cronenburg

feuilles et ton - lose Blätter und Sprache - Kritiken, Kritisches und Kultur -

Name: PvC
Standort: France

Nicht Kronenbourg wie das Bier. Nicht Cronenbourg wie der Stadtteil von Strasbourg. Auch nicht Kronborg / Kroneburg wie Hamlet's Schloss. Einfach nur CRONENBURG wie PETRA VAN CRONENBURG auf http://www.cronenburg.net

5.7.08

Sinnesreisen bei der Müll-Mafia

Da schreibe ich noch frech im letzten Sinnesreisen-Beitrag, der Mensch würde mit chemischen Aromabomben derart in der Wahrnehmung korrumpiert, dass er keine Nase und Zunge mehr für Natürliches habe. Ehrlich: bis gestern habe ich mir meine eigene These nicht glauben wollen.

Auch ich habe fleißig Mozarella gegessen. Nur ab und zu wollte ich mich schon beschweren, weil der Mozarella einer etablierten italienischen Marke anders als früher schon nach einem Tag Öffnung im Kühlschrank verdarb. Er wurde gelb, bekam einen komischen Belag und schmeckte bitter-scharf. Nicht mal mein Hund wollte ihn - und der liebt Käse. Nicht auszudenken, was ich da zu meinen Biotomaten aus dem eigenen Garten in mich hineingeschaufelt habe. Da soll es Käse gegeben haben, der so alt war wie mein Abitur (an das ich mich kaum noch erinnere)! Und als Landbewohner weiß ich, wie durchdringend die Exkremente einer einzigen Maus eine ganze Wohnung verseuchen können. Ja, bitte wie macht man das, die Zungen und Nasen der Verbraucher derart zu täuschen? Was muss zu diesem Dreck (ein weniger sauberes Wort wäre angebrachter) eigentlich noch in den Käse, damit der Schund nach Käse schmeckt?!?

Fein, dass Journalisten über solche Skandale berichten. Aber sie umgehen mir zu sehr die wirklich interessanten Fragen. Immerhin haben sich einige endlich herabgelassen, Namen zu nennen. Solche Namen sollten, ähnlich wie bei den Gentechnik-Listen von Greenpeace, eigentlich gesammelt dem Verbraucher zur Verfügung gestellt werden - oder per Internet kursieren. Menschen, die so etwas tun, sollten - wenn endlich gefasst, von der Gefängniskantine freundlich befreit werden und ihre eigenen Luxusprodukte vorgesetzt bekommen.

Stattdessen eiern die Journalisten der Agenturen herum. Es hätte eine "ökologische Bombe" werden können bei den Käseessern. Hätte können? Der Dreck landet offensichtlich seit etwa zwei Jahren in europäischen Mägen! Wie sollen Ärzte etwaige Krankheiten richtig zuweisen können, wenn sie jetzt erst davon erfahren? Und was bitte ist eine "ökologische Bombe" im Bauch? Warum nennt es keiner beim Namen: Müll, schädliche Abbauprodukte, Gifte, Keime, ein Anschlags-Cocktail auf Gesundheit und Immunsystem des Menschen. Würde ich das mit meiner Oma machen, käme ich zumindest wegen versuchten Totschlags dran.

Noch einmal die Bitte: Kollegen, Politiker etc., recherchiert doch bitte endlich auch einmal, welche Tricks und Rezepte all die Lebensmittel-Schwerverbrecher, ob bei Gammelfleisch oder Rattenscheißekäse, in den verarbeitenden Betrieben anwenden, um uns so perfekt täuschen zu können. Was wird da an Chemie zugeschüttet, welche mechanischen Tricks angewandt? Deckt nicht nur die Machenschaften der Händler auf, schaut endlich endlich mal den Lebensmittelkonzernen besser auf die Finger! Wie kommt es, dass all die feinen Marken künstlich Dreck zusammensetzen können, der so aussieht wie das Original, so riecht wie das Original, vielleicht sogar so schmeckt wie das Original? Und angeblich merkt keiner was, angeblich sind solche Betriebe so tollen Sicherheitsmaßnahmen unterworfen? Wo die Oma auf dem Land schon von einer einzigen Maus in der Küche genervt wird?

