Lesen: vertieft oder sprunghaft?

Die Wissenschaft streitet sich, ob wir mit digitalen Medien noch genauso lesen wie von Papier. Der Artikel "Your paper brain ..." befasst sich mit Untersuchungen, die annehmen, wir hätten zwei Modi des Lesens - einen für Reader, einen für Papier. Nur Papiermedien könnten wir im Modus des Deep Reading lesen. Beim Reader seien wir zu abgelenkt, läsen nicht mehr "linear" - eine Art "sprunghaftes Lesen". Wir könnten aber beide Methoden durchaus trainieren.


Ich habe unlängst genau gegenteilige Aussagen von Forschern gelesen (finde den Link nicht), die sehr viel feiner differenzieren und sagen, dass es einen großen Unterschied gebe zwischen Bildschirmlesen am Computer oder E-Ink-Lesen (wo es nicht nur Kindles gibt). Und beim Reader sei es eben kein "Screen-Reading", zumal der Computer oder das Smartphone zum Surfen nebenher animieren - der Reader ja nicht. Da kann man sich also die Studien aussuchen, wie man möchte! Neugierig habe ich mich gefragt, wie das bei mir läuft. 

Der These in "Your paper brain" kann ich nicht ganz folgen (aber ich weiß auch, dass man persönliche Einzelerfahrungen nicht hochrechnen und verallgemeinern darf).
Ich lese beruflich täglich gefühlt Tonnen von Texten in allen Formen. Da ich sehr viel historisch recherchiere, muss ich die meisten Texte am großen Bildschirm des Computers lesen, wobei ich extrem schnell und viel surfe und querlese. Einige Archive haben nun auch tw. Dienste, wo ich mir die Texte auf den Reader holen kann. Dazu kommt, dass ich die wichtigsten Zeitungen rund um den Globus online lese, aus Mangel an Möglichkeiten, auf dem Land überhaupt an ordentliche Papierzeitungen zu kommen.

Dieses Lesen am Computer ist das beste Beispiel für das Gegenteil von Deep Reading. Ich genieße selten ein ganzes aufgerufenes Buch, sondern suche mir im Affenzahn die relevanten Stellen. Ich surfe zwischen einem Ausschnitt aus dem 18. und einem Forschungsbericht aus dem 21. Jahrhundert. Das habe ich früher in Fachbibliotheken allerdings auch getan und die entsprechenden Seiten schnell auf den Kopierer gelegt ... Nun surfe ich allerdings auch noch quer durchs Internet, schaue mir Fotos an, schlage in Wikipedia nach, zwinge Google zu mehr Tiefe. Aber auch das habe ich früher gemacht: Mit unendlich höheren Stapeln von Büchern, mit Enzyklopädien, die in einer langsameren Welt noch nicht so schnell veralteten. Der einzige Unterschied: Damals erlangte ich nicht so viel Wissen und hatte einen ungleich höheren Zeitaufwand, musste sogar noch reisen und viel Geld bezahlen. Heute lese ich kostenlos an einem Tag in der Nationalbibliothek von Paris oder der Library of Congress in Washington - ohne mich aus meinem 800-Seelen-Dorf bewegen zu müssen. Beruflich kann ich mir langsamere Arten der Recherche kaum noch leisten, denn ein Sachbuch schreibt man heutzutage nicht mehr in zehn Jahren - dann ist es veraltet.

Eine Sache ist beim Computerlesen dieser Art anders: Ich benutze zwischendurch Twitter, Facebook oder Blog ... um mich zu entspannen. Habe ich etwa einen besonders komplizierten wissenschaftlichen Text in einer Fremdsprache gelesen oder mich durch einen Atikel gequält, dessen Sprache ich eigentlich kaum beherrsche, dann tut es mir gut, ein Weilchen bei FB "runterzukommen". Schnell mal etwas Witziges in der Muttersprache loszuwerden oder mit Menschen ein paar Worte zu wechseln. Das ist für mich ein wenig der Ersatz zur früheren Kantine, zum Schwätzchen im Großraumbüro. Ich empfinde es nicht als schädlich oder als Zeitverlust, weil ich als Freiberuflerin allein im Büro sitze. Ich kommuniziere wieder mehr. Und natürlich hängt dann im Nacken die Versuchung, wenn ein Text besonders dröge ist: Schnell mal zu FB surfen ...
Deshalb ein eindeutiges Ja. Bei dieser Art des eklektischen Lesens am Computerbildschirm mit Internetanschluss bin ich sprunghafter, sicher auch mal weniger aufmerksam.

