Ein rasendes, verrücktes Jahr

Als Kind habe ich mir einmal selbst einen Brief in die Zukunft geschrieben - ich habe ihn auf das Jahr 2001 datiert, wenn ich meiner damaligen Meinung nach längst eien uralte Frau sein würde; in einer Welt, in der Autos durch die Luft schweben, Menschen auf Rollbändern durch die Straßen getragen würden und kleine Übersetzungsmaschinen am Hals hätten. Viel war in diesem Brief vom Träumen die Rede, vom Leben von Träumen und von Freiheit. Lass dir ja nie von Erwachsenen die Freiheit nehmen, schrieb ich der vermeintlich alten Frau.

Zwölf Jahre nach Ankunftsdatum fühle ich mich immer noch jung und lustig und bin fasziniert, wie sich Alterswahrnehmungen mit der Zeit verschieben. Es ist auch rührend, wenn wir - egal in welchem Alter - gefragt werden, wie wir uns die Zukunft vorstellen ... in zehn, zwanzig oder auch vierzig Jahren. Was davon tritt ein? Und wie viel von dem, was kommt, gestalten wir aktiv und bewusst selbst - wie oft mischen wir uns ein, damit unsere Zukunft auch wirklich die unsrige wird? Wie viele Träume holen wir ins Leben, anstatt uns durch dieses ewige "Aber" selbst zu behindern? Sind wir uns immer dessen bewusst, wie schnell so ein Leben vorbei sein kann ... wo man doch so viel auf die lange Bank geschoben hat? Das Karussell dreht sich ...


Das Jahr 2013 hat sich für mich angefühlt, als sei es wie ein Komet vorbeigerast, als könne ich keinen einzigen Tag fassen. Mag sein, dass dieses Gefühl auch am Alter liegen mag - ich glaube es nicht. Ich glaube, dieses Gefühl der Raserei kommt durch zwei Effekte zustande: Wenn man sich selbst bis an die Grenze aus- oder belastet und zu wenig Auszeit nimmt. Oder aber, wenn ein Ereignis, das zunächst nebensächlich erscheinen mag, plötzlich einen Schlund in uns aufreißt, durch den wir in einen Abgrund sehen können, auf etwas "Größeres". Das kann manchmal eine persönliche Lebenserschütterung sein, durch die man sich der eigenen Endlichkeit wieder bewusst wird und nachzudenken beginnt über den Tod. Plötzlich wirkt so ein Menschenleben ganz winzig im kosmischen Gefüge, wo bleibt die Zeit ... was tut die Zeit dort? Rast sie? Steht sie?

Es kann aber auch einer dieser seltenen Momente sein, wie ich ihn in diesem Jahr erlebt habe: Etwas im fernen Außen passiert. Und man wird sich plötzlich dessen bewusst, dass ein ganzer Geschichtsverlauf umkippt. Das nichts mehr ist, wofür man es vorher hielt. Man fällt aus dem Weltgefüge, das man sich in vermeintlicher Sicherheit zurechtgezimmert und fein tapeziert hat. Da gähnt wieder dieser Schlund - man ahnt einen möglichen Abgrund, aber diesmal schließen alle die Augen. Diese Angst vor dem Aufprall! Dieser kurze, blitzartige Gedanke, dass man genau in der Katastrophe landen könnte, vor der das Kind damals die Erwachsene eindringlich gewarnt hat: dem Verlust der Freiheit! Geschichte geschieht. Und ich ... und jeder andere mit mir ... wir stehen am Rande und schauen und haben die letzte Chance zu sehen. Geschichte wird gemacht. Und wir können das regelrecht beobachten, das Stichwort heißt NSA.

Wie viel habe ich selbst für eine gute Zukunft getan, wie oft weggeschaut? Das Karussell dreht sich seit 2013 so rasend, dass wir immer noch allzu fassungslos staunen: Wir leben in theoretisch klarem Bewusstsein in einer Welt, in der jede einzelne Bürgerin, jeder einzelne Bürger zum gläsernen Menschen wird, a priori kriminalisiert. Wir werden überwacht in all unseren Äußerungen: im Internet, in unseren Mails, unseren privaten Telefongesprächen und per Überwachungskamera auch noch in Städten abgefilmt - denn jeder von uns wird in einem solchen System a priori verdächtigt, er könne ein Verbrecher sein, ein Terrorist. Was dagegen ist Wirtschaftsspionage von Staaten oder das Abhören von befreundeten Politikern? Wir rasen offenen Auges in einen Abgrund und schauen still zu. Es gehen nicht Millionen von Bürgern auf die Straße.