Wie können wir Verbraucher überhaupt noch eine Garantie haben, dass unsere Milch wirklich aus Milch gemacht ist und unser Müsli nicht auf der Werkstoilette zusammen gefegt wurde? Wenn die Hersteller jetzt wieder ihre Hände in Unschuld waschen, wächst das Vertrauen ganz bestimmt nicht. Legt die Karten auf den Tisch und zeigt es: Wir essen schon lang nicht mehr all die "Lebens"mittel, die wir meinen zu essen. Lebensmittel sind verkommen zu Profitmitteln, Abfütterungsware, Illusionen.

Ganz besonders zynisch finde ich die Mitteilung in den Medien, diese Uraltscheiße hätte eigentlich als Tierfutter verwendet werden müssen. Mal ganz abgesehen von einem solch kaputten Verhältnis zwischen Mensch und Tier - welche Geschöpfe hätten das denn fressen sollen? Verseuchen wir auch lustigen Herzens unseren Fifi und unsere Mieze? Oder war das Schweinefutter? Sind ja Allesfresser. Und wenn wir dann die dreck- und müll- und giftgemästeten Schnitzelchen für uns braten, dann guten Appetit! Auch wir sind Allesfresser. Ganz schön runtergekommene Allesfresser.

Uns am Ende der Nahrungs- und Profitkette bleibt nur eine Reaktion: Noch genauer hinschauen, noch bewusster einkaufen, die Sinne noch mehr schärfen. Und vielleicht auch vermehrt dort einkaufen, wo wir selbst einen Blick in die Betreibe werfen können - beim Biobauern in der eigenen Region, bei der Familienkäserei. Die könnten, anders als Konzerne, mit solchen Machenschaften nämlich nicht überleben. Und wir Verbraucher haben Macht - wir bestimmen, was wir in Zukunft einkaufen und was wir in den Regalen vergammeln lassen.

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4.6.08

Einkaufen im Elsass?

In meiner Studentenzeit - gut, es ist schon ein wenig her - gab es einen festen Ritus für uns Grenzbewohner, für den nicht einmal die Strecke von Tübingen aus zu weit war. Einmal im Monat "Einkaufen in Frankreich". Damals hieß das Ziel noch "Mammouth", inzwischen natürlich längst aufgekauft von größeren Unternehmen. Man holte sich all das, was es im faden Essland Deutschland nicht gab, was dort elend teuer war - und das war viel. Ein bißchen Käse, frische Baguette vom Backshop im Supermarkt, Rotwein und Wasser, so war auch für das Picknick unterwegs gesorgt. Damals, als man als Autofahrer noch unbeschwert soff in Frankreich.

Die Zeiten haben sich geändert. Wer in Frankreich lebt, erträgt das Fabrik-Baguette aus dem Supermarkt kaum und fährt mittlerweile meilenweit für ein Brot à l' "artisanal", handwerklich, also ganz normal hergestellt vom Bäcker. Mit dem Trinken am Steuer ist Sense. 0,3 Promille sind das Höchstlimit, das der Führerschein in Frankreich noch erträgt, der Geldbeutel weniger. Die Strafen sind drakonisch, müssen sie sein, weil sonst keiner kapiert, schnell ist das Auto weg, wenn die Kreditkarte nicht will. Und ist der Beifahrer dann zufällig auch noch blau, weil der doch angeblich darf... oh non... Taxi! Trunkenes Beifahren ist ebenfalls strafbar - eine solche Gefahr für den Fahrer hat auf der Rückbank zu sitzen!

Und wie ist das mit dem Essen im Gourmetland? Zunehmend ein Jammertal. Gewiss, unsere Käseauswahl ist nach wie vor unübertroffen, aber die Personalauswahl... nein anders: am Personal wird gespart und deshalb schwitzt und mieft der Käse vorabgepackt in Frischhaltefolie. Ein Verfahren, das die meisten Weichkäse Frankreichs nachhaltig killt und den Elsässer Munster regelrecht verpestet. Die Weinpreise richten sich in Frankreich u.a. nach den Preisen, die der Boden in Versteigerungen hergibt, und weil mit Immobilienpreisen im Elsass so schön spekuliert wurde (u.a. von den Ausländern, die nach billigem Wein suchten), ist nun auch der Wein am oberen Limit, häufig überbewertet. Man fährt meilenweit zum richtigen Winzer.

