Weltlage kurz erklärt

Heute gab es einen Tweet, über den ich herzlich gelacht habe. Und den ich mag, weil er das Gefühl auf den Punkt bringt, das ich in letzter Zeit oft angesichts der Weltlage empfinde.



Manchmal schaue ich mir etwas in den Nachrichten an, höre es und denke: Verdammt, ist das jetzt noch dieser Politiker oder ist er schon von einem Slitheen übernommen? Würde es helfen, einfach Essig zu spritzen? Und der Masterplan ... ich höre immer nur The Master?

Manchmal, wenn der Weltenirrsinn kocht, denke ich spontan: Nicht blinzeln, nur nicht blinzeln! Die Realität blubbert derart absurd, dass man selbst mit Intelligenz versucht wäre, sich Verschwörungstheorien auszudenken: Vielleicht war es ein Menschenexperiment mit vergiftem Champagner - und wir, die wir keinen trinken, müssten lediglich ein Gegenmittel finden? Vielleicht käme auch der Doctor? Aber besser nicht abwarten, gleich aktiv werden ...

Irgendetwas scheint entfesselt. Menschen, die in Straßen leben wie wir, die von der Arbeit nach Hause gehen und sich gemütlich vor den Fernseher setzen wie wir, haben langsam nicht nur die Empathie abgelegt. Sie tönen, als seien globale Übereinkommen wie Menschenrechte keinen Pfifferling mehr wert; als gelte es, die gemeinsamen Grundsätze einer jeden Ethik, ja sogar aller größerer Religionen über den Haufen zu werfen. Begegnet einem ein solches Wesen hörbar, sichtbar, vielleicht sogar greifbar, ist man durchaus versucht, nicht an eine Präsenz von Homo Sapiens zu glauben. Wenn es nämlich ein Wesen wäre, das nur mal wieder dringend alles erreichbare Kalzium aufsaugen müsste und darum mordlüstern wäre - es ergäbe einen Sinn. Es ließe sich einordnen und man könnte sich mit Essig wehren, bis der Doctor kommt. Was aber, wenn es nun doch ein Homo sapiens wäre - wo verbirgt sich dann der Sinn? Und wie sich wehren? Früher haben uns Ethik und Religionen darauf eine Antwort gegeben, aber s.o. ...

Ich gebe es zu, ich bin ein unbeirrbarer Fan von Dr. Who, ich brenne für die Geschichten wie in meiner Kinderzeit für Raumschiff Enterprise (Star Trek). Kaum eine Serie hat die Realität so geprägt wie Star Trek in seinen ersten Folgen - parallel zur ersten Mondlandung. Heute wissen wir, dass die kleinen Fans als Erwachsene futuristische Dinge entwickeln wollten und Handy und Sprachübersetzungen durch K. I. erfanden.

Was wir als Traum bewahrten und wofür mehrere Generationen immer wieder auf die Straße gingen und gehen, das war die Utopie des Roddenberry-Universums von einer friedlichen Welt, in der nicht nur unterschiedlichste Menschen gleichwertig miteinander arbeiteten, sondern auch Menschen und Aliens sich nicht grundsätzlich bekriegen mussten. Im 21. Jahrhundert haben wir uns extrem weit von der Offenheit meiner Kindheit entfernt, die Zukunft als Faszinosum zu sehen und einen riesigen Spaß daran zu haben, sie lebensfreudig und menschenfreundlich zu entwickeln.

Die Serie Dr Who hat einen anderen Touch und sie fasziniert mich durchaus sogar auf religionswissenschaftlicher und literarischer Ebene. Sie ist nämlich ein moderner Mythos, der über lange Zeiträume fortgeschrieben wird. Da steckt nicht nur der ganze Joseph Campbell (besser auf Englisch hier) "drin", wie mit seinem Opus Magnum "The Masks of God" ("Die Masken Gottes") und dem bei LaiInnen bekannterem "Der Heros in tausend Gestalten" ("The Hero with a Thousand Faces"). Es ist weit mehr als das, was später etwas platt als "Heldenreise" fürs Creative Writing daraus zusammengekocht wurde. Ich habe Campbells Werke in Religionswissenschaften gelesen.

