Da hilft nur Fugenkitt!

Als ich heute morgen aufwachte, war es wieder da: dieses seltsame Gefühl, auf einem falschen Planeten aufgewacht zu sein. Oder womöglich wieder in das zu stürzen, was so viele Menschen "Wirklichkeit" nennen. Oder war es umgekehrt? War ich nicht in der Nacht mit geschlossenen Augen wach? Und das Davor, jener Tag gestern also, einfach nur ein von Durchgeknallten unter dreckigen Drogen gebastelter Alptraum? Bin ich jetzt - schreibend - wach oder träume ich noch?

Ist das alles wirklich? Ist das die Welt, in der wir leben möchten? Haben wir sie nicht selbst gestaltet?

Die meisten werden dieses Gefühl aus dem Urlaub kennen: Man wacht am ersten Tag in einem fremden Bett auf und muss sich erst mühsam orientieren. Im Geiste wähnt man sich daheim. Nimmt aber mit Befremden die ungewohnten Farben und Gegenstände wahr, bis man kapiert: Ich liege nicht in meinem Bett zuhause. Ich liege in einem fremden Bett in einem fremden Land. In dem Maße, wie ich verstehe, dass mein Körper an einem anderen Ort liegt, fühle ich mich wieder wirklich. Unser Gehirn braucht solche Zustände, um zu funktionieren, um zu lernen, aber auch um auszuhalten. Verschwindet dieses seltsame Gefühl der Getrenntheit nicht, nennt man das Dissoziation - eine psychische Störung mit vielen Ausprägungen. Dissoziation ist die häufigste Störung nach Naturkatastrophen, in Kriegen, nach erlittenen Traumata. Man macht dicht und beamt sich im Geiste woanders hin. Bis die Seele wieder aushält, nachkommt - bildlich gesprochen.

Das komische Gefühl hatte ich gar nicht so sehr durch die Anschläge selbst. Die Fotos der Medien prasseln in einem solch irrwitzigen Takt auf mich ein, dass ich kaum deren Realität wahrnehme. Sie wirken wie ein dystopischer Bildband aus Hollywood; vervielfachter, geronnener Schrecken, der auf meiner Haut nicht ankommt. Weil dahinter schon wieder der Clickbait-Kampf durchscheint, jenes Gerangel um Quote und Auflage gegen Leid. Nein, unwirklich wurde der Tag gestern durch die Gespräche.

Im ersten Affekt sagt man so manches, was man sonst nicht einmal im Traum aussprechen möchte. Friedliebende Menschen malen sich plötzlich Internierungslager in der Wüste aus, in die sie alle Menschen deportieren wollen, die auch nur den Verdacht erregen, sie könnten eines Tages gefährlich werden. Famlienväter, die sonst von Disneyland schwärmen, entdecken plötzlich ihr Herz für private Bewaffnung. Und da sind diejenigen, die in Gebete und zu irgendeinem Gott flüchten, der all das vermeintlich richten könnte - oder die sich zurückziehen ins Private, unter die Decke auf der Couch. Hirn setzt aus in solchen Momenten. Das ist nur allzu menschlich. Jeder hat seinen eigenen Rhythmus, folgt seinen eigenen Mustern, um mit Katastrophen und nachhaltigen Veränderungen in der Welt fertig zu werden. Wenn einem der ach so sicher geglaubte Boden unter den Füßen weggebombt wird, gerät die Welt scheinbar aus den Fugen. Da kann man sich auch schon mal vom eigenen klaren Kopf dissoziieren.

Ich glaube leider, dass wir in Zukunft nicht nur noch eine ganze Weile mit Terrorismus leben lernen müssen, sondern auch mit der Zunahme von stress- und traumabedingten psychischen Störungen. Anpassungsstörungen der "leichteren" Art, posttraumatische Belastungsstörung, Depressionen, dissoziative Störungen, Angstattacken ... daran leiden nicht nur Flüchtlinge und Opfer von Anschlägen. Eine Krankenschwester erzählte mir einmal, dass immer mehr Menschen aus völlig "normalen" Umfeldern zu Leidenden werden und die Therapieplätze knapp werden könnten, wenn man nicht jetzt vorsorgt. Die Anfälligkeit steige erschreckend auch in unseren reichen und sicheren Ländern.

Wie verrückt ist dagegen das, was uns an solchen Tagen und danach aus Social Media entgegenschallt! Da reißen die Fugen in der Welt bei einigen sehr weit auf - und das wirkt nur allzu oft ansteckend. Angst macht Angst. Und die Bilderflut! Je grausiger, desto öfter. Je schneller und dichter dem Opfer auf die Pelle gerückt, desto mehr Quote. Solange ich bei Facebook und Twitter Fotos nicht deaktivieren kann, bin ich dem ausgeliefert - es sei denn, ich schalte ganz ab. Dieser Clickbait-Journalismus bewirkt nicht nur Erstschock und Abstumpfung. Auch das ist eine Form von Dissoziation. Der Nachrichtenwert ist in vielen Fällen gleich Null, also wabern die Toten über die Datenautobahn wie Schemen in einem Horrorfilm, der so abstrus erscheint, dass man manchmal nicht weiß, ob man lachen oder heulen soll. Es ist an solchen Tagen nicht die Wirklichkeit, die mich so entsetzt - obwohl sie fast nicht auszuhalten ist. Es ist dieser Umgang damit, es sind die Reaktionen der Besserwisser ab Minute Drei des Ereignisses, es sind die Kommentare der Überschäumenden, der Leute, die gerade den Bezug zu ihrer Vernunft verloren haben. Abschalten.

