cronenburg

feuilles et ton - lose Blätter und Sprache - Kritiken, Kritisches und Kultur -

Name: PvC
Standort: France

Nicht Kronenbourg wie das Bier. Nicht Cronenbourg wie der Stadtteil von Strasbourg. Auch nicht Kronborg / Kroneburg wie Hamlet's Schloss. Einfach nur CRONENBURG wie PETRA VAN CRONENBURG auf http://www.cronenburg.net

31.7.08

Bayernkrimi

Vor allem in der Sommerzeit, wo man Unterhaltung etwas leichter liebt, sind bayrische Krimis beliebt. Die zugehörigen Fernsehermittler vermitteln in ihrer Dickleibigkeit und einem Leben zwischen kühlem Bier und warmen Kuhaugen denn auch das richtige Quentchen Trägheit, das man sich in diesen Hundstagen wünscht. Man darf sich schmunzelnd zurücklehnen und abwarten, ob die Renzi oder der Alois den Hintergruber im Odelloch ertränkt haben.

Zu Recht beschwert sich die Polizei des Öfteren, dass ihre Arbeit im Fernsehen und in Büchern nicht realistisch dargestellt wird. Krimifiktionen sind nun einmal Erfindungen, die eher dramaturgischen Notwendigkeiten gehorchen als deutschen Beamtenvorschriften. Wie aber sind nun die Ermittlungsbehörden in Wirklichkeit?

Die Bayern - diesmal die realen - haben jetzt das Sommerloch genutzt, um endlich einmal zu beweisen, was ein fescher Ermittler ist. Und weil sie sonst anscheinend in diesen Tagen nichts Wichtigeres zu tun hatten, begaben sie sich direkt in die Welt, von der auch Ermittler nicht unbedingt Ahnung zu haben scheinen. Die Welt der Menschen, die mit Fiktionen arbeiten. Strafrecht oder Urheberrecht, welch eine Frage!

Tatort: Random House. Hauptpersonen: ein anordnender Generalstaatsanwalt, eine gruppenleitende Staatsanwältin, zwei Kriminalhauptkommissare. Das Verbrechen: ein Hirngespinst aus feinen Elfenfäden. Genre: bayrische Realkrimisatire. Untergenre: Beamtenschwank. Die ganze unglaubliche Geschichte gibt's hier!

Hätte sich ein Krimiautor ähnliches ausgedacht, wären die Ermittlungsbeamten der Nation wieder einmal entsetzt gewesen. Nein, so wie in Ihrem erfundenen Krimi sind wir doch nicht! So fesch und forsch kann doch nicht einmal die bayrische Staatsanwaltschaft sein! Gehen Sie noch einmal an Szene drei, wir haben doch keinen Polizeistaat, lieber Autor! Wir bitten Sie, lieber Krimiautor, wir würden doch nie mit solch unverhältnismäßigen Mitteln wie in Ihrem Krimi, mit solchen Wissenslücken, und in den Hundstagen schon gar nicht! Als ob es nichts Wichtigeres zu tun gäbe.

Nein, lieber Krimiautor, das müssen Sie noch einmal umschreiben, Dramaturgie hin oder her. Und überhaupt, wer liest denn heutzutage derart skurrile und überzeichnete Kriminalromane! Bitte, lieber Krimiautor, bleiben Sie auf dem Boden, Hitze hin oder her, bleiben Sie realistisch!

Meine Meinung: Wunderbar, dass dieser Plot zum Abschuss freigegeben... äh veröffentlicht wurde. Daraus lassen sich die herrlichsten Krimis und Thriller stricken. Jedem Krimiautor wird es ein höllisches Vergnügen bereiten, zu mutmaßen, wie es zur Ausgangskonstellation kommen konnte... Perfekte Dramaturgie! Und diese Figuren! Aber vorher unbedingt abklären, ob nicht schon einer der Beteiligten das Manuskript für eine Comedy-Show vorgelegt hat...

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5.7.08

Sinnesreisen bei der Müll-Mafia

Da schreibe ich noch frech im letzten Sinnesreisen-Beitrag, der Mensch würde mit chemischen Aromabomben derart in der Wahrnehmung korrumpiert, dass er keine Nase und Zunge mehr für Natürliches habe. Ehrlich: bis gestern habe ich mir meine eigene These nicht glauben wollen.

Auch ich habe fleißig Mozarella gegessen. Nur ab und zu wollte ich mich schon beschweren, weil der Mozarella einer etablierten italienischen Marke anders als früher schon nach einem Tag Öffnung im Kühlschrank verdarb. Er wurde gelb, bekam einen komischen Belag und schmeckte bitter-scharf. Nicht mal mein Hund wollte ihn - und der liebt Käse. Nicht auszudenken, was ich da zu meinen Biotomaten aus dem eigenen Garten in mich hineingeschaufelt habe. Da soll es Käse gegeben haben, der so alt war wie mein Abitur (an das ich mich kaum noch erinnere)! Und als Landbewohner weiß ich, wie durchdringend die Exkremente einer einzigen Maus eine ganze Wohnung verseuchen können. Ja, bitte wie macht man das, die Zungen und Nasen der Verbraucher derart zu täuschen? Was muss zu diesem Dreck (ein weniger sauberes Wort wäre angebrachter) eigentlich noch in den Käse, damit der Schund nach Käse schmeckt?!?

Fein, dass Journalisten über solche Skandale berichten. Aber sie umgehen mir zu sehr die wirklich interessanten Fragen. Immerhin haben sich einige endlich herabgelassen, Namen zu nennen. Solche Namen sollten, ähnlich wie bei den Gentechnik-Listen von Greenpeace, eigentlich gesammelt dem Verbraucher zur Verfügung gestellt werden - oder per Internet kursieren. Menschen, die so etwas tun, sollten - wenn endlich gefasst, von der Gefängniskantine freundlich befreit werden und ihre eigenen Luxusprodukte vorgesetzt bekommen.

Stattdessen eiern die Journalisten der Agenturen herum. Es hätte eine "ökologische Bombe" werden können bei den Käseessern. Hätte können? Der Dreck landet offensichtlich seit etwa zwei Jahren in europäischen Mägen! Wie sollen Ärzte etwaige Krankheiten richtig zuweisen können, wenn sie jetzt erst davon erfahren? Und was bitte ist eine "ökologische Bombe" im Bauch? Warum nennt es keiner beim Namen: Müll, schädliche Abbauprodukte, Gifte, Keime, ein Anschlags-Cocktail auf Gesundheit und Immunsystem des Menschen. Würde ich das mit meiner Oma machen, käme ich zumindest wegen versuchten Totschlags dran.

