Lust auf Menschen, aber wo?

Im Hinterkopf habe ich es schon länger, wusste nur nicht recht wie und wo - und hatte einfach die Idee: Ich habe wieder Lust, etwas mit Menschen zu machen, ganz real an einem Ort. "Irgendetwas mit Kreativität und Kunst" waberte im Hinterkopf, aber mich fasziniert ja noch so viel mehr: Natur, Materialien, Strukturen, der Naturpark ... Wie den richtigen Ort zur richtigen Zeit finden? Wo stimmt es zusammen? Wahrscheinlich hat alles mit Böden angefangen. Im vergangenen Sommer konnte ich meine Nase kaum heben, solche Lust hatte ich, diese faszinierenden Bodenstrukturen auf Papier durchzurubbeln. Ich befand mich jedoch in einem Museum - und da rubbelt man nicht auf Böden herum. - Kleinere Fotos durch Klicken vergrößern.

Stall- und Hofböden, Hausböden, Stein, frühe Zementsorten, Vogesensandstein, aber auch Holzstrukturen und verrostetes Metall: So fühlt sich die Region an, in der ich lebe, so hat sich der Mensch im Naturpark Nordvogesen seine Behausungen mit einem Grund versehen, sich dabei der Natur und der Technik bedient.

Schon zu dieser Zeit beschäftigte ich mich mit Art Books und Art Journaling, eine schöne Sache, um vor allem LaiInnen an ihre eigenen inneren Quellen heranzuführen und ihnen Techniken an die Hand zu geben, mit denen sie "Fühlguckriechbücher" herstellen können, wie ich das gern bei mir nenne. Das wäre mein Thema: Papier, das ich inzwischen auch mit textilen Materialien mische, auf Papier kann man nämlich auch nähen und sticken. Oder ich filze Kozopapier, das sich danach anfühlt wie Stoff und auch solche Eigenschaften hat. So kam ich auf die Idee mit dem Durchrubbeln von Böden. Stattdessen bildete ich zuhause alte Holzstrukturen ab, druckte mit Maiskolben auf Seidenpapier oder versuchte mich - angeregt von all den alten Eisengeräten - mit Rostdruck auf weichem Papier.

Am preiswertesten war es, Fenster mit Scherenschnitten zu schmücken. Vor allem zu Ostern und Weihnachten pflegte man passende Muster. Unterm Jahr finden sich oft Herzen und Lebensbaumsymbole, denn die Ornamente sollten Glück bringen.

Ich war fasziniert von den wenigen Zeugnissen alter Papierkunst-Traditionen: Scherenschnitten, Papierspitzengardinen und Papierblumen auf wertvollen alten Trachtenhauben. Religiöse Bildchen und Erinnerungskunsthandwerk verwendeten gleichermaßen Papiertechniken. Man sieht die Originale nur noch selten - ich recherchiere viel herum, was es früher alles gab.

Im Kopf geklickt hat es jedoch erst jetzt - am vergangenen Wochenende. Obwohl ich den Ort seit seiner Gründung 1998 kenne, als man zuerst nur ein Bauernhaus mit traditionellen Methoden und Materialien restauriert hatte. Es zeigt vor allem Gegenstände von ca. 1930 bis in die 1950er, aber auch sehr viel Älteres. Inzwischen sind zum Fachwerkhaus vom Ende des 17. / Anfang des 18. Jahrhunderts zahlreiche Nebengebäude, Ställe und Werkstätten hinzugekommen, das Museum hat auch einen entsprechend großen Außenbereich. Jährlich sollen dort 15.000 BesucherInnen und 3000 Schulkinder ein und ausgehen - die Rede ist vom Maison Rurale im elsässischen Kutzenhausen, die Deutschen nennen es auch das Bauernhofmuseum.

Das Wohnhaus mit den angrenzenden Stallungen ist allein eine Perle - jedes Zimmer ist liebevoll eingerichtet bis hin zu kleinen Alltagsgegenständen. Die Kleintiere wie Hasen, Gänse oder Hühner sind echt und das ist nur ein kleiner Teil des Maison Rurale, das man leicht findet - es steht neben der Kirche.

