Ein Tag wie im Roman

In den Schulen in Frankreich ging es gestern um nichts anderes. Medien und Social Media laufen offenbar in einer Weise heiß, die kaum noch auszuhalten ist, während parallel dazu so manches Politikerhirn auszulaufen scheint. Hier im Elsass kamen zum großen Schock die "kleineren Schöckchen" - jedenfalls ist man versucht, das so zu sagen, wenn eine Katastrophe in der anderen unterzugehen droht. Ein Kind erschießt ein Kind - junge Menschen erschießen junge Menschen. Aus solchen Tagen kann man herausfallen.

"Achtung" auf Deutsch (li.) und Französisch (re.). Im Elsass haben wir beides, wobei es völlig egal ist, denn bei Holzfällarbeiten sollte jeder Abstand nehmen.

Was hilft besser als körperliche Arbeit! Und die möglichst nicht allein, sondern mit anderen Menschen. Gestern war Baumfällen angesagt, zumal der aufkommende Wind keine Rücksicht nimmt auf menschliche Befindlichkeiten. Die löchrigsten, ältesten Klamotten zurechtgelegt, Gummistiefel dazu und Handschuhe, einen extra großen Café au lait gebechert. Und dann klingelt schon die Chefin und zieht das Werkzeug aus dem großen Handwerkerauto: Eine Handsäge. Für Tischlerplatten. Mit feinen regelmäßigen Zähnchen. Die Kettensäge sei irgendwie nicht zu finden gewesen. Finde mal einer eine Kettensäge in einer riesigen Scheune.

Also ran an den Baum. Mit rechtem Keilschneiden müsste das doch gehen, in Kanada sieht man doch auch ständig Holzfäller mit Handsäge! In Filmen jedenfalls. Ritzeratzeritzratze ... der Baum gibt sich trotzig, spuckt dem Sägeblatt eins, die Chefin schwitzt auf der Leiter. Ich entscheide spontan: "Aus! Schluss!" Wenn wir jetzt den Stamm ansägen und nicht weiterkommen, knickt uns der Sturm den Baum. Noch ist er nur angeritzt - verschieben wir das Ganze.

Da habe ich wieder einmal nicht die Rechnung mit französischer Improvisationsfreude gemacht. Die Chefin verschwand Richtung Scheune, um noch einmal ganz genau nachzusuchen, ich wurde in den Holzfällerladen geschickt, um Kettenöl für die Kettensäge zu besorgen. Das hat etwas von herbeirufender Magie, dachte ich, denn wer Öl hat, findet doch auch Sägen? Im Genick haben wir beide die kommende Schweigeminute. Nur nicht zur falschen Zeit Kettensägen, daran liegt uns sehr. Mir geht es wie ein paar Bauern im Traktor: Kurz zuvor bin ich auf der Straße unterwegs. Schlag Zwölf halte ich in der Pampa vor einem Eisengitter. In der Hügellandschaft hört man von allen Seiten die Trauerglocken. Ich will mich sammeln und blicke durchs Autofenster nach vorne. Eine Ansammlung großer Industriegasflaschen hinter dem Gitter, aufgereiht zwischen Unkraut. Und mein erster Gedanke ist, dass ich diesen für eine Agrarlandschaft so typischen Ort nie wieder unschuldig betrachten werden kann. Es erinnert mich an das Attentat in jener Fabrik vor Monaten und daran, dass Explosionen so viel schlimmer sein können, als wir uns das früher ausgemalt haben, wenn der Nachbar die Gasflasche falsch unter den Grill montiert hat. Die Diskrepanz zwischen der Banalität des Alltags und dem Geschehenen ist kaum auszuhalten.

Der Holzfällerladen hat zu, die Säge ist noch nicht aufgetaucht und uns beiden kommt ein Termin dazwischen. Der meine wurde von meinem Hund ausgemacht, der sich einfach auf der Straße einen Kumpel nebst Menschin ausgesucht hatte. Der vierbeinige Freund kommt vorbei und weil es zwei Männchen sind, deren Sozialverhalten wir noch nicht ganz trauen, lassen wir die beiden im Hof herumtollen. Und da stehen auf einmal die Menschen und lächeln zuerst und lachen dann lauthals miteinander. Wir beide kennen uns weniger als unsere Hunde, aber wir denken das Gleiche: Es gibt nichts Schöneres als diese Lebensfreude - und sie miteinander zu teilen!