Aber das liegt nicht am Computer als Medium, sondern am Internetanschluss. Es ist die offene Welt, die verführt. Als eine, die absolut selbstverständlich zwischen unterschiedlichen Formen des Lesens wechselt, schreibe ich deshalb meine Bücher grundsätzlich an einem Laptop ohne Internetanschluss. Dort glätte ich auch Übersetzungen. Aber die Übersetzungen selbst fertige ich im Rohtext nur noch an, wenn ich dauerhaft online bin. Ich könnte den Arbeits- und Zeitdruck von heute nicht durchhalten, ohne jederzeit in den wichigsten Spezialwörterbüchern nachschlagen zu können, die sich kein Privatmensch auf Papier leisten könnte - die es teilweise sogar nur online gibt. Oder sich mit KollegInnen zu beraten.

Nun habe ich persönlich ein fotografisches Gedächtnis. Ich wusste früher genau, in welchem Papierstapel auf welcher Höhe welches Zitat zu finden war. Ich finde auf meinem Chaos-Schreibtisch oder in meiner Bibliothek sofort, was ich suche - vorausgesetzt, niemand hat aufgeräumt. Das konnte ich in Anfangszeiten beim papierlosen Lesen und Abspeichern in Dateien auf der Festplatte nicht. Aber recht schnell hat sich durch Übung spürbar etwas im Hirn verändert - schnell lernte ich, virtuell in einer Art "Landkarte" zu denken. Es ist ähnlich wie bei Computerspielen: Websites sind für mich unterschiedliche Räume und Level. Soo kann ich während einer Recherche irgendwann spontan genau sagen, in welchem "Raum", auf welchem "Level" ein gesuchtes Zitat liegt. Ich brauche die History meines Browsers nie - ich kann genau sagen, wie viele Schritte in welche Richtung ich gehen muss, um zum Zitat zu kommen. Am nächsten Morgen weiß ich z.B., dass ich noch bestimmte Bilder suchen wollte, die in Japan auf Level drei achtzehn Browser-Schritte zurück liegen. So, wie ich früher in dreidimensionalen Stapeln dachte, denke ich heute in virtuell dreidimensionalen vernetzten Räumen.
Als Verlust begreife ich das nicht, im Gegenteil: Mein Hirn hat Neues gelernt.

Und jetzt kommt der Witz, der Widerspruch zu obigem Artikel: Auf dem E-Ink-Reader versinke ich völlig und habe das gute alte Deep Reading ohne Abstriche. Nein, da surfe ich nicht herum, wie auch? Ich lese seit Monaten am Gesamtwerk der Strugazki-Brüder - ich lese lediglich ein wenig schneller als auf Papier, weil ich keine Lesebrille brauche und weniger ermüde. Aber ich bin von der ersten Seite an hin und weg und vergesse die Welt, vergesse, was ich in der Hand halte. Es trägt mich nur noch die Geschichte, in die ich abtauche.

Das erste Mal habe ich Deep Reading auf dem Reader mit Thomas Wolfes "Schau heimwärts, Engel" getestet. Ein Brocken von Buch, wenn man es als Papierausgabe kauft, hat man ein Brikett von 720 Seiten. Wolfe hat eine Sprache, die man langsam und genüsslich schlürft - es ist Literatur, die Aufmerksamkeit verlangt. Und ich bemerkte: Das geht auf dem Reader ganz genauso wie beim Papierbuch - ich war drin, ich genoss - ich konnte nur wieder mehr am Stück lesen, weil die Augen nicht ermüdeten, weil ich die Lesebrille nicht brauchte. Ich blieb also sehr viel länger in der Geschichte drin. Alles also eine Frage des Trainings und Wollens?

Was mich beim Reader ablenkt, sind Dinge, die nicht der Reader zu verantworten hat, sondern unzulängliche Programmierung seitens der Verlage oder unausgereifte Technik, die sich schnell entwickeln wird. So nervte mich bei Wolfes Mammuterk, dass die Endnoten nicht als Link ansteuerbar waren. Ich konnte sie nur am Stück nachlesen, obwohl sie viel Text hätten erhellen können. Versagen des Verlags. Etwas anderes werden viele auch schon bemerkt haben: Von Büchern, die ich auf dem Reader lese, kann ich mir nur schwer Titel und Autor merken. Früher hat man ein Papierbuch zugeschlagen und hatte immer das Cover vor Augen. Das prägte sich ein und verknüpfte sich im Kopf fest mit dem Buch. Auf dem Reader schaltet sich dagegen ein Bildschirmschoner ein. Aber das sind technische Kinderkrankheiten. Irgendwann wird vielleicht das jeweilige Cover Bildschirmschoner werden.

