Der Duft der Kindheit

Veilchenzeit, Frühlingsahnen - der Wind treibt einen Duft über die Wiese, der nach den vorgetriebenen Hyazinthen in der Winterwohnung und vor dem nachösterlichen Flieder süße Zeiten verspricht. Ich habe mir einmal in einem französischen Kloster ein natürliches Fliederöl besorgt, das pur fast unerträglich ist in seiner Intensität. Aber wenn ich einen richtig trüben Durchhängertag im Winter habe, hellt es stark verdünnt die Stimmung auf und verheißt Frühling. Vielleicht wirkt es auch so gut bei mir, weil es Kindheitserinnerungen weckt. Großmütter parfümierten sich damals gern mit Veilchenwasser.

Hesperis matronalis


Ich will heute von einem sehr besonderen veilchenähnlichen Duft erzählen - und wie sich damit Kreise in die Kindheit schließen. Gleichzeitig ist das ein Lebenszeichen, das zeigt: Ich habe hinter den Kulissen fürchterlich viel gearbeitet - obwohl ich wie viele Kolleg:innen als Künstlerin im Kohlenstoffleben recht unsichtbar geworden bin.


Zum einen sind meine digitalen Art-Journal-Workshops so gut angekommen, dass ich in einer verlängerten Osterpause das für mich neu Gelernte umsetzen werde und diese Kurse auch in Nachpandemiezeiten beibehalten möchte. Es ist wunderbar: Ich erreiche damit Menschen, die sonst nie in unser Kulturerbezentrum reisen würden oder könnten. Jetzt will ich erst einmal eine feste Studioecke einrichten und diverses Zubehör kaufen, damit ich auch kurze Anleitungsvideos fertigen kann, die den Liveunterricht ergänzen. Die Schnupperkurse haben mir durch die Wiederholungen gezeigt, welche Themen die Leute besonders interessieren und welche nicht.


Auf alle Fälle sind Art Journals nach meinen neuen Erfahrungen eine vielversprechende Technik der Selbstfürsorge in diesen harten Zeiten - und werden es bleiben bei der Aufarbeitung danach. Gleichzeitig - und das hat mich positiv überrascht - kann man sie zum Storytelling in Bereichen benutzen, an die ich bisher kaum dachte. Was mir eine neue Themenidee eingab. Aber davon mehr, wenn die Eier auch gelegt sind.


In den vergangenen zwei Monaten ( so lange schwieg ich hier schon?!) bebrütete ich ein ganz anderes Ei, von dem ich schrieb. Es schlüpfte schneller als gedacht!


Ich wollte wissen, ob ich nach all den hirnerweichenden Monaten der Pandemie noch schreiben kann - und das auch noch auf Englisch. Das kleine Essay lag seit Monaten in dürftigen Ansätzen herum, ich war irgendwie nicht fähig, war zu nah am Horror des Frühjahrs 2020, denn in dieser Zeit ist es angelegt. Und eigentlich sollte es nur Einleitung für ein ganz großes Thema sein.


Dann kam der richtige Moment. Zufällig spülte mir Twitter von einer meiner Lieblingsplattformen genau die richtige Frage in den Stream, die mich so lange beschäftigt und die mit meiner künftigen Arbeit so viel zu tun hat. Dem Aufruf "We invite you to share your reflections as we explore the relationship between humans and nature" konnte ich nicht widerstehen.Ich wollte es einfach wissen: setzte mir eine Deadline fürs Essay und nahm mir vor, dass ich das genau dort veröffentlichen werde.