Wenn es zuviel wird, macht die Seele dicht und flüchtet sich in vermeintlich heile Welten.
Aber es gibt heutzutage kein echtes Abschalten mehr. Der Horror kriecht irgendwann auch unter die Kuscheldecke. Ein Gebot der Stunde ist wohl - neben all den anderen wichtigen Dingen, sogenannte Resilienz (kurz und praktisch / Wikipedia / ZEIT) zu entwickeln. Es ist diese geheimnisvolle innere Kraft, von der mir als Kind sehr alte Frauen erzählten. Frauen, die nicht nur zwei Weltkriege, Hunger und Flucht überlebt hatten. Sie stammten aus einer Generation, wo die Eltern und Großeltern ein drittes großes Gemetzel durchstehen mussten: den Krieg 1870/71. Ich erlebte diese Frauen mit einer ungeheuer großen inneren Stärke, aber auch einer gewissen Härte modernen "Empfindlichkeiten" gegenüber. "Die Welt dreht sich weiter", sagten sie, "die Zeit heilt Wunden". Sprichwörter, die man erst versteht, wenn man einen schlimmen Verlust erlitten hat.

Aber die meisten dieser Zigfach-Überlebenden hatten sich gleichzeitig eine sehr berührende Weichheit bewahrt. Sie zeigten sich liebevoll selbst den unscheinbarsten Dingen gegenüber. Sie hatten ein weites Herz, das Menschen zuerst einmal "menscheln" ließ. Wenn ich weinte, weil mein Wellensittich gestorben war, lachten sie nicht dumm über diese Kleinigkeit angesichts der Weltenbrände, die sie durchgemacht hatten. Sie wussten: Das erste tote Haustier, das ist für ein Kind die Vorbereitung auf den Umgang mit dem Tod. Ein Schmerz und eine Verzweiflung, die subjektiv nicht kleiner sind als alle anderen.

Darum schüttele ich nach der ersten eigenen Fassungslosigkeit und aller Toleranz über vieles heute den Kopf. Diese Ratschläge von: Du musst, wir müssen jetzt! Dieses: Du darfst doch nicht, du kannst doch nicht!

Menschen menscheln. Jeder geht anders mit einem Schock und mit Katastrophen um. Menschen brechen auf Beerdigungen ihrer Liebsten in schrilles Lachen aus. Andere bestücken im Geiste Internierungslager in der Wüste oder schauen sich Batman an. Es gibt Menschen, die sind so hilflos mit sich selbst, dass sie dumme Witze reißen oder sich brüsten, wie sie "draufhauen" würden. Das alles ist als Erstreaktion unter starken Emotionen normal. Es wird erst dann bedenklich, wenn sich nicht bald darauf die Vernunft und das Nachdenken einschalten. So lange aber könnte man einfach mal das Maul halten und nicht jede Emotion öffentlich ins Internet kippen. Nicht nur, weil die Vernünftigen darunter sich drei Tage später für sich selbst schämen könnten. Wir sind nicht "unter uns" bei der Berdigung der Familie. Wir sitzen nicht beim Therapeuten, der damit umgehen kann, wenn wir uns auskotzen. Können wir das nicht "real live" mit unseren Lieben ausmachen, die uns nehmen, wie wir sind, und uns halten, auch wenn wir dämliche Sachen sagen?

Ich lese mit Entsetzen gerade bei Facebook, wie umgekehrt Menschen angegangen werden, die offen zugeben, dass sie sich jetzt zurückziehen wollen, Ruhe pflegen, womöglich eine kleine heil wirkende Welt genießen. Manche backen jetzt exzessiv Kuchen oder posten niedliche Tiere. Andere laufen sich die Gedanken von der Seele, besaufen sich, feiern Party oder denken erst mal nur an ihre große Liebe.

Leute, das ist normal! Das ist absolut gesund! Genau so übt sich der Mensch in seiner eigenen Art von Resilienz. So tankt man Kraft und Energie und Zuversicht - Eigenschaften, ohne die wir absolut nichts in der Welt verändern können. Diese Schnipsel heile Welt, von denen wir mindestens unbewusst ahnen, dass sie nicht dauerhaft seien können, bilden doch zumindest den Fugenkitt, wenn wir glauben, die Welt fliege uns um die Ohren.

