Neue Narrative

"Wir brauchen neue Narrative!" - Das liest man in letzter Zeit angesichts der Weltlage oft in Social Media. Was aber steckt dahinter? Was bedeutet das Modewort "Narrativ"?
Als Autorin und Journalistin müsste mir die Definition leicht fallen, denn das Wort kommt vom lateinischen "narrare" = erzählen. Der Narrator ist der Erzähler, jene Figur, die wir etwa aus der russischen Literatur des 19. Jhdts. kennen und die für moderne Gewohnheiten oft nervig langsam erzählt, wie sie im Dörfchen S. ankam, um zu erleben, was sie berichten will. Quälend ist das für viele, werden wir doch heute darauf gedrillt, dass eine Geschichte bereits auf der ersten Seite mitten ins Geschehen ziehen sollte, am liebsten gleich im ersten Absatz. So kann man Bücher besser "scrollen", um den Rest wegzulegen, man konsumiert mehr. Das Wissen um einen persönlichen Filter verlegen wir in die Ich-Perspekte. Und so kommt es, dass die unbeteiligten Beobachter von einst heute selbst am Bungeeseil in die Tiefe stürzen müssen, damit der Fernsehzuschauer glaubt, sie könnten darüber berichten. Sind das Narrative? Keine Angst, das wird hier kein Schreibunterricht! Es geht mir hier nicht um das typische "narrative writing", oder wie wir mit einem Anglizismus sagen, den auktorialen Erzähler.

Früh übt sich. Oder: Wie ich als Kind Donald Duck sah. Ich denke noch heute gern über mein Statement nach.


Mach dieses Gesicht da weg!

Fangen wir andersherum an. Gestern schaltete ich mich in Facebook ein, scrollte und dachte spontan nur eins: "Ich kann diese fiese Fresse nicht mehr sehen!" Ich werde jetzt nicht laut sagen, wer mich speziell nervte, es könnte ja jemand beleidigt sein. Aber jeder kennt das: Plötzlich läuft der Stream von etwas über und alles andere geht unter. Weil die Algorithmen auf Dauertrommeln reagieren. Plötzlich bringt jede Zeitung, jede Nachrichtensendung den gleichen Aufmacher: Nicht nur, weil da nach Wichtigkeit und Aktualität der Ereignisse ausgewählt wird, sondern viel zu häufig nach Quote. Für mehr ist dann kein Platz mehr im Blatt.

Früher spielte sich so etwas beim Dorfbäcker ab: Der Huber Sepp, der Bürgermeister werden wollte, sollte einer Hausangestellten unter den Rock gegriffen haben. Dass der Notarzt in der gleichen Zeit ein Baby gerettet hatte, wurde zweitrangig: Jetzt zählte nur noch der Huber Sepp, weil man über den so herrlich streiten konnte. Die einen liebten ihn, die anderen hassten ihn, dazwischen lag offenbar nichts. Emotionen pur! Und wer nicht zum Metzger ging, wo man sich eher für den neuen Schafzüchter im Dorf interessierte, der bekam den Eindruck, das ganze Dorf habe sich unversöhnlich gespalten. Nur wer seine Pappenheimer genau kannte, der wusste: Es ist wie in der Mengenlehre mit den Schnittmengen. Tante Erna, die dem Huber Sepp sogar die Handtasche übergezogen hatte in ihrer Wut, saß beim Eröffnungsfest des Schafzüchters fröhlich mampfend an einem Tisch zusammen mit Tante Martha, die heimlich in den Huber Sepp verliebt war. Dort tratschen die beiden über neue Strickmuster, die Hölle im Wartezimmer vom Dorfarzt und die Lammfleischrezepte ihrer Großmütter. Schließlich müssen auch die erregtesten Wutbürger irgendwann mal herunterkommen, wollen sie sich nicht von ihren Emotionen auffressen lassen.