Aber halt - ein Museum ist es längst nicht mehr!

Heute ist das Maison Rurale in der Nähe von Soultz-sous-Forets ein Centre d’interprétation du patrimoine - was im Deutschen etwas hölzern klingt: ein Zentrum für Kulturerbe oder Kulturerbezentrum.

Was ist der Unterschied zum Museum? Knackig zusammengefasst: In einem Museum darf man nur schauen, in einem Kulturerbezentrum lernen und machen.

Werkstätten wie die des Wagners sind nicht nur museal - im Sommer gibt es dort Vorführungen des alten Handwerks.

Rund um die Örtlichkeiten und Sammlungen, für die es natürlich auch Führungen gibt, ist ein enormer Wissenspool entstanden und laden Veranstaltungen zum Mitmachen ein. Denn ein Kulturerbezentrum will Kulturerbe bewahren und lebendig halten; Wissen, das sich früher über die Generationen ganz natürlich weiterverbreitete und heute in den Familien langsam verlorengeht. Das Maison Rurale setzt dabei den Fokus auf das bäuerliche Leben und Wohnen. Darum kann man hier z.B. manchmal einem Schmied bei der Arbeit zuschauen, lernen, wie die traditionellen Kreuzstichmuster gestickt werden oder im Bauerngarten die Jahreszeiten erleben. Wer wissen will, wie man früher Fruchtwechsel gestaltet hat, wie sich Hühner und Gänse gemeinsam halten lassen oder warum ein Weinfass dicht hält, ist hier genauso richtig wie Menschen, die sich für uralte Kinderspiele, das Käsemachen oder die elsässische Sprache interessieren.

Im Bauerngarten kann man viel vergessenes Wissen lernen. So ist z.B. der Amarant oder Fuchsschwanz eine traditionelle Bauernpflanze im Elsass, bekannt seit Karl dem Großen. Allerdings schätzte man ihn nicht so sehr wegen seiner Samen, sondern verwendete alle Pflanzenteile als Gemüse, zubereitet wie Spinat oder Mangold. Die süßliche, rübenartig schmeckende Pfahlwurzel kann gegessen werden, solange sie nicht verholzt ist.
Wahres Kulturerbe: Wer "Bienenkorb" sagt, stellt sich so etwas vor. Früher hängte man sie unterm Dachtrauf an den Scheunen auf. Ein Bienenkorb vor dem Eingang zeigte nicht nur die Angstlosigkeit der Bewohner - wo Biene und Mensch sich derart nah beisammen wohlfühlten, musste das Glück im Haus wohnen.

Echte Hasen gibt es auch - in diese Vogesenrasse habe ich mich ziemlich verliebt. Sie erinnern wirklich an die Färbung des Sandsteins.


Es ist diese Vielfalt, die mich fasziniert, weil dahinter Menschen stecken, die all diese Techniken und das Handwerk noch beherrschen und weitergeben. Gleichzeitig sucht man neue, modernere Formen vor allem im Kunsthandwerk. Wer einmal das Klöppeln von Spitzen gelernt hat, kann moderne Muster versuchen. Sogar die schweren Trachten von einst finden sich plötzlich aufgepeppt und abgespeckt als luftiges Sommerkleid für die Stadt. Alles ist möglich, alles fußt auf uraltem Wissen und auf Erfahrung - und macht auch richtig viel Arbeit. Vielleicht ist es das, warum so viele Menschen regelmäßig kommen: Sie fühlen sich "entschleunigt", wie man heute sagt, sie kommen wieder zur Handarbeit, vor allem aber haben sie Spaß, weil es sich in der Gruppe lernt und macht.

Die Küche im Bauernhaus

Düster war es früher in den Häusern und der Alltag beschwerlich und grau. Vielleicht waren die bäuerlichen Muster fürs Sonntagsgeschirr deshalb so farbig?
Eine echte Dorfschule ist in dem Komplex auch untergebracht. Noch in meiner Generation trugen kleine Französinnen und Franzosen diese Schuluniform: schwarzes Barett und Kleiderschürzchen.

