Über die grüne Grenze

Es mutet bei den aktuellen Nachrichtenbildern fast schon absurd an: Man kann zwischen dem Nordelsass und der Pfalz auf dem sogenannten "Grenzgängerweg" wandern und im grünen Luxus des Biosphärenreservats Nordvogesen - Pfälzerwald viel zum Thema Grenzen und Erfahrungen mit Grenzen lernen. Die meisten Touristen stutzen bereits beim jüngsten Thema Schengen - wenn sie etwa erfahren, dass auch bei freiem Personenverkehr innerhalb der EU Grenzkontrollen legal und möglich sind.

Blick aufs Grenzgebiet Richtung Nothweiler
Ich habe das große Glück, dass nur für meine Vorfahren und Familie Grenzen traumatische Bedeutungen haben konnten. Ich war nicht dabei, als Vorfahren mit nichts als einem Bündel Habseligkeiten (damals war diese Habe selig, das letzte Verbliebene vom alten Leben) in Ellis Island in der Schlange stehen mussten zur medizinischen Kontrolle. Man riss ihnen den Mund auf und kontrollierte die Zähne, prüfte ihre Augen, das Gehör und den Rest. Ein kleiner Augenfehler konnte das Aus bedeuten: sofortige Abschiebung zurück in die Armut in Europa, die nun ein Nichts war, ein letztes Bündel. Nur wer die Gesundheitseinträge bekam, durfte weiter. Die Fluchtgeschichten meiner Oma, die schwanger und allein mit kleinen Kindern von einem der schlimmsten Nazigauleiter vertrieben wurde, als er Frauen und Kinder in seiner "Festung" zum unwerten Leben erklärte, kenne ich kaum. Zu traumatisch war diese Flucht zu Fuß bis nach Bayern, man schwieg sich so etwas früher vom Leibe, Therapien gab es nicht. Ab und an tauchte ein Bild im Reden auf, das das ganze Ausmaß vielleicht hochrechnen ließ. Dass sie nie wieder Pferdefleisch anrührten, weil sie sich zum Schluss aus Verzweiflung um die verendeten Ackergäule gerissen haben. Und manche im Treck sollen so verzweifelt gewesen sein, dass sie zum Schluss auch die Toten anrührten ...

In meiner Generation, an der deutsch-französischen Grenze aufgewachsen, empfand ich das Konstrukt "Grenze" wie die meisten eher als überflüssig und störend. Als Jugendlicher im Zollgrenzbezirk erschien die Grenze als etwas, das man mit Erfindungsreichtum aushebeln musste: Schmuggeln gehörte damals zum Alltag, war fast ein Sport. Damals erlebten Froschschenkel à la provencal einen echten Boom! Wir aßen sie, wenn wir die Kontrollen auf der deutschen Seite abkürzen wollten, denn sie waren die knoblauchhaltigste Speise, die es gab. Bei geschlossenen Autofenstern wurde dann kurz vor der Grenze tüchtig mit dem Mund ausgeatmet, gehechelt. Die meisten Zöllner im damals noch nicht von ausländischem Essen verwöhnten Deutschland senkten ihren Kopf, um am Fahrerfenster ihren Spruch aufzusagen, zuckten zurück und winkten einen eilig durch. Fast lächerlich wirken heute die kleinen Tricks von damals.

Weil wir für die Abifeier mehr Sekt als erlaubt brauchten, befüllten wir eine Ente mit neun Personen, hatten also das Recht auf 27 Flaschen zollfreien Sekt. Dafür mussten 5 Leute aus dem engen Auto vor der Grenze aussteigen, zu Fuß über die Rheinbrücke gehen und außer Sichtweite der Grenzer wieder einsteigen. Die Jungs, die sich ihr Taschengeld mit Mofaschmuggel über die grüne Grenze aufbesserten, hatten dann schon richtig kriminelle Energie und gingen Risiken ein. Wie schnell wurde der brave Bürger angesichts von Grenzen kriminell, zum eigenen Vorteil schon und nicht aus Not. Als 1995 das Schengener Abkommen in Kraft trat, mit dem der freie Personenverkehr von EU-Bürgern (!) zwischen den EU-Staaten garantiert wurde; als die Schlagbäume und Schranken fielen, brauste wahrscheinlich nicht nur ich am ersten Tag mit unerlaubten hundert Sachen über die Grenze, jubelnd, vor Freude kreischend: was für ein Freiheitsgefühl! Die Jungen wissen oft gar nicht mehr, wieviel Kämpfe, Visionen, Verhandlungen nötig gewesen waren, um solche Räume der Freiheit zu schaffen, zwischen Ländern, die früher in den Kriegen noch gegeneinander gekämpft hatten.

