Die Langsamen

Vor einiger Zeit tauchte ich in eine seltsame Welt - eine Welt, die mir längst entschwunden schien. Sie berührte mich tief, aber ich fühlte mich wie auf einem anderen Planeten gelandet. Dabei hatte alles so harmlos begonnen: Mit einer Ritterrüstung an einem Hoftor, wegen der ich ziemlich auf die Bremse trat. Sie zog mich in den Bann, weil an diesem Bild sichtlich etwas nicht stimmte. Da musste etwas Außergewöhnliches los sein? Dieser Ritter zog mich in den Bann: der Körper eine womöglich alte Rüstung wie aus dem Film, an den Armen Stulpen vom Kettenhemd, allerlei Verdrahtungen ... und dann dieser alte rostige Eimer als Kampfhaube, mit jenem etwas dilettantisch wirkenden, blutroten Kreuz. Erst, als ich zu Fuß eintrat, bemerkte ich die Schaufensterpuppe in der Rüstung. Aber da war der Ritter schon ins Hintere einer Scheune verbannt.

Clash of Cultures? Und welche Seite hat den Tunnelblick?
Es gab an diesem sonnigen Nachmittag eine ernste "Ritterdebatte". Er könne die Veranstaltung womöglich stören, vielleicht auch nicht adäquat zum Niveau passen. Vielleicht würde er die Leute fehlleiten. Am Anfang, so erzählte man mir, sei er leer gewesen. Das habe noch dümmer gewirkt. Aber man habe doch nie damit gerechnet, dass man ihn so befüllen würde!

Ich befand mich bei einem Tag der offenen Ateliers im Elsass anlässlich des Kreuzstichfestivals. Das ist eine Veranstaltung, die Mehrzweckhallen, Vereinsräume und andere Orte nutzt, um eine Mischung aus historischen Fundstücken und Handarbeiten zwischen Profi- und Hobbyniveau zu präsentieren. Und natürlich kann man an diesen Tagen auch die heimischen Künstler besuchen, die dann zwischen Kunst und Kunsthandwerk jonglieren, um das typische Publikum zu befriedigen.

Aus einer Welt mit Social Media, virtueller Kunst-PR und sirrenden, quäkenden, nervenden Smartphones fiel ich in einen sonnenbeschienenen Hof der Ruhe, wo hinein die Menschen gemächlich flanierten, wo jeder jeden grüßte und die meisten ein paar Worte miteinander wechselten, wo man gemeinsam bei selbstgebackenem Kuchen und Kaffee saß. Alle Zeit der Welt blieb für die gemeinsame Ausstellung mehrerer Künstler - absolut liebevoll und mit Geschmack für Dekor und Inszenierung präsentiert. Und irgendwie für jeden Geschmack etwas dabei. Im Eingangsbereich stand ein Mann an der Drehbank, fertigte Obst aus Holz. Wo gebastelt wird, versammeln sich die Menschen, kommen die neugierigen Städter.

Während ich die rasende Reporterin spielte und in Ruhe Aufnahmen machte, hörte ich mit halbem Ohr zu. Keiner außer mir fotografierte, kein Smartphone wurde gezückt, kein Bild bei Facebook gepostet. Nicht etwa, dass die Menschen hier keine Smartphones hatten! Wer sich eine Adresse merken wollte, nahm sich papierene Visitenkarten mit und Flyer, die mit Word in "Comic Sans" gesetzt waren. Die Menschen an solchen Tagen verbinden die Bilder im Kopf mit Gesprächen und sie erzählen sich erstaunlich viel. So auch ein Tourist, der mit Familie an der Drehbank stehen geblieben war. Irgendwann ging es um Ahnenforschung, später um den Krieg und den Großvater ... man kam im wahrsten Sinne des Wortes von Hölzchen auf Stöckchen.

Der Mann klang aus mehrfachem Grunde beglückt. Fasziniert als deutscher Großstädter, weil er all die Hölzer betasten durfte, die weichen und die harten, die rohen Klötze und die polierten Endergebnisse. Fasziniert, weil er seine halbe Familiengeschichte erzählen durfte und ihm jemand zuhörte, weil ihm jemand weitere Details zur Geschichte lieferte. Froh womöglich, mit einem von den ehemaligen "Erzfeinden" so nett reden zu können, einem veritablen Franzosen. Vor allem aber erfüllte ihn ein Glück ganz unerwarteter Art: Er sah, wie aus einem rohen Stück Holz unter den Händen eines Kunsthandwerkers ein schönes Objekt wurde! Wir, die wir im Elsässer Wald ständig mit Holz umgehen, die wir solche Scheite in den Ofen schieben, konnten seine Reaktion zuerst gar nicht fassen: Der Mann bat darum, den Rest des Rohlings kaufen zu dürfen. Ein Stückchen Ast mit Rinde, wie es in jedem Wald zuhauf herumliegt, wenn die Waldarbeiter werkeln. Und er bestand drauf, zehn Euro dafür zu bezahlen.

