Heimat sind Fische auf Blumen

Zu schade, wenn der folgende Kommentar bei Facebook untergehen würde. Patrick Fritsch fragte nach dem Heimatbegriff und meinte sinngemäß, dass wir uns den nicht von Rechtsradikalen und Rassisten annektieren lassen sollten. Wie das aussehen könne jenseits der Heimattümelei ... Ich habe darüber nachgedacht, was es für mich bedeutet.



Muss Heimat eigentlich ein Ort sein? Meine Heimat ist in meinem Kopf - da sitzt alles, was mich geprägt hat und ausmacht und womit ich mich dann an unterschiedlichen Orten wohlfühlen kann. Ich kann das schlecht in Worte fassen.
Ich komme aus einer Familie, die seit dem 19. Jahrhundert und verschärft in den Krisenzeiten des 20. Jahrhunderts immer wieder die Koffer packte, Tausende von Kilometern weit entweder auf der Flucht war oder (mehr oder weniger freiwillig) emigrierte, ich selbst bin seit vielen Jahren emigriert, habe jetzt in drei Ländern gelebt. Mein Sketchbook "This Crazy Little Dream" in der Brooklyn Art Library erzählt einen Teil dieser Geschichte in Bildern und Worten (online anschauen).

Ich bekomme dieses gewisse "Weh" im Herzen, das man mit Erinnerungen verknüpft, genauso, wenn ich ins badische Ried fahre, wenn ich einen polnischen Birkenwald im Winter sehe oder Vogesensandstein, der im Abendrot glüht. Ich bekomme es, wenn ich mit Menschen wundervolle Momente im Leben teilen kann, wenn da plötzlich dieses Verständnis jenseits von Worten und Sprache da ist. Wo diese Menschen herkommen, spielt keine Rolle.

Ich komme gern nach Hause, mit allem, was mich dort erwartet, was auf mich wartet - und ich liebe dieses "Nest". Aber jedes Jahr frage ich mich, ob es nicht an der Zeit wäre, wieder einmal etwas Neues auszuprobieren, weiter zu wandern. Bin ich schon zu sesshaft? Meine Heimat habe ich ja im Kopf ... und in Koffern. Und vielleicht auch in Marotten: Wenn ich nach Deutschland fahre, muss ich die scheußliche Paradiescreme kaufen, weil das Kindheitsfreuden waren, und dringend mal wieder ein stinknormales Schniposa (Schnitzel, Pommes, Salat) essen ... Ist das Heimat? Wenn man ganz dringend ein Schnitzel braucht, sehnsuchtsvoll genießend darauf herumkaut und dann auch wieder genug davon hat?

Manchmal beneide ich Menschen, die eine geografische Heimat kennen und diese auch noch konstant, vielleicht über ein Leben lang. Ich denke dann manchmal, wie gemütlich das sein muss, wie bequem man sich da zurücklehnen könnte. Aber dann weiß ich wieder, das wäre für mich nichts. Vielleicht ist es mein Geburtsort so nah an der deutsch-französischen Grenze - ich habe immer irgendwo "raus müssen", von offenen Grenzen geträumt. Und deshalb muss ich auch die Heimat in meinem Kopf öfter gründlich durchlüften, die Kopftüren aufmachen.

Ich erinnere mich an einen Frühling, als ich noch ganz klein war. Auf den Bruchwiesen bei Ottersdorf schwammen im Schmelzwasser kleine Fische, Fische auf Wiesen. Seitdem ist Heimat für mich auch, dass man Fische und Blumen zusammendenken kann.

1 Kommentar:

  1. Sehr schöne Heimatbeschreibung, Petra! Werde mal darüber nachdenken, womit ich selber den Begriff "Heimat" verbinde.

    Gruß ins Elsass von
    Christa

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