cronenburg

feuilles et ton - lose Blätter und Sprache - Kritiken, Kritisches und Kultur -

Name: PvC
Standort: France

Nicht Kronenbourg wie das Bier. Nicht Cronenbourg wie der Stadtteil von Strasbourg. Auch nicht Kronborg / Kroneburg wie Hamlet's Schloss. Einfach nur CRONENBURG wie PETRA VAN CRONENBURG auf http://www.cronenburg.net

31.7.08

Die Romanin der Autorin

Analog zu den Hundstagen geht es weiter mit einem skurrilen Fundstück. Heute haben wir es mit Buchtiteln. So langsam übertreffen sich die Titel-Erfinder sogenannter "-in Romane" gegenseitig. Da erscheint doch Ende des Jahres ernsthaft ein Titel wie "Die Ritterin des Königs". Na, wenn das keinin Hosenrollin ist! Kartenspielerinnen wünschen sich gleich "Die Bubin der Königin" hintennach.

Hündinnentaginnen, verd-amme-te Hitzin, kann frau da nur noch stöhnen. Ob Frau Trömel-Plötz sich das je hätte träumen lassen?

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28.7.08

Sex & Sülze sells

Prolog: Es soll SchriftstellerInnen und sogar LeserInnen geben, denen gehen die ewigen Damen auf dem Buchcover auf die Nerven. Ob nackert oder faltenbeworfen, ob kopflos oder busenvoll. Und es soll ebenfalls reichlich AutorInnen geben, die um die Sülzsprüche wichtiger Rezensenten zittern, die Verlage gierig für die Rückseite eben jener Bücher sammeln. Aber immer nur Frauen auf dem Cover? Die meisten nervt diese Sinnesüberreizung als moderne Unart von Marketingstrategen, die angeblich hip und trendy mit der Zeit gehen.
Alles falsch. Diese Marketingstrategen haben sooooo einen Bart. Den längsten Bart der Welt. Sie arbeiten nämlich immer noch im Amerika des Jahres 1909!

Blurb: Wissen Sie, was ein "blurb" ist? Macht nichts, ich wusste das bis heute auch nicht. Und jetzt erkläre ich es mir so: Ein blurb ist, wenn ich einen bekannteren Autor in meinem Bekanntenkreis (Bekanntenkreis kommt etymologisch vom Sammeln bekannter Kollegen) anbettele, mir zu meinem Möchtegernbuch einen sülzigen Salbader in zwei, drei Sätzen zu schreiben. Eben dieses Zeug, das nachher auf dem Buchdeckel steht. Meister des blurb sind Monty Python, die zu ihrem Film mit dem Gral sich selbst lobhudelten: "Makes Ben Hur look like an epic."

Der erste blurb dieser Welt - Sie raten richtig - wurde 1909 in den USA erfunden. Das sinnreiche Wort stammt von der fiktiven Miss Belinda Blurb, die damals auf diesem Buch nicht mit ihren Reizen geizte, soweit das damals eben möglich war. In dieser Zeit bürgerte es sich ein, dass Bücher einen Schutzumschlag bekamen, der im Gegensatz zum Originalcover hemmungslos für Werbezwecke benutzt wurde.

Vorne lockten die Damen mit Sex und aufreizenden Parolen, auf der Rückseite schämten sich die Verleger kein bißchen, ihren LeserInnen das Blaue vom Himmel zu versprechen. Wer so ein Buch freiwillig im Laden ließ, war selbst schuld und bekam wahrscheinlich Fegefeuer extra.

Die heutigen Verlagsgrafiker sind regelrecht zahm gegen das, was damals geblurbt wurde. Man stelle sich vor, heute würde einer werben mit "dieses Buch hat das gewisse Etwas, das dich wünschen lässt, du könntest 30 Meilen durch den Dschungel robben und jemanden in den Nacken beißen!" (Hier wäre zu verifizieren, ob es damals schon Nackenbeißer gab).

Und der geblurbte Autor ist natürlich Hans-Dampf-in-allen-Gassen, er kennt die Frauenherzen seit Hunderten von Jahren und weiß alles über weibliche Psychologie. Frauen werden über seinem Verrat zu Feinden werden und Männer um so lieber lesen, heißt es. (Denn Frauen lesen ja bekanntlich nicht.)

Hoppla, da sind wir aber wahrhaftig in einem anderen Jahrhundert! Umso faszinierender, dass diese männerfreundliche Strategie heute genau diejenigen umgarnen soll, die damals vorsätzlich vergrault wurden oder nur unter der Bettdecke lesen konnten: die Frauen! Frauenkörper und Sülze, das volle blurb-Programm von 1909, pardon, 2009!

Wer es nicht glauben kann: Hier ist die legendäre Miss Belinda Blurb mit ihren irren Versprechungen zu sehen - und hier kann man die Werbesprüche des gesamten Schutzumschlags nachlesen. Fröhliche Gezeiten! blurb...

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12.7.08

Lesen für die Hydra

Es ist längst kein Geheimnis mehr, dass die wirklich großen oder interessanten Schriftsteller ihre Erfahrungen mit dem Schreiben nicht in Ratgebern für wohlfeile Instantromane hinterlassen haben, sondern in ihrer Literatur und manchmal auch in Briefwechseln oder Tagebüchern. Vielleicht, weil sie wussten, dass jenseits jeder allgemeingültigen Essenz das Schreiben nur ein höchst individueller Vorgang sein kann? Insofern lohnt es sich, auch unter dem schriftstellerischen Gesichtspunkt öfter Klassiker zu lesen.

