Eine vergessene Perle (1)

Es ist recht modern geworden zu glauben, man könne Bücher heutzutage extrem schnell herausbringen, vor allem, wenn man dafür die Technik eines E-Books wählt. Unter dem Label "Verlagslog", das künftig als Thema im Blogmenü auftaucht und jederzeit abgerufen werden kann, möchte ich darum tagebuchartig vom Entstehen eines Buchs in der Edition Tetebrec berichten. Kurz, knapp und hoffentlich informativ. Inspirierend, aber vielleicht auch abschreckend? Denn ein gutes Buch ist eines nicht: schnell gemacht!

Das Sujet:

Durch einen Zufall habe ich einen Bestseller der Jahrhundertwende um 1900 entdeckt, von einer Frau geschrieben, deren wahres Leben sich bereits liest wie ein spannender Roman. Die heute völlig vergessene Schriftstellerin, die sich für ihre Romane und Kurzgeschichten autobiographisch bediente, hat zum Glück damals auch Tagebuch geschrieben. Die meisten ihrer Werke gibt es zwar beim Projekt Gutenberg oder Zeno, aber nie hat sich jemand die Mühe gemacht, sie zu erklären, vielleicht zu kommentieren oder gar miteinander in Bezug zu setzen.
Den Roman, der ein Bestseller wurde, möchte ich neu herausgeben - aber dazu parallel die spannenden Berichte aus dem wahren Leben setzen. Und weil uns diese in sehr exotische und sehr vergangene Welten führen, sollten sie für ein heutiges Publikum kommentiert werden. Eine Biografie der vergessenen Schriftstellerin und ein eigenes Essay sollen das Buch ergänzen. Gleichzeitig bin ich auf der Jagd nach alten Fotos aus der Zeit - nie wurden ihre Werke illustriert, wohl aber jene Welten von zeitgenössischen Reisenden festgehalten.
Weil das Buch recht umfangreich werden wird (der Roman hat alleine ca. 280 Seiten) und das Risiko relativ groß ist, wird es zuerst einmal nur als E-Book erscheinen.

Die Vorarbeiten:

Gemeinfreie Werke sind nur im Original gemeinfrei. Von Gutenberg und anderen Organisationen aufbereitete Texte verlangen bei kommerzieller Nutzung den Erwerb einer Lizenz, außerdem wurden sie meist bearbeitet (und sind in dieser Bearbeitung nicht mehr unbedingt gemeinfrei).

Suche im Antiquariat: Durch ein unwahrscheinliches Glück habe ich die Originale beider Bücher bei einem Fachantiquar erstehen können. Großes Glück für die Produktion: Sie sind nicht in Fraktur gesetzt. Jetzt heißt es Einscannen und mittels OCR in Textform bringen.

Was dabei herauskommt, ist an manchen Stellen ziemliches Gemüse - es muss korrekturgelesen werden, anhand des Originalbuchs. Ein Haufen Arbeit!

Für die Texterfassung bei der E-Book-Herstellung (ich verwende dafür das Profiprogramm Jutoh) muss ich in Word möglichst ohne Formatierungen arbeiten, aber die späteren Kapiteltitel als Überschriften formatieren. Jutoh wird beim Einlesen der Datei hier automatisch einzelne Sektionen schalten, die den späteren Kapiteln entsprechen.

Bevor es soweit ist, muss ich entscheiden, ob und wie weit ich die Sprache und Rechtschreibung der Autorin "glätte", denn in nunmehr über 100 Jahren hat sich einiges verändert. Nun folgt ein weiterer Korrekturvorgang unter diesen Gesichtspunkten. Ich entscheide mich für den möglichst schonenden Eingriff: Vor allem die ß-ss-Schreibung wird modernen Zeiten angepasst, auch die Getrenntschreibung mancher Worte. Möglichst wenig greife ich ein bei ausländischen Namen, weil sie historischen Karten entsprechen und nur so in zeitgenössischer Begleitliteratur zu finden sind. Eine genauere Erklärung ist hier Sache des Essays.
Vor allem in den Tagebüchern bringt die welterfahrene Autorin Zitate oder kurze Passagen in Fremdsprachen. Soll ich direkt oder nur in Endnoten übersetzen? Ich entscheide mich für die Endnoten, um das originale Flair nicht zu zerstören. Endnoten und Übersetzungen werden nachher eigens lektoriert werden müssen.

Die Tagebücher muss ich genau lesen, um zu entscheiden, welche Passagen relevant sein werden für meinen Stoff. Sie sind nämlich äußerst umfangreich und teilweise geschwätzig - sie waren nicht für die Veröffentlichung geschrieben gewesen. Für die Kommentierung werde ich vor allem damals bekannte Personen recherchieren müssen. Das ist herausgeberische Arbeit - ich muss die Zusammenhänge durchschauen, die historische Materie kennen. Dazu muss ich eine Menge recherchieren.

Noch habe ich es also "nur" mit gemeinfreien Texten zu tun, die andere bedenkenlos bei Amazon einkippen würden. Aber mit dem Original fängt für mich die Arbeit erst an. Jetzt muss ich die Texte so weit perfektionieren, dass ich sie ins E-Book-Gestaltungsprogramm einlesen kann. Von den Pannen oder besonderen Herausforderungen dabei dann in der nächsten Folge ... dranbleiben!

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