Das Problem bei Social Media ist, dass wir nicht mal schnell den Bäcker verlassen können, um uns mit unseren Facebook-Feinden beim Lammzüchter zu treffen und Wein zu trinken. Wir liefern uns Monopolen aus, Meinungsmonopolen, in denen wir nur algorithmengesteuertes Datenfutter sind. Wir agieren längst nicht mehr, sondern werden herumgeschoben wie Marionetten: Sichtbar wird die Quote, nicht die Liebe. Das macht immer mehr Menschen Unbehagen und darum heißt es dann: "Wir brauchen neue Narrative!" Oder: "Rennt dagegen an!" Die Frustration folgt auf dem Fuße - ich habe es selbst oft ausgetestet. Der Artikel über eine bahnbrechende Forschung für die Zukunft, den nur ich und ein paar Spezialisten teilen, sieht niemand wirklich, weil wir zu wenige sind. Weil man mit diesen unseren Daten nicht wirklich Reibach machen kann. Es ist wie bei Hänsel und Gretel: Die Hexe hat uns fest im Griff, im Ofen lodert bereits das Feuer. Aber wir kommen aus dieser Bäckerei einfach nicht raus!

Kann man die Welt "umerzählen"?

Was ich eben (wie so oft im Blog) gemacht habe, ist eine Form des Schreibens, die im angloamerikanischen Raum Tradition hat. "Narrative essays" gibt es da, im Unterschied zu den rhetorical essays. FreelanceWriting definiert das so: "Writing a narrative essay is an essential talent for field research. Rather than summing things up for your reader, it presents your experience and allows them to draw their own conclusions. The narrative essay makes it point by subtly guiding the reader, rather than battering them the way a rhetorical essay would." Sprich, ich bringe mein Anliegen nicht trocken und theoretisch, womöglich gar mithilfe von Statistiken ans Publikum, sondern erzähle eine Geschichte, welche die Fakten transportiert. Ich bequatsche niemanden, jeder muss seine eigenen Schlüsse ziehen. Die Ergebnisse liegen auf der Hand: Die LeserInnen können sich das Gesagte schneller und besser vorstellen, sind fähig, auch bei komplexen Sachverhalten der inneren Logik zu folgen. Und Vergnügen, Unterhaltung oder Emotionen gibt's gratis dazu. Spielerisches Lernen funktioniert so ähnlich.

Hier trifft sich das Schreiben nichtfiktionaler Texte sogar mit den Sozialwissenschaften. Die nämlich definieren Narrative so (Wikipedia):
"Ein Narrativ ist eine sinnstiftende Erzählung, die Einfluss hat auf die Art, wie die Umwelt wahrgenommen wird. Es transportiert Werte und Emotionen, ist in der Regel auf einen Kulturkreis bezogen und unterliegt dem zeitlichen Wandel. In diesem Sinne sind Narrative keine beliebigen Geschichten, sondern etablierte Erzählungen, die mit einer Legitimität versehen sind.
Bekannte Beispiele sind der Mythos vom Tellerwäscher zum Millionär und der Aufruf zum Wettlauf zum Mond, der in den USA starke Kräfte gebündelt und die Nation hinter einer Idee versammelt hat. Bestimmendes Element hinter einem Narrativ ist weniger der Wahrheitsgehalt, sondern ein gemeinsam geteiltes Bild mit starker Strahlkraft.
Weit verbreitet ist die Meinung, dass Narrative gefunden und nicht erfunden werden. Konsens ist, dass Narrative Orientierung geben und Zuversicht vermitteln."

Da sind wir jetzt mittendrin bei meinem eigenen Anliegen. Die Inhalte meines Blogs haben sich allmählich verändert. Von einem Schreibblog und Geschichten aus dem Autorenleben aus hat sich meine Perspektive geweitet. Was soll auch eine übers Bücherschreiben schwadronieren, die seit Monaten vorsätzlich an keinem Buch schreibt! Was mit einem Zusammenbruch im vergangenen Jahr begann und zu völlig neuen Ufern führte, fühlte sich irgendwie gut an und korrelierte mit meinem Überdruss an einem völlig verrückt gewordenen Buchmarkt, der sich selbst verramscht. Natürlich habe ich nie aufgehört zu schreiben, denn ich brauche das wie das Atmen. Nur das Bücherschreiben gibt mir im Moment nichts, aus vielen unterschiedlichen Gründen.

