Mein neues Zauberglas

Es ist heute fast unmöglich, mein neues "Zauberglas" zu fotografieren. Das Auge sieht andere Farben als die Kamera und an Sonne fehlt es massiv. Die Bilder sind also nur als ein kleiner Vorgeschmack, um zu zeigen, woran ich eben gearbeitet habe. Das Besondere an dieser Kette: Im Schatten oder Halbdunkel wirkt sie absolut unscheinbar und schlicht, als sei sie in Schwarz und Weiß gefädelt. Nur die beiden Papierperlen halten ihre Farbe - sie sind aus handgeschöpftem Bütten gewickelt und von Hand aquarelliert. Fotos anklicken zum Vergrößern.

Die tschechischen Glasperlen harmonisieren absolut perfekt mit den aquarellierten Büttenperlen. Aber sie bergen ein Geheimnis: Sie wandeln ihre Farbe! Schmuck aus meinem Atelier Tetebrec - demnächst auf Etsy.



Das Besondere sind die kleinen Glaslinsen, der Tropfenanhänger in der Mitte und die großen Kugeln. Sie bestehen aus sogenanntem dichroitischem Glas, auf Englisch etwas einfacher dichroic glass genannt. Ursprünglich wurde dieses spezielle Farbeffektglas schon von den Römern erfunden. Das Glas des Lycurgus aus dem 4. Jahrhundert (Fotos) zeigt uns wandelnde Farben, je nachdem, ob das Glas von hinten oder von vorn beleuchtet wird. Aber wir wissen nicht wirklich, wie verbreitet dieses Glas damals war. Hergestellt wurde es ganz anders als heute: Im Glasfluss sind kleinste Gold- und Silberartikelchen enthalten.

Je weniger Licht, desto stärker wirkt diese Kette einfach nur schwarz-weiß, lediglich die Papierperlen verlieren nicht ihre Farbschattierungen in Lila-Blau-Tönen.

Das dichroitische Glas von heute ist am ehesten aus der Wissenschaft bekannt. Die NASA entwickelte spezielle Filter und Glasauflagen, es wird in der Fluoreszenz -Mikroskopie eingesetzt, in LCD-Projektoren und sogar in der Architektur. Das Videobeispiel unten zeigt seine Eigenschaften an einem Hochhaus: Je nach Standort des Betrachters und Lichteinfallswinkel sehen wir unterschiedliche Farben. Eine Fläche, die zuerst gelb erscheint, wird z.B. plötzlich blau, wenn wir nur ein paar Schritte weitergehen. Das zauberhafte Farbglas zog natürlich sofort Künstler und Schmuckdesigner an.

Hier kann man an der Glaslinse und den großen Kugelperlen erkennen, wie sich das Spektrum ändern kann von Gelb, Grün, Pink bis Lila und Blau. Die kleinen Rocailles sind irisierend, für Ruhe sorgen die reinweißen Perlmuttglasperlchen.

Die Herstellung heute ist völlig anders als zur Römerzeit, wenngleich die Glasperlen selbst in Manufaktur hergestellt werden. Zu viele Prozesse sind nur von Hand zu machen, etwa beim Finish (mein Artikel zur Glasperlenherstellung).

Farben werden absolut keine verwendet, der Effekt entsteht nur durch das immens dünne Aufdampfen von Metallen wie Gold und Silber, aber auch von Metalloxiden etwa von Titan, Aluminium oder Magnesium. Auf dem Glas kondensiert das zu einer Kristallstruktur. Ähnlich, wie wenn ein Edelstein wächst, werden unterschiedliche Schichten übereinander aufgetragen. Moderne Unternehmen, die große Glasmengen oder Glasflächen herstellen, bringen diese Schichten mit einem Elektronenstrahl unter Vakuum auf.

"Rough Rustic Edged" bedeutet die unregelmäßige Oberflächenstruktur, die für zusätzliche Effekte sorgt. Es kontrastieren damit schön die völlig glatten Papierperlen und Rocailles.

Was wir beim dichroischen Glas sehen, ist also nicht die Lichtreflektion einer aufgetragenen Farbe. Wir sehen, so klingt das physikalisch, die vom Glas reflektierte Wellenlänge plus die Wellenlänge, die durch das dichroitische Glas hindurch geht. Diese Addition erklärt, dass sich die Farbem wandeln, je nachdem, von wo das Licht auftrifft und wo wir in Bezug auf den Gegenstand stehen. Und darum fotografiert auch meine Kamera eine andere Farbe als die, die ich sehe - sie befindet sich ja ein Stück weit vor meinem Auge. Kurzum - die recht unscheinbar wirkende Kette wird von jedem, der die Trägerin betrachtet anders wahrgenommen und bei jeder Bewegung neu. Dabei bewegen sich die von mir hier ausgewählten Farben in einem kühlen Spektrum des Regenbogens.

Die rauhe Oberfläche verursacht punktfeine Farbeffekte - eine solche Kugelperle misst 6 mm. Was wie echtes Perlmutt schimmert, ist ebenfalls tschechisches Glas, 3,5 mm.

Passend dazu sind einige kleine Rocailles (schwarz und weiß) mit einem sogenannten "Vitrail"-Finish versehen. In der Fachsprache bedeutet das ein Glitzern zwischen Silber-, Pink- und Grüntönen, ebenfalls eher kalt (warme Farben nennt man "Marea"). Hergestellt werden auch diese Perlen in Manufaktur. Man bedampft dabei das Glas von einer Seite in einem Ofen mit den Dämpfen zweier miteinander reagierender Metalle. Sehr oft werden dazu echtes Gold oder Silber verwendet (Videos zur Herstellung). Die Schätzchen für diese Kette habe ich direkt aus Tschechien kommen lassen. Sie sind schon deshalb etwas Besonderes, weil sie nur in begrenzten Auflagen hergestellt werden, man muss beim Einkaufen entweder schnell sein oder genügend Vorrat holen. An diesen mag ich besonders die Endbehandlung, die das Farbenspiel sehr fein wirken lässt - die Oberflächen der Perlen sind nämlich unregelmäßig gebrochen, im Fachjargon "rough rustic edged".
Jetzt muss nur noch endlich die Sonne scheinen, um bessere Fotos zu machen, dann kann ich die Kette in meinem Shop auf Etsy einstellen.

Hier noch das wohl bekannteste Hochhaus mit Fassade aus dichroitischem Glas, das Verwaltungsgebäude von Amazon:

1 Kommentar:

  1. Schon wieder was dazugelernt! Das ist ja unglaublich, was da alles gemacht werden kann. Ich werd' solche Perlen jetzt mit anderen Augen sehen. Und egal, was man vom großen A hält, die Fassade ist faszinierend.So was würde ich gerne öfter sehen...

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