Im Gegenteil: Viele von uns ziehen sich erstaunlich ungeniert in aller Öffentlichkeit aus. Was ich in diesem Jahr bei Facebook erleben durfte und leider auch musste, lässt mich tief philosophisch nachdenken über das Wesen Mensch. Mehrfach wurde ich per Foto unfreiwillig Zeugin von Krankenhausaufenthalten, wo manchmal fast bis zum OP-Tisch gesendet wurde. Wollte ich wirklich all das Blut sehen, die OP-Entstellungen von halbnackten Körpern? Wollte ich von manchen Menschen den Eindruck bekommen, sie seien da drinnen im Krankenhaus elend einsam oder einfach nur öffentlichkeitsgeil oder irgend etwas Undeutbares?

Was waren das für Zeiten, als es noch ein Mindestmaß an Intimzone gab! Als man sich selbst guten Bekannten erst einmal vorsichtig annäherte und deren Grenzen des Aushaltbaren respektierte. Als man vielleicht im Stillen mit Freunden da draußen im Leben über die Ängste auf der Intensivstation sprach oder über das Bewusstwerden der eigenen Grenzen, der Zerbrechlichkeit von Gesundheit. Als man noch den "rechten Moment" abpasste und nicht zu den Mahlzeiten über Leichenteile redete. Stattdessen klicken wir "gefällt mir" im Akkord, tippen "Gute Besserung" gleich im Dutzend und rauschen zum nächsten Patienten. Dazu Bilder misshandelter Tiere zum Frühstück, Agitationen wegen gequälten Essens zum Mittag ... und ja, ich habe zum Abendessen dann auch schon mal Petitionen unterschrieben, an die ich mich nicht mehr erinnern kann.

An all dem bin ich nämlich selbst schuld: Ich kann ja filtern, kann stumm schalten, kann mich verweigern. Schlimm, wenn dann Dinge geschehen, wie ich sie von außen bei anderen erlebte: Da streitet sich ein Paar nicht am Küchentisch, sondern macht sich bei FB gegenseitig im jeweils eigenen Profil stinkig ... jemand wird im echten Leben auf den Partner eifersüchtig, weil der in Social Media mehr Erfolg und Zulauf hat ... und die Höhe: Eine Hochzeit wird online aufgekündigt. Da ist die Frau, die für das, was sie ins Internet kübelte, nun Job und Familie verloren haben soll, eigentlich nur noch ein winziges Mosaiksteinchen, das wir in 30 Tagen schon wieder vergessen haben werden. Sie ist aber auch ein Beispiel dafür, dass wir uns vehement fragen müssen, wie wir in Zukunft in einer vernetzten Welt mitmenschlich sein wollen, miteinander umgehen wollen. Was bedeuten uns die Gefühle und Verletzungen anderer? Wollen wir in Zukunft den entfesselten Mob und die Instant-Trennung per Smartphone oder lieber Werte wie Achtsamkeit und Behutsamkeit, womöglich Empathie?

Auch das ist in diesem Jahr für mich erstmals spürbar geschehen: Längst ist eine Trennung von "echtem Leben" und "Internetleben" absolut nicht mehr denkbar. Dinge, die wir früher mit uns alleine ausgemacht haben oder nur unter wahren Freunden, finden inzwischen in aller Öffentlichkeit statt, virtuell, mit heruntergelassenen Hosen. Trauer, Schmerz, Trennung, Scheidung, Mobbing, Haß, Shitstorms - alles längst in Social Media angekommen.

Ich möchte wetten, so mancher, der da im Internet seine Lieben (?) in die Wüste schickt, steht womöglich sprachlos mit gezückten Smartphone im Nebenzimmer eben jener Lieben. Aber Anrufen ist nicht mehr. Clicktivism statt echter Kommunikation. Vielleicht rast auch deshalb mein Jahr so dahin ... weil ich nicht fassen kann, nicht fassen möchte, wie Dinge ausgetragen werden, die Tiefe verdient hätten und Bedeutung.

