cronenburg

feuilles et ton - lose Blätter und Sprache - Kritiken, Kritisches und Kultur -

Name: PvC
Standort: France

Nicht Kronenbourg wie das Bier. Nicht Cronenbourg wie der Stadtteil von Strasbourg. Auch nicht Kronborg / Kroneburg wie Hamlet's Schloss. Einfach nur CRONENBURG wie PETRA VAN CRONENBURG auf http://www.cronenburg.net

2.3.08

Wahlen

Die Wahl. Im Grunde habe man keine. Wie jedes Mal nur eine Liste, immer die gleichen gekauften Kandidaten, keine Gegner, keine Opposition - und Junge? Gut, der alte Alleinherrscher trete in diesem Jahr nicht mehr an, vordergründig verspreche der neue Kandidat Umschwung. Er sei jung, relativ gesehen zu den bisherigen Alleinherrschern, man kenne ihn zwar, könne ihn aber nicht so recht beurteilen, alles sei möglich. Aber im Grunde sei auch er nicht neu, sondern die Marionette des Alten. Abhängig. Willfährig. Loyal. Dass der einen eigenen Kopf entwickle, sei zu bezweifeln, der Alte habe ihn doch in der Hand, so wie alle anderen auf der Liste auch und die Familien dazu.

Alles eine Suppe, die sich gegenseitig helfe beim Bereichern, korrupt, verschlagen. Die Kleinen blute man aus, denen erhöhe man die Steuern, die blieben arbeitslos. Und hast du nicht gesehen kumuliert der Kandidat mehrere Ämter und der andere verschafft sich zur Rente noch Reichtum dazu. Die Frau sei auch so eine, von wegen Frauen in die Politik. Die habe sich zum gut bezahlten Staatsberuf noch einen gut bezahlten aus Steuergeldern dazu beschafft, ein eigenes Büro habe man ihr ausgebaut, auf Steuerzahlerkosten. Und dann der Typ, der mit den Computern und dem Alkohol, Tausch sei das keiner gewesen, sondern Korruption, und das Konto nachher leergeräumt.

Wahl, was habe man schon für eine Wahl bei dieser Wahl! Solle man die Stimmzettel ungültig schmieren? Immer die gleichen Kandidaten streichen? Ja, demokratisch sei das alles schon, Wahlbeobachter brauche man da nicht, das seien freie und anständige, demokratische Wahlen. Die Beobachter, die bräuchte man vorher, beim Saufen, wenn sie sich verbrüderten, Geschäfte hin- und herschoben. Aber wenn eine Hand die andere wasche, nun, auch das sei schließlich Freiheit - und nun habe man gar keine richtige Freiheit mehr. Nur noch diese eine Liste mit diesem einen neuen Kandidaten, der doch nur die Marionette des Alten sei.

Originaltöne. Belauscht nicht in Russland. Sondern in einem kleinen Vogesendorf der freien und demokratischen Republik Frankreich anlässlich der Kommunalwahlen, die am 9. und 16.3. stattfinden werden. In einem Dorf mitten in Europa, wo man sich sehnlichst wünscht, man hätte wenigstens der Form halber Opposition. Ein Dorf wie viele Dörfer.

Hintergründe zum Vertiefen: Die Grande Nation im Politchaos, Wie der Vater so der Sohn, Präsident ohne Benimm?, Demokratie à la Sarkoland.

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22.2.08

Intelligenz nein danke!

Als ich in den frühen Neunzigern nach Polen kam, kursierte dort ein böser Witz über die Neureichen, die sich am Systemumschwung bedient hatten und auch schon mal mit irgendeiner Mafia in Verbindung standen - der russischen insbesondere: Eine Villa von 800 Quadratmetern und drei Bücher im Haus, wenn sie verheiratet sind! Was sind das für Bücher? (Auflösung: Das Telefonbuch, das Branchenverzeichnis und die bei der Trauung zwangweise überreichte Familienbibel. Wobei echte Mafiosi sogar allein mit dem Telefonbuch ausgekommen seien).

Der Witz hat inzwischen einen langen Bart. Aber im Westen hielt man seit der Perestroika wenigstens die Heimat der Russenmafia für gefeit gegen die galoppierende Kultur- und Bildungsverachtung von Menschen, die morgens überlegen, wie sie abends reicher ins Bett fallen können. Noch hörte man wunderschöne Geschichten von armen Arbeitern, die stehend in der U-Bahn ihren Dostojewskij oder Tolstoi lasen, die ganzen ehemals Verfemten noch dazu. Die Westler bekamen leuchtende Augen bei klingenden Namen wie Achmatowa oder Mandelstam, Turgenjew oder Puschkin. Nehmt euch ein Beispiel!, hieß es in Zeiten schlimmer PISA-Ergebnisse.

