Tag 13 - Was fürs Herz!

Meteo France warnt heute in der Dordogne davor, Schneemänner zu bauen. Auch wenn es verführerisch sei mit all dem Schnee, das Confinement, die Ausgangssperre, gelte nach wie vor. Und sie ist inzwischen vorläufig auf den 15. April verlängert worden. Wenn man jedoch betrachtet, dass der mitten in den Osterferien liegt und ein plötzliches Reisen so früh katastrophal würde, rechnen wir insgeheim mit dem ganzen April. Das mit dem offenen Ende hört sich halt besser an als das, was der Wissenschaftsrat längst empfiehlt: den ganzen Monat einigeln. Heute gelingt es leicht: Der Winter ist kurz zurück. Nach 19 Grad zu kalt. Verrückte Zeiten.

Spazierengehen mit Wildbienen - das geht auch auf der kleinsten Blüte.


Schaltet man die Katastrophenbilder und die Meldungen all der Besserwisser und Dummbeutelschwätzer mal weg (und das ist überlebenswichtig), bleibt doch auch eine Menge Kurioses, Schönes, Hoffnungsvolles. Darum soll es heute gehen.

Auch wenn sich mein Gehdrang noch nicht an die neuen Einschränkungen gewöhnt hat, lerne ich derzeit von Bilbo, einfach kleinteiliger und intensiver zu erleben. Gestern hätte er alle Zeit der Welt gehabt, wir hätten theoretisch in aller Heimlichkeit in den Wald ausbrechen können, aber der Hund wollte partout zurück. Viel zu früh kehrte er mitten in einer Pfütze um, zielstrebig. Er hatte sich auf dem Hinweg auf der Wiese ein spezielles Mausloch gemerkt. Und nichts auf der Welt hielt ihn ab, dorthin zurückzukehren.

Die Maus wird sich ein neues Bett bauen müssen. Und Bilbo zeigte mir, dass halbstündiges Wühlen im Untergrund, ein leckeres Düftchen in der Nase, eine Stunde Waldgang völlig ersetzt. Die kleinen unterirdischen Welten mit ihren gewundenen Gängen und Herausforderungen, den feinen Spuren vergangener Besucher, können so spannend sein! Und dann einfach hechelnd und erschöpft vom Graben sich hinschmeißen, in der Wiese liegen, den Hügelkamm und den Waldrand betrachten. Dort standen drei Rehe und blickten auf uns. Der Hund war zu ausgepowert, um auch nur aufzustehen. Die Rehe verlieren ihre Scheu, seit es kaum noch Menschen gibt. Und so sog auch ich den Horizont in mich ein, den zart grünenden Waldrand mit seinen weißen Blütenschleiern. Die jetzt aufblühenden Schlüsselblumen und das Wiesenschaumkraut.

Nachdem sich der Hund zuhause in die Sonne gelegt hatte, machte ich es ihm nach: Ich ging auf Expedition zwischen Blumentöpfen, besuchte fremde Ameisenstämme und grüßte Kellerasseln, mischte mich still unter Wildbienen und lachte mit einer fetten, dicken Hummel. Der Hund hat ja so recht. War es eine Handvoll oder ein Spaten voll Boden? In dem sollen mehr Kleinstlebewesen existieren als Menschen auf dieser Erde! Was nehmen wir uns eigentlich so wichtig? Im Prinzip sind wir Konglomerate aus Sternenstaub, im Darm besiedelt von noch einmal jeder Menge Kleinstlebewesen - und wir trampeln auf diesem belebten Boden herum und bilden uns wer weiß etwas ein. Ich gehe im Blumentopf mit den Augen spazieren und frage mich, wie sich das Bodenleben da drinnen wohl fühlen mag? Regenwürmer sorgen für Extrahumus - ihnen geht es gut.

Die Riesenhummel, die seit Tagen mit mir darum kämpft, ein Nest in der Wohnung bauen zu dürfen, kommt zurück, brummt mit Karacho gegen meine neugierige Nase. Ich lache und denke an den schönen Text übers Lachen: "Jauchzet und frohlocket" von Schwesterfraudoktor.