Fleisch? Fleisch wird in Frankreich immer noch besser geschnitten. Gammelt zumindest offiziell nur, wenn es aus Deutschland importiert wurde. Aber - es schwitzt dank Personalabbau immer häufiger wie der Käse in der Fertigpackung und blutet aus. Feinschmeckernahrung, Frisches stirbt aus. Bioware ist immer noch unbezahlbar. Und jetzt, wo das Elsass fest in der Hand von Monsanto und seinem Mais ist, sucht man nach Biobauern und Gemüseanbauern lange. Spargel verkauft man als Spezialität "violet" - eine Todsünde schlechter Pflücker, für die man auf der badischen Seite entlassen würde.

Nun hat es sich seit geraumer Zeit eingebürgert, dass wir Elsässer und Wahlelsässer am liebsten in deutsche Restaurants im Grenzgebiet gehen. Ob die Dorfkneipe im Badischen oder der Winzer in der Pfalz - konkurrenzlos gemütlich und preiswert, und endlich kann man die guten Weine auch als Viertel trinken, wo es bei uns im Pichet nur Billigsuff gibt. Immerhin findet man in der Pfalz quicklebendig genau das, was man sich im Elsass kaputt gemacht hat: die Kultur der Winstub. Dieses Ereignis, zu erschwinglichen Preisen einen gemütlichen Abend mit Freunden verbringen zu können, nicht das Dégustationsmenu nehmen zu müssen und herrliche Weine zu trinken.

Und wie ist das mit dem Einkaufen? Ich habe es heute wissen wollen, nachdem auch da all meine Elsässer Freunde nach Deutschland flüchten. Härte-Vergleichskauf bei einem Discounter in Bad Bergzabern, möglichst gleiche Ware wie sonst für die Woche. Ich bin ziemlich erschrocken. Nicht nur weil dieser Laden mit ziemlich viel italienischer Ware meinem Essverhalten näher kommt (ich liebe Mittelmeerküche). Ich habe tatsächlich nur die Hälfte bezahlt! Und für diese Hälfte bekam ich nicht nur qualitativ bessere Ware und den ein oder anderen kleinen Luxus, den sich zumindest Künstler in Frankreich längst nicht mehr leisten können.

Es ist mir fast peinlich, das zugeben zu müssen, aber ich kam mir vor wie die arme Verwandte aus dem Hungerland, die zum ersten Mal im reichen Bananenland einkauft. Milchboykott? Wundert mich, gelinde gesagt, nicht. Für den Liter zahle ich auf unserer Seite der Grenze zwischen 40 Cent und einem Euro mehr! Grappa - undenkbar, so ein exotisches Gesöff in Frankreich zu kaufen, wo auf ausländische Weine und Spirituosen so eine Art Fantasie- oder Abschreckungssteuer geschlagen scheint. Nur der Whiskey ist preiswert, weil wir den trinken, weil der Cognac durch die Exporte nach Japan und in die USA gnadenlos überteuert ist.

Komische Lustkäufe waren auch dabei. Passiert wohl jedem, der lang von irgendwas ferngehalten wird. Klöße. Nicht, dass ich die oft gegessen hätte, als ich noch in Deutschland lebte. Aber in einem kloßfreien Land werden sie auf einmal exotisch, wertvoll. Vor allem nach den zwanzig Sorten in Polen. Ich werde sie allein essen müssen, weil sich meine Freunde kaputtlachen, wieso wir Deutschen diese komischen Golfbälle auch noch essen müssen - das Zeug würde so lustig hopsen, wenn man es auf den Teller wirft... Mit den schwäbischen Maultaschen werde ich eher Furore machen können. "Ravioli d'Alsace" kennt man auch links vom Rhein.