Noch einmal die Bitte: Kollegen, Politiker etc., recherchiert doch bitte endlich auch einmal, welche Tricks und Rezepte all die Lebensmittel-Schwerverbrecher, ob bei Gammelfleisch oder Rattenscheißekäse, in den verarbeitenden Betrieben anwenden, um uns so perfekt täuschen zu können. Was wird da an Chemie zugeschüttet, welche mechanischen Tricks angewandt? Deckt nicht nur die Machenschaften der Händler auf, schaut endlich endlich mal den Lebensmittelkonzernen besser auf die Finger! Wie kommt es, dass all die feinen Marken künstlich Dreck zusammensetzen können, der so aussieht wie das Original, so riecht wie das Original, vielleicht sogar so schmeckt wie das Original? Und angeblich merkt keiner was, angeblich sind solche Betriebe so tollen Sicherheitsmaßnahmen unterworfen? Wo die Oma auf dem Land schon von einer einzigen Maus in der Küche genervt wird?

Wie können wir Verbraucher überhaupt noch eine Garantie haben, dass unsere Milch wirklich aus Milch gemacht ist und unser Müsli nicht auf der Werkstoilette zusammen gefegt wurde? Wenn die Hersteller jetzt wieder ihre Hände in Unschuld waschen, wächst das Vertrauen ganz bestimmt nicht. Legt die Karten auf den Tisch und zeigt es: Wir essen schon lang nicht mehr all die "Lebens"mittel, die wir meinen zu essen. Lebensmittel sind verkommen zu Profitmitteln, Abfütterungsware, Illusionen.

Ganz besonders zynisch finde ich die Mitteilung in den Medien, diese Uraltscheiße hätte eigentlich als Tierfutter verwendet werden müssen. Mal ganz abgesehen von einem solch kaputten Verhältnis zwischen Mensch und Tier - welche Geschöpfe hätten das denn fressen sollen? Verseuchen wir auch lustigen Herzens unseren Fifi und unsere Mieze? Oder war das Schweinefutter? Sind ja Allesfresser. Und wenn wir dann die dreck- und müll- und giftgemästeten Schnitzelchen für uns braten, dann guten Appetit! Auch wir sind Allesfresser. Ganz schön runtergekommene Allesfresser.

Uns am Ende der Nahrungs- und Profitkette bleibt nur eine Reaktion: Noch genauer hinschauen, noch bewusster einkaufen, die Sinne noch mehr schärfen. Und vielleicht auch vermehrt dort einkaufen, wo wir selbst einen Blick in die Betreibe werfen können - beim Biobauern in der eigenen Region, bei der Familienkäserei. Die könnten, anders als Konzerne, mit solchen Machenschaften nämlich nicht überleben. Und wir Verbraucher haben Macht - wir bestimmen, was wir in Zukunft einkaufen und was wir in den Regalen vergammeln lassen.

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28.6.08

Garten-Guerilla, die zweite...

Gestern (27.6.) hat ARTE in der Europa-Sendung "zoom" einen Bericht über das Guerilla-Gardening gebracht und ich hatte zum ersten Mal das Gefühl: So würde dein Blog aussehen, wenn du ein Kamerateam hättest und genügend Zeit investieren könntest...

Ein schönes Gefühl, wenn man die Kollegen auch mal im 2 CV überholt.
Oder sollte ich lieber weniger Ideen hier verdampfen, weniger Bücher schreiben, und stattdessen mehr als Journalistin arbeiten? Eine Versuchung.

Auf der anderen Seite: Nach meiner Kulturgeschichte "Das Buch der Rose" beißt mich jetzt ein noch viel größeres Thema, über das man in der Tat eine Fernsehdoku drehen könnte. Wer weiß. Gestern hat mir wieder jemand gesagt, dass ich zwei völlig nutzlose Berufe hätte. Ob es nicht Zeit wäre, endlich einen ordentlichen zu erlernen. Ich fürchte, das lerne ich nie!

(Von wegen Blogpause, ich trainiere das Aufrechtsitzen für den Auftritt am Samstag. Nutzlose Berufe haben keinen Krankenstand.)

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17.6.08

Schläfer mit Schaufeln

Ich erinnere mich an seltsame Umtriebe in meiner Kindheit in den Sechzigern. Wir Kinder aus dem Viertel zogen in Banden durch dasselbe und kannten natürlich jede versteckte Ecke. Klar, das war auch nötig, wenn sich Robin Hood und seine Mannen vor den Schergen des Sheriffs von Nottingham zurückziehen mussten. In wahrer Hood'scher Manier sorgten wir dann auch für die Verschönerung unseres Häuserwaldes.

Wir züchteten heimlich unterm Bett in Einmachgläsern hübsche gelb-schwarz gestreifte "Pyjamakäfer", von denen wir gelernt hatten, dass sie sich im Kartoffelfeld des Gärtners am wohlsten fühlten. Kahle Zäune? Gegen solche Hässlichkeiten sammelten wir Trichterwindensamen und allerlei hübsch schlingendes Unkraut. Die Hexe von nebenan, die Kinder aus ihren Kirschbäumen prügelte, attackierten wir mit Samenbomben: Stink- und Giftkräuter wuchsen fortan in ihrem Rasen, als seien sie wundersam vom Himmel gefallen. Und als wir groß genug waren, wussten wir, "unterm Pflaster liegt der Strand" - und ein Löwenzahn durchbohrt sogar Asphalt.

Erstaunlich, dass es auch Erwachsene gibt, die Robin Hood fürs Stadtparadies spielen. In New York haben sie Kondome mit Tomatensamen, Dünger und Wasser zu Bomben gemacht, es soll echte Schläfer-Zellen geben in Amsterdam, Tokio und Turin, deren Mitglieder oft in schockartigen Pflanzattacken auf die Menschheit losgehen. Sie nennen sich selbst Guerilla-Gärtner und sind international vernetzt. Was sie tun, ist subversiv und gefährlich für jedes Stück vernachlässigter Erde in Städten.

Das New York Times Magazine durfte einen der heimlichen Guerillakämpfer in London begleiten und lernen, dass die Kampfausbildung ziemlich breit gefächert ist: Müllbeseitigung, Putzen, sowie das Überwinden von Zäunen und Mauern gehören ebenso zum Wissen eines Widerständlers wie die Kenntnis von botanischen Namen und von Wuchseigenschaften. Der gebildete Guerilla von heute weiß, wie er mit wenigen Mitteln am meisten Schönheit schafft - und welche zarten Blüten dem Antiterrorkampf durch Abgase, Dreck, Düngerknappheit und Vernachlässigung am meisten trotzen.