Plötzlich ging alles ganz schnell: Die Ideen schwappten in einem Schreibanfall aufs Papier. Gleichzeitig fand ich durch einen der verrückten Zufälle des Lebens einen feinen Sprach-Coach, der mit mir nicht nur im Lektorat meine Texte durchgeht, sondern mir dadurch auch jede Menge Feinheiten beibringt. Ich schickte das Essay ein, kurze Zeit später war es online. Ihr könnt es hier lesen:


Sweet Lady Violet And The Fabric Of Life


Es geht um den besonderen Duft einer mir liebgewordenen Pflanze in einem sehr besonderen Zusammenhang. Aber lest selbst! Es ist Teil einer Textsammlung von mittlerweile 82 Beiträgen zur Frage: What happens when we see ourselves as separate from or as a part of nature? Entstanden im Center for Humans & Nature in Zusammenarbeit mit Studierenden vom Loyola University Chicago's Institute of Environmental Sustainability.


Und jetzt weiß ich, wie und woran ich in Zukunft arbeiten möchte und warum das Schreiben und die Art Journals sich sogar fantastisch ergänzen. Unsere nächste große Zukunftsherausforderung ist längst da: Klimaschutz und Artenschutz. Wir haben hervorragende Aktivist:innen weltweit, die uns mit dem theoretischen Hintergrund, dem wissenschaftlichen Wissen versorgen. Ergänzend habe ich aber noch eine freche These: Wir engagieren uns sehr viel schneller und leichter für etwas, das wir auch fühlen und vor allem lieben.


An dieser Schnittstelle zwischen Kunst und Ökologie möchte ich arbeiten. Es ist kein Zufall, dass ich im Nationalpark gelandet bin. Ich möchte an Konzepten arbeiten, um Menschen Natur wieder nahe zu bringen, das Faszinierende an der Natur fühlbar zu machen. Irgendwann auch wieder ganz körperlich in den Nordvogesen. Aber eben auch digital.


Und das trifft sich fantastisch mit einer Kindheitserinnerung, die mir gerade bei Twitter kam, bei der Frage, welches Non-Fiction-Buch uns am meisten beeinflusst habe. Es steht an einem Ehrenplatz in meiner Bibliothek. Zum neunten Geburtstag wünschte ich es mir heiß und innig und sehr bestimmt, denn es war sogar preiswerter als die blöde Puppe, die mir meine Eltern eigentlich zugedacht hatten. Das Original war eine Time Life Artikelserie zur Naturgeschichte der Erde aus den 1950ern, die als "The World We Live In" zu einem Buch zusammengefasst wurde. Der Bertelsmann-Buchclub übersetzte das als "Die Welt in der wir leben" in den 1960/70ern.

"Die Welt in der wir leben"


Das für Kinderbegriffe riesige Coffee-Table-Buch mit über 300 Seiten war damals eine Sensation wegen seiner vielen ausklappbaren Panoramabilder. Die aus der Urzeit wurden später häufig nachgedruckt. Ursprünglich hatte das Bild oben Rudolph F. Zallinger als armer Student auf eine Mauer des Peabody Museums der Yale University im Auftrag gemalt. Er bekam später den Pulitzer Preis für Kunst dafür und wurde berühmt.


Ich konnte stundenlang in diesen Bildern herumspazieren und lernte die lateinischen Namen der Spezies auswendig. Es fiel mir wieder ein: Das war auch die Zeit, als ich Bärtierchen mit einem Kindermikroskop beäugte und über Mikrokosmos und Makrokosmos staunte. Ich frage mich, ob ich damals arg nerdig erschien. Jedenfalls züchtete ich auch heimlich Kartoffelkäfer unterm Bett, die ich für mich Pyjamakäfer nannte. Wo sonst züchtet man Pyjamakäfer in Marmeladengläsern mit Stoffdeckel zum Atmen?! So ein wenig Ahnung von Biotopen muss ich auch gehabt haben: Ich fütterte sie mit Kartoffelblättern aus der benachbarten Gärtnerei und setzte die frisch geschlüpften Nachkommen, sobald das Chitin ausgehärtet war, auch genau dort aus - auf Nachbars Kartoffelfeld. Nicht auszudenken, was aus mir geworden wäre, hätte ich damals die blöde Puppe bekommen!

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