Vom Kramen in Papieren

Unlängst hat die Papierkünstlerin und Autorenkollegin Birgit Ebbert in ihrer Challenge #365Papersquares ein Origamiquadrat mit einem Knopf aus einer alten Knopfschachtel gefaltet. Erinnerung pur nicht nur für sie. Auch meine Mutter, zumal sie Schneiderin war, besaß eine Knopfschachtel - und an Sonntagen durfte ich darin herumwühlen und "gucken". Ich fühlte mich in Piratenmärchen versetzt, das war eine bunte Schatzkiste für mich, ein Traum, wenn es wieder so weit war, dass ich mal wühlen durfte. Schatzkisten haben mich seitdem mein Leben lang begleitet.

Die Knopfschachtel meiner Kindheit: Mit Erwachsenenaugen sind die Schätze nicht zu ermessen.

Es gibt viele davon. Manche aus meiner Kindheit habe ich bei der Haushaltsauflösung der verstorbenen Eltern retten können, nicht wissend, dass sie überhaupt noch existierten. Wie meine Postkartenschachtel, mit der ich mich als Kind fühlte wie eine barocke Prinzessin. Es landeten darin Haferflockensammelbildchen - ich muss damals sehr viele Haferflocken gegessen haben. Bilder von Tieren, der Natur, von seltene Pflanzen und fernen Kulturen. Erst heute weiß ich, wie sehr solch frühkindliches Bilderleben die späteren Interessen prägt und wie Kinder schon ganz genau wissen, was sie interessiert, bis sie alt werden. Und es gab eine blausamtene Schachtel mit Silberbezug innen, in der ich nur Muscheln aufbewahrte, weil diese Schachtel für mich genauso klang wie das Meer. Die Gegenstände sollten ihr Biotop haben ... So gibt es auch neuere Schachteln: eine Kramschachtel mit Halbedelsteinen, einfache Trommelsteine im handgeschnitzten "Biotop" aus Indien etwa. Oder die Blechschachtel von einem Stollen, in der nur besondere Gegenstände liegen, die Geschichten erzählen: Handmodelliertes, Holzstücke, Versteinerungen, Kramzeug. Wie meine Steinesammlung haben sie jeden Umzug überdauert und immer einen wichtigen Platz bekommen.


Eien aus Postkarten genähte Schatzschachtel, in der ich als Kind Bildchen und auch den ein oder anderen Miniteddybär aufbewahrte. Verziert ist sie mit meiner selbsterfundenen "Geheimschrift". Paper Art und Schreiben ....
Schachteln können aber auch verbergen und verstecken, verheimlichen. Ich habe bereits darüber gebloggt, wie ein Fotofund mich regelrecht aus den Latschen kippte und so spannend war, dass daraus mein Sketchbookproject werden wird. Zwischen den Weihnachtstagen will ich rangehen, denn der Abgabetermin im März kommt schneller, als man sich das so vorstellt.

Das ist ein so großes Thema, die Emigration. Was macht sie mit denen, die gingen, und mit denen, die blieben? Während anderswo weitverzweigte Großfamilien Weihnachten feiern, erinnere ich mich vor allem an eines: Kisten, Koffer und Schachteln. Eine Familie, die aus allen möglichen Richtungen kam und sich in alle Winde zerstreute. Früher dachte ich, das ginge mich alles nichts an. Wenn ich als kleines Kind hörte, wie eine schwangere Frau mit vier kleinen Kindern unter Lebensgefahr flüchten musste und der Hungertod drohte, dann schien mir das abstrakt und fern - und ohnehin wurden diese Geschichten nur seltenst erzählt. Solche Geschichten beschwieg man mit großem Aufwand. Warum aber hat man die schönen, die erfolgreichen Geschichten ebenso ausgespart?

Erst jetzt, selbst über ein halbes Jahrhundert alt, entdecke ich so viele Lösungen. Da war jener Joseph, angeblich verschollen, spurlos verschwunden. Ein Abenteurerleben haben sie ihm nachgesagt, zur See sei er gefahren, bis nach Indien, eine Italienerin habe er geheiratet, womöglich. Sicher sei er da einfach geblieben - aber sich derart aus dem Staub zu machen? Ich habe Joseph wiedergefunden. Er hatte sich tatsächlich sesshaft gemacht, ist nämlich hochoffiziell in die USA ausgewandert, sehr früh, Anfang des 20. Jahrhunderts schon. Und dort wurde er zu einer Art Leuchtturm: Er hat viele von seiner Familie nachgeholt und für sie gebürgt. Wäre sein nächster Verwandter wie alle anderen gegangen, wäre ich heute nicht auf der Welt oder Amerikanerin. Aber sie haben ihn totgeschwiegen, die Hiesigen. Er war "verschollen", ganz ohne Krieg.

