Wäre Empathie eine Lösung?

Als kleines Kind wollte ich eine zeitlang Wissenschaftlerin für Marienkäfer werden. Ich wollte damit zwei Dinge verbinden: Meine Neugier und Faszination bezüglich dieses Naturphänomens zu stillen - und durch das Züchten der "Glücksbringer" Schönheit in die Welt zu streuen. Während meine Mitschülerinnen fleißig Tagebuch schrieben, notierte ich in kleinen Büchlein akribisch die Tagesentwicklung vom Ei bis zum fertigen Käfer, experimentierte mit Ernährung und Pflanzen, schrieb Maße auf und zeichnete Blattläuse, die ausgesaugt werden. Für den ersten Dämpfer sorgte leider meine Mutter, die mit Abscheu reagierte, wenn sie wieder einmal eins meiner hastig unterm Bett versteckten stoffbespannten Gläser fand, in denen Larven durch Minigärten wuselten. "Kleine Mädchen räumen ihre Zimmer fein brav auf ..."

Naturpark Nordvogesen - Biosphärenreservat mit dem Pfälzer Wald - mein Lebensmittelpunkt, meine Kraftquelle.
Immerhin reichte die Phase doch noch für die "Pyjamakäfer", die wir auf Nachbars Kartoffelfeld fanden. Prächtig pralle Skarabäen, rund und gelb-schwarz gestreift, so dass sie fast an Bonbons erinnerten. Ihre Eier eine Pracht im damals absolut modischen Neonorange. Wie wird aus einem winzigen Ei so ein Wuselding, das eines Tages völlig erstarrt und wie ein toter Panzer wirkt, bis dann ein empfindlich weicher und noch farbloser Käfer schlüpft, der im Sonnenlicht "aushärtet" und bunt wird? Wie konnten die dumpfen Erwachsenen so etwas Herrliches mit Hass verfolgen?

Ich fand in diesem Pippi-Langstrumpf-Alter natürlich die Erwachsenen doof und den Käfer so anbetungswürdig, dass ich seine unter meinem Bett geschlüpften Nachkommen in Nachbars Kartoffelfeld auswilderte. Und da beobachtete ich - notiert in meinen Heften - etwas sehr Seltsames. Wenn der Nachbar beim ersten Käferbefall Gift spritzte (wovor ich die armen Kerls ja nur rettete), blieben zwar bald die Käfer aus, aber die Kartoffeln wurden krank und mickrig. Ich war mir nie sicher, ob ich mir das nur einbildete - aber setzte ich meine Käfer in verträglichem Maß an ungespritzten Kartoffelpflanzen aus, so schienen diese grüner und üppiger zu werden. War der Käferfraß nicht zu extrem, gediehen die Pflanzen und schienen diejenigen in der Nachbarschaft sogar anzustecken. Und je fetter diese Pflanzen wurden, desto weniger Käfer fanden sich im Feld. Man hielt mich damals für verrückt, kindliche Träumerei eben, also musste ich mir einen anderen verrückten Beruf ausdenken.

Erst als ich erwachsen war, war die Wissenschaft so weit, meine kindliche Beobachtung als wahr begründen zu können: Pflanzen können miteinander kommunizieren. Sie können sich gegenseitig vor Fressfeinden warnen und sogar Antikörper, Bitterstoffe oder andere Ärgernisse  zur Abwehr produzieren. Handelt es sich nicht um eine Invasion, können sich Pflanzen in einem intakten ökologischen Umfeld gegen Insektenbefall selbst schützen. Schon damals hätte der Mensch bemerken können, dass Kommunikation nicht auf Sprache oder Tierlaute, Gestik oder Mimik beschränkt ist. Bei Pflanzen läuft das auf biochemischem Weg. So weit, so faszinierend.

Was aber wäre, wenn nicht nur die Kartoffelpflanzen miteinander kommunizierten, sondern auf Nachbars Feld ein reger Austausch stattgefunden hätte zwischen Flora und Fauna, Ressourcen und Prozessen auf zellulärer Ebene? Was, wenn der Nachbar das einzige wahrnehmungstaube Wesen in diesem Feld gewesen wäre?

So weit ist die Wissenschaft seit relativ wenigen Jahren. Viele Phänomene, die in und mit der Natur lebende Menschen wie selbstverständlich ansehen, finden heute eine wissenschaftliche Erklärung. Dumm nur, dass das daraus entstehende neue Weltbild die alten Bequemlichkeiten empfindlich stört. Es hat etwas vom Pippi-Langstrumpf-Kind: Es mischt frech ein System auf, in dem sich der Mensch als die "Krone" der Schöpfung empfindet und autoritär "herumgärtnert", anstatt zu kommunizieren.
Schwierig, diese andere Sicht der Dinge, weil der Mensch dazu Empathie braucht.

