehr.

Plötzlich blieben meine Augen an einem Stand hängen, der sich allein von der wilden Farbigkeit her von allen anderen unterschied. Ich spürte, wie sich etwas übertrug, mich berührte, mit mir kommunizierte. Ich sah innere Bilder von diesen bunt ausgestatteten Holzwohnwagen, die sie in Frankreich manchmal an Touristen vermieten. Zeitschriften über Lifestyle und Wohnen haben daraus längst einen Stil mit feststehenden Formen und Farben als Vokabeln kreiert, bohémien sagen wir in Frankreich, "boho" heißt es in den modernen Hashtags. Mit den Fahrenden hat das Ganze nicht mehr allzu viel zu tun, es hat sich über die Jahrhunderte so viel miteinander verschliffen, denn auch die KünstlerInnen des beginnenden 20. Jahrhunderts schwelgten in intensiven Farbspielen - und wurden Bohémiens genannt, wohlwollend übersetzt als "LebenkünstlerInnen". Die Hippies der 1960er nahmen es auf in ihre Popkultur. Mir fiel ein Display mit Schmuckstücken in den Farben und Üppigkeiten von Frida Kahlo ins Auge. Auch diese Künstlerin verschwindet heutzutage hinter Stilprodukten vom Frida-Kahlo-Sofakissen bis hin zu Frida-Kahlo-Badelatschen.

All das geschieht beim Schreiben im Vorfeld: Etwas kommuniziert mit meinen eigenen Prägungen, Erwartungen, Erinnerungen. Macht mich aufmerksam, neugierig.

Und dann gehe ich weiter oder schaue ein zweites Mal hin. In diesem Fall war ich gebannt. Denn die Künstlerin war wirklich eine. Sie reproduzierte nicht, passte sich nicht an, lebte ihre Kunst spürbar wild und von ganzem Herzen. Als Mensch passte sie perfekt - das war alles eins. Hinter all dem Farbenrausch sah ich akribisches Arbeiten, kunsthandwerkliches Können. Es nahm einem fast den Atem, wie sie mit Nadel und Faden, mit winzigsten Perlchen, Bandröschen und Gegenständen Bilder auf Filz erschuf, die Geschichten erzählten, zu leben schienen. Als ich ihr nach einem kurzen Gespräch sagte, dass ich wiederkommen würde, wenn ich alles angeschaut hätte in der Halle, wussten wir wohl beide, wie ernst das gemeint war. Als ich die Halle durchstreifte, konnte ich nicht aufhören, an die wunderschönen Schmuckstücke zu denken - und dass ich mir eines schenken musste, und wenn mir das Geld an wichtiger Stelle fehlen würde. Ich kam zurück.

Es war dieses besondere Gefühl, sich auf Anhieb zu verstehen, sich zu öffnen. Eigentlich machte ich nichts anderes als das, was ich in zahlreichen Interviews immer gemacht habe. Ich stellte Fragen, hörte zu, kam ins Gespräch. Aber es war eben nicht mechanisch, sondern so, wie es immer dann ist, wenn mir die besten Features gelangen: Ich war persönlich involviert. JournalistInnen sollen ja objektiv und sachlich bleiben. Dann bleiben die InterviewpartnerInnen meist auch sachlich und ruhig.

Für ein Menschenportrait jedoch braucht es mehr. Ich muss mich berühren lassen von einer Persönlichkeit. Da gibt es so viel mehr als nur Worte: Körpersprache, Blicke, die Art, wie sich jemand kleidet oder am Morgen gekämmt hat, ob die Person sich lieber in einem geschützten Raum fragen lässt oder die Öffentlichkeit sucht. Ich muss immer schmunzeln, wenn ich "Sherlock" sehe, wie er Personen "abscannt" und seine Ableitungen aus dem kleinsten Fussel zieht. Ein bißchen so funktionierte es, wenn man mich zu jemandem schickte, über den ich ein Portrait schreiben sollte. Ich hatte eine Stunde Zeit, mir von einem Menschen ein Bild zu machen, der sich in unfomfortabler Lage befand, sich zu Recht beobachtet und analysiert wähnte. Ich musste diese Lage blitzschnell in eine der Sicherheit und des Vertrauens führen und trotzdem genauso fix analysieren. Dazu braucht man, auch wenn es erlerntes Handwerk ist, Feeling und Intuition, Empathie.

