Nachtschwarz oder die Liebe zum schönen Buch

Normale Buchhändler verdienen an mir derzeit leider wenig Geld. Ich habe nämlich seit geraumer Zeit die billig und lieblos gemachte Stapelware gründlich satt und möchte Bücher auch noch ein halbes Jahr nach Erscheinen lesen dürfen, ohne dass sie bereits verramscht sind. Kurzum: Ich investiere mein Geld neben den E-Books gezielt in "schöne Bücher" - und die schönsten gibt's im Antiquariat. Einschließlich vieler Geschichten zu den Büchern obendrein. So blieb gestern mein Blick an einem Bändchen im Schaufenster hängen und ich schritt beherzt in den Laden, um nach dem Preis zu fragen. Eine Ausgabe von Dostojewskis "Der Doppelgänger", reichhaltig illustriert von Alfred Kubin, der mit Kandinsky, von Jawlensky, Werefkin u.a. die Neue Künstlervereinigung München gegründet hatte. Als Illustrator machte er sich mit düster-phantastischen Zeichnungen einen Namen, mit der Ausstattung von E. T. A. Hoffmann, Dostojewski, Poe und seinem eigenen Roman "Die andere Seite" (1909).

Das Original erschien im Jahr 1913
Es war einer dieser Läden, in die man sich am liebsten für eine Nacht einschließen lassen möchte. Schwerpunkt auf Kunst und Literatur,die Bücher ordentlich bis unter die Decke in alte, dunkle Regale geordnet, dazwischen Stapel, Kisten, ein Tisch und Vitrinen mit Preziosen. Man muss ein paar Stunden mitbringen, weil der Antiquar seine Bücher kennt, als seien es seine eigenen Kinder. Gleich entspinnt sich ein Gespräch, wegen des Griffs zu Kubin und weil die Ausgabe so erstaunlich gut erhalten ist.



Ich werde im Lauf des Gesprächs, bei dem auch meine Liebe zu Kandinsky aufleuchtet, zur Vitrine geleitet. Nicht, dass man mir etwas aufschwatzen will, ich habe deutlich gezeigt, dass ich nur dieses eine Buch kaufen werde. Aber man muss sich doch wenigstens mal einen Blick gönnen! Vorsichtig greift der Antiquar eine wunderschöne Ausgabe von Kubins "Die andere Seite" heraus und lässt mich genießen, indem er langsam das Buch durchblättert. Was für eine Drucktechnik! Und die Seiten allesamt völlig sauber, die Illustrationen berückend. Das ist kein Nachdruck. Die Augen des Antiquars leuchten, als er das entsprechende Blatt zeigt: Es ist eine Erstausgabe von 1909. Der Preis tüchtig dreistellig, aber immerhin: Einmal dieses Buch gerochen und berührt, angeschaut haben. Glück. Mehr will man manchmal gar nicht. Wäre ich wohlhabend, wäre ich schwach geworden. Allein das Cover (s. Link) begeistert mich in seiner Schlichtheit derart, dass ich am liebsten heute wieder solche Bücher machen würde.

Es ist schon seltsam mit der Liebe zu Büchern. Ganz bestimmt habe ich den "Doppelgänger" von Dostojewski in irgend einer Form im Regal stehen, noch sicherer besitze ich den Text als E-Book. Und doch muss ich diesen Band unbedingt haben, mein Herz klopft, als ich den Preis erfrage und es klopft noch mehr, weil ich mir das Buch leisten kann. Und ich werde diesen Dostojewski wieder lesen, obwohl ich die Ausgabe in meinem Regal schon ein paar Mal gelesen habe. Warum? Es ist dieses Gefühl! Ein anderes Papier und der Geruch einer anderen Zeit. Es ist die so ganz eigene Typografie, die Art, wie sich die Druckerschwärze ins Papier gegraben hat. Vor allem aber sind es die Paarungen zwischen Text und meisterhafter Illustration, die so wohldurchdacht und liebevoll als Buch gestaltet in völlig neue Innenwelten und Räume führen. Welten einer früheren  Zeit obendrein ... Die Assoziationen verändern sich, die Innenwelten färben sich anders ein, nachtschwarz diesmal und überwältigend. Man vergisst damit die Zeit.

