Was zermürbt ...

Keine Angst, es wird lustig! Ich habe eben das größte französische Donnerwetter geflucht, dessen ich mächtig bin - und das hört sich ungefähr so an, wie sich in Comicsprechblasen Buchstabendurcheinander mit kleinen Totenköpfen, grinsenden Piraten und giftgrünen Spiralen liest. Dabei war alles so einfach: Ich wollte etwas mehr als die üblichen zehn Masken an den Supermarktkassen kaufen, plus das in Läden nie existente Handdesinfektionsmittel dazu. Online. Und nicht bei Amazon. Amazon, ach Amazon ...

Ich sehe im Moment ungefähr so aus. Und hoffe, bald wieder von der Decke runterzukommen und wieder Mensch zu werden ...


Als brave Staatsbürgerin habe ich mich zuerst auf eine privilegierte Seite begeben, beim Ministerium. Privilegiert insofern, als ich dank Einfraufirma für mich und meine MitarbeiterInnen, die ich als Einfraufirma nicht habe, Masken bestellen kann, damit es hier in der Wirtschaft ordentlich zugeht. In Zusammenarbeit mit La Poste habe ich das Privileg, mich da öfter einzudecken. Vorab: Ich habe ein Kundinnenkonto bei der Post, wie praktisch, dachte ich.
Ermahnung: Bei Amtskram in Frankreich nie selbstständig denken! Es kommt immer anders.
Das Ministerium fragt meine Firmendaten ab. Soweit, so normal. Et voilà, ich bin auf der Spezialseite der Post. Soll ein Kundenaccount einrichten. Drei Anläufe später ist klar: Die akzeptieren mein längst existierendes als Mensch nicht, die wollen eins mit mir als Chefin. Aaaaaalso ... jede Menge Firmenzeugs eingegeben, hochvertrauliches. Et voilà, die fragen die zentrale Registerstelle ab und zeigen mir noch mehr Daten von mir, die ich nicht mehr ausfüllen muss. Alle arbeiten mit allen zusammen. Nur die Steuererklärung wird offenbar noch nicht von der Post erledigt.

Tippeditippediklapper bin ich endlich endlich auf der Seite, wo ich die Masken in Sechserpacks für kleine Firmen oder in Riesendickpackungen bestellen kann. Noch kann ich nicht sehen, was ich da kaufen werde. Also nehme ich die minikleinste Minimenge wegen der nicht vorhandenen Angestellten. Et voilà, es kömmen Fotos nebst Beschreibung.

Das sind also diese Art Ersatzmasken aus Stöffchen, die Beschreibung karg. Bei dem Mann auf dem Foto sitzen sie nicht so recht. Und ich sehe: Die haben ein nicht dehnbares, breites Stoffband für die Ohren. Ich weiß jetzt schon, dass die bei mir ganz und gar nicht sitzen werden und einfach ... mer...de sagen wir in Frankreich. Will ich nicht. Nicht die. Auch wenn sie noch so waschbar wären. Im Geiste sehe ich das alles auslobbern, was eh schon labbrig aussieht. Ich verlasse mein Account ("Sie haben keinerlei Bestellungen oder bezahlte Rechnungen!").

Ich habe nämlich vorher gesehen, dass die Post in ihrer Online-Boutique für stinknormale Kundinnen auch Masken verkauft. Größere Auswahl, nur unwesentlich teurer, dafür aber auch Desinfektionsmittel!

Ich logge mit meinem Kundinnenaccount ein, so weit, so gut. Suche herum. Bekomme ein irrsinniges Porto vom 15 E heraus und denke schlau: Da kommen zwei Produkte von zwei Herstellern. Was, wenn ich vom gleichen Hersteller kaufe? Überraschung! "Das Porto für Ihre Bestellung beträgt 0,00 E - es wird Ihnen geschenkt." Boah. Wow. Das muss einem doch gesagt werden. Erklärungen gibt es nirgends, aber ich gehe davon aus, dass es am Hersteller lag. Irgendwie muss die Post so ähnlich funktionieren wie Amazon Marketplace. Sagt einem aber keiner. Auch nicht La Poste.

Nach all dem Ministeriumsbrimborium und anderen Krempelkramerfreulichkeiten heute klicke ich zuversichtlich auf meinen Einkaufskorb und klicke und klicke und finde Buttons nicht gleich ... in Frankreich funktionieren viele Onlineshops nach einer mir noch unbekannten Logik. Oder anders gesagt: Es gibt nicht immer Buttos fürs Rückwärts und dann funktioniert meist nichts mehr.

Endlich komme ich zum Bezahlen. Eben noch hatte ich mir eine Briefmarke ausgedruckt und per Paypal bezahlt. Sicher und schnell. Jetzt wollen sie die Kreditkarte. Ich rase zur Handtasche, es kann sich nur noch um Minuten drehen.