Sie sind überall, auch wenn wir sie nicht sehen und die Geheimdienste dieser Welt ihre Schläferzellen verschlafen. Sie beobachten die Turmfalken auf Wolkenkratzern und haben eine seltsame Vorliebe für Gänseblümchen. Und viele haben die Nase voll von lebensfeindlicher Umwelt, Beton und immer wieder Beton. Manchmal verraten sie sich, wenn sie allzu dreist ohne behördliche Genehmigung Müll aufheben. Manchmal kann man sie mit geübtem Blick erkennen - an den schwarzen Fingernägeln. Dann möchte man ihnen fast "Attacke!" zurufen, fröhlich, mit einem Lied nachher auf den Lippen...

(Beitrag Nr. 100 in dieser Kolumne. Klar, dass das mit Blümchen gefeiert werden muss! Denn diesen Blog erfand eine Journalistin als Experiment, als sie eine mediale Form suchte, in der man unabhängig von Anzeigenkunden und nicht kommerziell (contra unverschämte Buy-out-Verträge und lächerliche Honorare) wieder üben konnte, was sonst heutzutage gern untergeht: Meinung, eigener Blick (beides verantwortet statt versteckt) - und die bunte Welt neben den Sensationen, Skandalen und Katastrophen. Ab Beitrag 101 übe ich weiter ... danke an alle Leserinnen und Leser fürs Lesen!)

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12.6.08

Entwicklungsland Europa

Es gibt heutzutage alle möglichen Schadensberichte, auf die sich die Medien bevorzugt stürzen, weil Katastrophen Nachrichten sind. Selten ändern sie die Zuschauer, sie sorgen allenfalls für Grusel, Betroffenheit - und wenn sie zu oft gezeigt werden, für Überdruss. Ab und zu sorgen solche Schadensaufstellungen auch mal für politische Beratungen, die meist ausgehen wie das Hornberger Schießen. Auf der Bekanntheits- und Beliebtheitsskala der Katastrophen ganz oben stehen z.B. der Earth Report oder der Waldschadensbericht.

Erstaunlich ungehört ging dagegen gestern im Europarat in Strasbourg mit einer Konferenz die Kampagne zu Ende, die versucht, häusliche Gewalt gegen Frauen in Europa endlich zu kriminalisieren, weil sie die Menschenwürde verletzt und den Frauen die Möglichkeit nimmt, ihre Rechte frei auszuüben. Man darf das auch so sehen: Gewalt ist kriminell. Warum soll das innerhalb der eigenen vier Wände anders sein als auf einem Marktplatz?

Tatsächlich gibt es hin- und wieder, national wie auf europäischer Ebene, so etwas wie einen Frauenschadensbericht.
Als vor etwa einem Jahr in Frankreich herauskam, dass jede zweite Französin mindestens einmal in ihrem Leben häusliche Gewalt erlebt und jede zehnte verstorbene Frau unter 30 Jahren an häuslicher Gewalt sterbe (!!!), ging ein Raunen durchs Land. Solche Zahlen hätte man jedem exotischen Entwicklungsland, womöglich unter politischer oder religiöser Diktatur zugetraut, aber nicht einer hochzivilisierten Kulturnation Europas. Man hat die Zahlen im Alltag dann recht schnell verdrängt.

Die neuen Durchschnittszahlen Europas, dieser Wiege der Menschenrechte, sehen nicht viel besser aus: Jede vierte Europäerin wurde mindestens einmal Opfer von Gewalt, jede zehnte erlebte sexuelle Übergriffe. Die Täter kommen meist aus dem Familienkreis und sind fast auschließlich Männer. Ob wir uns daran so gewöhnen wollen wie ans Waldsterben, wo doch der Wald immer noch so schön grün aussieht und seine Wunden nur den Fachleuten zeigt?

Was würde passieren, wenn plötzlich die Zeitungen über eine Krankheit berichten, die in einem Jahr ein Fünftel der EU-Bevölkerung befallen hätte? „Die Regierungen würden sofort reagieren, indem sie Programme und wirksame Mittel zur Bekämpfung dieser Krankheit einsetzen.“ Das sagte Maj Britt Theorin, die Präsidentin des Ausschusses für Frauenrechte und Chancengleichheit im Europäischen Parlament.

Ich selbst habe Anfang der 1980er die zweite oder dritte große Emanzipationsbewegung erlebt, bei der wir dachten, der Traum von einer Gleichwertigkeit könne endlich real werden. Im Moment sieht es so aus, als würden einige Entwicklungen, die für uns Mädchen und Frauen damals selbstverständlich waren, wieder rückwärts laufen. Opfer zu sein, fängt lange vor der Gewalt an. Meine Rolle in der Gesellschaft stimmt erst dann, wenn ich sagen kann: Ich kann als Mensch selbstverständlich und natürlich die gleichen (Menschen)rechte leben wie andere Menschen auch, unabhängig vom Geschlecht. Und ich nehme mir dieses Recht.

Gestern erfuhr ich Zahlen einer Fahrschullehrerin in einer mittelgroßen deutschen Stadt. Wir kamen darauf, weil die Generation der Frauen ab 70 häufig darunter leidet, nie den Führerschein gemacht zu haben oder nicht ausreichend geübt, weil selbstverständlich der Mann das Auto fuhr. Plötzlich sind sie Witwe - und völlig hilflos. Eine Mahnung, die ich in meiner Jugend lernte, war deshalb diese: Lerne, unabhängig, als eigenständiger Mensch, auf eigenen Beinen stehen zu können - du weißt nie, was einmal passiert.

Junge Frauen, so die Fahrlehrerin, seien anders. Höchstens ein Drittel der Fahrschüler bei ihr seien Frauen, der Rest Männer. Argument der anderen Frauen: Mein Freund / mein Mann fährt mich ja sowieso. Schlimm, wenn der Chauffeur dann eines Tages aus irgendwelchen Gründen ausfällt... Und vielleicht wollte er auch einmal chauffiert werden?
Übertrieben? Nein. Bei meiner letzten Lesung sagten ein paar gestandene, reife Frauen mit Führerschein ab - mit der Begründung, sie könnten nicht fahren, weil der Freund / Partner / Mann Fußball schauen wolle.

Es gibt noch viel zu lernen in Europa. Auch der Mut, ein ganzer Mensch zu sein.