Ich habe gesehen, wie sich die Polen in den späten Neunzigern ein Beispiel nahmen, schnell und schmerzlos, unterstützt von amerikanischen und deutschen Großverlagen. Ich habe nie so viele lesende Menschen gesehen, in öffentlichen Verkehrsmitteln, sitzend, stehend, hängend. Die Lyrik wich ganz schnell den neuen Nackenbeißerformaten, statt Tragödien gab es amerikanische Manager-Handbücher, statt der Dramen bildete man sich, dass Frauen anders Bus fahren als Männer und Moppel andere Falten haben. Kann man es einem ganzen Land verdenken, dass es nach der Öffnung zum Westen endlich all den westlichen Segen lesen will, mit dem wir uns bilden?

Nun setzen die Russen dem wieder eins drauf. Wenn schon, dann richtig! Olga Martynowa zeichnet in der NZZ ein haarsträubendes Bild einer neuen Generation von Lesern, das an kommunistische Unterdrückerzeiten gemahnt, als man die Intelligentsia noch offen ausgerottet hat. Demokratische Einflüsse sorgen dafür, dass nun jeder selbst ausmerzen kann, was ihm zu gebildet und anspruchsvoll erscheint.

Fast könnte man sagen: die eigene Avantgarde wird geächtet. Und im Westen zeigt man mit dem Finger, sich selbstzufrieden suhlend in der Vorgabe, Kunst und Kultur hochzuhalten.
Geben wir doch zu: Diese Vorgabe ist reine Angabe.

Wenn Martynowa ein russisches Buch zitiert: "Anna Achmatowa habe sich nicht recht zu kleiden gewusst, an übertriebenem Ehrgeiz gelitten und ihre Menopause nicht würdig überstanden – und überhaupt: So eine Schönheit sei sie nun auch wieder nicht gewesen" - dann müsste uns das doch irgendwie bekannt vorkommen, oder? Was wäre die neuere deutsche Literatur ohne das Fräuleinwunder? Wie sieht die Promi-Autorin aus, die beim Casting für die nächste Talkshow durchkommt? Und haben wir nicht all diese wunderbaren, gleichförmigen "-innen"-Bücher von Frauen für Frauen, weil Frauen wissen, was Frauen wünschen, und immer mehr Frauen bestimmen, wie rückwärtsgewandt, niedlich und erzkonservativ Frauen zu sein haben? Wenn wirklich mal eine ausschert... der eigene Kopf sitzt dann schnell auf der Vagina, von der man im Westen ja schon im Mittelalter glaubte, sie besitze ein eigenes Hirn und wandere deshalb nachts heimlich herum, bereit zu allerlei Untaten.

Vladimir Sorokin verkündet heute trotz seiner eigenen Vergangenheit (oder deshalb?): "Putin hat unseren politischen Kompass umgestellt" und "Es kommt die Zeit der Bilanz.» Und die ist so: «Kunst muss allen verständlich sein." Die Intellektuellen im Westen stöhnen auf! Aber warum eigentlich? Nur, weil der Osten uns jetzt alles nachmacht? Nur weil der Osten auch mal haben will, was der Westen längst hat?

Dort ist die Zeit der Bilanzen und gnadenlosen Vermarktung von Kunst und Kultur schon so weit gediehen, dass die Urheber, die geistig und kreativ Schaffenden, langsam überflüssig werden, entlassen, oder mies bezahlt und mies geachtet. Das Zeitalter der Content-Verwalter und Werbemacher hat längst in Verlagen Einzug gehalten. Marketing kommt ganz oben. Kunst und Literatur später. Und die Kunst selbst? Art sells. Bilanz ist alles. Und eigentlich ist Kunst auch nur Werbung. Eine verdammt kluge Werbung, denn sie peppt Spaghettisauce genauso auf wie Religionen.

Wir Schriftsteller und Künstler können also von den russischen Verhältnissen nur über unsere eigenen lernen. Und sollten uns nicht so viel dabei denken, wenn gestohlene Kunstwerke ausgerechnet auf dem Parkplatz einer psychiatrischen Klinik gefunden werden.