Einer davon, das habe ich beim langsamen und meditativen Perlendrehen gelernt, ist das Gefühl, dass sich die Welt einschließlich meiner Gedanken dazu viel zu schnell dreht und wandelt, als dass der Prozess des Bücherschreibens dem nachkäme. Ich kenne zwar Kollegen, die in vier Wochen einen Roman "heraushauen", aber so lange brauche ich für ein gut recherchiertes kürzeres Essay. Nonfiction "haut" man nicht eben so heraus, wenn die Fakten und Hintergründe stimmen sollen. Und deshalb liebe ich das Bloggen wie nie zuvor: Es hat etwas Ephemeres wie diese Zeit. Während ich mir noch ein Grundgerüst für ein Sachbuch zu einem Zeitthema ausdenke, haben mehrere Verlage irgendwelche Promis oder Koryphäen daran gesetzt oder einfach als Lizenz eingekauft. Während ich es notiere, hätte ich einen Blogartikel darüber getippt. Der kann morgen schon inhaltlich obsolet sein, aber er steht sofort da, ist veröffentlicht. Jeder kann ihn lesen. Jeder weiß, dass er ein Ausdruck einer bestimmten Zeit ist, nicht festgemeißelt sein will. Morgen denken wir vielleicht alle wieder anders?

Zeit des Heilens?

Meine Emotionen gegenüber unserer Zeit sind wahrscheinlich sehr ähnlich wie die der meisten Menschen: Ich empfinde abwechselnd Angst und Faszination, Überdruss und Neugier, Frustration und Trotz. Ziemlich viel Angst sogar - nur eine andere als die der Angstbürger. Auch ich habe Wut, aber eine andere als die der Wutbürger. Aber ich habe auch mein Handwerk gelernt: Meine Emotionen beiseite zu legen und hinter die Kulissen zu schauen, weiterzudenken, wo andere aufhören - und aktiv nach all dem zu suchen, was woanders nicht berichtet wird. Ich gönne mir den Luxus, keine Quote erfüllen zu müssen und mag es mir leisten, dass manche Artikel von mehreren Tausend gelesen werden und andere von 120 Leutchen.

Deshalb fange ich einfach mal an. Grundlegend wird sich mein Blog nicht verändern, dazu entspricht es mir zu gut. Aber ich will vermehrt die Themen aufgreifen, die ich selbst aktiv suchen muss, die mich interessieren, die aber nicht in Massen geteilt werden: Zukunftsaussichten, neue Forschungsansätze, Visionen oder Experimente, wie man etwas besser und menschlicher gestalten könnte. Es ist eine hochgeschätzte Kollegin, ein großes Vorbild, die mir gezeigt hat: Wann, wenn nicht jetzt!?

Die Literaturnobelpreisträgerin (1993) Toni Morrison hat ihren Artikel bereits im vergangen Jahr geschrieben, nicht ahnend, was aus Amerika werden würde. Er ist hochaktuell. "Narrative Writing" (im Essay) und das literarische Sachbuch sind meine Stärken - das habe ich in den letzten Monaten erkannt. Solch ein Talent darf man in Zeiten wie diesen nicht vergeuden. Ich will also neben den sehr persönlichen Artikeln vermehrt über jene andere Welt berichten. Jene Welt des Übergangs (Transition), die global langsam sichtbar wird hinter dem lautthalsen Geschrei und Gekeile von Populisten, Menschen- und Lebenshassern, Anhängern negativer Visionen, die in einer Zerstörung münden. Ich halte nicht viel davon, meine Zeit und Energie mit Unbelehrbaren und Negativität zu vergeuden, in der Hoffnung, man könne sie mit Zuhören und ein paar Nettigkeiten vielleicht doch noch bekehren. Nein, ich will einfach eine andere Weltsicht dagegensetzen. Niemanden missionieren, aber hoffentlich möglichst oft inspirieren. Ich bin ein Kind des Kalten Kriegs und wurde in eine Welt geboren, in welcher der Dritte Weltkrieg zweimal ganz real vor der Tür stand. Das hat uns angestachelt zur Friedensbewegung, zu neuen Ideen und jeder Menge Hoffnung. Wir haben damals unsere Zukunft in die Hand genommen. Vielleicht finden wir gemeinsam heraus, wie sich das Jahrzehnte später wieder erreichen ließe?