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28.5.08

Ölschreiber

Die Erdölpreise steigen dank Spekulationen ins Unglaubhafte und die Milchbauern wollen endlich ihren Diesel erwirtschaften. In solchen Momenten überlegen vor allem die Ärmeren, wie sie mit immer weniger Geld den Kühlschrank füllen können. Zu denen zählen die meisten hauptberuflichen Künstler und Autoren, sofern sie nicht zu den wenigen bekannten Gutverdienern gehören, die ja nur Promillanteile ausmachen sollen. Denn Autorenhonorare steigen allenfalls mit dem Grad des Absatzes und der Bekanntheit, eigentlich stiegen sie seit Jahren nicht, und das Normhonorar, das für Lesungen als Untergrenze empfohlen wird, liegt beim Stand von vor ZEHN Jahren. Da bleibt nicht viel, um sich an Spekulationsgeschäften zu beteiligen... und immer weniger fürs Essen und Heizen.

Was tun? Generalstreik für Autoren? Es heißt, die seien ein egoistisches, individualistisches Häufchen. Wie wäre das, einfach mal gesammelt unsere Milch, pardon, unsere Manuskripte nicht abzuliefern? Würde das überhaupt jemand kratzen? Gar nicht so einfach mit den Visionen für eine Zukunft mit Auskommen für eine harte Arbeit.

Wie wäre es mit der:
Auch ein Buchautor braucht Erdöl. Wie jeder andere Mensch fährt er oft Auto, ob zu Recherchen in der Pampa oder Lesungen in Hinterbibbelhausen, wo es keinen Zug gibt. Dann wäre da die Heizung zu bezahlen. Will der Autor bei Auftritten eine gute Figur machen, badet er mit Erdölderivaten, trägt Erdölprodukte auf der Haut und kleidet sich in Dinge, die Erdöl verbraucht haben. Ohne Erdöl keine Arbeitswerkzeuge, kein Computer. Nicht, dass andere Menschen das nicht auch bräuchten - aber die haben manchmal Lohnerhöhungen, streikbare Gewerkschaften, Urlaubs- und Rentenansprüche etc. Der gemeine Homo schreibensis dagegen tippt ohne Netz und doppelten Boden, nicht mehr wie anno dunnemals auf der Schreibmaschine, aber eben oft zu solchen Honoraren.

Man stelle sich vor, dieser Kohlenwasserstoff-Schreiber käme nun auf die Idee, wegen seiner konstanten Ölfüllung zwar nicht mit der abgewerteten Schreibarbeit zu spekulieren, aber mit seinem Ölstand?! Wir Autoren, da teilweise auf Erdöl basierend, gäben Aktien aus. Man könnte sich mit soundsoviel Anteilen z.B. eine Lesung erwerben...

Ich gebe zu, das System wackelt und ist nicht wirklich durchdacht. Dass man sich in der Pfalz etwa Anteile an Weinbergen erwirbt, dafür drei Weinreben den Namen des Aktionärs tragen, und der am Ende der Saison ein paar Flaschen bekommt, das ist ja noch einsichtig. Wein, Kulturgut, begehrt. Da weiß man, was man hat und wofür man sich engagiert. Aber Bücher? Papier mit ein wenig Schrift drauf?

Ganz so idiotisch ist das Gedankenexperiment allerdings nicht. Ich kenne einen bildenden Künstler, der es durchgezogen hat. Für den Erwerb eines selbstgedruckten Aktienpakets hat man sich Leihzeiten für gewisse Bilder von ihm erworben. Soundso viel Aktien - soundso lang durfte man die Leihgabe ins eigene Wohnzimmer hängen und damit angeben. So hat er sich die Arbeit an neuen Bildern finanziert, das ganze teure Material. Und diese Bilder kosten heute Beträge mit fünf Nullen und nicht nur einer Eins davor. Ohne seine Aktien hätte er vor Jahren aufgeben müssen.

Vielleicht ist es an der Zeit, nicht nur Öl zu sparen, sondern auch kreativ neue Visionen und Ideen zu entwickeln? Gerade Schriftsteller müssten das doch können?

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7.3.08

Geguglt wie gehupft

Gestern hatte ich zwei interessante Diskussionen über eine Zukunft, in der vermeintliches Wissens-Sharing für alle zu einer Elitenbildung von wenigen Wissensmächtigen führen könnte. Science Fiction? Umberto Eco macht sich schon jetzt Gedanken: "Wir brauchen vor allem an den Schulen eine neue Form der Ausbildung. Sie muss die Schüler in die Lage versetzen, aus dem Wust an Informationen, die relevanten herauszudestillieren." In einem Interview in der FR spricht er auch - trotz aller Offenheit für neue Techniken - über das "Grauen der Irrelevanz" im Internet und sagt: "Das heißt nicht, dass ich gegen das Internet bin. Im Gegenteil, es hat enorme Vorteile. Nur ist es eben eine Art babylonische Bibliothek. Man muss sich anstrengen, das Irrelevante auszusortieren."

Gestern meinte dann eine Bekannte angesichts meines Rosenbuchs: "Nee, daran hast du nicht wirklich zwei Jahre gearbeitet. Das hast du so nebenbei gemacht, das hat doch nur 220 Seiten!" Als ich ihr erzählte, wie viele Keilschrifttafeln (in Übersetzung natürlich) ich nur für die kurze Erwähnung des akkadischen Königs Sargon zuerst suchen und dann lesen musste, staunte sie wieder ungläubig: "Aber das kann man sich doch von Wikipedia und Google ganz schnell besorgen!" Kann man das wirklich?

Zugegeben, für einen schnellen Ersteinblick nutze ich beide Instrumente auch. Aber für wissenschaftliche Überprüfung sind beide nicht zu gebrauchen. Es schwappt einem im Internet nämlich auch eine Woge von Halbwissen und Fehlern entgegen. Früher, in Büchern und Standardwerken, gab es eine Vorauswahl von Fachleuten, Aussagen festigten sich im Diskurs der Kenner und Könner. Heute dürfen wir basisdemokratisch entscheiden, was wir glauben und lernen wollen. Und je mehr "Wissen" uns geboten wird, desto schneller glauben wir. Manchmal müssen wir das auch. Ich kann z.B. kein Sumerisch und muss englische Übertragungen lesen - aber wenigstens an diese Quellen will ich herankommen.

