Storytelling interkulturell

Wann hört das mit dem Lernen endlich mal auf! Nicht, dass ich nicht bereit dazu wäre und ohnehin von Geburt an neugierig. Aber manchmal würde ich mich gern wenigstens eine Woche am Stück auf irgendwelchen Lorbeeren ausruhen. Stattdessen habe ich festgestellt, dass mein Dawanda-Shop perfekt und ausschließlich mit deutschen KundInnen funktioniert. Nun sitze ich selbst in Frankreich, fertige Schmuck, wie ihn Leute am Mittelmeer mögen und wollte also internationaler werden. Zuerst waren drei Sprachen angedacht: Deutsch, Englisch, Französisch - dann stellte ich fest, dass allein die englischen Übersetzungen unwahrscheinlich zeitraubend sind. Ohne Effekt. Lag es nur an der Sprache? Ich kenne das Problem von Büchern: Lizenzen bekommt man nur, wenn man Menschen in anderen Ländern auch etwas zu sagen hat.


Also habe ich mal wieder gesucht, getüftelt und Tonnen gelesen. Mich auf allen möglichen Plattformen und in Onlineshops umgeschaut. Überraschend war das Ergebnis nicht wirklich: Die Geschmäcker sind verschieden. Und sie sind nicht nur von Land zu Land verschieden - trotz aller globalen Trends - es gibt tatsächlich so etwas wie kulturell bedingte Sehgewohnheiten.

Im Grunde war mir das immer klar: Eine Französin kleidet sich im Business anders als eine Deutsche, eine Polin beim Ausgehen am Abend anders als eine Schwedin. Dass auch Sehgewohnheiten, Wahrnehmungen von Kindesbeinen an und gängiges Design den Blick verändern, lernte ich zum ersten Mal in Baden-Baden. Ein russischer Autor, der eine Menge Vorschusslorbeeren bekam, stellte ein aufwändig und luxuriös gestaltetes Buch mit historischen Inhalten vor, für dessen Druck er Sponsoren suchte. Das Werk hatte ein übergroßes Format und war dick wie eine Altarbibel. Die Seiten waren nicht etwa weiß. Er hatte Pergamentstrukturen aufdrucken lassen, auf anderen Leinenfasern - und immer wieder Brandränder, die wohl auf das Historische abzielten. Extrem bunt tummelten sich dann auf diesen Flächen Zeichnungen, Fotos, Wikipediabildchen. Und alles strotzte nur so von Typografie, also möglichst vielen Schrifttypen und Farben auf einer Seite. Goldschnitt sollten die Brandränder obendrein haben.

Die deutschen Zuschauer räusperten sich diskret oder lächelten mitleidig. Bei unseren Sehgewohnheiten stünde so eine Buchgestaltung für "Möchtegern", für Selbstgestricktes. Luxusfeeling käme vom Gegenteil: Klarheit, Kargheit. Aber die Russen jubelten! Und natürlich fragte ich nachher neugierig, ob sie das ernst gemeint hatten und warum. Es war spannend: Viele wurden an Bilder erinnert, an Texturen, die sie seit ihrer Kindheit kannten und als "heimelig" und vertraut empfanden. Das war offenbar ein Gefühl, wie wenn unsereins einen Kracher von Fantasy im Kino anschaut - und es widersprach in ihren Augen keineswegs einer sachlichen oder historischen Herangehensweise. Der Mann fand seine Sponsoren - allerdings nicht unter den Deutschen.

Aus einer Einzelbegebenheit dieser Art, noch dazu in einem eng begrenzten Personenkreis, kann man natürlich keine allgemeingültigen Aussagen ableiten. Ich erzähle das darum nur zur Illustration. Mir hat es die Augen geöffnet, stärker drauf zu achten, wie uns unsere Sehgewohnheiten prägen, aber auch verändern. Kleines Beispiel: Die fast lahm erscheinenden Schnitte bei einem "Tatort" der Anfangszeit und einem rasanten Thriller von heute.

Ich will es kurz machen: Alles, was Rang und Namen hat in der Bloggerszene und in Zeitschriften, die mit Papierschmuck zu tun haben könnten, läuft auf Englisch. Und ist auf Shops gepolt, die in dieser Welt laufen. Technik, Investitionen und Arbeit verglichen, habe ich mich erst einmal für Etsy entschieden. Die haben ziemlich gute Handreichungen zu Marketing und Shopdesign und da sah ich die Unterschiede, zumal das Niveau an wirklich professionell gestalteten Shops dort erschreckend hoch ist. Sprich - da sind Leute, die können sich Profimodels leisten und Profifotografen ...

Also wieder lernen. Storytelling! Kann ich doch, hab doch Bücher geschrieben! Kann ich das dadurch wirklich?