Aber in diesem Fall war ich ja nicht als Journalistin da, sondern als Privatperson, als Begeisterte, Hingerissene. Es wurde daraus ein wunderbares Gespräch, in dem wir von Künstlerin zu Künstlerin vieles teilen konnten. Auch Gefühle, die wir sonst nicht jedem sagen. Auch das Gefühl, das man bei Kundschaft oft schon nach Sekunden hat: Manchmal stimmt die Chemie sofort, manchmal spürt man fehlende Wertschätzung in den ersten Untertönen.

Letzteres ist mir in der gleichen Halle begegnet. Jemand, den ich von Facebook her kannte und wo ich schon dort ein unbehagliches Gefühl hatte. Ich wollte mich nicht davon ablenken lassen und die Frau erkannte mich nicht. Ich wollte eintauchen. Aber dann geschah es wieder: Die Art, wie sie von dem redete, was sie verkaufen wollte ... die Art, wie sie es mir aufdrängte. Es war, als würde sie riesige Klauen ausstrecken. Würde ich einen Film drehen, wäre ihre Stimme gekippt in die von Gollum, wenn er sich nach seinem Schatz sehnte. Es fühlte sich klebrig an und ich machte mich schnellstmöglich aus dem Staub. Spannend, dass mich das Gefühl bei Facebook nicht getäuscht hatte - so oft habe ich in Social Media das Gefühl, mir nach manchen Postings im übertragenen Sinne die Hände waschen zu wollen. Begegnungen dieser Art lassen sich vielleicht in Romanen verhackstücken, wenn man negative Figuren braucht. Ein Portrait oder Feature über solche Leute würde handwerklich gelingen, aber niemals ein großer Wurf werden, niemals andere mitreißen.

Ganz anders bei der Frau, die zwar auch verkaufen wollte, aber in erster Linie schlicht Leidenschaft für ihre Kunst hatte, diese Leidenschaft versprühte. Ich habe mir nach sorgfältigem Auswählen eine Brosche gekauft, die nun mehr ist für mich als ein Schmuckstück. Sie ist mit einer Erinnerung aufgeladen, ich werde diese Begegnung nie vergessen, denn sie war kurz, aber intensivst.

Und dann ist mir eingefallen, dass ich genau so mein Elsassbuch geschrieben hatte. Die Erlebnisse darin sind Teile meines Lebens, ich hatte sie nie willentlich "hervorgerufen", um ein Buch darüber zu schreiben. Es lief umgekehrt: Für das Buch suchte ich im Fundus meiner Erinnerungen.

Es ist mir dann noch zweimal in der Halle begegnet, dieses Gefühl. Ausnahmslos waren es Menschen, die für ihre Tätigkeit brannten, Menschen voller Leidenschaft. In ihrer Passion fangen sie an zu leuchten und bekommen etwas sehr Eigenes. Manche sind völlig introvertiert und bosseln vielleicht unter der Lupe an Winzigkeiten, die kaum jemand sieht. Und wenn man dann etwas sieht, was ihnen am Herzen liegt, tauen sie auf, nehmen einen mit in ihre Welt. Oft wissen sie gar nicht, wie faszinierend, unverwechselbar und schön sie in diesen Momenten werden.

Ich war am Tag danach so im "Overflow", dass es mich völlig erschöpft hatte. Die Intensität, sich auf Menschen und ihr Handwerk einzulassen - auch wenn es nur Minuten waren. Manchmal geschieht dieses Wunder, dass man sich gegenseitig dabei die inneren Weichstellen zeigt. Und dann gelingt es: Welten öffnen sich, Erinnerungen für die Zukunft formen sich. Es ist der Stoff, der die guten Geschichten erzählt. Der keine Fiktion braucht, weil auch Fakten erzählen ...

Ich habe einmal mehr begriffen, was das "tiefere" Schreiben ausmacht. Es geht einerseits an die Substanz, aber es kann auch vor Energie regelrecht in einem brüllen. Immer aber funktioniert es über ein Sich-Herausnehmen aus der Welt. Ich muss wegtreten vom Schnellen und Lauten, von manchmal regelrecht herausgekotzter Meinung und billigsten Affekten. Für diese Art des Schreibens muss ich still werden und sehr sehr langsam. Wenn es dann gelingt, diese "Blase" aus verlangsamter Stille über sich selbst und andere zu legen und sich darin gegenseitig zuzuhören, geschieht das kleine Wunder: Geschichten entstehen.

Kommentare:

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