Man kann allerdings gerade auch im Internet - wenn man denn Recherchieren irgendwie gelernt hat - immer leichter und billiger an diese Quellen gelangen. Quellen, die landläufige Suchmaschinen kaum erfassen oder zugunsten von Kommerzseiten benachteiligen, die über Spezialportale und Datenbanken angeboten werden, die man kennen muss und manchmal auch bezahlen. Eine faszinierende Unterwelt des Wissens tut sich dann in der "babylonischen Bibliothek" auf. Amerikanische Universitäten sammeln seltene deutschsprachige Bücher, die Pariser Nationalbibliothek überschüttet einen mit digitalisierten Preziosen - es lässt sich in den Archiven des Louvre ebenso flanieren wie in denen des British Museum. Selbst Ausgrabungsstücke, die nirgendwo auf der Welt ausgestellt werden, kann man digital betrachten. Längst geraubte oder zerstörte Kunstwerke sind im Internet manchmal konserviert. In dieser "Unterwelt" (oder ist es der Eco'sche Turm?) ist zwar alles ebenso digital wie bei den gemeinhin bekannten "Maschinen", aber das Lesen und Auswerten geschieht immer noch wie früher über zig Kilos von Fachbüchern.

Als ich für "Das Buch der Rose" recherchierte, hätte ich ein zweites Buch schreiben können. Über all die netten Rosenanekdoten, die ein Autor vom anderen abschreibt, teilweise über Jahrzehnte hinweg, die irgendwann einmal wahr klingen, weil sie so oft gelesen wurden - und wenn man dann die Quellen prüft, zerplatzen sie wie Seifenblasen. Ein geheimnisvolles, rosenzüchtendes Urvolk aus Sibirien entpuppte sich z.B. als Übertragungsfehler aus dem Russischen und die sibirischen Rosen als eine Unterart einer "alpinen Rose", einer Azaleensorte. Ein sagenhaft früher rosenzüchtender Kaiser in China ist auf europäischem Mist gewachsen, wo man zur Entstehungzeit der Anekote noch nicht viel Ahnung von Chinas Geschichte hatte.

Und dann die Bemerkung einer anderen Bekannten: "Warum sich eigentlich diese Arbeit machen? Will das wirklich noch einer wissen? Kann doch jeder gugeln! Wo ist der Unterschied?"

Tja, will das alles wirklich noch jemand wissen? Manchmal frage ich mich das auch und vergleiche den derzeit nicht sehr angesehenen Beruf des Rechercheurs mit dem des Fotografen. Mein schärfstes Erlebnis diesbezüglich, als ich einmal von einer Tageszeitung ein angemessenes Honorar für ein Foto forderte, war die Antwort: "Nun haben Sie sich nicht so, die digitalen Kameras machen doch heute alles von alleine und kostenlos!" Sie haben dann ein von alleine geschossenes Foto veröffentlicht, nicht meines. Den Zeitungslesern ist das wohl egal.

Natürlich kann ich auch auf Papier im Pappeinband Halbwissen kolportieren oder Fehler machen. Davor ist niemand gefeit. In solchen Fällen wird man aber entweder von den Kritikern in der Luft zerrissen oder bekommt Leserbriefe: "Auf Seite xx habe ich einen üblen Fehler entdeckt." Mich tröstet das. Hier findet noch ein Diskurs statt. Denn ich frage mich: Bekommen all die Gugl und Hupfe im Internet eigentlich genug Kritik an der Art ihrer Wissensverwaltung, ihrer nur scheinbaren Totalzugänglichkeit, die eigentlich nur dazu geführt hat, dass das Internet sich wieder nationaler und vor allem kommerzieller gruppiert?

Wenn ich in den Anfangszeiten des Internet etwas in Suchmaschinen eingab, bekam ich Verbindung zu Papua-Neuguinea oder Indien, zum versponnen Professor im Baumhaus mit Stromansschluss wie zum auskunftsfreudigen Institutsleiter in der Großstadt. Heute, im Zeitalter der ach so totalen Offenheit muss ich übers Spezialportal der Eingeborenen, indische Suchmaschinen, Übersetzungsmaschinen, Zensurumgehungsmaschinen, Zensursetzungsmaschinen und irgendwelche Heimatministerien, die bestimmen, was ich zu wissen haben soll ...

An schlechten Tagen denke ich, mit dem Wissen, das wir über eine gewisse Suchmaschine erlangen, wird es einst sein wie mit einem in der Fabrik gebackenen Gugl-hupf. Da ist eine Menge Watte, die eher nach Papier schmeckt als nach Teig, aber ab und zu stolpert man doch über eine Rosine. Und dann wird es weiter Bäcker geben, die nach alter Kunst und alten Rezepten den richtigen Guglhupf backen können und nicht an Rosinen sparen. Und vielleicht gibt es ja auch irgendwann Bäckersuchmaschinen und digitale Rosinenzüchter?

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2.3.08

Wahlen

Die Wahl. Im Grunde habe man keine. Wie jedes Mal nur eine Liste, immer die gleichen gekauften Kandidaten, keine Gegner, keine Opposition - und Junge? Gut, der alte Alleinherrscher trete in diesem Jahr nicht mehr an, vordergründig verspreche der neue Kandidat Umschwung. Er sei jung, relativ gesehen zu den bisherigen Alleinherrschern, man kenne ihn zwar, könne ihn aber nicht so recht beurteilen, alles sei möglich. Aber im Grunde sei auch er nicht neu, sondern die Marionette des Alten. Abhängig. Willfährig. Loyal. Dass der einen eigenen Kopf entwickle, sei zu bezweifeln, der Alte habe ihn doch in der Hand, so wie alle anderen auf der Liste auch und die Familien dazu.

Alles eine Suppe, die sich gegenseitig helfe beim Bereichern, korrupt, verschlagen. Die Kleinen blute man aus, denen erhöhe man die Steuern, die blieben arbeitslos. Und hast du nicht gesehen kumuliert der Kandidat mehrere Ämter und der andere verschafft sich zur Rente noch Reichtum dazu. Die Frau sei auch so eine, von wegen Frauen in die Politik. Die habe sich zum gut bezahlten Staatsberuf noch einen gut bezahlten aus Steuergeldern dazu beschafft, ein eigenes Büro habe man ihr ausgebaut, auf Steuerzahlerkosten. Und dann der Typ, der mit den Computern und dem Alkohol, Tausch sei das keiner gewesen, sondern Korruption, und das Konto nachher leergeräumt.