Das tut sie natürlich nicht. Wenn Islamisten in Afrika Hunderte von Frauen und Kindern verschleppen und verkaufen, zucken wir womöglich kaum mit der Wimper. So viele starben jämmerlich bei Selbstmordanschlägen in Afrika, im Irak, in Afghanistan und im Bürgerkrieg in Syrien. Aber das können wir wegschieben im Kopf, es scheint weit genug weg. Jene alten Damen aus meiner Kindheit hätten auch dafür ein Sprichwort gehabt: "Heiliger Sankt Florian, verschon mein Haus, zünd and're an." Nur hat der heilige Florian diesbezüglich ausgedient - mit dem Zündeln und Brandstiften ist es wie mit dem Flügelschlag eines Schmetterlings: Der Sack Reis fällt um. Und er fällt uns womöglich auf den Zeh. Empathie, Mitgefühl, Menschlichkeit, Solidarität, Zusammenstehen hätten die alten Damen dann auf den Rezeptblock geschrieben. Und Engagement, damit sich eines Tages all das nicht mehr wiederholt, was so lebensfeindlich ist. Weil ganze Generationen dabei verlorengehen.

Wenn man ganz genau hinhört, dann geschieht auch das per Social Media. Leiser im Hintergrund, absolut lebenspraktisch und alles andere als nach Quoten oder Aufmerksamkeit heischend. Auch in Brüssel hat sich gestern per Twitter eine Welle der Hilfsbereitschaft und Solidarität entwickelt. Sofort gab es Hashtags, über die sich getrennte Familien haben wiederfinden können, über die Menschen in den betroffenen Vierteln wildfremden anderen Menschen ihre Wohnung geöffnet haben, für Essen und Trinken sorgten, trösteten, in den Armen hielten oder einfach vereinzelte Kinder ins Taxi nach Hause setzten. Real da draußen im Chaos. Diese Menschen sind der Fugenkitt, den wir so nötig brauchen.

Kommentare:

  1. Mir hängen die Nachrichten und Bilder von gestern noch schwer in den Knochen. Ich finde es schwer, einen Umgang damit, im Digitalen quasi live bei solch fürchterlichen Ereignissen dabei zu sein. Während ich, durchaus in Sicherheit, am heimischen Schreibtisch sitze, zu ohnmächtiger Hilflosigkeit verdammt. Aber das ist dann auch gleich der zweite Gedanke: Ich kann mich jederzeit rausklicken. Die Menschen vor Ort können es nicht. Und wie damals in Paris formierte sich auch gestern in Brüssel über dieselben Werkzeuge Hilfe, über die zugleich kaum zu ertragende Bilder und Nachrichten kamen. Ich habe nicht helfen können und ich habe mich fast gewaltsam irgendwnan gelöst und etwas anderes gemacht.

    Was mir dann auch immer gleich durch den Kopf geht: Fast täglich passiert Ähnliches in anderen Städten und Ländern der Welt. Und niemand bekommt es mit. Oder es bleibt eine Randnotiz. Ich frage mich dann immer, was mit mir nicht stimmt, ob ich relativiere? Aber eigentlich ist es eher eine Einordnung. Ich fühle mit den Menschen, die getötet oder verletzt wurden, mit den Menschen, die Angehörige und Freunde verloren haben oder sich um sie sorgen müssen. Mich macht es zornig, dass Menschen anderen Menschen so etwas antun können. Aber: Das oder ähnliches passiert täglich. Und zugleich helfen Menschen anderen Menschen, kümmern sich, versuchen, ihr Leid zu lindern oder sie zum Lächeln zu bringen. Menschen leben ihren Alltag und bewirken an manchen Tagen etwas, das die Welt besser macht.

    Die Welt ist schlecht, ja. Aber die Welt ist auch gut. Und wer in der Lage ist, sich selbst etwas Gutes zu tun, tut sich auch leichter, anderen Gutes zu tun. Und sei, anderen kein Leid zuzufügen.

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    1. Liebe Wibke,
      dein Text ist eine wunderbare Ergänzung zu dem meinen, danke!
      Ich kann dir aber versichern, dass mit dir alles stimmt. Was du als "Relativieren" bezeichnest, kennen JournalistInnen als Selektionskriterien. Sie müssen ja ständig entscheiden, was von der Infoflut aufbereitet wird. Das geschieht anhand von Identifikationsmerkmalen: Menschen interessieren sich zuerst für Dinge in geografischer, zeitlicher, kultureller oder gefühlsmäßiger Nähe.
      Letztere wird u.a. auch geschaffen durch Aufmerksamkeitswert (Sensation, Skandal, Zahl von Toten), Promifaktor, bereits Vertrautes (Serienberichterstttung verselbstständigt sich so oft), Klatsch, Kurioses, die Tragweite, Schock ... ach ja, und Se x.

      Wenn du nun also eher auf Brüssel als auf eine unbekannte Stadt in Afrika reagierst, ist das völlig natürlich. Es wäre die Aufgabe der JournalistInnen, bei Relevanz diese unbekannte Stadt bekannt zu machen und die Zusammenhänge aufzuzeigen.

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