Das Ringen um den Text

Der Moloch wirft seine Tentakel aufs Papier. Er ist zu groß, drum taucht mal hier ein Kopf der Hydra auf und mal dort. Nichts will wirklich zusammenwachsen, dazwischen stehe ich mit Schwert und Feder, angetreten, um das Ungetüm zu bändigen. Stapel, ganze Türme von Büchern und Papieren, das fotografische Gedächtnis als Orientierungshilfe im Bauch der Recherche. Da, etwa zwanzig Zentimerter tief im Unverdauten, auf einer rechten Seite in Blau jener Hinweis, der dringend bearbeitet werden müsste. Habe ich die Liste der Abrechnungen und Schulden Diaghilews noch einmal angeschaut? Mir ist sein Grauen vertraut, plötzlich mit Nichts dazustehen, weil jener Traum auf die Bühne muss. Jene Szene, als die Mäzenin im letzten Moment hinter der Bühne eine große Francs-Note überreicht, mit der er die Gläubiger noch einmal davon abhalten kann, den Vorhang kurz vor der Premiere für immer zu schließen. Was für ein innerer Druck muss das gewesen sein! Daneben "sein" Nijinsky, der nicht mehr Eigentum sein möchte, der flügge wird, künstlerisch und privat. Anspruchsvoll, der Kleine. Will "reinen" Tanz statt Prunk für die Sponsoren ... was nun: Kunst oder Gefälligkeit?


Und zwischen den Titanen ich. Es ist der reine Kampf. Der eine entzieht sich meinem Gefühl. Im anderen bin ich noch nicht in der Sprache. Ich zucke zurück vor einer Emotion, in die ich mich fallen lassen muss. Düster wird es im Innern - wollte ich dorthin? Ich muss dorthin, den einen abholen und den anderen noch glaubhafter wütend machen. Muss ihn reizen bis zur Weißglut, damit er mir endlich sein wahres Vorhaben verrät.

Immer dieses Telefon. Es reißt mich aus den Kunstbetrachtungen Nijinskys. Bei Diagjhilew klingelt ständig das Telefon. Er hat sich einen dieser ganz neuen Tisch-Fernsprecher auf die Suite kommen lassen. Er kann nicht frei sprechen. Viele wollen nur etwas von ihm. Aber da ist jener Gesichtslose, jener Unbekannte, der alles von ihm will.´Der am Telefon nur zögerlich Druck aufbauen kann. Nijinsky schnappt nur Brocken auf ... wie wirken sie auf ihn? Was haben die beiden vor?

Der Stoff wird flach und dehnt sich zum Horizont, entwindet sich mir, ich kann ihn nicht greifen. Nur ein Eckchen, gebt mir nur ein Eckchen in die Hand, an dem ich mich festhalten kann mit Sätzen und Punkten! Wieder ist alles zu groß, die Epoche am Vorabend des Ersten Weltkriegs, die Titanen, höre ich da eine Intrige? Ich muss ans Heute denken, ans Publikum, ein Publikum ist ein Publikum ist ein Publikum. Kunst oder Gefälligkeit? Schock oder Säuseln? Und immer wieder die beiden Titanen, deren Stimmen ich mich unterordnen muss. Ich bin nur das schreibende Werkzeug. Längst inszenieren die beiden mich ... schwitzend am Computer, manchmal ängstlich und klein im Angsicht dessen, was ich mit dem ersten Satz losgetreten habe. Im Anfang war das Wort. Und es schöpft immer eine Welt, die man nicht mehr zurückbekommt in den Sack - den man doch einfach nur zubinden müsste, damit Ruhe einkehrt.

Die Versuchung ist groß: So ein virtueller Mülleimer schnell bestückt. Aber was ist damit gewonnen, wenn ich mir sage, dass jeder Satz schräg sein darf, schwach sein darf, schlecht. Ich kann ihn entsorgen! Doch ich darf nicht alle Sätze entsorgen. Die Zeit wiegt schwer im Nacken. Schneller! Mehr! Besser! Überhaupt ... ich muss mich steigern. Steigern worin? Ich habe solches noch nie geschrieben im Leben. Aber ich habe alle meine Texte vorher noch nie geschrieben im Leben. Es ist wie immer das erste Mal, die große Liebe und dann wird der Abschied kommen, das Loslassen müssen mit der großen Leere nach Abgabe, die nach neuer Textfüllung schreit. Diesmal nur abgelenkt durch ein kommendes Lampenfieber.

Ich möchte schlafen, mir die Decke über den Kopf ziehen, endlich einmal wieder ein gutes Buch lesen, mit Freunden ausgehen, den Tag vertrödeln, all die wichtigen anstehenden Dinge und Arbeiten erledigen und diesen Druck nicht spüren: Zeitdruck, Erwartungsdruck von mir ... und diesmal auch ein immenser Erwartungsdruck von außen, den Veranstaltern, dem Publikum ... Ich möchte schreiben schreiben schreiben ... koche schon den zweiten Kaffee, ringe, knete, verwerfe und stelle um. Glitschig sind die beiden, gleiten mir immer wieder durch die Finger. Aber jetzt bin ich wütend, ich spieße ihnen die Satzzeichen in den Körper, nagle sie fest, ermahne den Einen, mehr auf seine Logik zu achten und den anderen, ja nicht aus dem Fluß zu kommen mit diesem wunderbar klaren Rhythmus.

Es ist alles ganz normal. Wie immer. Wie immer ringe ich mit einem Text. Und weil ich so schlimm ringe, weiß ich, dass es einer werden wird. So muss es sein.

Kommentare:

  1. Der Moloch hat Tentakel?

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  2. Molochfoto mit Tentakeln: http://en.wikipedia.org/wiki/File:Cabiria-poster.jpg

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