Wahl, was habe man schon für eine Wahl bei dieser Wahl! Solle man die Stimmzettel ungültig schmieren? Immer die gleichen Kandidaten streichen? Ja, demokratisch sei das alles schon, Wahlbeobachter brauche man da nicht, das seien freie und anständige, demokratische Wahlen. Die Beobachter, die bräuchte man vorher, beim Saufen, wenn sie sich verbrüderten, Geschäfte hin- und herschoben. Aber wenn eine Hand die andere wasche, nun, auch das sei schließlich Freiheit - und nun habe man gar keine richtige Freiheit mehr. Nur noch diese eine Liste mit diesem einen neuen Kandidaten, der doch nur die Marionette des Alten sei.

Originaltöne. Belauscht nicht in Russland. Sondern in einem kleinen Vogesendorf der freien und demokratischen Republik Frankreich anlässlich der Kommunalwahlen, die am 9. und 16.3. stattfinden werden. In einem Dorf mitten in Europa, wo man sich sehnlichst wünscht, man hätte wenigstens der Form halber Opposition. Ein Dorf wie viele Dörfer.

Hintergründe zum Vertiefen: Die Grande Nation im Politchaos, Wie der Vater so der Sohn, Präsident ohne Benimm?, Demokratie à la Sarkoland.

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22.2.08

Rowling in France oder Amtsschimmel, wiehernd

Eine lustige französische Behörde, deren Namen ich nicht nennen möchte, weil sonst halb Frankreich lacht, hat mir heute einen langen freundlichen Brief geschrieben. Ich möge doch bitte noch einmal eine Jahresbilanz schicken, denn es könne doch nicht sein, dass ein Schriftsteller so wenig verdiene! (Deutsche Verleger, wollt ihr eine Kopie?)

Man mache mir ein freundliches Angebot. Es existiere ein staatliches Programm zur Hilfe der Wiedereinsetzung in Arbeit, oder so ähnlich. Ich möge mich doch bitte beim zuständigen Betreuer im Landesparlament melden, mit ausführlichem C.V. bitte, Liste meiner Tätigkeiten und besonderen Fähigkeiten, und dann würde man gemeinsam überlegen, wie ich gezielter in Brot und Arbeit kommen könne. Es gäbe Fortbildungsmaßnahmen, Direkthilfen zur Arbeitssuche, Vermittlung von Kontakten, ja sogar im Ernstfall kostenlose psychologische Betreuung!

Zugegeben, meine Bilanz im letzten Jahr war bei einem Buchvertrag nicht gerade rekordverdächtig. Vielleicht sind solche Briefe aber auch normal hierzulande. Ein Kollege sagte mir, dass ein französischer Erstlingsroman sich im Schnitt 463 mal verkaufe. So von wegen Brot zur Arbeit ...

Ich werde diesmal den Amtsschimmel reiten. Meinen C.V. mitnehmen und allen Charme aufbieten. Werde den Herren vom Landesparlament eine feine Liste vorlegen, wie sie mich in Brot zur Arbeit bringen könnten: Mein Elsassbuch freundlich in ihren Hochglanzgazetten bewerben, mir Veranstalter für Lesungen verschaffen, und weil's so schön ist, bitte auch gleich noch französische Lizenzen für alle meine Bücher dazu. Was, falsche Sprache? Nanana, unser Tomi, der Ungerer, der hat in Irland auch nicht Gälisch geschrieben! Im Gegenzug werde ich großzügig auf die psychologische Beratung verzichten, denn Lachen ist bekanntlich die beste Therapie, wenn man unter die Hufe des Amtsschimmels gerät.

Bitte merkt euch das für die nächste Honorarverhandlung, liebe deutsche KollegInnen: bei den Summen würde man euch im Ausland glatt für arbeitslos halten!

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Intelligenz nein danke!

Als ich in den frühen Neunzigern nach Polen kam, kursierte dort ein böser Witz über die Neureichen, die sich am Systemumschwung bedient hatten und auch schon mal mit irgendeiner Mafia in Verbindung standen - der russischen insbesondere: Eine Villa von 800 Quadratmetern und drei Bücher im Haus, wenn sie verheiratet sind! Was sind das für Bücher? (Auflösung: Das Telefonbuch, das Branchenverzeichnis und die bei der Trauung zwangweise überreichte Familienbibel. Wobei echte Mafiosi sogar allein mit dem Telefonbuch ausgekommen seien).

Der Witz hat inzwischen einen langen Bart. Aber im Westen hielt man seit der Perestroika wenigstens die Heimat der Russenmafia für gefeit gegen die galoppierende Kultur- und Bildungsverachtung von Menschen, die morgens überlegen, wie sie abends reicher ins Bett fallen können. Noch hörte man wunderschöne Geschichten von armen Arbeitern, die stehend in der U-Bahn ihren Dostojewskij oder Tolstoi lasen, die ganzen ehemals Verfemten noch dazu. Die Westler bekamen leuchtende Augen bei klingenden Namen wie Achmatowa oder Mandelstam, Turgenjew oder Puschkin. Nehmt euch ein Beispiel!, hieß es in Zeiten schlimmer PISA-Ergebnisse.

Ich habe gesehen, wie sich die Polen in den späten Neunzigern ein Beispiel nahmen, schnell und schmerzlos, unterstützt von amerikanischen und deutschen Großverlagen. Ich habe nie so viele lesende Menschen gesehen, in öffentlichen Verkehrsmitteln, sitzend, stehend, hängend. Die Lyrik wich ganz schnell den neuen Nackenbeißerformaten, statt Tragödien gab es amerikanische Manager-Handbücher, statt der Dramen bildete man sich, dass Frauen anders Bus fahren als Männer und Moppel andere Falten haben. Kann man es einem ganzen Land verdenken, dass es nach der Öffnung zum Westen endlich all den westlichen Segen lesen will, mit dem wir uns bilden?

Nun setzen die Russen dem wieder eins drauf. Wenn schon, dann richtig! Olga Martynowa zeichnet in der NZZ ein haarsträubendes Bild einer neuen Generation von Lesern, das an kommunistische Unterdrückerzeiten gemahnt, als man die Intelligentsia noch offen ausgerottet hat. Demokratische Einflüsse sorgen dafür, dass nun jeder selbst ausmerzen kann, was ihm zu gebildet und anspruchsvoll erscheint.

Fast könnte man sagen: die eigene Avantgarde wird geächtet. Und im Westen zeigt man mit dem Finger, sich selbstzufrieden suhlend in der Vorgabe, Kunst und Kultur hochzuhalten.
Geben wir doch zu: Diese Vorgabe ist reine Angabe.

