Spurensuche in Perlentöpfen

Dass mich die Erkältung - nebst dreifachem Zahnschmerz bis in die Kieferknochen - so wickeln würde, hätte ich nicht gedacht. Bloggen ging nicht! Offenbar hingen beide Malaisen zusammen. Jetzt ist mir auch noch eine Plombe herausgefallen und ich warte sehnsüchtig auf meinen Zahnarzttermin am Donnerstag. Natürlich habe ich währenddessen fieberhaft (!) an meinem Schmuckstück für den Perlenwettbewerb gearbeitet. Die Konkurrenz ist deftig groß, aber Mitmachen ist bekanntlich alles. Und heute habe ich endlich die Muße, von meinen Entdeckungen zu erzählen. Ich war nämlich fürchterlich neugierig auf die historischen Ursprünge dessen, was ich da so frech improvisiere. Weltweit nennt man die Technik englisch "French Beading" und das hat mich stutzig gemacht: Wir kennen den Begriff in Frankreich nämlich nicht!

Jardin des Abeilles - Bienengarten - von Petra van Cronenburg, Atelier Tetebrec (C), Glasperlen, Draht, Silber

Im Deutschen sagt man auch Perlenblumen dazu, obwohl sich so nicht nur Blumen herstellen lassen. In Afrika werden in einer ähnlichen Technik Tiere gefädelt. Im Französischen sagen wir schlicht Perlage, Perlenfädelei oder Perlentechnik. Und diese Spurensuche hat mich dann außerdem nach Venedig und nach Großbritannien geführt, während die größten Perlenkünstlerinnen heutzutage in Russland und Osteuropa zu finden sind, aber auch in Südamerika. Die Geschichte ist spannend und verblüffend. Ich muss diesmal mit vielen Links zu Abbildungen arbeiten, weil ich wegen der Urheberrechte nicht einfach alles verwenden kann. Es lohnt sich also, die anzuschauen, sie öffnen sich im Extrafenster.

Der einfachste Trick, um herauszufinden, ob etwas schon alt ist, ist die Beigabe eines Jahrhunderts zum Suchbegriff. Und mit dem 19. Jahrhundert, dachte ich, würde ich nicht falsch liegen: Es war die Zeit, als sich Perlen- und Schmuckfabriken in Europa rasant vermehrten. Nicht nur, weil Kinder und arme Tagelöhnerinnen schlecht bezahlt die aufwändige Handarbeit in Heimarbeit übernahmen (Bilder) - es war auch die Zeit, als Frauen nicht mit Perlstickereien auf ihren Roben und mit Schmuck geizten. Wir kennen das von Filmen, die am Hofe von Queen Victoria spielen. Doch ich staunte nicht schlecht, als ich stattdessen auf französischen Friedhöfen landete!

Dieses Ensemble wurde beim Perlenwettbewerb von Preciosa Ornela nominiert. Zu der Zeit wusste ich noch nicht, dass das, was ich da fertigte, die französische Technik für Perlblumen ist, die lange vor der Mode in der religiösen Volkskunst entwickelt wurde. Man erkennt den Unterschied zur viktorianischen Technik daran, dass aus Perlgirlanden gearbeitet wird und die Blumen durchscheinender sind und mit dem Licht spielen. (C) Petra van Cronenburg - Atelier Tetebrec

Tatsächlich hat man - vor allem ab dem 19. Jahrhundert bis in die 1950er hinein - in Frankreich aus winzigen Glasrocailles Blumen (Bild) und Formen für Trauerkränze (Foto) gestaltet. Glasperlen waren damals billiger als edle Stoffe wie Seide, vor allem aber blichen sie nicht in den Farben aus, wenn sie dem Wetter ausgesetzt waren. Diese Totenkränze gab es als Gedenkkränze auch für die Wohnung zum Aufhängen, vor allem Auswandererfamilien brachten diesen Brauch mit in die USA (Foto: Bangor, Main, 1834). Wie meine Großtante einst eine ganze Wand für Familienbilder zur Erinnerung reservierte, sorgte man so in der Emigration dafür, die Verstorbenen nicht zu vergessen; die Kränze hingen zwischen Taufbildchen und Hochzeitserinnerungen. Manche Totenkränze waren so aufwändig und wertvoll gearbeitet, dass man sie schützen musste. Es entwickelten sich dreidimensionale Grabkreuze mit verglasten Schaukästen, man hängte die Kränze gesammelt an Kirchenwände (Bild) oder hinter kunstvoll geschmiedete Gitter. (Meine Fotosammlung bei Pinterest)

