Gesucht: Selbstdarsteller

Seit unsere Gesellschaft in die Selbstdarstellerpose geraten ist und sich manche kaum noch von ihrem Selfiestick trennen mögen, schauen auch diejenigen weniger schreckhaft ins Licht der Öffentlichkeit, die sich beruflich zeigen müssen und das früher eher zögerlich taten: Schriftstellerinnen und Schriftsteller. Man könnte meinen, ein Buch spräche für sich, hinge allenfalls vom gefälligen und perfekt gestylten Cover ab. Aber gerade AnfängerInnen in der Branche unterschätzen, wofür man gute Fotos braucht!

Kaum zu glauben, aber das ist ein Selfie: Schriftstellerinnenbein in Abendsonne im Stuhlschatten.

1. In der Buchhandelsvorschau der Verlage konkurrieren AutorInnen über die Portraitfotos um die BuchhändlerInnengunst für Lesungen. Natürlich sprechen Inhalte für sich und Bestseller verkaufen sich per se. Aber gerade die Unbekannten haben es schwer, engagiert zu werden. Es ist wie bei allen Bewerbungen: Bezahle ich die blendend aussehende Dilly Dillinger, die eine Pose einnimmt, als stünde sie seit ihrer Kindheit auf der Bühne? Oder gehe ich das Risiko ein mit Erna Huber, die wirkt wie eine plumpe ältere Dame, die selbst bei Fototerminen zu tief ins Glas schaut? Vorurteile. Aber unsere schnelle, bildgewohnte Welt funktioniert so. Nicht umsonst deshalb investieren gute Verlage tüchtig in die Selbstdarstellung ihrer AutorInnen - sie lassen sie von Profis ins beste Licht für die Werbung setzen. Self Publisher sollten das nicht unterschätzen - in eigenen Prospekten oder Werbematerial können sie nur versuchen, möglichst professionell zu erscheinen oder ... alt auszusehen.

2. Bei freien VeranstalterInnen läuft das einige Stufen verschärfter als unter BuchhändlerInnen. Es ist ein offenes Geheimnis, dass Engagements für größere Events und Bühnen parallel zum Honorar mit dem steigen, was unsereins zu bieten hat: Bühnenpräsenz, Aussehen, Sprech- und Darbietungskunst, Aussehen, Vortragsfähigkeit, Aussehen und nochmal Aussehen. Das heißt nicht, dass SchriftstellerInnen wie blutjunge Models wirken müssen. Aber man sucht nach Persönlichkeiten, nach Menschen, die dem Publikum auch etwas fürs Auge bieten, nach Menschen, die neugierig machen, die das Publikum irgendwie ernstnehmen kann in Bezug auf die zu erwartenden Texte.

3. Die Zeiten, in denen sich Bücher durch ihre bloße Existenz verkauften und Inhalte für sich selbst sprachen, sind längst vorbei. Dazu gibt es zu viele gute Neuerscheinungen. Die Welt wartet nicht auf den neuen Roman von Lieschen Müller. Wer bekannt werden will, braucht ein Minimum an Öffentlichkeitsarbeit und mit der erreicht man im Idealfall Medienkontakte. Längst ist die Buchrezension nicht mehr das einzige Format, Personality Stories oder Geschichten über Inhalte erreichen oft viel mehr Aufmerksamkeit - je bebilderter, desto besser. Wir brauchen also Fotomaterial für JournalistInnen. Und wenn wir in einer Talkshow auftreten wollen, sogar für Castingagenturen! Eigenes Fotomaterial ist einerseits ein Schutz: Gegen die unsäglichen Knipsereien etwa, wenn der freie Mitarbeiter vom lokalen Käsblatt mit dem Handy zuschlägt, weil er seine Kamera vergessen hat und im Hauptberuf sowieso eigentlich Metzger ist. Gute Fotos signalisieren aber auch guten Zeitschriften: Hier lohnt es sich, euren Fotografen für eine ganze Session zu schicken oder wenigstens das eigene Material großformatig abzudrucken. Eien Pressemappe ohne AutorInnenfotos ist keine vollständige Pressemappe - und auch die eigene Website ist so eine Öffentlichkeitsdarstellung.

4. Richtig gute Fotos brauchen wir für jedes Werbematerial: Vom Veranstaltungsplakat über den Prospekt bis hin zu Give-aways. Es macht sich also bezahlt, hier einmal richtig zu investieren. Denn so ein Foto bildet im Idealfall auch eine Marke ab, die Marke AutorIn Soundso. Es erzählt Geschichten ohne Worte.

Andrea Diener hat mit "Denkerfaust in Sepia" in der FAZ launig gezeigt, wie man die schlimmsten Unfälle von AutorInnenfotos produzieren kann. Natürlich gilt das vor allem für Portraits und die Fotos für die Pressemappe und Werbung.