Die "Gutstub" wird auch heute noch in vielen ländlichen Familien nur bei Festen und großen Einladungen geöffnet ... und dann auch voll aufgeheizt. Die Restwärme vom Ofen hat man für die angrenzenden Schlafzimmer oder Alkoven genutzt.

Als ich am vergangenen Wochenende zum Frühlingsfestival der Wollknäuel aus war, das im gesamten Dorf stattfand, war ich erst der Meinung, ausgerechnet mir könne das nichts bringen, denn stricken kann ich nicht wirklich und häkeln will ich auch nicht oft. Plötzlich fand ich mich jedoch in angeregten Gesprächen, kaufte Goldknöpfe und schaute zu, wie man Wolle nass zu Kunstwerken filzt. Ohne das Maison Rurale hätte ich nicht erfahren, dass es in der Gegend Menschen gibt, die Wolle wieder wie anno dazumal scheren, spinnen und verkaufen - ein traumhaftes Material.  Es war eine Atmosphäre, wie ich sie früher von den Vogesenhöhen kannte: Wildfremde Menschen trafen sich um ein gemeinsames Thema, kamen ins Gespräch, tauschten sich aus, entdeckten - und glühten innerlich, wenn sie mit Begeisterung ihr Handwerk zeigten und davon erzählen durften.

Diese typischen Innenhöfe sieht man im gesamten Dreiländereck und ihre Anlage war wohl durchdacht! Ein Dach aus Wein, der an Stahlstangen gezogen wurde, sorgte im Sommer für Schatten und bei Regen für Wasser- und Windschutz. Deshalb schloss sich das meist an die Haustür an. Hier sitzt man in der schönen Jahreszeit zum Trinken, Essen und Schwätzen zusammen. Der Wein nutzt optimal die Sonne aus und ist leicht zu ernten. Links liegt gleich der Stall fürs Geflügel, so konnte man bequem zum Eierholen über den Hof. Leider reißen viele Neubesitzer alter Häuser die stabilen Gerüste und den Wein heraus, weil sie Blätter als Dreck ansehen und lieber in der Schotterwüste auf gestylten Steinplatten braten ...

So habe ich mich dann als Freiwillige gemeldet. Ich weiß noch nicht genau wie, aber ich habe große Lust, mich bei so einem wunderbaren Projekt zu beteiligen. Und vor allem viel zu lernen.
In meinem Kopf arbeitet es schon: Was kann dazu an Papierarbeiten passen? Denn auch das ist möglich: Animationen und Kurse rund um dieses Thema. Vielleicht trifft man sich ja einmal an einem Sonntag - dann gibt es dort im Café hausgemachten Kuchen!

Wer sich einmal ins Elsässische einhören möchte, es gibt vom "Landradio" zwei Beiträge - über das Maison Rurale allgemein zum Hören und über das vergangene Festival zum Hören und Sehen. Vor allem letzterer Beitrag zeigt schön, wie selbstverständlich wir zwischen den Sprachen herumspringen.
Und wer mehr Lust aufs Elsass bekommen hat - mein Buch "Elsass. Wo der Zander am liebsten im Riesling schwimmt" ist noch zu haben.

Kommentare:

  1. Ds freut uns sehr, dass Sie jetzt im Museum mithelfen. Wir haben viele Jahre lang das Kreuzstichfestival besucht, jetzt nur noch die Offenen Ateliers rundum und vor allem das Bluegrass Festival mit Serge Rieger, dem lokalen Troubadour! Besonders schätzen wir das warme Willkommen der vielen freiwilligen Helfer und auch das gute Essen zum Festival. Wir hoffen Sie auch mal zu treffen.

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  2. Das ist ja schön, Herr Pielmeier!
    Und gerne! Ich denke, dass ich in ein paar Wochen so weit bin, die ersten Führungen zu geben, vorher bin ich natürlich oft im Maison Rurale zum Lernen und Schauen (man wird kaum fertig, so viele spannende Dinge liegen da "herum"). Und dass es Bluegrass in dieser Gegend gibt, interessiert mich natürlich auch. Und vielleicht sind Sie ja auch mal sonntags da, zu Kaffee und Kuchen im Museum?
    Herzliche Grüße!

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