Das ist übrigens der Grund, warum der Brauch heute nicht mehr existiert. Zuerst hat das Aufkommen der viel preiswerteren Plastikblumen in den 1950ern für neue Moden gesorgt. Vor allem aber war es die Angst vor den zunehmenden Diebstählen auf den Friedhöfen, die Familien zu billigen Materialien greifen ließ. Diebe verkauften die leicht umgearbeiteten Preziosen weiter fürs nächste Grab oder zerlegten sie gleich für wertvolles Modezubehör (kleine Geschichte mit Fotos). Eine uralt etablierte Firma in Paris ging sogar ganz legal mit der Zeit - sie arbeitete früher für die Toten und liefert heute für Couturiers. Längst bekommt man solche Totenkränze aus Perlenblumen auf Flohmärkten (Fotos) oder auf Ebay - wo sie wohl herstammen mögen?

Totenblumen aus Perlen gab es übrigens auch in anderen Regionen. Die britische Version kann man recht einfach heute noch an der Technik unterscheiden, die sich auch bei den Schmuck- und Modeblumen erhalten hat. Während die französischen Perlenblumen sehr locker und lichtvoll aus zu Girlanden gedrehten langen Perlenreihen gearbeitet sind, werden die viktorianischen Blumen gewebt und sind blickdicht, können aber auch plumper wirken. Aus dem Grund verwendete man sie schon früh lieber als Ansteckblumen fürs Kleid (Fotos Pinterest). Sehr eigen ist die Technik, die sich auf der Insel Malta durchgesetzt hat und die heute noch als lebendiges Kunsthandwerk dort gelehrt wird. Man nennt sie Ganutell - und sie stammt aus der religiösen Volkskunst, wurde auch für Altäre und Prozessionen verwendet. Hier fällt auf, dass die Blüten in Drahtrahmen gearbeitet werden, neben den Perlchen gibt es da Wickelungen mit Seidengarn. Ganutell wirkt dadurch immer ein wenig grafisch, fast eckig (Fotos Pinterest). Hier gibt es das Instagramm-Account von Maria Kerr, einer Ganutellkünstlerin. Auch in Süddeutschland gab es Perlenblumenkränze - und die führten mich dann zu weitaus älteren Ursprüngen in den sogenannten Klosterarbeiten. Aber dazu ein andermal.

Ich wollte natürlich nicht auf den Friedhöfen des 19. Jahrhunderts "verenden" und grub weiter. Zuerst fiel ich zufällig auf diesen atemberaubend schönen Blumenkorb im Lady's Repository Museum, der in der viktorianischen Technik gearbeitet wurde und womöglich auch aus jener Zeit stammt. Auf einmal wurden die Körbe, die ich fand, immer prächtiger, immer älter - und sie ähneln sich in ihrer tablettartigen Form (Pinterest-Fotos). Oft benutzte man sie bei besonderen Zeremonien, weltlichen wie religiösen, um wichtige Dinge zu reichen, wie beispielsweise Tauftücher. Und hier gibt es auch einen greifbaren historischen Ursprung im 17 Jahrhundert. Unglaublich, wie farbenfroh diese uralten Stücke heute noch sind! Hier ist einer aus dem Museum of Fine Arts in Boston, im Corning Museum of Glass gibt es mehrere uralte Stücke. Bei Bonhams ging dieser Korb aus dem 17. Jhdt. für ca. 20.000 bei der Auktion weg. Hier gibt es schöne Bilder aus der Burell Collection, und hier Geschichte nebst Fotos von einem wahrhaft königlichen Stück im MET.