Mein Internet-Avatar ist auch nur ein Selfie. Grundüberlegung war, dass ich FB nicht meine ganzen biometrischen Daten servieren wollte, also der reine Trotz des Versteckens. Allerdings befinde ich mich an einer Örtlichkeit, die sich durch viele meiner Bücher zieht (ein Garten) und wer das Buch vor meinem Gesicht genauer anschaut, entdeckt mein Grundthema der Grenzgängereien, eines kosmopolitischen Europas, das vor Kunst und Kultur nur so sprüht. Außerdem sollte ein Avatar auch en miniature wirken - darum die ausgewählten Farben und die Aufteilung.
Eine Ausnahme ist das, was man "Live-Darstellung" nennen könnte: Auftritte in den "schnellen" Medien wie Blogs, Social Media, eben auch Selfies. Da bringen Dilettantismus und Einfallsreichtum oft erst den richtigen Pepp, man steigt vom Podest und präsentiert sich "zum Anfassen". Aber Achtung: So schnelllebig uns das vorkommen mag, das Web vergisst auch den schlimmsten fotografischen Ausrutscher nicht. Und wir sollten uns als Personen der Öffentlichkeit schon zuerst einmal überlegen, wie wir uns darstellen wollen und wie nicht. Ob wir nicht vielleicht sogar unsere aufwändig erstellten Portraits anderswo völlig demontieren. Wie zeige ich mich und wie nicht? Ich hätte ein paar "PR-Unfälle" aus dem Web durchaus zur Hand, aber sowas führt man nicht vor. Also sind meine Beispiele erstunken und erlogen.

Eine Autorin räkelt sich auf ihrem Avatar halbnackt am Strand. Auf dem Profilbild zeigt sie ihren Arm mit riesiger Handtasche. Kopfkino: Spontan denke ich an erotische Kurzgeschichten mit einem Schuss Chicklit. Weil es eine Handtasche von Hermès ist, entscheide ich, dass sie es nicht unbedingt nötig hat, ihre Bücher zu verkaufen. Was aber, wenn diese Frau Bücher als investigative Journalistin schriebe? Oder Romane mit Öko-Touch?

Ein Autor postet für sein Leben gern "Foodporn". Leider sehen seine Bilder vom Selbstgeköchelten traurig bis wie schon mal gegessen aus. Man mag ihm gar nicht mitleidig sagen, dass man ihn zu gern zum Essen einladen würde, damit er endlich mal etwas Ordentliches bekommt. Das wäre fein, wenn er wirklich den einsamen Wolf markieren würde oder Romane über die Tristesse der Fastfoodgesellschaft schriebe. Was aber, wenn der Mann dann in jedem dritten Posting Werbung für seine ach so wunderbaren Kochbücher als Self Publisher machen würde?

Ein Self Publisher erzählt, wie professionell er arbeitet. Dass er die gleiche Qualität bietet wie Verlage. Sein Portrait sieht aus, als hätte es die Tante aus Versehen beim Pizzaessen geknipst: Die Backen sind aufgeblasen, das unpassende Objektiv und schlechter Standort holen den Bierbauch vors Gesicht, von dem man mehr Doppelkinn sieht als Augen. Verblitzt ist das Ganze auch noch, aber man kann die in Holz geschnitzten Sinnsprüche an der Wand noch lesen. Ob er seine Bücher auch in Holz schnitzt oder verblitzt?

In allen Texten gibt sich eine Autorin als hochliterarische, hochseriöse, zutiefst nachdenkliche Edelfeder. Offenbar reagiert sie sich gern mit Selfies ab und kapsert in schrägen Klamotten und noch schrägeren Grimassen durchs Web, als sei sie Pippi Langstrumpf persönlich Die perfekte Inszenierung, wenn sie Pixiebücher oder Popkultur schreiben würde.

Zugegeben: Es ist verdammt einfach zu erzählen, wie man es nicht machen sollte. Ich selbst bin vor Ausrutschern nicht gefeit, weil die Zeiten, in denen ich mich von echten Profis ablichten lassen konnte, schon so lange vorbei sind, dass ich die alten Fotos nicht mehr mit meinem Alter zur Deckung bringe. Aber auch wenn ich meine Website und das Blog hier mit einem Selfie schmücke (pfuipfuipfui), habe ich darauf geachtet, dass es einigermaßen mit meiner Arbeit zusammenpasst. Sollte ich wieder in die Verlegenheit kommen, mich groß darstellen zu müssen, wäre eine Investition in eine Fotosession das erste!

Die von mir sehr geschätzte Fotografin Heike Rost (die meine ganz persönliche erste Wahl wäre) habe ich bei Facebook gefragt, was ein gutes AutorInnenfoto können sollte. Sie schrieb dazu:
"Ein »gutes« Autorenfoto ... wird dem abgebildeten Menschen gerecht. Sowohl in seiner Entstehung als auch in dem, was dieses Bild zeigt. Wertschätzung, Respekt und Vertrauen gehören dazu - ebenso wie sich aufeinander einzulassen. Damit das Bild keine Reproduktion einer Außenansicht bleibt, sondern seine eigene Geschichte über einen Menschen erzählt, der sich idealerweise in dieser Geschichte wiedererkennt und -findet."
Heike Rost findet man im Internet mit ihrer Website und bei Facebook. Und mit ihrem feinen Blog "Image and View" - die Frau kann nicht nur sehr sensibel fotografieren, sondern auch schreiben!


Ein Portfolio eines anderen von mir geschätzten Profifotografen möchte ich noch zeigen: Sven Paustian ist u.a. spezialisiert auf AutorInnenfotos. Neben Portraits setzt er SchriftstellerInnen auch für Zeitschriften in Szene, ich hatte einmal das Vergnügen, von ihm für einen Artikel im Focus abgelichtet zu werden, mein Autorenbild bei Lübbe war ebenfalls von ihm. Sven Paustian zeigt seine Bandbreite bei deutschsprachigen AutorInnen und internationalen.

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