Es gibt dann noch einen weiteren Nachteil beim Lesen auf dem Reader, der mit motorischen Abläufen zu tun hat und sogar noch schlechter läuft als beim Lesen am Computerbildschirm. Habe ich ein Buch, bei dem ich öfter zurückblättern muss oder spontan mitten im Buch etwas nachlesen will, so funktioniert das - motorisch gesehen - recht einfach beim Papierbuch: Ich habe meinen Finger zwischen den Seiten oder klappe ein Eselsohr um, lege Papier ein und kritzle sogar Notizen ins Buch. Das alles kann ich beim Reader auch machen! Aber von den Abläufen her ist es komplizierter, es funktioniert nach "Computerdenke" und ist oft sehr umständlich. Ich habe schneller eine Notiz auf Papier gekritzelt als in eine virtuelle Tastatur getippt, wo ich dann die Anmerkung außerdem erst über ein Menu suchen muss und aufrufen. Kurzum: Solche Bücher lese ich schlicht auf Papier, um mir diese Mühe zu sparen. Jedem Buch sein passendes Medium! Ich will jetzt gar nicht weiter auf die üblichen Argumente von Besitz oder Haptik und Schönheit der Gestaltung eingehen, weil das weniger mit Hirnfunktionen als mit Geschmack zu tun hat und natürlich auch über das Medium entscheiden kann.
 
Als Autorin umarme ich den Reader noch bei einem anderen Vorgang: dem Eigenlektorat, jenen Stadien des Feilens am Text, bevor man ihn ans eigentliche Lektorat gibt. Jeder, der selbst viel schreibt, kennt das Problem: Liest man seine eigenen Texte am Computerbildschirm oder in der eigenen Handschrift, ergänzt das Gehirn automatisch "richtig". Wir übersehen Schwächen und Fehler, weil unser Gehirn ja mehr weiß, als da geschrieben steht. Früher hat man den Trick angewandt, den Text "fremd" aussehen zu lassen. Ich habe die Datei einfach in eine andere Schrift und Breite gesetzt - schon musste ich aufmerksamer lesen. Heute gehe ich einen Schritt weiter. In der Endphase konvertiere ich mein Manuskript ohne viel Aufhebens auf meinen Reader. Plötzlich wirkt es wie ein fertiges Buch. Mein Leseverhalten ist völlig anders. Jetzt springen mir die Schwächen plakativ ins Auge. Ich finde sofort schwache Ausdrücke, Logikfehler, Redundanzen. Wenn das kein Deep Reading ist!

Meiner Meinung nach sollte man völlig entspannt mit allen verfügbaren Medien umgehen. Je selbstverständlicher man sie zu nutzen weiß, desto eher erkennt man ihre Schwächen und Stärken und kann nach Bedarf einfach umspringen ... von Papier auf Bildschirm, vom Bildschirm auf den Reader, ja, man kann sich sogar Papiernotizen zum Reader-Buch machen oder Dateien zum Papierbuch sammeln. Angst um mein Gehirn habe ich nicht. Im Gegenteil - ich habe den Eindruck, dass es dazulernt, dass ich mein Gedächtnis trainiere und mir heute noch viel mehr merken kann als früher. Ich möchte sogar so weit gehen und vermuten, dass ich durch das viele Online-Quer-Lesen auch Sprachen schneller lerne. Seit ich einen Reader habe, lese ich regelmäßig englische Bücher - dank des integrierten Wörterbuchs. Das trainiert meinen Wortschatz ungemein. Es trainiert sogar so gut, dass ich manchmal gar nicht mehr sagen kann, in welcher Sprache ich ein Buch gelesen habe.

Inzwischen kann ich auch online am Computer in Deep Reading Modus geraten. Wenn mich etwas ablenkt, dann ist es nicht das Lesemedium, sondern der Internetanschluss und eine möglicherweise vorhandene Disziplinlosigkeit meinerseits. Letztere könnte man positiv aber auch als Neugier und Forscherdrang begreifen ...

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