Sie kommunizieren miteinander, sogar über andere Wesen. Was, wenn wir dabei zuhören könnten?
Wie aber ist es um Empathie in unserer Gesellschaft bestimmt? Wird nicht gerade der Empathielose mit Erfolg belohnt, mit toughem Durchkommen in einer immer tougheren Welt? Wie viele Kleinkinder bekommen in ihrer Familie Urvertrauen, Freiräume und liebende Vorbilder, um Empathie zu üben? Wer wird in der Schule belohnt: die sensiblen Empathischen und Leisen oder die Draufgänger und Funktionierer? Wir beklagen ein immer lebensfeindlicheres Wirtschaftssystem, eine fast darwinistische Auslese. Gleichzeitig konfrontiert uns ein Rechtsruck in vielen Ländern mit der hässlichen Fratze der Empathielosen und Lebensfeindlichen. Da hört niemand mehr zu. Da versucht keiner, sich in den anderen hineinzuversetzen. Vielleicht können die das auch gar nicht mehr?

Zugegeben, das habe ich jetzt absichtlich plakativ und sicher zu pauschal formuliert, um kein Essay schreiben zu müssen. Ich will es anders auf den Punkt bringen. Ich glaube, dass wir heute und in Zukunft eine Fähigkeit so nötig brauchen werden wie Wasser und Brot: Empathie. Empathie könnte ein Schlüssel sein, wieder wirklich mit anderen und mit der Natur zu kommunizieren. Kommunizieren im Sinne von Zuhören, Raum geben, sich mit-teilen, mit anderen etwas teilen - und das dann auch wertzuschätzen. Solche echte Kommunikation verlangt Empathie. Sie ist weit mehr als Selbstdarstellung oder aggressives Auskotzen in Social Media. Weil sie wegführt von der Egomanie oder Soziophobie, hin zur respektvollen Wahrnehmung eines Wesens mir gegenüber. Sei das ein Mensch, ein Kartoffelkäfer oder ein Baum. Hinhören, was uns dieses Gegenüber zu sagen hat.

Das sind Gedanken, wie sie mich hier im Naturpark Nordvogesen fast täglich umtreiben. Durch meinen Schmuck via Upcycling nähere ich mich dem von einer anderen Seite und lande wieder bei meinen eigenen schreiberischen Wurzeln. Meinem ersten Buch, in dem ich eine empathische Landschaftserfahrung geprobt habe (Geheimnis Odilienberg), ohne damals zu wissen, was das sein und welche Rolle es noch spielen könnte. Bis ich vor wenigen Tagen auf Lektüre zum Thema stieß. Und diese Tipps will ich nicht für mich behalten. Es sind auch youtube-Videos dabei - und wer die nicht sehen kann, weil bei mir in Frankreich viel mehr sichtbar ist als bei euch, der erfährt via Google, wie das Problem zu lösen ist.

Da ist erst einmal der Forstspezialist und Buchautor Peter Wohlleben, den man im eigenen Land zunächst belächelte, der es aber bis in die New York Times geschafft hat mit seiner Theorie, dass in der Natur alles miteinander kommuniziert - und fühlt. Der amerikanische Artikel zeigt sein Verdienst: Dadurch, dass er eine alltagsnahe Sprache verwendet, um wissenschaftliche Fakten zu vermitteln, kann er den LeserInnen das Geschehen im Wald wieder nahebringen. Man lastet ihm gern die allzu menschelnden Vokabeln an, aber der Mann steht mit beiden Beinen auf dem Boden, praktiziert seine Art der Waldbewirtschaftung mit Erfolg und hat trotz aller Faszination seines Themas so gar nichts Esoterisches an sich. Nach diesem Video mit ihm bin ich nun neugierig auf seine Bücher, vor allem "Das geheime Leben der Bäume" und "Bäume verstehen":



Ein anderer Autor, der sich in literarischen Sachbüchern mit dem Phänomen des "Fühlens" in der Natur und dem Thema Empathie beschäftigt, ist der Biologe und Philosoph Andreas Weber. Er geht in der Entwicklung einer neuen "schöpferischen Ökologie" sogar so weit, dass er auch unser Wirtschaftssystem unter diesem Gesichtspunkt untersucht, wie in seinem Buch "Biokapital". Ich lese im Moment "Alles fühlt. Mensch, Natur und die Revolution der Lebenswissenschaften" (Leseprobe pdf), in dem er allgemeinverständlich und unterhaltsam das Grundgerüst für seine Theorie vermittelt.