Arbeit an einem Kunstprojekt zum Insektensterben. Papierkäfer werden in alten Zigarettenblechschachteln eingearbeitet, deren Inneres von alten Klosterarbeiten inspiriert ist, vor allem von kleinen Reliquaren. (C) Petra van Cronenburg - Atelier Tetebrec

Eigentlich müsste ich jetzt von den Klosterarbeiten erzählen, die mich übrigens vor allem bei meinen Kunstschachteln und dem Käferprojekt inspirieren. Aber das wird zuviel und eine Textwüste und deshalb mach ich das ein andermal.

Detail: Einzelne Blumen des Wettbewerbsstücks von oben. Die Rocailles, mit denen man arbeitet, sind maximal 1 mm groß, der Draht 0,315 mm dick. Bevor geformt wird, werden zunächst meterweise Perlen aufgefädelt, bei Farbmischungen muss man ständig zählen oder abmessen. Vor allem beim Formen und Verdrehen muss man extrem mit Fingerspitzengefühl arbeiten, damit der Draht nicht bricht, sonst wäre die gesamte Blume verloren. Finger und Fingernägel sehen nach solchen Arbeiten übrigens alles andere als vorzeigbar aus. (C) Petra van Cronenburg - Atelier Tetebrec

Jetzt nur so noch viel: Ich habe mich in dieses alte Kunsthandwerk ziemlich verliebt, auch wenn ich weiß, dass ich für die ganz großen Werke gar nicht die Zeit aufbringen kann. Aber kleinere Blumen probiere ich im Moment auch für mich aus. Colliers fertige ich nur als Spezialanfertigung auf Nachfrage - hier ist allein das Material zu kostbar, um nur auf Verdacht für meinen Etsyshop ins Blaue zu produzieren. Das hat mich nämlich dann selbst fast umgeschmissen: Für eine einzige kleine Blüte für einen einzelnen Ohrring sind doch tatsächlich 230 Rocailles und 60 cm Silberdraht notwendig gewesen - bei einer vollen Stunde Arbeit. Ich kann nur annähernd schätzen, wieviel Material und Zeit in meinen Wettbewerbsstücken "verschwunden" sind. Das macht mich dann auch sehr demütig geegenüber Prachtschmuck, wie er z.B. in Fantasyfilmen verwendet wird oder bei den großen Couturiers. Solches Kunsthandwerk, zumal es nicht mehr von vielen ausgeübt wird und viele Techniken und Muster mühsam von alten Vorlagen rekonstruiert werden müssen, hat dann natürlich auch seinen Preis.

Man kann übrigens für mein Wettbewerbsstück voten, muss aber ein Account nehmen, damit keine Betrügereien möglich sind. Eine Jury entscheidet zum Schluss über die Gewinner, die Votings gehen nur als Teil in die Entscheidung ein: Hier auf den Button "ajoutez mon vote / meine Abstimmung hinzufügen" klicken (Sprache kann man fürs Account ganz oben in der Leiste wählen, aber der Wettbewerbstext ist nur französisch.)

Übrigens macht solches Bloggen richtig Arbeit. Ich freue mich immer über Spenden für die Kaffeekasse - rechts im Menu via Paypal ganz einfach zu machen!

Kommentare:

  1. Spannend! Ein Friedhofskranz ist nun das Letzte, an was ich bei deinem hübschen Wettbewerbsbeitrag gedacht hätte, aber es ist toll, was du wieder einmal an historischen Verbindungslinien ausgegraben hast.

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    1. Es denkt womöglich auch niemand bei meiner Käferserie an barocke Reliquare mit Knochenresten von Heiligen. ;-)
      Ich selbst finde es spannend, wieviel Kunsthandwerk seine Ursprünge in der religiösen Kunst und rund um die wichtigsten Lebensereignisse hat. Aber es ist auch nicht verwunderlich - da entwickelte man (neben den Königshäusern) den großen Prunk und Pomp, da investierte man auch in Familien das rare Geld.
      Ich kann es kaum erwarten, in die Bibliothek des Museums zu kommen, um tiefer nachzugraben.

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