Der Doctor ist dieser mythische Heros par excellence, er verkörpert unser Sehnen, eine fast messianische Verheißung, den Sieg des Guten über das Böse und die immerwährend verfügbare Errettung, sogar Erlösung. Die Figur schafft offenbar das, was viele Religionen heute nicht mehr schaffen: Sie vereint Menschen aller Glaubensrichtungen und Parteien. Doch in all seiner Timelordschaft ist der Doctor zutiefst menschlich und liebenswert. Er glaubt nämlich an das Gute in einer Spezies, wenn alle anderen längst damit aufgehört haben. Er hat Empathie, Mitleid selbst für die schrägsten Vögel der Galaxien.

Breche ich das herunter aufs Creative Writing, möchte ich sagen: Wahrscheinlich funktioniert diese Art von Geschichten in düsteren Zeiten wie diesen besonders gut. Wahrscheinlich müsste man wieder mehr Fiktionen schreiben, die Lust darauf machen, Zukunft wieder als solche zu denken. Zukunft als eine riesige leere Leinwand zu sehen, auf die wir alles nur Denkbare schreiben können. Sie nimmt das tiefe Schwarz auf, das uns so vergiftet, aber es könnten auch die schillerndsten Farben darauf leuchten.

Natürlich habe ich keine Erklärung für die Weltlage. Auch ich bin eine Sinnsuchende. Aber beim Lesen von Tweets wie dem oben blitzt manchmal eine Ahnung von einer Idee auf. Ich hangele mich vielleicht auf diese Art wieder ans eigene Schreiben heran, wer weiß. Im Grunde schreibe ich täglich in meinem Kopf das neugierige Essay "Warum die Welt so wurde und welche Auswege es gäbe". Immer wieder blitzt ein Gedanke auf, den ich festhalten möchte - und schon ist der Rest verflogen. Es narrt mich. Ich möchte manchmal in kosmisches Gelächter ausbrechen und habe manchmal Angst vor dem Schwarzen Loch, da immer mehr Menschen blindwütig aufbauen. Es ist kein Essay, das man als Buch druckt, es ist der verzweifelte Versuch, verstehen zu wollen.

Ich weiß nicht einmal, wie die Heldinnen und Helden zukünftiger Geschichten aussehen müssten. Ich weiß nur, diese meine Mitmenschen, die sich derzeit benehmen wie Cybermen, die sollen mir meine Welt nicht noch weiter zerstören! Und dann träume ich und frage mich, wie ich wieder an dieses Kindheitsgefühl der uralten Star-Trek-Zeiten herankommen könnte, als wir uns alle auf die Zukunft so freuten, dass wir sie gar nicht abwarten konnten. Als wir sicher waren, die Vereinte Föderation der Planeten noch selbst erleben zu dürfen. Dieser Traum war so schlecht nicht, denn als Heranwachsende engagierten wir uns für Frieden, ein geeintes Europa und gegen den Kalten Krieg. Der war dann auch zu Ende. Heute tobt ein neuer, anderer. Das Engagement für unsere Träume aber sollte niemals enden, heute erst recht nicht.

  • PS: Für Späterleser - der Tweet bezieht sich auf den Staatsbesuch eines gewissen Trump in Großbritannien
  • Ein sehr ernsthaftes Mustread zum Thema: Fintan O'Toole denkt in der Irish Times über präfaschistische Zeiten nach, allerdings nicht ganz hoffnunglos: "Trial runs for fascism are in full flow".
PPS: Ich sage ja, die Realität überholt mein Schreiben ständig. Die SZ veröffentlicht auf FB ein Pressefoto vom Treffen Trump und May und es sieht verdammt, aber auch sowas von verdammt nach der Dr. Wo Episode "Der dritte Weltkrieg" aus. Also genau diese Folge, wo die Slitheens Downing Street übernehmen! #qed

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