Nijinsky kommt auf die Bühne

Es ist eigentlich ein Projekt des "galoppierenden Wahnsinns". Aber wenn ich betrachte, wie es dazu kam, dann ist mein neuer Traum von Anfang an daraus entstanden, verwegen ins eiskalte Wasser zu springen und nicht nach möglichem Scheitern zu fragen. Scheitern kann man in der Kunst immer - aber um Fehler machen zu können, muss man schließlich erst einmal etwas anpacken!


Wer hier schon länger mitliest, kennt die Geschichte meines Herzensprojekts "Faszination Nijinsky. Annäherung an einen Mythos" über den berühmtesten Balletttänzer des 20. Jahrhunderts, der tragisch im Wahnsinn endete - und die kulturprägenden Ballets Russes, ein literarisches Sachbuch. Der erste Verlag musste kurz vor Produktion die Geschäfte aufgeben, ein zweiter hielt mich über wertvolle, somit vertane Monate hinweg hin, um dann mit einer absolut fadenscheinigen Begründung abzuspringen (ein englischer Ausstellungskatalog in London habe angeblich den Markt für dieses Buch in Deutschland kaputt gemacht). Ich habe im Blog damals ausführlich die Geschichte meiner Verzweiflung erzählt, die mich schriftstellerisch fast lähmte. Zum Glück haben mir die richtigen Menschen einen Tritt verpasst und mich gefragt, warum ich das Projekt nicht selbst anpacke, anstatt mich auf Dritte zu verlassen. Habe ich gemacht und es war gut so.

Seither hat dieses Buch mein Leben völlig umgeblasen. Ich habe neue Welten kennen gelernt, die ich mir zuvor nicht erträumt hätte; war endlich dort, wo ich mich immer hin wünschte: künstlerisch tätig zu sein ohne diese ewigen Behinderer und Bedenkenträger, die nur nach Quoten und billigen Trends schielen. Es ist hart, es ist ärmlich, aber um so viel befriedigender. Aber man muss sein Buch auch gegen den Millionenwust an Neuerscheinungen und Altauflagen selbst sichtbar halten. Im nächsten Jahr steht Vaslav Nijinskys 125. Geburtstag an, im Jahr darauf rundet sich sein Todestag. Immer noch in den alten Buchwelten gefangen, dachte ich also an Lesungen zum Jubiläum. Und dann begann alles damit, dass mir ein Veranstalter erzählte, die Leute seien der herkömmlichen Lesungen müde, dazu käme kaum mehr jemand freiwillig.

Recht gab ich ihm - ich hatte bisher eher zu Dias frei erzählt und Proben gelesen, das machte die Welt der Ballets Russes viel lebendiger. Der Satz setzte sich fest in meinem Hinterkopf. Ich blätterte zum soundsovielten Male mein eigenes Buch wieder durch und stieß auf ein Geheimnis. Diese so bedeutende Nahtstelle, an der sich die gesamte Geschichte änderte: Für Nijinsky, den Startänzer - für Diaghilew, seinen Lebenspartner und Impresario - und damit für die gesamte kulturelle Welt der Zeit kurz vor dem Ersten Weltkrieg. Beide waren inkognito in Baden-Baden. Vorher das berühmteste schwule Paar Europas, das sich deshalb nicht verstecken muss ... kurze Zeit später Nijinskys Überraschungsheirat mit Romola, einem Society-Girl und Groupie. Vorher die größten Theaterskandale der Zeit, Nijinsky seiner Zeit voraus ... und dann der Ruck in Diaghilew, sich lieber wieder Konventionellerem zuwenden zu wollen, um das reiche Publikum nicht zu sehr zu verschrecken. Was war in jener Zwischenzeit geschehen? Weder Biografen noch Forscher haben es je herausgefunden ... es gibt jede Menge abenteuerlicher Theorien, aber keine Beweise.

Mir fiel ein Text eines Augenzeugen in die Hand, der mich auf eine Idee brachte. Was aber macht man mit einer Begebenheit, deren Rätsel nie gelöst werden konnte? Man kann sie nur künstlerisch bearbeiten. Ich trieb mich wieder einmal am Ort des Geschehens herum und hörte die beiden förmlich miteinander reden. Das muss aufs Papier, dachte ich. Aber wer kauft Dialoge auf Papier? Es schrie nach Bühne ...

Diaghilew und Nijinsky
Ich will nicht damit langweilen, wie ich mir ein Exposé aus dem Bauch hämmerte, mit wie vielen Menschen ich darüber sprach - Menschen, die vorab Vertrauen in mein Können haben mussten, weil ich das Stück noch nicht geschrieben habe. Es war zunächst nur ein völlig verrückter, verwegener Traum ... und diese Geschichte, mit der ich irgendwie noch nicht fertig bin. Gestern kam die Zusage vom Dramaturgen. Die Veranstaltung wird eine szenische Lesung mit Schauspielern sein, sozusagen als Generalprobe ... ich muss mich ja erst noch beweisen. Es könnte ein Anfang werden ...

Und so kann ich jetzt schon herzlich einladen:
Die Bibliotheksgesellschaft Baden-Baden und das Stadttheater bringen am 27. Mai 2014 anlässlich des 125. Geburtstags von Vaslav Nijinsky eine szenische Lesung auf die Bühne des Literaturmuseums Baden-Baden:
"Jeux - russische Spiele in Baden-Baden" von Petra van Cronenburg

Ich werde natürlich rechtzeitig bekannt geben, welche Schauspieler lesen werden und wann der Vorverkauf startet, denn der Raum ist begrenzt. Und sicher wird jeder verstehen, dass ich jetzt in Schöpfungspause gehe!

Es hat mich wieder eines gelehrt: Nicht Rankings und Trends spielen eine Rolle, sondern brennende Leidenschaft. Sie überträgt sich auf andere, steckt an, begeistert. Und da draußen sind so viele fantastische Leute, mit denen man etwas auf die Beine stellen kann!

Kommentare:

  1. Kann ich bitte tausendmal "Applaus" drücken ? Super - ich gratuliere Dir ! Viel Spaß beim Schreiben, ich bin sehr gespannt auf's Ergebnis ;-))

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  2. Ich wünsche Deinem Stück ganz viel Erfolg.

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  3. Es ist mir immer eine Freude, wenn sich Glück auch zeigen kann. Dann steht jeder Wunsch, vorne dran. Vom Traum ihr Glück; feste Freude. Es wird Spaß zu Gewinn. Zu Begeisterung kommt der Preiß.
    Ich gesteh selbst… wünsche viel zum Erfolg.
    Und ein lächeln grüßt… wenn es liest.

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  4. Ich danke allen für die guten Wünsche - die ich jetzt beim Schreiben sehr gut gebrauchen kann!
    Den Programmtext gibt's übrigens im Nijinsky-Blog (s. Menu rechts oben)

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  5. Dir auch noch hier ganz viel Spaß und Erfolg beim Schreiben und Aufführen! Spontan wäre ich gern gekommen, aber ich fürchte, dass genau an dem Wochenende eine Fortbildung stattfindet. Auf jeden Fall werde ich alles hier genau verfolgen!

    Herzlichst
    Christa

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  6. Der Termin steht in meinem Kalender - drück Dir die Daumen, aber das kriegst Du schon hin :-)

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  7. Wenn du das sagst, Lydia, glaub ich dran! :-)
    Ich verstehe natürlich, dass Auswärtige nicht mal einfach für einen Dienstag-Abend in eine Stadt fahren! Aber ich arbeite dran, dass sich die Termine mehren ... siehe Grenzgängerblog.

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