Storchenblubberblasenland

Am ersten Oktober werde ich wohl eins meiner liebsten Bücher umbenennen müssen: "Elsass. Wo der Zander am liebsten im Riesling schwimmt". Denn das Elsass wird es dann als behördlichen Namen nicht mehr geben. Aber keine Angst - wie so viele andere Querköpfe lebe ich in dem Dorf, von dem es heißt: "Ganz Gallien ist von der Regierung aus Lutecia besetzt. Ganz Gallien? Nein! Ein von unbeugsamen Elsässern bevölkertes Dorf hört nicht auf, dem Eindringling Widerstand zu leisten." Touristen werden es bemerkt haben: In ganz Frankreich blüht seit bald zwei Jahren der Lokalpatriotismus und im Elsass weht vermehrt die rot-weiße Fahne, Rot un Wiss. Die ist nicht die offizielle Fahne - eine Geschichte für sich.

Frankreichs neue Superregionen auf einen Blick: Steuergelder fließen nun in eine gemeinsame Wanne, dafür wird in einzelnen Wannen Bürgerservice massiv abgebaut, indem man Behörden einfach schließt oder verkleinert. BürgerInnen sind ja heutzutage mobil, auch wenn die Entfernungen verdammt groß sind im Land. Muss man eben den Hals strecken. Logisch, oder?
Der größte Schildbürgerstreich des Landes hat seinen Ursprung in einer Idee von Präsident Hollande, Geld einzusparen, indem man einfach die historisch gewachsenen Departements des Landes zusammenschließt zu einer Art Supergau, pardon, Superregion. Mein Freud'scher Versprecher kommt nicht von ungefähr: Ja, das hat schon mal jemand versucht. Der Mann hieß Hitler und der hat einfach mal schnell Elsass und Baden zu einem Reichsgau zusammengeschmissen. Dabei hatten die Elsässer da bereits eine leidvolle Geschichte der Besatzungszeiten hinter sich. 1871 annektierte das Deutsche Kaiserreich das Elsass und kippte es einfach zu Lothringen dazu, malte der Fahne ein hässliches Schwarz auf. Die Elsässer sollten zu kaisertreuen "Deutschen" umerzogen werden. In dieser Zeit wird "Rot un Wiss" zur Fahne des Widerstands, des Kampfes für die Eigenständigkeit der elsässischen Kultur. Historisch gesehen ist das fast kabarettreif, denn die Farben stammen ursprünglich von Adligen des " Saint-Empire romain germanique" - des "heiligen römischen Reichs deutscher Nation".

Aber Symbole fragen nicht nach komplexen Zusammenhängen, sie setzen sich durch, weil sie wirken. Rot-Weiß verwendeten auch die Kreuzritter und deren historische Verknüpfung zum Elsass ist heute noch sichtbar in Bauwerken wie Weinlagen.  Die Fahne wurde so zum Emblem des Widerstands nach der ersten großen Besetzung 1870/71, sie galt nach 1911 als Wahrzeichen der Autonomiebestrebungen für ein freies Elsass. Die französische Regierung hat sie deshalb zwischen den beiden Weltkriegen verboten - und die Regierung in Paris heute hat sie nie anerkannt. Viele sprechen sogar verächtlich von einer "Nazifahne" - die kennen ganz offenbar die wechselvolle Landesgeschichte nicht.

Aber hoppla! Aufgepasst. So einfach ist auch das nicht! Die Autonomiebewegung, die historisch gesehen immer ein Mischmasch von politischen Richtungen war, haben sich nämlich neuerdings vor allem die Rechtsextremisten zunutze gemacht, weil sie da leicht gegen die demokratischen Parteien punkten konnten. Bürgerwut lässt sich leicht instrumentalisieren. Neben dem FN wäre das die Partei Alsace d'Abord, die der rechtsextremen identitären Bewegung angehört und von einem Ex-FN-Mitglied gegründet wurde.  Die andere rot-weiße Gegenpartei ist "Unser Land" - sie distanziert sich ausdrücklich von Rechtsextremisten und Rechtspopulisten und ist auf europäischer Ebene mit ökologischen Parteien und den Grünen verbandelt. Und so gehört auch dieses Paradox zum modernen Elsass: Wenn an einem Haus die rot-weiße Fahne weht, ist das ein Protest gegen Paris, gegen die künstliche Superregion. Wir wissen aber nicht, ob in dem Haus rechtsextrem denkende Menschen leben oder Freunde eines grün angehauchten Föderalismus! (Die Rechten kann man allerdings oft an einem Parteiaufkleber erkennen).

Wenn also Elsässer diese alte, nicht von der Regierung anerkannte Fahne an ihre Häuser hängen, dann bedeutet das heutzutage vor allem Widerstand gegen die neue Superregion, die zum Jahresbeginn eingerichtet wurde, ohne die Bürger zu fragen oder zu beteiligen. Nicht, dass man heute noch ein "freies Elsass" als eigenständigen Staat wünscht. Dazu sind die Menschen in einer global verflochtenen Welt zu vernünftig. Aber man will nicht in einen Topf mit der reichen Champagne, der die Elsässer immer noch die Bezeichnung für ihr Gesöff neiden. Ihr Crémant wird mit genau der gleichen Akkuratesse und Tradition gekeltert wie der Champagner, darf aber nicht so bezeichnet werden. Und nun? Beide Regionen wiederum sind wütend, weil sie mit Steuergeldern die armen Regionen Ardennen und Lothringen unterstützen müssen. Und die sind wütend, weil die reichen Regionen mehr Behörden abgesahnt haben. Das neue Ungetüm von Verwaltungseinheit mit Hauptstadt in Strasbourg heißt derzeit: Alsace-Champagne-Ardenne-Lorraine. Kann sich keiner merken? Genau.