Wenn Martynowa ein russisches Buch zitiert: "Anna Achmatowa habe sich nicht recht zu kleiden gewusst, an übertriebenem Ehrgeiz gelitten und ihre Menopause nicht würdig überstanden – und überhaupt: So eine Schönheit sei sie nun auch wieder nicht gewesen" - dann müsste uns das doch irgendwie bekannt vorkommen, oder? Was wäre die neuere deutsche Literatur ohne das Fräuleinwunder? Wie sieht die Promi-Autorin aus, die beim Casting für die nächste Talkshow durchkommt? Und haben wir nicht all diese wunderbaren, gleichförmigen "-innen"-Bücher von Frauen für Frauen, weil Frauen wissen, was Frauen wünschen, und immer mehr Frauen bestimmen, wie rückwärtsgewandt, niedlich und erzkonservativ Frauen zu sein haben? Wenn wirklich mal eine ausschert... der eigene Kopf sitzt dann schnell auf der Vagina, von der man im Westen ja schon im Mittelalter glaubte, sie besitze ein eigenes Hirn und wandere deshalb nachts heimlich herum, bereit zu allerlei Untaten.

Vladimir Sorokin verkündet heute trotz seiner eigenen Vergangenheit (oder deshalb?): "Putin hat unseren politischen Kompass umgestellt" und "Es kommt die Zeit der Bilanz.» Und die ist so: «Kunst muss allen verständlich sein." Die Intellektuellen im Westen stöhnen auf! Aber warum eigentlich? Nur, weil der Osten uns jetzt alles nachmacht? Nur weil der Osten auch mal haben will, was der Westen längst hat?

Dort ist die Zeit der Bilanzen und gnadenlosen Vermarktung von Kunst und Kultur schon so weit gediehen, dass die Urheber, die geistig und kreativ Schaffenden, langsam überflüssig werden, entlassen, oder mies bezahlt und mies geachtet. Das Zeitalter der Content-Verwalter und Werbemacher hat längst in Verlagen Einzug gehalten. Marketing kommt ganz oben. Kunst und Literatur später. Und die Kunst selbst? Art sells. Bilanz ist alles. Und eigentlich ist Kunst auch nur Werbung. Eine verdammt kluge Werbung, denn sie peppt Spaghettisauce genauso auf wie Religionen.

Wir Schriftsteller und Künstler können also von den russischen Verhältnissen nur über unsere eigenen lernen. Und sollten uns nicht so viel dabei denken, wenn gestohlene Kunstwerke ausgerechnet auf dem Parkplatz einer psychiatrischen Klinik gefunden werden.

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3.2.08

Gossip

Blau strahlt der Himmel über Frankreich, hell die Sonne. Das aber nicht etwa, weil das ganze Land, wie einem die längst nicht mehr kritischen Medien glauben machen könnten, im Hochzeitrausch wäre. Immerhin eierte man in den Interpretationen herum. Der eine Moderator findet, dass Carla Bruni als First Lady mehr Emanzipation ins Land bringe, denn die Frau ist intelligent. Der andere verkneift sich leise ein Grinsen, dass da wieder mal ein Mächtiger, Mann natürlich, die ideale Dame zum Repräsentieren gefunden habe - und die wiederum Geld und Macht. Wie in der Evolution versteht sich.

Der Großteil der Franzosen aber ist müde, sich solchen Boulevard-Überlegungen hinzugeben. Gestern haben sich Millionen in diesem Land, in dem fast jede zweite Ehe geschieden wird, gefragt, warum bei ihnen die Gerichte nicht mit der Scheidung beikamen und alles sich unnötig in die Länge zog. Warum all dieser stinknormale Amtskram um Scheidung und Eheschließung bei Otto Dupont so kompliziert ist. Keine leichte Frage, wo doch ausgerechnet Sarkozy jetzt zig Regionalgerichte abschafft, die schon vor Jahren an der Belastungsgrenze arbeiteten.

Es gibt einen Witz in Frankreich:
Wie bekommt man lebenslänglich? Man geht in U-Haft.
In Zukunft wird man, wenn man dort vergessen wird und die Richter nicht beikommen, weil es zu wenige für zu viel Arbeit gibt, vielleicht gleich mehrmals lebenslänglich in der Zelle schmoren, bis man gehört wird. Aber vielleicht besucht ja dann die neue Madame Sarkozy den Präsidenten, um Gnade für die vergessenen Gefangenen zu erbitten?

Und dann war da noch eine andere Frage im Land, die bei diesem schönen Wetter umtreibt: Wann werde ich endlich mal eine Reise machen können oder mir wenigstens ein klitzekleines bißchen Kaufkraft leisten können? Es ist nicht schön, mit ansehen zu müssen, wie da einer auf Staatskosten die ganze Familie jetset-like um die Welt schippert - und nun vielleicht eine noch größere Familie. Nicht, dass der gemeine Franzose neidisch und missgünstig wäre. Aber es kommt nicht gut, wenn der gleiche Präsident erlässt, Sozialhilfeempfänger müssten polizeilich erfasst werden - schließlich sind arme Menschen ja potentielle Kriminelle.

Ja, genau. Die Deutschen wird das an einen eigenen Politiker erinnern. Und deshalb ist deutsch-französische Freundschaft auf Regierungsebene so einfach. Aber bitte ... führt eure Wahlkämpfe nicht immer so bitter ernst und grau. Mehr Glamour! Längere Beine! Keep smiling! Brot und Spiele! Dann würden auch die bösen Journalisten nicht auf böse Ideen kommen, wenn sie stattdessen alle Hände voll zu tun hätten, in Reisekatalogen und edlen Modemagazinen zu blättern! Vive l'amour! Denn sie ist kurzlebig, die schnöde...

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13.1.08

Hard Core Reading

Als Autor interessiert man sich ja hin und wieder für die Bedingungen des Buchhandels. Immer wieder spaßig ist es beispielsweise, die Margen zu vergleichen, die ein gewisser online-Buchhändler kassiert, und was der Autor pro Buch behält. Und manchmal - Autoren sind eitel - schaut man auch schon mal gern, neben wem man im Regal steht. Es soll ja Autoren geben, die nicht gern in der Nähe von Comics verkauft werden oder sich schlechte Chancen ausrechnen, wenn man sie mit dem neuesten Käsekochbuch anpreist.

All das ist Vergangenheit! Ein gewisser Online-Buchhändler hat jetzt das gute alte Tante-Emma-Laden-Prinzip wiederbelebt. Wo einst Heringe zwischen Lutschern und Toilettenpapier im Fass vor sich hin müffelten, kauft der gebildete Leser heute seine Literatur ebenfalls in abwechslungsreichem Umfeld ein. Nein, Lutscher gibt's leider für die Kids noch keine. Aber was nicht ist, kann ja noch über uns hereinbrechen.

