Hollywoodhunde

Weil ich seit Mitte der 1980er immer mit Hunden lebte, habe ich natürlich eine entsprechende Regalabteilung in der Bibliothek: Hundebücher. Besondere mussten es sein, neben jeder Menge Fachliteratur über Schlittenhunde in drei Sprachen steht da ein durchkopiertes Kompendium über Homöopathie für Hunde neben einer wissenschaftlichen Untersuchung über Hundeernährung, es gibt Eberhard Trumlers "Hunde ernst genommen", der über die Zusammenhänge des Verhaltens von Wolf und Hund spricht, Desmond Morris' Dogwatching-Buch "Warum wedeln Hunde mit dem Schwanz?" aber auch mein Lieblingsbuch "Das geheime Leben der Hunde " von der Verhaltensforscherin und Schriftstellerin Elizabeth Marshall Thomas, die heimlich ihre gemischte Meute auf Streifzügen beobachtet hat und sich dabei fragte, was die "Parallelwelt der Hunde" ausmachen mag. Ein Buch suchte ich vergeblich bis heute, ich wusste nur noch, dass es mich besonders berührt hatte. Es war aber auch eines der ersten Bücher auf Französisch, die ich las, als ich Französisch kaum beherrschte - da liest man in Bücher auch schon einmal hinein, was nicht drinsteht! Es war von einem geschrieben, der einen Hollywoodstar auf vier Pfoten betreut hatte - von dem er etwas Seltsames lernte: Kommunikation ohne Worte.


So wird das nie was mit der Filmrolle ...
Zufällig habe ich vorhin dieses Buch in einer kuriosen Ecke wiedergefunden. Es ist von einem gewissen J. Allen Boone und hieß im Original "Kinship with all life", 1954 zuerst by Harper Row erschienen, später bei Harper Collins neu aufgelegt ... ein Dauerbrenner, ein absoluter Bestseller über die Jahrzehnte, zum Schluss sogar von Spiritisten und Esoterikern verhackstückt, pardon, benutzt. Eigentlich ist Boone wohl "nur" ein besonders sensibler Mensch gewesen, aber seine Idee der nonverbalen Kommunikation mit Tieren war damals einfach bahnbrechend. Boone war von Beruf ursprünglich Korrespondent für die Washington Post und produzierte später Filme. Über seine Freunde lernte er auch den damaligen Star Hollywoods und seines Buchs kennen: Strongheart. Er hat Strongheart immer wieder bertreut.

Bei diesem handelte es sich nicht etwa um einen Eingeborenen mit spirituellen Fähigkeiten, sondern um einen deutschen Schäferhund namens Etzel von Oeringen, der eine Polizeihundeausbildung hatte und von einem hundevernarrten Filmpaar in die USA gebracht worden war. Strongheart mit Filmnamen, jener vierpfotige Lehrer Boones, war Anfang der 1920er ein großer Stummfilmstar - und er ist übrigens auch schuld daran, dass plötzlich alle Filmfans in den USA deutsche Schäferhunde haben wollten.

Hunde waren im Stummfilm sehr beliebt - womöglich kam das daher, dass die ersten kinematographischen Aufnahmen noch nah am Zirkusmilieu gezeigt wurden und die Menschen gern Kunststücke sahen. Für spätere Spielfilmhandlungen hatten sie spezielle Trainer, die entweder viel von Hunden verstanden oder gleich aus der Familie kamen. Beim Film landete man als Hund nämlich meist durch Vetterleswirtschaft: Stronghearts Besitzer hatten ursprünglich selbst eine Filmfirma namens Vitagraph, die untrennbar verbunden war mit ihrem Star, dem sogenannten Vitagraph-Hund, einem Border Collie.

Viel berühmter wurde Rin Tin Tin, ebenfalls ein deutscher Schäferhund, der auch gleich die richtige Rührstory für die Presse mitbrachte: Ein Mann namens Lee Duncan hatte 1918 auf einem Schlachtfeld in Frankreich in einem zerstörten Hundezwinger deutscher Besatzer eine halbverhungerte Hündin mit Neugeborenen gefunden und schließlich zwei der Welpen nach Amerika gebracht. Rin Tin Tins Schwesterchen starb, er selbst blieb zunächst bei einem Züchter, der Polizeihunde ausbildete. Und landete dann mitsamt Herrchen wieder in Kalifornien. Herrchen war ein wenig wunderlich. Zuerst rechnete sich Duncan nur aus, sein Hund, der so gelehrig mit Kunststückchen war, könne auf Shows viele Preise abräumen und damit wäre ein Einkommen durch Nachzucht gesichert. Das ging zunächst reichlich schief, bis ein anderer Freund den Hund zufällig beim Agility-Training filmte. Duncan träumte fortan von einem Filmstar auf vier Pfoten, dem zweiten Strongheart, der so reich würde, dass er in Hollywood ganz allein eine eigene Villa bewohnen würde. Armer Hund ... Die restliche Story liest sich ein wenig wie die von Müttern, die ihr Kleinkind auf den Laufsteg schicken und bei jedem Casting vorsprechen. Egal, Rin Tin Tin wurde tatsächlich einer der größten Hollywoodstars auf vier Pfoten!

Wäre noch der drolligste Hundestar meiner Kindheit. Erinnert sich noch jemand an die Stummfilmserie "Die kleinen Strolche"? Da war dieser verrückte weiße Hund mit dem dunklen Fleck ums rechte Auge und dem schwarzen Kreis ums linke - was habe ich den als Kind geliebt! Und nun bin ich durch jenes Buch auf ihn gestoßen: Pete the Pup. In Stummfilmzeiten waren Hunde noch echte Dauerstars - das änderte sich jedoch mit dem berühmtesten Hund aller Zeiten. Ist aber auch kein Wunder, wenn man über Jahrzehnte vor der Kamera stehen muss, so lange hält kein Hundeleben. Deshalb wurde Lassie immer wieder ersetzt - und es ist ein offenes Geheimnis: Meistens war Lassie ein Männchen. Die Schönheitsindustrie hatte ihre Spuren hinterlassen, die Filmemacher waren der Meinung, Männchen machten sich einfach besser wegen des dichteren Fells ...

Promenadenmischung Bilbo hat dagegen ein fröhliches Leben. Er darf aussehen, wie er ist - eine natürliche Schönheit. Im Moment lernt er auch fleißig Kunststücke. Etwa Ball oder Apportiertes loszulassen und vor seine Füße zu legen. Eigentlich kein Hexenzauber, denn man muss nur geduldig abwarten, bis er das im Spiel von selbst macht ... möglichst in der gleichen Sekunde den dazugehörigen Befehl mit Handzeichen sagen und ihn dann derart loben, als habe er einem den Mond vom Himmel geholt. Das immer wieder. Und dann probiert man es mit Handzeichen und Befehl vor der Handlung. Inzwischen hat das sogar schon mehrfach mit Dingen funktioniert, die er verbotenerweise ins Maul nahm. Dann wird er gelobt, als sei er der beste aller Mondfahrer, der eine fremde Galaxie erreicht hat. Zum Film kommt er so nie, aber fremde Galaxien zu erkunden ist ja auch schon etwas!

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