Viele, die sich heute in Social Media darüber aufregen, wissen auch nicht mehr, dass Zöllner und Grenzposten zwar verschwunden sind, Grenzkontrollen aber auch unter dem Schengener Abkommen nach gewissen Regeln (!) jederzeit möglich sind, bis ins Hinterland hinein übrigens. Und dass der freie Verkehr nur für EU-Bürger gilt. Dass der Schengener Raum nicht deckungsgleich mit dem der EU-Staaten ist. Hochkompliziert und reformbedürftig. Grenzgänger kennen unregelmäßige Grenzkontrollen aus dem Alltag: Immer mal wieder wird auf Rauschgift kontrolliert oder die Grenze mit Beamten bestückt, wenn irgendwo ein Bankräuber ausgebrochen ist. Auch die Polizei und der Zoll arbeiten heute grenzüberschreitend vernetzt. Allerdings ist das Errichten von Zäunen zwischen EU-Staaten ist ein glatter Verstoß gegen die Grundsätze.

Mauern der Idiotie hatte man auch auf dem Gebiet des Grenzgängerwegs zwischen Wingen (F) und Nothweiler (D) schon errichtet: beim Kappelstein. Als unser Team den heutigen Premiumwanderweg im Rahmen eines EU-Projektes konzipierte, die Installationen und zweisprachigen Texte ersann, kam uns sofort das Bild vom Brett vor dem Kopf in den Sinn. Man muss sich vorstellen, dass auch früher der Personenverkehr stets über die grünen Grenzen floss - man pflegte in Friedenszeiten Freundschaften, heiratete sogar mal hüben, mal drüben. Und Schmuggeln galt auch damals als Handwerk. Wie so oft war es ein Krieg, der die Familien trennte, Freunde entzweite. Und im Zweiten Weltkrieg baute die französische Armee einen Spähturm auf den Kappelstein - das schien ja auch praktisch bei der exponierten Grenzlage. Die deutschen Soldaten fällten auf der anderen Seite Bäume. Nicht etwa, um die Sicht zu erleichtern, sondern für eine hohe Bretterwand vor dem Spähturm! Die alten Bewohner von Wingen können sich noch gut an das "Brett vor dem Kopf" erinnern, das damals den Wahnsinn des Krieges und der Grenzkämpfe wie kaum eine andere Metapher verkörperte.

Wir wissen gar nicht mehr zu schätzen, was wir an unserer heutigen Freiheit haben. Wie bewahrungswürdig sie ist. Auf dem 5 km langen Wanderweg, für den man wegen der Höhenunterschiede gemütliche zwei Stunden rechnen sollte, markieren rote Pfosten mit gespaltenen Herzen den Grenzverlauf im Wald, erzählen die alten Grenzsteine eine bewegte Geschichte. Die Kelten konnten im Grenzland noch recht frei ihrer Arbeit nachgehen, aber das hatte bald ein Ende. Die Römer stritten gegen die sogenannten Barbaren um den Grenzverlauf, später waren es die Burgherren, deren Sicherheitsanlagen heute so begehrte Wanderziele sind. Klöster und Bischofssitze, Adlige und auch einmal Raubritter stritten um Territorien in der Gegend. Nach der Französischen Revolution entstanden die Staatsgrenzen.

Vor der Revolution wirkte der Grenzschutz noch wie ein Spiel. Weil sich die Grenzsteine so leicht in der Nacht ausgraben und versetzen ließen, ordnete man sie in Schussweite an und beging einmal im Jahr den sogenannten "Grenzgang" als Fest. Die Dorfoberen kontrollierten, ob jeder Stein noch am Platz stand und nahmen ihre Söhne als Zeugen mit. Kurzweilig musste es sein für die Kinder, drum legte man Münzen auf die Grenzsteine. Die Jungs, mit gebundenen Händen, mussten die Münzen mit dem Mund aufschnappen - damit war der Stein kontrolliert. Und die Grenze symbolisch mit dem Geld des jeweiligen Territoriums verbunden.

