CD: Chansons fürs Tanzbein

„Sidi Ifni“, ein Ort am Rande der marokkanischen Sahara. Sein Herz, ein riesiges Missverständnis in Form eines leblosen Flughafens – mitten in der Stadt“, so beschreiben die 17 HIPPIES den Namensgeber für die 2004 produzierte CD „IFNI“. Meine dritte nach „WER IST DAS?“ (1999) und „SIRBA FROM TUVA“ (2002), eine gewöhnungsbedürftige zudem.

Denn sie kommt leiser daher, näher an Chanson und zivilisierter Tanzmusik, ideal verschmolzen in „Die Frau von Ungefähr“ mit poetischem Text und der Stimme Kiki Sauers, die schon Marlène zum Ohrwurm gemacht hat. Marlène gibt es dafür auch gleich zweimal: als Chanson und als Video.

Ich mag es, wenn Künstler ihre eigenen Stücke unterschiedlich interpretieren, womöglich mit neuen Musikern. Man kennt das von Goran Brégovic, bei dem kein identisches Stück gleich klingt. Die 17 Hippies verärgern mich fast, wenn sie immer wieder alte Songs aufnehmen. Marlène empfehle ich in der Aufnahme auf „SIRBA“. Hier fehlt der Nachtschwärmerin das Verruchte, die Leidenschaft, die Klezmerklarinette passt nicht zum halbseidenen Text. Auch gefällt mir der Sprachmix mitten im Satz auf der anderen CD besser. Und natürlich ist „eine Sirba“ als Stück auch nur Wiederholung von der gleichnamigen CD.

Ruhig, melancholisch, in einem Mix aus Akkordeon, Klarinette und Gitarre erklingt „Paso Doble“, aufgereizt nur von einer Ukulele. Ohrwurmqualität erreicht der Titelsong „Ifni“ von der französischen Kultband „Les Hurlements d’Léo“. Ein Maultrommel-Intro lässt aufhorchen, arabische Tonalität und rhythmischer Gesang zeigen: das ist Marlène in Marokko, Europa in Afrika, Französisch im Wüstenstaub.
Der türkische Neuner „Karsilamas“ bringt endlich wieder die gewohnte Hippies-Tanzfreude, aber verhaltener. Wunderschöner Text in „Was bleibt“, zu akkordenbetontem Chanson mit Bouzoukiklängen über das, was bleibt, wenn man verliebt Ja sagt. Die singende Säge verrät es...

„Cube“ ist Klezmer fürs Tanzbein, Besho erinnert an moderne Balkanproduktionen und nennt sich nicht umsonst „mazedonischer Turbo“. Dafür gibt es dann mit „Saint behind the Glass“ den totalen Bruch Richtung Folksänger der Siebziger, der nicht so ganz ins Gesamtkonzept passt, und ein träumerisch-bukolisches Idyll aus Zupf- und Streichinstrumenten und Klarinette in „Walser nel Bosco“. „Hotel Cazane“ knüpft an die typischen Hippies-Chansons an, mit ihren Frauen zwischen Alkohol und einsamen Nächten.

Schon ist hier der Sumpf spürbar, der in der dreiteiligen „Hoyaka-Suite“ losgelassen wird, wie die „Soy em Gadde“, die das Sauerkraut wegfrisst. Hessische Mundart meets heißen Zydeco aus dem feuchten Louisiana, Dialekt wird zum Fremdklang aus Blueswelten, die man einfach aus sich heraustanzen muss. Hoyaka ist ganz sicher eins der Highlights, um die ungewöhnlich verrückte Mischung der Hippies lieben zu lernen. Überhaupt ist die CD der ideale Einstieg für Hippies-Anfänger, die sich noch nicht ganz herantrauen an das manchmal clowneske Chaos zwischen Bluegrass, Bauerntänzen und chassidischer Ausgelassenheit.


und natürlich:
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