"Die Authentifikation Ihrer Kreditkarte schlug fehl."

Tat sie noch nie. Wie, warum, weshalb? Nach gefühlt 2 kg französischen Spezialsprechs über 3-D und Sicherheit und Dingenszeug seit Januar (war das vor Corona? Wie soll sich jemand an vor Corona erinnern können?) erfahre ich, dass ich mit meinem Bank-Conseiller Rücksprache halten soll, ein Mann, der eigentlich nie erreichbar ist.

Also Einloggen bei der Bank und siehe da - eine ungelesene Mitteilung vom Januar. Wie habe ich die übersehen können? Warum hat mir niemand warnend auf die Schulter gehauen oder einen Brief geschickt? Ich soll wegen der neuen Authenti... also dieses Dingens. Ich könnte meine Handynummer eingeben und das veranlassen.
Mir schwant Übles.
Sehr sehr Übles. Die Story mit der Telefonnummer, diese unendliche Geschichte. Ich hatte deshalb schon mal einen Schreikrampf. Erinnere mich wieder an ein düsteres Kapitel französischer Bankgeschichte.
Im vergangenen Jahr probierte ich locker ein halbes Jahr lang, in mein mobiles Account die neue Telefonnummer aufnehmen zu lassen. Man könnte das ja mit zig Passwörtern und / oder einer sms absichern. Stattdessen kam die Meldung, man werde mit einen Bestätigungscode mit Brief aus Papier zuschicken. Damals nahm der Horror seinen Lauf: Solche Briefe kommen bei uns nie wirklich pünktlich an. Und der Code war so gemacht, dass er nach wenigen Tagen verfiel. Was soll ich sagen: Der Brief mit dem Code kam immer genau dann an, wenn der Code gerade verfallen war. Irgendwann bekam ich jenen Schreikrampf und gab auf. Ich würde das schon nicht brauchen.

Aber genau diese Handynummer brauchte ich jetzt für diese superirresichere Authentizifizackdingens! Die Bank versicherte mir, dass ich bei Herunterladen ihrer App aufs Handy völlig superduperschnellsicher überall bezahlen könne und authentisch oder so sei.

Ha! Warum hat mir das keiner vorher gesagt - endlich mal alles digital. Obwohl ich es HASSE, Bankgeschäfte via Handy zu machen, sicher ist in meinen Augen nämlich was anderes!

Was tut man nicht alles, um ein paar Masken zu bestellen. Ich hab die App runtergeladen. Dafür sogar Twitter vom Handy gehauen, weil der Speicher fast voll war. Und zacktralali ... "nur noch ein paar Einstellungen, um Ihre App zu konfigurieren!" Gemacht, getan. Mich authentizifizeriert. Et voilà: "Geben Sie jetzt Ihre Handynummer ein!" Zackzerack - ich hatte schon Übung.

Und dann ist es passiert. Niemand hat mich vorgewarnt. Ich habe nicht einmal einen Schnaps im Haus.
Düsternis. Mitternachtsschwarzer Hirnschleim. Grellgrünquirlende Spiralen in Totenköpfen von Piraten!
Die Mitteilung kannte ich von irgendwoher: "Danke, dass Sie Ihre Telefonnummer angegeben und bestätigt haben. Sie bekommen einen Brief mit einem temporären Zugangscode."

Donald Duck würde jetzt sagen: Arrrrggggglllll.

Diesen Brief unterschreibt übrigens mein Conseiller höchstpersönlich. Ich kann ihn nicht einfach anrufen und nach dem Code fragen. Ich kann ihn nicht mal persönlich mit Ausweis besuchen, um den Code zu erfragen, obwohl ich in 15 min. dort wäre. Es geht alles nur noch hypervirtuell und fantastiös elektronisch. Abgesehen von jenem Papierbrief. Sollte er, per App bestellt, schneller ankommen, als per PC abgerufen?

Welche Abenteuer erwarten mich dann, wenn ich den Code endlich habe? Welche Umwege und idyllischen Nebenpfade?

Die Maskenbestellung nebst Desinfektionsmittel habe ich erst mal annuliert. Werde mich weiter mit Kernseife waschen und die schnöden Masken aus dem Supermarkt an der Kasse verlangen. Bis wer weiß wann.
Hätte ich einen Schnaps im Haus, würde ich ihn auf das Wohl von Amazon trinken. Aber erst mal muss ich einen Kniefall machen und ein Dankesgebet, dass ich die Briefmarke heute per Paypal zahlen durfte. Das ging vielleicht zackig! Im Nachhinein bin ich fast erschrocken, wie einfach es ist, Briefmarken daheim auszudrucken. Vielleicht sollte ich mir Briefmarken auf Mund und Nase kleben?

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