Die beiden Hunde spielen wie ausgelassene Kinder, spielen Fangeles und necken sich gegenseitig, spielen ihr Markierungs- und Dominanzspiel. Sie hecheln, völlig fertig vom Rennen, aber da ist immer noch wieder Energie, um den faulen Kumpel hochzureißen. Die Menschen denken nicht mehr an den schwarzen Freitag, sondern wären jetzt gern Hund - weil da nur noch der Moment zählt, das quietschfröhliche Leben. Und dann ist da der plötzlich blaue Himmel, die strahlende Natur und wir packen die beiden Kumpels zu einer Wanderung. Wer genau wen über die Wiesen schleift, ist nicht ganz klar; wir Menschen sind jedenfalls nach einer Stunde völlig außer Atem, vom Lachen und Freuen und Zerren und Ziehen. Völlig platt verabreden wir eine Wiederholung dieses Sports und als fast gleichzeitig die Kettensäge eintrifft, wird mein Hund wieder erstaunlich lebendig. Das Leben ist so spannend und interessant, scheint sein Blick zu sagen. Nur nichts verpassen!

Also wieder die Warnschilder auf die Straße, das Kettenöl abgefüllt und gemacht und getan. Da spielt uns die Anatomie einen Streich. So eine Kettensäge ist auf Hüfthöhe recht einfach zu halten. Übt man den Druck eher nach unten aus, schreit zumindest der Bizeps nicht. Wie aber macht man das auf einer Leiter, von der aus man über sich sägen müsste, gleichzeitig balancierend? Als Kinder haben wir diesen Trick geübt: Die Arme zur Seite halten, solange man das kann. Erstaunlich, wie schnell sie uns damals heruntergekracht sind vor Schmerz. Nun sind wir alles andere als schwächlich, aber die Kettensäge am Teleskoparm erinnert uns vage an diesen Punkt ... war es Aristoteles oder Archimedes? Es gelingt uns nicht, nach seiner Hypothese den Mond auszuhebeln. Geschweige denn, dem Stamm einschneidend zu Leibe zu rücken.

Ein Mann, der in der Nähe gearbeitet hat, kommt und fragt, ob er uns etwas helfen kann. Wir erklären ihm lachend das Problem mir Archiaristoteles. Er meint, wir sollten ihm das Ding mal herüberreichen, sagt's und setzt an. Wir sichern die Straße und der erste Baum wackelt, fällt. Perfekt abgelegt. Ich packe ihn bei der Krone, ein herrlich riesiger Weihnachtsbaum, der Weihnachten nicht mehr erleben wird. Ziehe ihn von der Straße - da fällt bereits der zweite. Der Mann mit der Kettensäge mag kaum aufhören und macht unsere Tagesarbeit in kürzester Zeit mit nonchalantem Lächeln. Gekonnt ist eben gekonnt. Uns bleibt nur, ihn zu fragen, ob er Kuchen isst - irgendetwas müssen wir doch nun auch können! Der Mann macht sich wieder an die eigene Arbeit, die liegengeblieben ist. Als wir Frauen die Bäume zum vorläufigen Lagerplatz gezogen haben, sind wir dann trotzdem geschafft und ich frage mich, wie ich an einem solchen Tag eine Hundetour habe einplanen können. Ein Freund wird später das Holz begutachten für seine Holzarbeiten.



Das Elsass hat sein eigenes Guinness - aus Saverne.
Gestandene Möchtegernholzfällerinnen brauchen nach solch hitziger Arbeit kurz vor dem Sturm natürlich die angemessene Belohnung: Ein schwarzes Einhornbier besiegelt den Tag als gelungen. Und ich habe die Überraschung auf Lager, weil nun wirklich nichts mehr geht und der Hunger bärenartig ist. Auf dem Weg zum Holzfällerladen kommt man nämlich an einem Laden vorbei, wo sich die verfressene Dorfkundschaft bei einem traumhaft guten Traiteur versorgt. Was noch als Fertiggericht übrig sei, hatte ich wissen wollen. Die Verkäuferin zeigte mir zig verschiedene Würste und Nierle in Senfsoße. Ich war hin und weg. Weil es in dem Krimi, an dem ich schreibe, eine humorvolle Schlüsselszene gibt, in der sich zwei Kriminalbeamte aus unterschiedlichen Regionen ihre Landesküche zeigen wollen und ausgerechnet bei Nierle landen. Seit meiner Kindheit weiß ich, sie wirklich gut zuzubereiten, ist eine Kunst und macht außerdem viel Arbeit. So blubbert nun in meinem Kochtopf die "Bain Marie", das Wasserbad mit dem Nierlepäckchen, und im anderen das Wasser für Nudeln. Derweil machen wir Blödsinn mit einer Flasche "Templerwein" (Dorfweisheit: Jeder Wein mit "Templier" im Namen ist trinkbar): Ich versenke den Korkenzieher und wir lassen General de Gaulle beim Eindrehen die Arme heben und er ruft "Vive la France, vive la liberté!" Wir sind so vermessen - wir denken an nichts anderes als an die Lebensfreude, die uns niemand wegbomben wird. Oder denken wir nicht doch auch weiter?