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19.1.08

Die Russen kommen

Nein, sie sind längst da. Letzten Donnerstag in Baden-Baden habe ich auf der Straße mein Russisch wieder etwas aufmöbeln können, als Schülerin musste ich dafür ins Sprachlabor. Wenn ich zwischen den Belle-Epoque-Fassaden wandle, denn in dieser Stadt verhält man unwillkürlich seinen Schritt - dann ist mir schon bewusst, dass ich auf Schritt und Tritt in die Fußstapfen der ganz Großen meines Berufes trete. Fast gespenstisch sind sie anwesend, jeder kennt sie, manche grüßen ihre Büsten, und anderswo längst vergriffene Bücher liegen wie selbstverständlich in den Buchhandlungen.

Wenn man ihnen schon an Können nicht nacheifern kann, in dieser Stadt darf man ihnen nachlaufen. Dostojewski war da und spukt noch heute ab und zu in einem Theaterspiel durchs Casino. Turgenjew lebte hier seine Ménage à trois, Gogol und Tolstoi kamen: Baden-Baden war einst nicht nur die Sommerresidenz Europas, sondern auch die Stadt der Schriftsteller. Otto Flake, dessen hübsche, mit Fachwerk verzierte Villa schräg gegenüber der Trinkhalle liegt, wo sich all die Schriftsteller beim Schlürfen von preiswertem Thermalwasser trafen, schrieb einmal, 1814 sei "Baden-Baden" zum gesellschaftlichen Begriff geworden.

Und weil Baden-Baden vor allem die Stadt der "Reichen und Schönen" ist, kommen jetzt die Russen von heute als Touristen. Nicht immer sind sie schön, nicht immer reich, aber manchmal einfach unverschämt reich. Was letztere tatsächlich treiben zwischen den auch schon in die Schlagzeilen geratenen Casinobesuchen und touristischen Edelevents, darüber wird in der Stadt viel gemunkelt und viel gelästert. Kann sich einer wirklich nur für alte Kultur interessieren, gar für Schriftsteller? Wie verdächtig, wenn heute noch jemand Dostojewski liest! Als ob man immer so genau wüsste, was deutsche, amerikanische oder japanische Reiche mit ihrem Geld anstellen...

Jedem, der das Phänomen der "kommenden Russen" verstehen will - und darüberhinaus ein wenig vom seltsamen Mikrokosmos Baden-Badens, dem empfehle ich Renate Efferns kurzweiliges Büchlein "Hurra, die Russen kommen zurück". Die hochkarätige Fremdenführerin, Leiterin der Turgenjew-Gesellschaft und Historikerin zeichnet in ihren wahren Anekoten ein sehr menschliches und differenziertes Bild von den Bewohnern beider Nationen. Ihr Humor ist trotz der Härte ihres Berufs unerschütterlich, ihre Erlebnisse sind - wie das mit dem Luxushoteldirektor unterm Tisch - manchmal umwerfend. Obwohl immer versöhnlich im Ton, entlarvt sie Großmannssucht oder menschliche Gleichgültigkeit, zeigt, dass die da oben nicht weniger schrullig sind als die da unten. Eigentlich, so der Grundtenor des Buches, sollte doch jeder willkommen sein, der sich für Schriftsteller interessiert?

Aber was machen die Schriftsteller von heute in dieser Kurstadt? Manchmal gibt es einen Stadtschreiber, inzwischen öfter lieber einen Stadtmusicus - denn da ist ja das Festspielhaus. Manchmal gibt es Autoren, die zu genau hinschauen, zu kritisch betrachten. Die mag man dann nicht so in der Stadt. Das Wort "Nestbeschmutzer" nimmt keiner gern in den Mund, man bleibt sauber. Und liest Jürgen Roths "Ermitteln verboten" trotzdem heimlich unter der Decke. Und dann gibt es Bücher über die Dekadenz gewisser Kurorte, die so freundlich entlarven, dass kaum einer merkt, wie der Kaiser plötzlich ohne Kleider dasteht. "Sanfte Illusionen" von Carsten Otte, der in Baden-Baden lebt, ist mehr als ein Buch über Kurstädte und ihre Dekadenz. Er zeichnet ein feines Bild moderner Sicherheitssehnsucht, die nur in der Rückwärtsgewandheit und Konservierung überleben kann.

Wenn ich in Baden-Baden bin, möchte ich immer Gustav Mahler hören, wie er gesagt hat: "Tradition ist die Bewahrung des Feuers und nicht Anbetung der Asche."

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