Das Wort "transition" = Übergang zeigt uns im Web die typische Situation: Als ich es vor Monaten googelte, kam ich auf seine Ursprünge aus der Ökologie, die sich mit Oilpeak und Klimawandel beschäftigten, fand global vernetzte Plattformen, wo Menschen neue Wege nicht nur in der Ökologie, sondern auch in der Ökonomie und allen anderen Bereichen des Lebens erproben und sich austauschen. Ich habe es heute wieder gegoogelt und finde fast nur noch Trump. Trumps "transition team". Immer wieder Trump, seitenweise. Um das zu finden, was ich eigentlich meine, muss ich vertieft suchen, in den richtigen Begriffskombinationen. Um die Begriffe zu finden, muss ich bereits Bescheid wissen. Damit haben die Algorithmen das wichtige Thema aus dem Sichtfeld von Laien geboxt. Zurück bleibt nur einer, der all das zerstören will, wofür die Idee von "transition" steht. Wir sind nur Schneeflocken - wir müssen zur Lawine werden. Und intelligent mit den Eigenheiten der Technologie arbeiten. Dabei geht es nicht nur um die üblichen "goodnews", die irgendwann auch zur Flucht werden können. Nachdenken über unsere Welt kann und muss derzeit schmerzen, unbequem sein, mit dem Finger in der Wunde bohren. Das Weiterdenken dagegen befasst sich mit den Mutigen, den Träumern, den Gegenentwürfen, dem Unvollkommenen, den Experimenten.

Damit der Beitrag hier nicht ausufert, schließe ich mit den Worten von Toni Morrison, die ich am liebsten an alle Wände schreiben würde:
"This is precisely the time when artists go to work. There is no time for despair, no place for self-pity, no need for silence, no room for fear. We speak, we write, we do language. That is how civilizations heal.
I know the world is bruised and bleeding, and though it is important not to ignore its pain, it is also critical to refuse to succumb to its malevolence. Like failure, chaos contains information that can lead to knowledge—even wisdom. Like art."
(Übersetzung: "Dies ist genau die Zeit, in der Künstler an die Arbeit gehen müssen. Es ist keine Zeit für Verzweiflung, kein Platz für Selbstmitleid, kein Bedarf für Schweigen, kein Raum für Angst. Wir sprechen, wir schreiben, wir arbeiten mit Sprache. Das ist die Art, wie Zivilisationen heilen. Ich weiß, dass die Welt geschunden ist und blutet. Und obwohl es wichtig ist, ihren Schmerz nicht zu ignorieren, ist es genauso wichtig, sich zu weigern, ihrer Böswilligkeit zu erliegen. Wie Scheitern enthält Chaos Informationen, die zu Wissen, selbst zu Weisheit führen können. Wie Kunst."

Leseliste zum Vertiefen:

Great Transition, die Idee vom Übergang (Wikipedia)
Great Transition Initiative - Plattform der Global Scenario Group
Global Transition Network - Plattform für Bürger und Initiativen
Die Theorie vom neuen Zeitalter des Anthropozäns
Anthropocene: Infos und Themen rund um die These des menschgeprägten Erdzeitalters
Anthropozän: Wissenschaft und Kunst, ein deutsches Projekt
Anm.: Wie immer bei recht "neuen" Themen, aber auch aufgrund der globalen Bedeutung, findet sich das beste Material in englischer Sprache. Selbst die deutschen Wikipediabeiträge sind oft mangelhaft. Deshalb wähle ich Links nach Qualität und Relevanz, nicht nach Sprache. Wenn es gar nicht anders geht, kann man Websites mit dem Google Translator lesen.

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Kommentare:

  1. Meine Kinder hörte ich früher manchmal "Tu narres!" zu Gleichaltrigen sagen. Sollte wohl so viel heissen wie "Erzähl keinen Quatsch!" Naja, als alter Lateiner sage ich nur: "Narrare necesse est!"

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    1. Köstlich, so kann man das auch sagen! (Und viel kürzer als ich ...)

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