Das Gefühl für Bedeutung

"Jobs als Fernfahrerbeifahrer, Leichenwäscherhelfer, Literaturpreismanuskriptesortierer, Siebdruckfarbanrührer und Tanzboy."
So beschreibt sich Kollege Dan Rocco in seinem Lebenslauf. Als ich sein "Rouge & Revolver" auf dem Schreibtisch hatte, musste ich schmunzeln: Genau so liest sich gefühlt jede dritte Autorenbiografie. Was haben wir hauptberuflich Schreibenden nicht schon alles gemacht, um irgendwie die Haushaltskasse aufzustocken! Man könnte fast meinen, den Platz bei mir habe er aus Sympathie bekommen - auch ich habe nämlich einmal Siebdruckfarbe angerührt ... um damit am Fließband Plastikflaschen zu bedrucken. Ich hatte in meinen jungen Jahren aber auch einen sehr spannenden und außergewöhnlichen Job: Ich zählte zu den Auserwählten, die im erlesenen Brenners Parkhotel einen Job als Hilfszimmermädchen bekamen. Das war nicht einfach nur ein Job. Es war die Eintrittskarte in eine völlig eigene Welt - eine Zeit von Erfahrungen, die ich mein ganzes Leben lang nicht mehr missen möchte.

Und dann war es aber auch nur ein Studentenjob. Relativ schnell vorbei. Auch extrem anstrengend. Was blieb, war dieses komische Gefühl von ... Bedeutung. Ich kann es nicht besser beschreiben. Man macht etwas scheinbar Notwendiges, vielleicht Zufälliges, auch mal Nebensächliches im Leben und hat das Gefühl: Vergiss das nicht. Das wird irgendwann in deinem Leben wieder eine Rolle spielen. Das könnte ein Zeichen sein. Ein Zeichen wofür? Was für eine Bedeutung? Wo ich doch über so viele Jahre nicht einmal mehr vorhatte, nach Baden-Baden zurückzukehren!

Durch Fenster kann man in zwei Richtungen schauen
Und jetzt sitze ich an diesem Stück über Nijinsky und Diaghilew, das in genau diesem Hotel spielen soll, im Jahr 1913. Weil ich nach Jahren der Beschäftigung mit diesem Stoff zufällig (?) herausfand, dass bei einem Aufenthalt damals das berühmte "missing link" liegen könnte, das womöglich die ganz große Tragik zwischen den beiden erklären könnte, die auf der einen Seite bis in Nijinskys Wahn und auf der anderen zum Niedergang der Ballets Russes geführt hatte. Wissenschaftlich ist das nicht. Aber literarisch ist es erlaubt zu mutmaßen, was die beiden im Grandhotel besprochen haben könnten.

Seltsame Kreise dreht das Leben manchmal. Ich wusste nicht, dass die beiden je in Baden-Baden waren. Ich ahnte früher nicht, dass ich die Stadt einmal so lieben könnte. Ich wusste nicht einmal, wie mir der Einstieg in das Stück gelänge.

Und dann gibt es diese Kreise, die sich schließen, was man natürlich psychologisch und wissenschaftlich erklären kann, mit Wahrscheinlichkeitsrechnungen, mit Fokusierung und Unbewusstem und allen dämlichen Zufällen dazu.

Da ist ein Zimmermädchen, das 1913 im Brenners arbeitete und jenen beiden Berühmtheiten den Dreck wegputzte. Sie hat sie kennengelernt, wie kaum jemand in der Außenwelt große Stars erleben kann: In ihren Hinterlassenschaften in den Räumen, in ihren Gewohnheiten und Marotten. Sie wird sich Jahrzehnte danach im Radio erinnern, das Schweigegebot brechen und Schlaglichter auf eine völlig unbekannte Geschichte werfen.

Die Dame ist natürlich eine literarische Erfindung. Aber sie, die nicht ich ist, blickt nun wie durch einen Spiegel auf mein Ich damals und beginnt einen Dialog. Dieses Ich damals hatte das Gefühl: Du musst dir diese Erinnerungen bewahren. Sie werden einmal eine wichtige Rolle spielen. Was, wenn ich zu jener Zeit wie durch ein Fenster auf jene Figur hätte blicken können? Wenn ich geahnt hätte, was jenes Ich in der Zukunft mit einer fiktiven Abwandlung des Ich der Vergangenheit ... Ach, jetzt habe ich doch tatsächlich einen Knoten im Kopf! Wer guckt jetzt wen an und wer steht draußen, wer drinnen? Wer war und wer wird sein? Und wenn sich Kreise schließen, dann ist doch alles gleichzeitig?

Schreiben ist ein gefährlicher Beruf. Man begegnet sich irgendwann immer selbst. Kaum auszuhalten ;-)
Aber das mit dem Kreisen kann ich jedem empfehlen. Als kleine Gymnastik zwischendurch nicht zu verachten.

Kommentare:

  1. Manchmal muss man den Schreibtisch sich selbst überlassen, um nicht ganz allein verlassen zu sein. Sich gelassen einzulassen. Wenden ausschauen. Und belassen was nur notwendig sei: Sitz der Pause, werden.

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  2. Sabine Kanzler15/1/14 11:08

    Dein Bericht bestätigt wieder mal aufs Schönste die Wahrheit des Satzes "Wer weiß, wozu es mal gut ist!" Und im konkreten Falle sind Deine Erfahrungen ja Gold wert!

    Hast Du übrigens kürzlich im SWR die Serie über Ausbildung im Brenner gesehen?

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  3. Born, danke für diese Sätze - sie sind eine Schatzkiste von Wörtern. Ganz am Anfang dachte ich, Sie übersetzen vielleicht mit Google aus einer anderen Sprache ... aber da ist etwas Faszinierenderes: Ein Schauen auf die Facetten der Wörter, so dass sie in jedem Licht anders funkeln.

    Sabine, leider habe ich nur eine Folge gesehen, mich aber sofort zurückversetzt gefühlt in jene Zeiten. Wobei ich damals sehr schnell entschieden habe, dass die Hotellaufbahn für meinen Typus nichts ist. ;-)

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  4. Danke! Es liest sich wie Honig.

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