Globales Essen und Einkaufen gab es im Grenzland schon immer. Jeder, der durchzog, schon während des dreißigjährigen Kriegs, ließ seine Rezepte da. Irgendwann war für die Deutschen Frankreich das gelobte Land des Fresseinkaufs und für die Elsässer Deutschland das Land des billigen Sprits. Warum ist das jetzt eigentlich genau umgekehrt?

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28.1.08

Kulturindex Küche

Alle, die gern essen, die vor allem aber gern gut essen und Qualität bereits bei den Zutaten erwarten, können auf ein ganz besonderes Buch neugierig werden. Der Literaturkritiker Bill Buford ist "mal eben kurz" aus seinem Beruf ausgestiegen und hat sich zum Koch ausbilden lassen, schließlich in der Toskana noch Metzgern gelernt. Dieser Tage erscheint sein Reportagebuch mit dem sperrigen Titel "Hitze. Abenteuer eines Amateurs als Küchensklave, Sous-Chef, Pastamacher und Metzgerlehrling" im Hanser Verlag.

In der ZEIT ist das anregende Interview zu lesen, das Denis Scheck mit ihm geführt hat.

Wer allerdings glaubt, den im Essen gespiegelten Untergang der Kultur nur in den USA oder im gammelfleischduftenden Deutschland ausmachen zu wollen, dem sei nur einmal ein Gang in die Supermärkte der berühmten Kochnationen ans Herz gelegt!
Bufords Beschreibung trifft auch den ganz normalen Wahnsinn eines typischen französischen Einkaufsparadieses: "Außer wässrigen Gurken, aromalosen Tomaten und grauenhaften Fertiggerichten haben Supermärkte nämlich noch etwas im Angebot: Dummheit!"

Ich erlebe diese Misere täglich. Auf der einen Seite ähneln die Geschäfte immer mehr Drugstores, da muss ich chemisch veredeltes Fett mampfen für freundlicheres Cholesterin, an Zusatzstoffen aufgespritztes Damenwasser für bessere Verträglichkeit und ruhigere Nerven saufen, oder mit dem Vitaminschnitzel den bösen Alterungsprozess - beim Kunden, nicht beim Fleisch - aufhalten.

Und weil das alles so eklig gesund sein soll, gibt's daneben totgespritztes Einheitsgemüse aus Spanien, bei dem man wenigstens immer das Billigste kaufen kann, weil die Aubergine wie die Tomate schmeckt, die Gurke wie die Paprika. Es gibt weit und breit keine Traiteure mehr, alle eingegangen, weil die französische Hausfrau ihre eingeschweißten schmierigen Blätterteigteilchen in die Mikrowelle haut, auch wenn sie genauso aromatisch schmecken wie ihre Verpackung.

Wurst und Käse kommen aus der Riesenfabrik, die wenigen noch wirklich nach Tradition hergestellten Käse setzen portioniert in Folie den falschen Schimmel an oder verrecken am Luftmangel - denn auch Verkäuferinnen spart man sich. Nicht zu reden davon, dass dieser ganze Wahnsinn an Logistik, Verpackung, Bewerbung etc. unsere Lebensmittel künstlich verteuert, die dann als billig!billig! marktschreierisch angepriesen werden.

Buford hat gut reden mit seinem Einkauf auf dem Markt. Die Wochenmärkte sind in der kulinarisch berühmten Fressregion Elsass längst am Hyperrausch der Hypermarchés verstorben - wer hat die Zeit, bis in die Städte zu fahren? Und dort sitzen dann alte Weiblein mit den glücklichen Hühnchen, die sie in Wirklichkeit bei Metro in Deutschland gekauft haben.
Wo der Zander am liebsten im Riesling schwimmt, kommt der inzwischen rare Zander aus estnischen Zuchtbetrieben und wird der Supermarkts-Riesling immer mehr zu einem Gesöff, mit dem man Leder nachgerben kann.

Du bist, was du isst, heißt es so schön. Aber was ist das für eine Gesellschaft, die einen gar nicht mehr essen lässt, was man sein will?

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