Auch ich war nämlich in diesem Jahr im Krankenhaus. Für mich persönlich trotz der "Routinesache" eine derart umwälzende Erfahrung, dass ich absolut offline war und ganz bewusst währenddessen akribisch und auf Papier Tagebuch geführt habe, intensiv Menschen beobachtete und natürlich mich selbst. Gespräche blieben im inneren Kreis. Schriftsteller machen so etwas, irgendwann wachsen die Erfahrungen und Bilder in Bücher hinein ... aber sie müssen Zeit und Luft haben zum Wachsen, umgeben von lieben Menschen. Im Nachhinein frage ich mich, was ich hätte twittern oder teilen sollen? Wo ich doch jetzt im Moment schon bereue, es auch nur erwähnt zu haben! Wer sagt mir denn, dass nicht irgend eine Versicherung mir demnächst kündigt, weil sie mitliest? Oder dass ich eines Tages deshalb in einem Unrechtsstaat leichte, angreifbare Beute sein werde? In welche Schublade bringt mich das bei der NSA und in den Werbealgorithmen? So viel Schere schon im Kopf ...

Oh ja, ich hätte Fotos teilen können. Vielleicht vom Supermanager auf der Intensivstation, der angesichts dessen, dass er das Bett einkotete, dem Personal gegenüber zum Vieh wurde, weil der supertoughe, supercoole Pascha sich noch nie damit auseinandergesetzt hatte, dass ihm eines Tages Fremde den Hintern abwischen müssten. Ich hätte das Lächeln der algerischen Putzfrau fotografieren können, die mir einen extra Kaffee besorgte, weil ich sie nach ihrer Tochter fragte. Oder jenen brüllenden, puterroten Sohn, der seine demente Mutter nicht in die Spezialstation bringen lassen wollte, der nicht sehen wollte, wie das Personal am Ende war, der herumbrüllte, hier seien doch einfach alle irre, seine Mutter sei schon seit zehn Jahren so und man müsse akzeptieren, dass sie nachts herumwandle und andere Patienten würgen wolle. Folie à deux. Ich hätte den Tropf mit dem wohltuenden Drogencocktail fotografieren können oder die Angst einer jungen Mutter vor der OP. Ich hätte Hände fotografieren können, die andere Hände halten. Fremde Menschen, die sich plötzlich verbunden fühlten, die sich gegenseitig beistanden, obwohl es beiden Seiten jämmerlich ging. Ein immer lächelndes, immer lebenslustiges Personal hätte ich fotografieren können, das sich keine Belastung anmerken ließ. Was davon wäre geblieben? Ein Klick, ein "gefällt mir"?

Vielleicht aber müssen diejenigen, die sich selbst beobachten können und müssen bis zum bitteren Ende, die ihr Leben schreibend erleben und schreibend bearbeiten, das wirklich für die Öffentlichkeit tun. Vielleicht ist das unsere moderne Art des Lernens für die eigene Vergänglichkeit? Wolfgang Herrndorf hat sich auf diese Weise 2013 selbst in den Tod hineingeschrieben. Als der Schriftsteller nichts mehr zu verlieren hatte - das Todesurteil hatte ein bösartiger Hirntumor erteilt - begann er mit einem Blogtagebuch, unerbittlich seinen täglichen Weg in die Katastrophe zeigend. Der begabte Schriftsteller hat sich im August selbst vom Leiden erlöst und uns jenen letzten Gang als Erbe zum Nachdenken hinterlassen, nun auch als Buch.

Da ist sie wieder, diese Frage: Was tue ich, um meine Träume ins Leben zu holen, wo doch so ein Leben endlich ist?

Ich bin da inzwischen radikal. Zum Glück. Und stelle fest: Seit ich frech ins eiskalte Wasser springe, habe ich solche wunderbare Begegnungen, mit denen ich schwimmen lerne! Nijinsky und Diaghilew ... nie waren "Buchfiguren" so lebendig für mich. Ich hätte sie auf einer Bühne sehen können. Warum eigentlich nicht? Als mir Unterlagen in die Hände fielen, die das 100 Jahre alte Geheimnis lüften könnten, warum sich Diaghilew so plötzlich mit Nijinsky überwarf und der völlig unlogisch eine Frau heiratete, obwohl er sein Leben lang nur mit Männern zusammen war, da brodelte es in mir.