Die ZEIT hat 2007 über seine Naturphilosophie, die keine Esoterik ist, geschrieben. Und hat ihn im vergangenen Jahr zum Thema Leben, Tod und Lebensfeindlichkeit interviewt. Sehr hörenswert auch die Sendung im Deutschlandfunk mit ihm (Button im Foto anklicken zum Hören).

Besonders spannend ist bei dieser Mischung aus Wissenschaftler und Philosoph, dass er vom Fühlen in der Natur über die Empathie direkt den Sprung zur Kreativität und den Künsten schafft. Wie gesagt, Teile seiner Bücher und Artikel sind in einer berührenden literarischen Sprache geschrieben. Und er schafft es, die Poesie wissenschaftlicher Fragen zu vermitteln, dieser Ursuche des Menschen.

Wer schon einiges von ihm gelesen hat und das alles vertiefen möchte, findet online "The Enlivenment Manifesto" von ihm und Hildegard Kurt - eine ideale Debattenvorlage für alle Zukunftsbewegten. Seine "poetische Ökologie", die er im letzten Buch "The Biology of Wonder" entwickelt, denkt zusammen, was bisher getrennt sich gegenseitig misstrauisch oder amüsiert beäugte. Das Essay "Enlivenment. Eine Kultur des Lebens: Versuch einer Poetik für das Anthropozän" ist eben auf Deutsch erschienen, "Lebendigkeit. Eine erotische Ökologie" ist ein weiteres Standardwerk. Ich selbst habe noch zu wenig in seinen Büchern gelesen, um mehr sagen zu können, mir kommt es aber so vor, als würden seine Ideen eine ähnliche Wirkung entfalten wie die von Fritjof Capra in den 1970/80ern.

Und jetzt noch als Bonbon eine Klangentdeckung: "What Earth has to say" von und mit dem in Berlin lebenden Ukrainer Gennady Tkachenko-Papizh, seines Zeichens Sänger, Schauspieler und Stimmenimitator. (Bei youtube gibt's noch mehr) Ab Minute 1:23 singt er:

Nachtrag: Eben entdeckt, dass ARTE Future ein Special hat zu den Themen Empathie und Altruismus.

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Kommentare:

  1. Ich habe vor einigen Jahren "Wald ohne Hüter" von Peter Wohlleben gelesen und damals fleißig weiterempfohlen, weil ich so fasziniert von seinen Erkenntnissen war. Interessanterweise waren es damals vor allem meine "waldnahen" Bekannten (vor allem Förster), die die wenigsten Neugier an den Tag legten, weil sie doch was anderes gelernt hatten ...

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  2. Da werden noch etliche Jahre in Land gehen, Winterkatze.
    Ich kenne die Umstände in Deutschland nicht mehr. In Frankreich sind die "Bilderbuch-Förster", die ihren Wald noch als lebendig und als Ganzes erlebt haben, reihenweise in Rente gegangen und durch Forsttechniker ersetzt worden. Die Berufsbezeichnung sagt alles: Da wird gewirtschaftet udn überlegt, wie man Lebendmasse als Totmasse mit dem größtmöglichen Profit vermarkten kann. Und das ist dann oft das Aus für den Wald, der kränker und kränker wird, weil künstliche Monokultur zum schnellen Abernten.
    Aber selbst da schlägt tw. die Stimmung um, wenn die Menschen vor den Scherben ihrer Existenz stehen. Hier im Naturpark hat es Jahrzehnte der Sensibilisierung gebraucht und der Ausweg ist nicht nur das Label der UNESCO als Biosphärenreservat, sondern die Förderung von sanftem und nachhaltigem Tourismus. Das geht natürlich auch wieder über den Geldbeutel. Die Menschen sehen, dass eine intakte Natur auf anderer Ebene Geld einbringt und Arbeitsplätze schafft, also sorgen sie sich wieder darum. Es ist nicht einfach ...

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  3. Ich hoffe, dass es da langsam ein Umdenken gibt. Es könnte aber auch sein, dass meine Wahrnehmung da inzwischen sehr selektiv ist. Wenn von Wäldern berichtet wird, in denen wieder Pferde eingesetzt werden, um das geschlagene Holz bodenschonend aus dem Wald zu holen, oder von einem Gebiet, das zum Naturpark erklärt wurde, dann horche ich eben auf.