Das historische Kuddelmuddel um jene Grenze im heutigen Naturpark war jedoch alles andere als ein Kinderspiel. Nach den Revolutionskriegen wurde die gesamte linksrheinische Pfalz Teil des Departements Donnersberg in der Französischen Republik. Nach dem Wiener Kongress 1816 fiel die Pfalz als Gebietsausgleich an Bayern: bayrisches Hoheitsgebiet als Exklave. Und dann folgte der Irrsinn der deutsch-französischen Auseinandersetzungen in einem Gebiet, in dem man vorher eigentlich friedlich miteinander lebte: Durch den Sieg des Deutschen Kaiserreichs 1871 im detsch-französischen Krieg wurden das Elsass und ein Teil von Lothringen deutsch. 1919 wechselte das Elsass innerhalb der Grenze von 1825 wieder zu Frankreich. Neue Grenzsteine wurden 1925 aufgestellt, das Elsass im Zweiten Weltkrieg von Nazideutschland besetzt und 1945 befreit - dann wieder französisch.

Grenzen machen Menschen. Aber Menschen haben auch irgendwann Visionen entwickelt, wie sie ohne Kriege und Feindschaften in einer mühsam erarbeiteten Freiheit miteinander leben wollen. Allzu oft hat man versäumt, solche Errungenschaften nachhaltig und auf Zukunftsfähigkeit hin zu gestalten. Sicher hat man auch nicht laut genug auf sie gepocht, wenn man neue Mitglieder aufnahm. Deshalb sind unsere europäischen Werte und Regelungen leider auch fragil und müssen immer wieder von Neuem in Erinnerung gerufen und geschützt werden. Es geht nicht an, dass Regierungen von EU-Staaten zwischen EU-Staaten Stacheldraht auslegen wie im Ersten Weltkrieg und Zäune errichten wie damals das wahnsinnige "Brett vor dem Kopf".

Wer einmal direkt in der Landschaft die Bedeutung von Grenzen für die Menschen - und damit echte Grenzgängereien erleben möchte, findet den Zugang zum deutsch-französischen Grenzgängerweg direkt bei Nothweiler (Pfalz) oder beim Wanderparkplatz Col du Litschhof. Mit etwas weiterem Anmarsch kommt man dorthin auch vom Parkplatz Gimbelhof und von Wingen (Elsass). Informationen und vielleicht auch noch unsere Broschüre (?) gibt es bei der Touristinformation Dahner Felsenland in Dahn, dem Office de tourisme Sauer-Pechelbronn in Durrenbach und dem Syndicat d'initiative de Lembach daselbst.

Und wer keine Zeit zum Reisen hat oder sich vorbereiten möchte, kann das Elsass samt meinen persönlichen Rezepten und seiner Kultur genießen in Petra van Cronenburg: Elsass, wo der Zander am liebsten im Riesling schwimmt. (Als Taschenbuch, E-Book und Hörbuch)

Kommentare:

  1. Bin grade am Wochenende auf dem Weg nach Bingen und zurück einmal durch Lauterbourg hindurch und einmal von der B9 auf die französische Autobahn 35 gefahren. Grenzen haben mich schon immer fasziniert. Weniger wegen Schmuggel-Möglichkeiten, sondern immer wegen dem Gefühl, dass dahinter eine andere Welt beginnt. Das Gefühl habe ich auch, wenn man gar keine Zollhäuschen mehr sieht oder bei Brücken. Liebe Grüsse über Grenzen hinweg! Diether

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  2. Genau gegenüber von Lauterbourg, auf der anderen Rheinseite, liegt ja der deutsche Ort Au am Rhein. Dorthin bin ich vor ein paar Jahren vom Schwarzwald aus regelmässig zu einem Mann gefahren, der in der Werbebranche unternehmerisch tätig war. Er war etwa 25 bis 30 Jahre alt, wollte Französisch lernen und war bis dahin noch nie "drüben" gewesen, auf der anderen Seite, in Frankreich. Das war für ihn echt eine andere, fremde und völlig unbekannte Welt, da auf der anderen Rheinseite.

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    1. Kaum zu glauben, dass es so etwas heute noch gibt, Diether ... und dann auch noch in einer scheinbar so kommunikativen Branche. Ich kenne so etwas aus Erzählungen alter Leute. Die meisten fahren doch eigentlich eher regelmäßig hin und her, ob zum Einkaufen oder Essengehen ... und so vieles hat sich schon genau umgedreht, wie etwa die französischen Neubauviertel bei Kehl auf der deutschen Seite oder die Gruppen von Elsässern in pfälzischen Weinstuben. Aber da sieht man, was fehlende Brücken ausmachen, von Au am Rhein muss man einen Umweg fahren ...

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