Der Autor von heute wird präsentiert zwischen authentischen Klobürsten und allem für die Erektion. Na wenn das mal statt Lese-Orgasmus nicht ein müffelnder Abgang wird!
"Alles muss raus!" empfiehlt uns die Werbeanzeige. Klasse. Ich geh morgen raus - zum kleinen feinen Buchhändler meines Vertrauens. Real life und garantiert noch mit echter Literatur statt bedrucktem Klopapier.

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2.8.07

Freundliche Übernahme

Kaum ist man einige Monate absent, wird Blogger von einer amerikanischen Firma übernommen. Und Achtung, damit ist jedem Wortschöpfer versprochen, dass er in den schmalzigen Ohrstöpseln schmieriger Agenten... nein, hoppla, das war der falsche Thriller. Neuer Versuch: Jede Wortschöpfung hier kann von superreinen, höchst aufmerksamen Heimatmaschinen... hey, wer legt mir hier dauernd die falschen Krimis vor! Dritter Versuch: Es begab sich 1984...

Ach was, Sie wissen, die hören mit. Die notieren mit. DIE Chance für unveröffentlichte Hobbyautoren. Endlich wichtig sein und im Land des größten Buchmarkts der Welt veröffentlicht sein! Endlich wirklich GELESEN werden!

Nein, ich habe das nicht nötig, noch bestimme ich gern selbst, wo und wie ich meine Texte verwerte.

Aber die Aussichten darauf, diesen Leuten in Zukunft den Fußpilz meiner Nachbarin, die Ratten von Baden-Baden oder Balkanmusik unterzuschieben, ist einfach verführerisch. Man stelle sich vor, den Fußpilz der Nachbarin unter die Hüter ganzer Nationen verstreuen zu dürfen, demnächst vielleicht sogar im Nachbarland rechts vom Rhein gleich von der Festplatte!

Die Karikaturistin distanziert sich mit diesem Posting von der Aussage, ihre Nachbarin habe Fußpilz. Nein, meine Nachbarin hat Hühner. Das ist bekanntlich viel gefährlicher.

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1.8.06

Dichten statt Denken

Ich habe gestern einen Abfluss gereinigt. War gar nicht so einfach, als blutige Laiin den Syphon / Siphon / Sifon / Siff ??? aus Billigstmetall aufzuschrauben, den der Vorgänger vor zwanzig Jahren verkantet hatte. Und als ich dann den Pfusch zum Rohr an der Wand sah, hat es mich fast hingelegt. Hauptsache, es sieht aus wie eine Rohrverbindung. Hauptsache, man tut so, als habe man moderne Techniken verwendet. Ich will niemanden langweilen. Ich habe es gelernt. Gerade noch rechtzeitig. Ich kann jetzt nicht nur schreiben, ich kann auch dichten. Denn Dichten ist das A und O bei einem verpfuschten Rohrsystem, wenn die Übergänge nicht stimmen. Pünktlich zum Ersten fließt es wieder. Und wenn ich die Massen in deutschen Baumärkten sehe, die sich mit Gummiringen und Silikon, mit Hanftechnik und Teflon auskennen, dann weiß ich: Das ist wahrhaftig das Land der Dichter und Denker.

Trotzdem... seit heute haben die da über dem Rhein drüben mal wieder den Abfluss offen. Pfusch-am-Bau, fast ein deutsches Lehnwort, schwarze Arbeit und wieder hat der Meister es besser wissen wollen als sein Spracharbeiter, obwohl doch letzterer sich täglich den Ärger zwischen aufmüpfigen Kommata und Konsonanten um die Brille haut. Nein, ich setze kein Komma vor "und". Ein Komma verändert Sprachsinn und Atem eines Satzes. Verlag 1: Wir setzen das Komma auch nicht. Verlag 2: Du musst das Komma setzen, wenn du für uns arbeiten willst.

Zwischendurch jede Menge Erinnerung an Fanta Vier. Nicht "ABC, DAF und OMD" oder "ARD, ZDF, C & A"... nein, da kam noch der Dudendidummdibabbadamda-Rap aus Mannheim. ADR und NDR - ojemine / NDR 2 und MDR, oder war's RSR, tatütata?
Na egal. Jedenfalls habe ich brav alle von mir gehassten und als falsch empfundenen Kommata in meine Romane nachträglich hineingesetzt. Man gönnt sich ja sonst nichts. Heute morgen wache ich auf, mein Abfluss gurgelt und meine Bücher sind Makulatur. Alle falsch, die Kommata. Sprachkoma. Seit heute hätte ich damals Recht / recht gehabt / rechtgehabt. Und das, wo ich doch auch noch neuerdings dichten kann!

Also, schön einfach ist das ja nun. Ich singe NDR und MDR is nich ok, und "wir gehen drauf für ein Leben voller Schall und Rauch / bevor wir fallen, fallen wir lieber auf"...

Heute ist der 1. August. Ich bin weder Schüler noch Beamter (dem Himmel sei Dank). Ich schreib jetzt PvC. Und beharre auch wieder darauf, dass bei mir die Brennessel nicht so dämlich in Konsonanten breNNNeSSelt. Mein AlPtraum kommt wieder vom bösen Alp und nicht vom netten Feen-Alb. Mein Stengel wächst weiter vom althochdeutschen "stengil" / "stingil" und zeigt, dass ein e/i-Laut nicht leichtfertig in einen a-Laut mutiert, nur weil das Mannheimer Genforscher gern so hätten, wenn sie an den Stammzellen der Wörter manipulieren. Überhaupt bin ich bei all der Duderei für eine Wiedereinführung des Faches Etymologie bei den Sprachgesetzverordnern. Etymologie statt Willkür. Sprache hat gewachsene Wurzeln - und wenn wir die verlieren, schneiden wir uns die eigenen ab.

Ich wünsche mir eine Revolte der Spracharbeiter. Aus Liebe und Leidenschaft. Für den Reichtum und gewachsenen Sinn unseres Ausdrucks. Denn eins habe ich beim Dichten gelernt: Egal, was die mir über moderne Methoden mit Teflonbändern erzählen... damit machen nur die Geld, die die neuen Bände(r) verkaufen. Die alte Hanfwickelmethode dagegen - die hält auch nach zwanzig Jahren und sogar bei Pfusch am Bau, was sie verspricht. Free Hanf, oder wie das hieß. Free Deutsch. Legalize it!

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17.7.06

Da war mal eine Wahl

Es ist noch gar nicht so lange her, da schrieb ich noch hoffnungsvoll über eine Wahl.

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