Wir amüsierten uns natürlich, als wir uns ausrechneten, was für einen Ster Brennholz erwirtschaften könnten, wenn wir ihn in Stückchen an Großstädter in Deutschland verkaufen würden. Schnell war die Rechnung verdoppelt, als jemand auf die Idee kam, Holz von besonderen Kraftorten könne noch begehrter sein. Wir Landeier fanden das drollig und begriffen doch nichts. Wie weit hatten sich viele Menschen schon vom Handwerk entfernt! Wie viele Menschen wussten eigentlich noch, wie etwas in Handarbeit entstand? Denn hier mag einer der Zauber dieses Festivals liegen: Alle ausgestellten Stücke waren liebevoll und in Geduld in Handarbeit entstanden. Sie machten jemandem richtig Arbeit, lange Arbeit. Viel Arbeit. Arbeit, die wir in ihrem Sinn vielleicht gar nicht mehr verstehen können. Dieser Mann hatte ganz für sich den Wert von Arbeit entdeckt!

Liebe, Geduld, persönliche Geschichte: Handarbeit
So ein echtes Stück Kreuzstichtuch oder eine handgefertigte Patchworkdecke mit traditionellen Mustern einer Region, die eine Geschichte erzählen, könnte man einfach nicht adäquat aus China beziehen. Sie wäre erlogen. Holzbirnen mag es bei Ikea geben oder sonstwo im Ausverkauf. Man kann sie sicher im Internet bestellen. Aber es ist ein Unterschied, wenn man vorher das rohe Holz selbst befühlt hat. Wenn man den Menschen persönlich kennengelernt hat, der daraus die Birne drehte. Wenn man sich begegnete, Geschichte miteinander austauschte, Geschichten erzählte und den Duft des frisch gedrechselten Holzes roch. So eine Holzbirne ist fortan aufgeladen mit einem Ereignis und einer Begegnung. Der Ast ist nicht mehr irgendeiner - er erinnert einen an das Besondere. Jeder Ast, jeder Mensch wird wieder zu etwas Einzigartigem.

Ich bin an diesem Tag ohne Handy und Internet auf noch viel langsameres Leben gestoßen. Menschen, die eine Maschine entwickelt hatten, nur um etwas Bestimmtes basteln zu können. Menschen, die fast ein Jahrzehnt an einer Chronik recherchierten, um dann einen Aufsatz in einer Zeitschrift veröffentlichen zu können, die noch persönlich beim Herausgeber bestellt werden muss. Künstler, die Armut in Kauf nehmen, weil sie nicht anders können, als ihre Welteinsichten zu formen und ins Leben zu bringen. Menschen, die ohne Social Media bei einem Kaffee miteinander versumpfen, miteinander ein paar Stunden Leben teilen.

Dabei habe ich etwas gefunden, was jenem Touristen dieses Stück Ast war, weil es eigentlich unbezahlbar ist: Menschen, die von Herzen lieben, was sie als Hobby oder Beruf ausüben. Frauen und Männer, die mit Hingabe und Leidenschaft, Ausdauer und Kraft bei etwas sind - und die Schönheit in die Welt bringen. Ruhepunkte, Anker in jenem Weltenchaos, sonnige Stunden, in denen nur das Da-Sein zählt. Und nicht, was gerade am anderen Ende der Welt geschieht oder was ultrahip sein soll.

Soll der anachronistische Ritter mit dem Eimer auf dem Kopf besser leer sein oder gar verbannt werden? Was hat er bei dieser Veranstaltung zu suchen gehabt? Was sollte das blutige Kreuz, was die Plastikpuppe? - Ich stand wohl ziemlich alleine da, als ich das Ding so fasziniert fotografierte. Jener anachronistische Blechkerl, dessen Inneres ein Plastikkind ist, zeigte mir die Zerrissenheit unserer Gegenwart. Er ist ein bißchen wie wir. Drum hilft es nichts, wenn wir ihn nach hinten in die Scheune verbannen ... sein Geschepper wird dadurch nicht leiser. Wir sollten ihm vielleicht jetzt erst recht ins Gesicht schauen?

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