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  4. Winterkatze, ich fürchte, ich sitze da auch in einer Filterbubble im Naturpark und kann das allgemein nicht beurteilen. Ich fürchte allerdings, der Raubbau nimmt eher zu statt ab, Pferde sind mir auch noch nie begegnet im Wald, außer unter Reitern. Ich höre immer mal wieder von Idiotien, etwa von einem, der Holz aus Russland geliefert bekam, das eigentlich aus dem bayrischen Wald stammte (also das kam wirklich via Russland). Oder dieser neue Wahn mit Pellets und Holzheizung - ach so ökologisch. Dafür werden inzwischen maschinenerntbare, schnellwüchsige Hölzer in Extremmonokultur gezogen. Alle anderen Pflanzen plattgemacht, weil störend. Die Folgen ähnlich schlimm wie beim modernen Maisanbau. Hier macht inzwischen eine Erdölfirma in Pellets ...

    Insofern fürchte ich, dass Leute wie Wohlleben (sein Buch "Holzrausch") und Weber eher belächelt werden in solchen Kreisen. Aber ich sehe Entwicklungspotential - das hat man mit einem Fritjof Capra ja auch gemacht und dann hat sein Denken eine Zeit geprägt.

    Ich werde weiter nach solchen Inspirationen forschen und sie verbreiten, denn solche Nachrichten fehlen mir im Nachrichteneinerlei der Katastrophen.

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  5. Liebe Petra,

    ich glaube eigentlich nicht, dass Peter Wohllebens Bücher belächelt werden, denn sein "Geheimes Leben der Bume" habe ich gestern erst
    in der Frankfurter Bahnhofsbuchhandlung gesehen: Seit Wochen auf der Spiegelbestsellerliste Nr. 1 der Sachbücher! Und ich habe ihn ständig im Fernsehen gesehen, im Radio gehört, und wenn nichts dazwischen kommt, habe ich die Gelegenheit,ihn im September persönlich kennenzulernen. Zumindest tragen seine Bücher zur Sensibilisierung großer Leserkreise bei-wenn es auch dauern mag, bis es in den Köpfen der Waldingenieuere gelandet sein wird. Behutsames Bewirtschaften mit Pferden habe ich zumindest im TV schon öfter gesehen. Schöner und interessanter Beitrag, mercy!

    Herzlichst
    Christa

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    1. Liebe Christa,
      das ist mir jetzt eine Extrafreude! Ich bekomme sowas in Frankreich ja nicht mit und fand die Bücher und Links über Empfehlung, Mediatheken und youtube. Dann werden das auch Waldleute lesen, denn man wird sie darauf ansprechen. Und sie holen sich ja auch gezielt Lektüre.

      Mit dem Belächeltwerden meinte ich eher Andreas Weber. In seiner Mischung aus Wissenschaft und Naturphilosophie ist das schon ein bißchen "hard stuff" für Wissenschaftler der alten Schule. Und man kennt das ja: Bis neue Erkenntnisse auch mal in Schulen gelehrt werden, vergehen oft viel zu viele Jahre.
      Ich bin bei seinem Buch erst bei den Hypothesen und mir steht schon öfter der Mund offen und ich merke, wie ich mich tw. sträube, weil auch ich in einem anderen Denksystem groß wurde. Nun bin ich gespannt, wie er seine Theorien untermauern wird. Wenn ihm das gut gelingt, werde ich eine Menge in meinem Kopf umwerfen müssen. Das ist erfrischend.
      Herzlichst,
      Petra

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  6. Ein wunder-wunderbarer Text!!!

    (Und das nicht nur, weil ich als Kind auch der Schönheit der Marienkäfer verfallen war, sie in Gläsern auf der Fensterbank sammelte.... dann allerdings gemeinsam mit der ganzen Familie schwer über die unglaublich schnelle Vermehrungsfähigkeit der Tiere erschrak... enen Sommer lang teilten wir die Wohnung mit vernutlich Hunderten von Marienkäfern und noch heute trage ich jede Fliege einzeln zur Terassentür raus)
    Maria

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    1. Oh, eine Marienkäferschwester im Geiste, wie schön. Danke Maria. Bei mir fliegen sie gerade rechtzeitig ein zur ersten Blattlausplage an den Rosen. Den Rest werden die Vogelkinder mampfen.

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