Du hast 5 Fotos (und / oder ein Video). 120 Zeichen Text zu jedem. Sag was über dich. Nein: Mache die Leute neugierig auf dich. Packe oder berühre sie. Bringe gleichzeitig rüber, was deine Kunst ausmacht, was so besonders ist, was dich inspiriert, prägt. Und dann erzähle damit auch noch, wie viel Handarbeit da drin steckt. Nein, noch mehr: Gib den Leuten ein Feeling mit, wenn sie deine Produkte kaufen. Und jetzt stell dir nicht einfach die Leute vor, die du eh schon kennst, die deine Kultur kennen, die wissen, wovon du redest. Stell dir vor, da sitzt eine Frau in New York oder in den Rocky Mountains, die vorbeischaut. Eine elegante Mailänderin surft vorbei, eine ökologisch interessierte Spanierin von der Küste. Jemand sitzt im äußersten Norden Norwegens oder in Singapur. So. Und die alle haben vielleicht keinen blassen Schimmer von Frankreich. Warum sollen die ausgerechnet in Frankreich einkaufen? Fünf Fotos hast du. Und du musst sie packen, als würden sie am liebsten Urlaub bei dir machen wollen. Wenn sie deinen Schmuck auspacken, soll das auch ein Stück Exotik sein ... aus einem vielleicht fernen Land.

Ich weiß nicht, ob mir das Spiel mit den Bildern gelungen ist - ich habe einen ganzen Nachmittag gebraucht, um sie überhaupt auszusuchen. Die Story über mein Atelier, die dazu in Worten kommt, ist noch gar nicht geschrieben. Aber man kann in mein "Work in Progress" hier schon einmal hineinschauen, die Fotostory gibt's unter "About" (etwas scrollen). Bei mir muss sich das erst einmal setzen, ich werde es aus tagelangem Abstand kritisch überprüfen.

Was noch eine übel große Arbeit werden wird: Das Coverfoto für den Shop und die Produktfotografie. Helle, klare Hintergründe, wie das die Deutschen mögen: ja. Vor allem bei den Detailaufnahmen. Aber, das habe ich bei Instagram und auch in Etsy-Texten gelernt: In Übersee mag man es mit Drumherum. Mit Feeling! Sei es, dass man ein Stück in Anwendung sieht (wenn ich doch nur einen jüngeren Hals hätte!) Oder auf Texturen, mit Styling, auf Gegenständen, eine Stimmung vermittelnd.

Ich lerne noch, probiere. Ich kann nicht wirklich sagen, was bei diesem internationalen Publikum so anders ist und ob ich mich nicht irre. Das werden erst später die Ergebnisse zeigen. Klar ist mir nur: Ein Foto sagt mehr als 1000 Worte, so abgedroschen das klingt. Und darum muss es so professionell wie möglich sein. Jetzt muss ich erst einmal viel Schmuck verkaufen, damit ich mir endlich eine bessere Kamera leisten kann ... und dann muss ich lernen und üben, üben, üben ...
Es macht Spaß, aber auch rechtschaffen müde. Feierabend? Jetzt.

Kommentare:

  1. Spannend, vor allem auch die Überlegungen zu den unterschiedlichen Sehgewohnheiten (und gerade das Beispiel mit dem Buchprojekt)! Und für den Etsy-Shop halte ich alle Daumen.

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    1. Ich danke dir, liebe Maike!
      Wenn es für solche Dinge doch nur die Geheimformel gäbe, man müsste nicht so im Nebel stochern ;-)

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  2. Als Künstlerin kann man oft nicht so richtig verstehen, dass es bei vielen Menschen an Fantasie fehlt ;-) Was ich damit sagen will: "Zu welchem Outfit kann ich welchen Schmuck tragen?" ist bestimmt auch eine Frage, die sich so manche stellt, bzw. serviert bekommen möchte - oder?
    Deine Schmuckstücke sind sehr vielseitig und ich glaube, das ein und dasselbe Stück zu unterschiedlicher Garderobe auch ganz unterschiedlich wirken kann. Mal festlich, mal salopp.

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    1. Das ist ein unwahrscheinlich wichtiger Punkt, liebe Lebenskünstlerin!
      Viele trauen sich auch nicht, etwas aufzufallen, nach dem Motto: "Ich bin aber doch gar nicht schön." Was natürlich besonders schade ist, weil jeder Mensch eine eigenen Schönheit hat, die man unterstreichen kann.
      Bei Maßanfertigungen berate ich auch durchaus, frage nach Lieblingsfarben und Farben, die die Leute gar nicht mögen, nach der Kleidung. Zwei Sängerinnen habe ich z.B. ausgestattet, nachdem ich Fotos vom Bühnenoutfit hatte.
      Blöd von mir, dass ich das nicht richtig laut genug kommuniziere, das muss sich ändern. ;-)
      Auch bei den Fotos will ich mal schauen, was sich machen lässt, ohne dass ich mich ständig selbst ablichten muss ...

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