Auf eine fast perverse Art (so urteilt aber nur der Arbeitsmensch in mir) genieße ich es, derzeit durch zwingende Umstände von so viel Ballast und vermeintlichen Verpflichtungen freigestellt zu sein, die eigentlich nicht wirklich zu etwas führen. Wir geben damit an, wie fleißig und funktionabel wir sind; glauben, überall mitmischen zu müssen, weil wir sonst out wären. Und jetzt, wo wir alle out sind, nämlich auf die eigenen vier Wände zurückgeworfen, spielt es plötzlich keine Rolle mehr, ob der Banker zur virtuellen Konferenz unterm Tisch nicht Jogginghosen trägt. Foodporn darf endlich mal entspannt aus der Büchse kommen und Schokolade ist gesund, weil sie Wohlgefühl macht. Chaos, Unordnung, unaufgeräumtes Leben werden vorzeigbar. Was bleibt von den botoxgespritzten Dauer-Um-Die-Welt-Jettern, die eine Challenge nach der anderen runterreißen, ohne ihre lackierten Langkrallen dabei zu verlieren, wenn sie auf sich selbst und ihre Klopapiervorräte im gewissen Örtchen zurückgeworfen sind?

Apropos Challenges ... die gibt es natürlich weiterhin. Und sie werden verdammt kreativ. Eine, an der ich mich nicht satt sehen kann, kommt aus den Niederlanden, entstanden aus #stayathomechallenge. Man muss ja durchaus mal Kinder oder sich selbst bespaßen! Bei der Instagram-Challenge #tussenkunstenquarantaine geht es darum, in den eigenen vier Wänden mit Alltagsgegenständen berühmte Kunstwerke nachzustellen, die dann auf eben diesem Account auch gesammelt werden. Ich bin beeindruckt von der Kreativität der Menschen - und wie liebevoll und mit Humor sie sich als Kunst inszenieren. Natürlich sind Massenszenen nicht erwünscht und so werden nackte Putten auch mal mit Barbiepuppen nachgestellt. Unbedingt reinschauen - vielleicht inspiriert es ja zu einem Tag mit Verkleidungen?

Ich genieße diesen Tag doppelt und dreifach: Zum Sonntagsfrühstück wurde die fieberhaft gehortete Packung mit den Schoko-Muffins geöffnet. Zur Feier des Tages, weil ich in den nächsten Tagen den schweren Gang zum Einkauf gehen muss. Ich will ja am liebsten gar nicht mehr einkaufen müssen. Aber weil dann wieder Nachschub kommt, können jetzt die Schoko-Muffins weg. Hat mich je vorher geschert, wie wertvoll, luxuriös und wohltuend ich die mal finden könnte? Sie waren jederzeit verfügbar ...

Das miese Wetter mit seinem fiesen Temperatursturz versammelt die Warmblüter um den Elektroheizer. Das Schnarchen von Bilbo auf seiner Fleece-Schmusedecke klingt eindeutig: Heute kein Trara mit Passierschein, er nimmt stattdessen Kuschelorgien, Spielen und kleine lustige Fetzereien und Leckerli zum Austausch. Dafür kann ich das machen, wonach mich so sehr dürstet, was mich stabil hält, was mich in der Welt verankert neben den Spaziergängen in Blumentöpfen: die Kunst. Ich fühle mich so privilegiert, dass ich sie habe. Aber jede und jeder kann das mit den Art Journals ...

Ich denke, wenn ich im April etwas mehr Luft habe, spontan einen virtuellen Workshop dazu zu geben. Mir fallen ja meine realen Workshops vorläufig aus. Anders als andere, die jetzt professionell mit dem tollsten technischen Equipment loslegen, kann ich damit gar nicht punkten. Mein Smartphone ist älter, ich hab auch kein Stativ dafür. Kommt es wirklich auf perfekte Videos an?

Wir leben und werkeln doch derzeit alle irgendwie improvisiert von Tag zu Tag. Drum will ich das frech einfach machen, ohne Rücksicht darauf, dass andere so etwas generalstabsmäßig in Studiomanier planen. Vielleicht wird mein Workshop hauptsächlich aus Fotos bestehen und nur aus sehr kurzen Videos. Es kommt auf die Kommunikation an, denke ich. Die könnte parallel über Signal laufen, wo man die Fotos austauschen kann.

Was ich auch mache: Mich nicht mehr unter Druck setzen. Druck ist genug von außen da. Wir müssen uns auch selbst ganz dringend pflegen und uns gut tun. Also wurschtle ich jetzt einfach im Atelier herum. Und wenn mir danach ist - und nicht vorher, könnte ich virtuell basteln mit denen, die sich für Art Journals interessieren. Diese kreative Form von Papierbastelei, die jeder beherrschen kann, ist nämlich auch eine ganz große Hilfe für die eigenen Emotionen, die innere Kraft!

Habt noch einen hoffentlich erholsamen Sonntag!

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