Gleichzeitig machte ich spannende Bekanntschaften in der Ballettwelt. Ich traf auf Menschen, die ich begeistern konnte, die an mich glaubten. Und nun ist es so weit: Ich muss das Stück schleunigst schreiben! Bis zur letzten Minute drohte alles, an den Finanzen zu scheitern - ein öffentlicher Zuschuss fiel aus. Und dann das große Wunder: eine Überweisung, die alles rettete! Völlig unerwartet, unverhofft, verblüffend. Eine Mäzenin, die im Internet von dem Projekt erfahren hatte. Sie tauchte so plötzlich und unerwartet auf wie die russischen Freunde, die nach meiner Heimkehr aus dem Krankenhaus mit einem riesigen Fresskorb vor der Tür standen.

Für all diese Menschen bin ich in diesem rasenden, verrückten Jahr 2013 dankbar. Genauso wie für die kurzen Momente, wo Leserinnen und Leser mir so berührend geschrieben haben, was meine Bücher ihnen gaben. Es sind die Momente, die mich immer wieder mit Kraft und Motivation versorgen, diesen irrsinnigen Beruf durchzuhalten und wieder zu wissen, warum ich das tue.

2014 kann kommen.
Und ich wünsche in diesem Sinne all meinen Leserinnen und Lesern besinnliche, stressfreie Feiertage, die man mit seinen Lieben verbringt oder einfach nur zum Innehalten nutzt. Und weil ich jetzt ins Schreibkämmerchen abtauche, wünsche ich jetzt schon einen guten Rutsch in ein Jahr, in dem wir hoffentlich unsere Zukunft etwas aktiver anpacken als im letzten!

Kommentare:

  1. Danke erstmal. Viel Bedenkenswertes, den Text sollte man mehrfach lesen. Mich persönlich hat die NSA-Geschichte nicht so sehr überrascht, da ich zu lange im Bewusstsein gelebt habe, dass alles abgehört und gelesen werden könnte. Aber übel ist es deshalb trotzdem, und ich hoffe auf mehr Gegenwehr und weniger "ich habe doch nichts zu verbergen".
    Allerdings sollte man dann auch sehen, was man von sich selbst preisgibt.
    Im Gegenzug dazu stört mich aber eben die Schere im Kopf - die mich beim Schreiben aus diversen Gründen schon lange behindert. Das wäre einen gesonderten Artikel wert. Schreibe ich den, oute ich mich auf andere Art. Will ich das?

    Soweit meine Gedanken dazu, schöne freie Zeit noch, pass auf Dich auf.

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  2. Susanne, das ist eine sehr gute Frage! Vor allem, sich damit auseinanderzusetzen, welcher Art jene Schere sein könnte.

    Die Sache mit der NSA hat mich zunächst auch nicht ganz so überrascht, denn mir war klar, wer in Social Media Spuren hinterlässt, wird vielleicht nicht nur für fesche Klamotten- und Schokowerbung durchleuchtet. Und wer weiß schon wirklich, wem Google gehört?

    Der Schock kam für mich wie immer durch die Nähe. Als ich in Le Monde las, dass all meine vielleicht noch so intimen Telefongespräche über Jahre hinweg bei der NSA gelandet waren, abgehört durch meine Mitbürger in einem netten touristischen Städtchen im Elsass. Dass es dort irgendwelches Militär gibt, wussten wir alle. Aber dass diese Soldaten gemeinsame Sache mit der NSA machten und derart gegen Gesetze unseres Landes verstoßen, das hat dann doch eine brutale neue Qualität. Millionen Franzosen sind davon betroffen und in Le Monde haben wir die Karte der Abhörstationen sehen können. Ich denke frech, dass es im Nachbarland nicht besser aussieht.

    Es gibt diesen vermeintlichen Schutz nicht, ein Verschweigen ist gar nicht mehr möglich. Höchste Zeit also, zu handeln: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/themen/autoren-gegen-ueberwachung/juli-zeh-und-ilija-trojanow-im-gespraech-alles-ist-gesagt-jetzt-muessen-wir-handeln-12702943.html

    Was aber, wenn Schriftsteller auch schon schweigen? Wir haben einen großen Vorteil wie viele Künstler: Wir bewegen uns ständig zwischen Selbstinszenierung und dem "Innen im Kopf". Und gerade die Inszenierung ist ein ungeheurer Freiraum, wir können Dinge sehr offen sagen, ohne uns zu outen und Outings betreiben, die vielleicht auch nur Inszenierung sind ;-)

    Frohe Feiertage euch allen - auf dass die Schren nur für Geschenkbänder verwendet werden!

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