Ich habe lange nicht begriffen, was das mit den späteren Generationen alles macht. Durch die Kriegsenkel-Thematik bin ich darauf gekommen, dass es auch eine Emigrations-Thematik durch die Generationen hinweg gibt. Ich habe nie begriffen, woher eine bestimmte Sorte Träume kam, die mich seit meiner Kindheit verfolgte, mal alptraumhaft, mal abenteuerlich, mal langweilige Serie. Ich befinde mich in einer Situation, in der ich im Affenzahn mein wichtigstes Hab und Gut packen muss, um zu verschwinden. Da ist nicht mehr als ein Koffer oder eine Kiste. Ich bin meist kopflos, weiß nicht, wo anfangen. Mir fällt alles Mögliche herunter, die Zeit drängt. Entweder ist da eine Bedrohung oder ich muss ein Schiff erreichen, das gleich ablegt. Ich greife in Juwelen, in Glitzersteinchen, weil ich denke, damit ließe sich überleben. Manchmal gelingt mir die Reise. Manchmal öffnet sich der Koffer und alles fällt auf den Bahnsteig. Manchmal ist eine Art Mafia hinter mir her.

Ich habe lange gebraucht, um zu verstehen, dass das gar nicht meine, mir ureigenen Träume sind. Sondern dass ich da Ängste und Erlebnisse sozusagen nachträume, die ich von Andeutungen und Geschichten aus meiner frühen Kindheit kenne. Es sind eigentlich die Träume meiner Großelterngeneration. Durch permanentes Verschweigen haben sie sich aufgebläht. Ich schmunzle manchmal über den "Zeitriss" bei Dr. Who - so fühlt sich das an. Da ist ein Riss in der Wand meines Kinderzimmers gewesen, der in eine Welt des Nichtwissenwollens reicht, eine Welt der Familienlügen und Geheimnisse. Und zeitlebens versuchten diese "Wesen", sich zu befreien. Durch Traumtagebücher und die Kriegsenkelforschung kam ich darauf, dass das nicht einfach nur Märchen sind, die sich Kinder ausdenken. Das Verheimlichen rächst sich generationsübergreifend, nachlässig überpflasterte Wunden brechen viel später erst auf.

Ich bin diese Träume übrigens ziemlich auf einen Schlag losgeworden. Ganz ohne Therapie und langes Arbeiten. Als Autorin weiß ich um die Kraft des Umschreibens. Du findest einen Plot blöde, die Geschichte gefällt dir ganz und gar nicht? Schreib sie um! Schreib sie neu! Und behalte selbst das Heft in der Hand, lass dir von keinem dabei dreinreden.

Ich wusste um die Bedeutung der Glitzersteine in diesen Träumen und die der Schatzkisten. Also habe ich einfach mal falsche Juwelen bestellt, nämlich facettierte Glas-Cabochons. Und die in eine schöne Kiste gesteckt. Darin herumgewühlt und gewusst: Das ist meins. Da ist es schon passiert - ich verliebte mich in tschechisches Glas und schrieb Geschichten in meinem Kopf nach der Realität um: Diese Emigranten in den USA kamen allesamt aus Tschechien. Noch so ein ausgewanderter Zweig hatte sogar selbst eine Glasfabrik.

Aber irgendwie kamen die Träume wieder. Nicht mehr so bedrohlich mit Mafia oder Räubern oder Tyrannen, aber sie blieben. Bis ich mich letztes Jahr mit dem Schmuckatelier selbstständig machte. Da war kein Vorsatz dabei, aber mit dem ersten Schmuckstück blieben jene Träume endgültig aus. Ich habe keinen davon je wieder geträumt. Und habe stattdessen die Geschichte von "Gladstone" entdeckt. Ich bin jetzt genau das geworden, wovor man mich immer gewarnt hatte: eine Künstlerin. Wie er ... das schwarze Schaf.