Heute habe ich mir neugierig einmal im Internet angeschaut, was es zu dem Buch gibt. Im Internet ist ja angeblich alles immer billiger. Mein Buch ist jetzt nicht die ganz große Preziose, denn es handelt sich nur um den Nachdruck der Originalausgabe von 1913, der 1948 erschien - daher der gute Zustand. Für etwa das Doppelte hätte ich eine Ausgabe von 1922 im Netz gefunden, in zweifelhaftem Zustand, denn man kann da nichts befühlen. Und 1922 ist auch nicht 1913. Ein Anbieter aus Israel will für über 60 Euro angeblich die limitierte Originalausgabe von 1913 haben***. Es gab damals nur 800 Exemplare. Entweder ist der Mann dumm oder die Ausgabe in jämmerlichem Zustand oder nicht echt? Selbst bei solchen Summen mag ich keine Experimente machen, wenn ich dann mit Rückgaben um den halben Erdball zu tun habe. Versöhnt bin ich allemal: Das Buch, das ich mit sinnlichem Vergnügen eingekauft habe, ist im Internet so gut wie überall teurer, oft sehr viel teurer. Ich kann die Bücher nicht genau untersuchen. Ich bekomme vor allem keine seltenen Erstausgaben gezeigt und keine Geschichten erzählt. Ich freue mich auf meinen nächsten Besuch im Antiquariat!

***Wie vermutet hat sich diese Ausgabe nach einigen Recherchen als falsch datiert herausgestellt. Konnte bei dem Preis auch unmöglich wahr sein.

Kommentare:

  1. macht lust auf eine erneute Lektüre des Doppelgängers...

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  2. Schlachterin12/4/14 00:42

    Und mir auf Kubins "andere Seite". Der liegt schon seit Jahren auf einem Stapel ungelesener Bücher, seit ihn mir eine Freundin in die Hand drückte, die damals in einem Antiquariat jobbte. Allerdings nur eine schnöde Reclam-Leipzig-Ausgabe von 1984. Immerhin mit Kubins Illustrationen: düstere Räume, wilde Landschaften, vor allem aber sehr sprechende Porträts. Ich hab’s jetzt mal voll guter Vorsätze ganz oben auf den Stapel gelegt.

    Dir viel Freude mit Deinem neuen Doppelgänger. Dostojewski ist natürlich immer eine Lese wert ...

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  3. @besonders buch:
    Und ich habe gerade durch deinen Kommentar mit Lust ein neues Blog entdeckt, das mir sehr gefällt, danke!

    @Schlachterin
    Wäre ja mal gespannt, ob Kubin auch als Literat bestehen konnte. Hochspannend ist natürlich der Zeitkontext: Sigmund, Freud, die Drogenerfahrungen der Künstler, die Auswirkungen der Moderne auf die Psyche etc.
    Wenn ich die Inhatsangabe lese, ird er sehr viele Anspielungen gemacht haben, die wir heute nicht mehr unbedingt verstehen?

    Ich habe festgestellt, dass viel phantastisch wirkende Literatur der Zeit, aber auch Utopien wieder erschreckend aktuell sind. Mein Jahrhundertwerk diesbezüglich, obwohl mit völlig anderen Konnotationen: Andrej Belyj - Petersburg (1913). Very hard stuff, aber so besonders!
    Ich bedaure, dass viele Texte aus der beginnenden Sowjetzeit nie übersetzt wurden, da gibt es hochspannende Sachen.

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  4. Interessanter Artikel in der FAZ zu Kubins Roman:
    http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/alfred-kubin-die-andere-seite-eisregion-einsamsten-gruebelns-1842911.html

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