Ich erzähle von den Nierle in meinem Roman und wir finden, dass unser Monsieur Traiteur der peinlichen Kettensägenvorstellung einen würdigen Abschluss verleiht - ein Hoch auf seine Sauce mit Moutard de Dijon, dem nach alten Rezept natürlich. Zum Templerwein und dem französischen Gelage gehört neben dem friedvollen Hundeschnarchen einfach noch Musik und mich überkommt das Gefühl aus einem anderen Roman - dem "Lavendelblues". Der Mann, der uns selbstlos beim Bäumefällen geholfen hat, das anstehende Kuchenbacken als Dank, das gute Essen und die Tatsache, dass wir all das genießen können, das schreit rigendwie nach den 17 Hippies und ihrem Chanson "Marlène", den im Buch die etwas heruntergekommene Jazzsängerin Estelle singt. Sie singt sich damit frei, singt gegen die Krise und die dunklen Gedanken an einer Tafel im Dorfrestaurant und es entsteht Gutes daraus. Ob es diese Laune ist, ob das Geschehene oder die Tatsache, dass man nichts mit "Templier / Templer" im Namen auf etwas mit "Licorne / Einhorn" im Namen aufeinander trinken soll ... wir würden am liebsten zu den Cajun-Klängen der 17 Hippies tanzen, wenn uns nicht die Bäume so in den Muskeln säßen. Also spinnen wir mit Ideen herum, mit einem Laden à la Dahlia, der in unseren Zeiten doch keinen teuren Real-Live-Space (was für ein Wort!) braucht, sondern nur eine Anmeldung bei Dawanda.

Im hoffentlich nicht allzu langen Winter wollen wir die Zeit aufhellen, indem wir uns verrückte Sachen ausdenken, wie man die Welt mit etwas Schönem bereichern kann. Klingt naiv, klingt nach Kleinklein, aber wir glauben fest daran: Wenn wir nur öfter unseren Nachbarn helfen, nach dem anderen schauen, auch Freude teilen und spontan für jemanden einen Kuchen backen - wenn wir Kunst und Schönheit verbreiten und Liebe, dann kann das wie mit den Schneeflocken in einer Lawine werden.

Es war ein wundervoller Tag gestern mit vielen Menschen und großer Nähe, mit Begegnungen zwischen bis dahin Fremden, voller Genuss und auch Spaß. Keine einzige Minute haben wir an diejenigen gedacht, die das alles nicht haben und genau das ausrotten wollen. Weil sie in einer selbstgeschaffenen Welt ohne jede Liebesfähigkeit leben, getrieben vom Hass.
Am Tag danach ist mit dem Muskelkater der Alltag eingekehrt. Der Hund schläft das trübe Licht einfach weg und träumt sichtlich von Gestern. Die Menschen erinnern sich wieder und wissen, dass die Welt so einfach nicht ist wie bei Asterix und Obelix. Aber es tut gut, Social Media und den Lärm der Besserwisser, Hasser und Keifer einfach auszuschalten und menschliche Nähe in der Wirklichkeit zu praktizieren statt per Like zu "erledigen". Und wir werden in Zukunft noch so viel mehr Nähe und Liebe brauchen, nicht nur zu Menschen, die wir sowieso schon mögen.

Vielleicht ist es falsch, vielleicht richtig, sicher aber menschlich: Aus manchen Tagen kann man einfach herausfallen.

Gucktipp:
"Marlène" mit Randa Chahoud / 17 Hippies (Video)
Lesetipp:
"Lavendelblues", Roman um Freundschaft und Südfrankreich-Feeling

1 Kommentar:

  1. Das klingt nach einem wundervollen Tag, voller alberner und freundschaftlicher Augenblicke und wunderbaren Hundemomenten - einer dieser Tage, die einen erden und die Augen für die kleinen und schönen Dinge öffnen und dafür sorgen, dass man sich von den grausamen Ereignissen nicht endgültig überwältigen lässt. :)

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