In meinem Atelier stehen inzwischen jede Menge "Schatzschachteln": Dosen und Kartons mit Perlen, nach Farben oder Stilen sortiert. Sie würden im Ernstfall wahrscheinlich genau in einen Koffer passen, aber ich würde sie gar nicht mitnehmen müssen. Schmuck lässt sich aus allem Möglichen machen: aus Naturgegenständen, aus Abfall. Ich schicke meine Schätze heute hinaus in die Welt. Kann ihnen per Tracking und Google Maps folgen und bin ganz stolz, weil mein erstes Schmuckstück gerade "über den großen Teich reiste". Gegenüber früher im Affenzahn mit dem Flugzeug.


Seit 2016 fertige ich selbst hauptberuflich Schätze und schwelge in Kristallglas, Glas und Papier.
Das Kramen in alten Papieren und im Internet erzählt mir jetzt sehr spannende Geschichten. Meine einzige Angst: Ich muss eine Story finden, die sich durch Zeichnungen und Mixed Media auf 33 Seiten erzählen lässt. Ohne groß Worte zu machen. Wenn ich dann die uralten Orte im Jetzt wiederfinde, fühlt sich das auch ein wenig an wie der Zeitriss bei Dr. Who ...

In diesem Haus wohnte Anfang der 1920er ein Verwandter, der für viele unserer Emigranten bürgte. Denn so taucht er in den Schiffspapieren auf. Das Haus steht noch, das Viertel gibt es noch. Bei uns wäre es eine idyllisch restaurierte Toplage mit vielen Parks und baumbestandenen schmalen Straßen. Real ist es eine Wüste des Zerfalls in einer Millionenstadt. Ein paar Straßen weiter haben sich Schwarze angesiedelt, die mit viel Handarbeit Häuser restaurieren und wieder bewohnen, die sonst offenbar keiner mehr will. Ein wenig Aufbruchstimmung und noch mehr Verzweiflung, Resignation.
Die Brüche in den USA, die wir jahrzehntelang nicht gesehen haben, weil wir dem Mythos nationaler Größe einer Weltmacht erlagen, blähen sich eines Tages genauso auf wie unterdrückte Familiengeheimnisse. Irgendwann platzt die Blase. Und vielleicht können wir alles nur dadurch zum Besseren wenden, indem wir endlich die Feder selbst in die Hand nehmen und umschreiben lernen. Damit sich etwas real ändert, müssen wir umträumen, eine Vision der Welt entwickeln, die besser ist als das, was sie gerade in Scherben zu hauen droht. Davon träumen, die Monster, die durch den Zeitriss träufeln, wieder dahin schicken, woher sie gekommen sind. Im Scheitern unserer Vorfahren steckt so viel Kraft, so viel Stärke. Die vorsätzlichen Zerstörer und Hassbollen unserer Zeit sind dagegen so schwach; sind Nichtse, die sich künstlich aufblasen, um uns abzulenken. Vielleicht wird 2018 das Jahr werden, in dem wir den archimedischen Punkt finden müssen, den Ansatz für unseren Hebel, um endlich die Luft aus ihnen und ihrer Weltenideologie rauszulassen?

Meinen Schmuck kann man für die eigene Schatzkiste HIER kaufen und HIER erfährt man mehr über mein Atelier.

Kommentare:

  1. Wie kommen meine Knöpfe in Ihre Knopfschachtel? ;=)

    Ich habe genau solche viereckigen Lederknöpfe, Dufflecoat-Rollen und Prima-Wäscheknöpfe in der Krabbelschachtel ..., da kommen viele Erinnerungen hoch!

    Frohes Fest!

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Das ist ja lustig! Ich schätze mal, schon damals gab es Modetrends. ;-)
      Ich wünsche auch ein frohes Fest!

      Löschen
  2. Was für ein schöner Text.

    AntwortenLöschen
  3. Dankeschön, Siegfried!

    AntwortenLöschen

Durch Operationen am Code habe ich leider die Kommentarfunktion gecrasht - ich muss das später in Ruhe reparieren - sorry!

Mit der Nutzung dieses Formulars erkläre ich mich mit der Speicherung und Verarbeitung meiner Daten durch Google einverstanden (Infos Datenschutz oben im Menu).
(Du kannst selbstverständlich anonym kommentieren, dann aber aus technischen Gründen kein Kommentarabo per Mail bekommen!)

Spam und gegen die Netiquette verstoßende Beiträge werden nicht freigeschaltet.

Powered by Blogger.