Achtung, jetzt folgt der zweite Geniestreich der Regierung. Die sucht nämlich jetzt nach neuen Namen für ihre künstlich geklonten Kinder. Auch das wissen wir aus der Geschichte: Die Abschaffung alter Namen erleichtert das Zerstören von Bewusstsein und Identität. Es lässt sich leichter Neues aufpropfen. Die Polen beispielsweise können davon heute noch ein trauriges Lied singen. Dort hatten die Kommunisten damals viele alte Ortsnamen einfach ausradiert und im "Kader" neue beschlossen, die "neutral" sein sollten. Deshalb heißen viele Dörfer auch heute noch Schnitzelchen oder Erdbeeren oder Zwiebelchen.

Die französische Regierung sucht also jetzt ihre Schnitzelchen. Eine in undurchsichtiger Manier zusammengestellte Gruppierung aus ausgelosten BürgerInnen und SchülerInnen und irgendwelchen PolitikerInnen suchten sich Bezeichnungen aus. Die breite Bürgerschaft machte sich bei Twitter und Facebook lustig - das einzige Ventil. "Cigognie pétillante" fiel leider durch. "Pétillante" kennt der Tourist vom Wasser mit Blubberblasen und vom herrlich britzelnden Champagner, nein Crémant! Und weil im Elsass eben die Störche die Kinder bringen ... die Storcherei? Storchenblubberblasenland, frei übersetzt. Das wäre mal ein Name für Behördenformulare gewesen!

In die Endrunde haben es teilweise solch idiotische Namen geschafft, dass sich Frankreichs Komiker und Kabarettisten die Hände reiben. "Grand-Est", der "Große Osten", darf es angeblich nicht sein, obwohl den die Bevölkerung zu lieben scheint und die Presse verwendet. Einfach zu merken, kurz zu sprechen und mit ein wenig Stinkefinger gegen Paris, das so großherrlich entscheidet.

Bleiben jetzt im Rennen:
Acalie - ein Kunstwort aus den Namensanfängen mit Niedlich-Endung (viele sagen derzeit Acal)
Rhin-Champagne, das jetzt schon alle nicht dort Lebenden aufbringen dürfte
Nouvelle Austrasie - ein Stinkefinger der besonderen Art: Neu-Autrasien
Grand Est (großer Osten)

Die Bürgerinnen und Bürger (und wohl jeder, der Französisch kann) dürfen nun auf der Seite des Conseil Général einen Namen davon wählen, wenn sie es denn schon mitbekommen haben, dass sie das dürfen und wo. Es ist aber das Landesparlament, das schließlich die Vorschläge machen wird, bis am 1. Oktober der endgültige Name amtlich werden wird.

Nouvelle Austrasie, das führt uns zurück in die Zeiten der Merowinger.
Wir erinnern uns: Als der Merowingerkönig Chlodwig 511 n. Chr. stirbt, wird das Reich unter den Söhnen aufgeteilt, Austrasien (das Ostreich) und Neustrien entstehen. Es beginnt eine Geschichte von komplizierten Vereinigungen und Trennungen, Kindermorden und Frauenschlachten, kriminellen Intrigen und unübersichtlichen Kriegen. Am Ende ergreifen die Haushofmeister der Merowinger die Macht - aus ihnen gingen die Karolinger hervor. Ich habe die brutale wie verrückte Geschichte in meinem Buch "Geheimnis Odilienberg" beschrieben, denn der Vater der elsässischen Regionalheiligen war in die Intrigen gegen die merowingischen Könige aktiv verwickelt. In meinem Elsassbuch kommt die alte Route der Merowinger über Marlenheim vor.

Es ist eine Geschichte, die das Elsass ebenso wie die Region um Metz nachhaltig geprägt hat. Nicht zuletzt, weil die Könige hier ihre Burg hatten. Noch heute heißt ein Weinkeller hier nach dem König "Dagobert dem Guten". Und der spielte eine besondere Rolle: Als er König wird, legt er sich in seinen Ochsenkarren (damals war man noch bescheiden) und lässt sich nach Paris kutschieren. Der neue Königssitz. Franzosen sehen hier sofort den berühmten Komiker Coluche vor sich in seiner Paraderolle als "Guter König Dagobert" in einem satirischen Film von Dino Risi (1984).

Ob sich die Namenspaten wirklich aller Konsequenzen bewusst sind? Was, wenn die Elsässer eines Tages auf Ochsenkarren zum Elysée rattern, um  ... tja, da begannen sie damals, die Kämpfe gegen die Haushofmeister. Es wird wohl noch viel Wein und Blubberblasengesöff von sonnigen Templerlagen und düsteren Merowingerkellern die Kehlen hinunterrinnen müssen, bis wir diese Politik des 21. Jahrhunderts verstehen! Eigentlich könnte man doch auch Frankreich gleich mit umbenennen?

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Update: Entgegen den meisten Presseberichten ist "Grand Est" offenbar noch im Gespräch

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