Einer von ihnen - Anton Tschechow - hat mich mal wieder gepackt, diesmal mit einem Titel. Wer eine Erzählung mit "Eine langweilige Geschichte" überschreibt, die gleich im ersten Satz vor feiner Ironie sprüht, der sucht sich offensichtlich seine Leser aus für etwas Besonderes. Tatsächlich kann man sie auf zwei Ebenen lesen: als Geschichte des ruhmbeladenen Professors Nikolaj X. oder als eine Sammlung von Andeutungen und Erfahrungen aus dem Berufsleben des Schriftstellers Anton T.

So macht sich der Professor Gedanken über das richtige Vorlesen:
"Um gut, das heißt nicht langweilig, sondern gewinnbringend für die Hörer zu lesen, muss man außer Begabung auch Geschicklichkeit und Erfahrung besitzen, muss man eine ganz klare Vorstellung von den eigenen Kräften, von den Menschen, für die man liest, und vor allem von dem Gegenstand haben, den man behandelt. Außerdem muss man umsichtig sein, die Zuhörer genau beobachten und keinen Augenblick außer acht lassen."

Die langweilige Figur der langweiligen Erzählung vergleicht den Lesenden mit einem Dirigenten vor der Partitur, der - modern gesprochen - immense Multitasking-Aufgaben vollbringen muss und nicht einfach nur wiedergibt. Das Publikum wird zur vielköpfigen Hydra, die besiegt werden will, indem man genau auf sie eingeht, sie packt, sie verzaubert. Und selbst die Horrorvisionen missglückten Lesens sind dem Professor nicht fremd:

"Mein Mund wird trocken, die Stimme heiser, der Kopf dreht sich mir ... Um meinen Zustand vor den Hörern zu verbergen, trinke ich jeden Augenblick Wasser, huste, schneuze mich oft, als ob mich ein Schnupfen störe, mache unpassende Witze..."

Nicht nur diese Passagen sind für Autoren alles andere als langweilig zu lesen. Plötzlich werden die Studenten zum Synonym für Nachwuchsautoren. Oder ist es nur Zufall, dass da einer sich nicht selbst entwickeln will, sondern den Meister um ein gut verkäufliches Thema und Anleitung bittet - und sich wundert, dass ihn dieser deshalb für seine Kunst abschreibt? Ist es nur eine scheinbare Parallele, dass der Professor von einem Leidenschaft, Hingabe und Disziplin verlangt und ihn anbrüllt: "Warum wollt ihr nicht selbständig sein? Warum ist euch die Freiheit so zuwider?" Selbst die Ausführungen des Langweilers über das Theater lassen sich in ihrem ironischen Blick auf das heutige Unterhaltungsgewerbe übertragen.

Lesetipp:
Eine langweilige Geschichte, aus Anton Tschechow: Die Dame mit dem Hündchen und andere Erzählungen, insel taschenbuch mit Zeichnungen von András Karakas, ISBN 3-458-31874-7

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16.6.08

Müll zu treuer Hand

Ich habe es in der Berliner Zeitung einigermaßen fassungslos gelesen und frage mich, ob ich damals geschlafen habe - oder die Medien. In dem Artikel über das Verschwinden der DDR-Verlage heißt es:

"Fast die gesamte Produktion (an Büchern) des Jahres 1990 landete in einem ehemaligen Tagebau bei Leipzig und wurde untergepflügt. Ab Juli 1990 stand allen Lesern mit Geld die westliche Bücherwelt offen."

Schöne neue Welt. Nein, natürlich war das keine Bücherverbrennung! Pfui, so etwas tut man ja nicht in Deutschland. Untergepflügt dienen Texte immerhin einem nahezu ökologischen Effekt- der Entstehung von Kompost. Ob sich im Tagebau daraus allerdings jemals Humus bildet, dürfen auch kommende Zivilisationen laut bezweifeln.

Ach, was hätte man alles mit diesen Büchern machen können. Selbst wenn man gedrucktes DDR-Propagandamaterial abgezogen hätte, wäre noch so mancher Dichter verblieben, so mancher Klassiker, viele Kinderbücher. Ich darf gar nicht daran denken: Goethe, Schiller, Pitti Platsch - Müll in Minen. Aber so ist das eben in der schönen neuen Welt. Wir verschenken nichts. Nicht an Liebhaber und an Bedürftige sowieso nicht. Milch schütten wir auf die Straße, Tomaten kippen wir in den Dreck, Zitrusfüchte lassen wir auf der Deponie faulen. Und Bücher kann man bekanntlich nicht essen.

Kein Wunder, dass der einzige Abwickler, der bei der Treuhand für Verlage zuständig war, Bauingenieur gelernt hatte. Ich verstehe überhaupt nicht, warum man sich über diese Wahl so aufregt. Schließlich kennen sich Bauingenieure mit der Belastbarkeit von alten Minen und Mülldeponien am besten aus.

Ich stelle mir vor, wie eine ferne Zivilisation hochintelligenter Müllratten-Mutanten eines Tages in der Nähe der längst untergegangenen "Literaturstadt" Leipzig archäologische Grabungen macht. Was sie wohl finden und mutmaßen werden?

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29.3.08

Buchfiguren abgeschaut

Waren Sie schon einmal so fasziniert von einer Romanfigur, dass Sie ihr etwas nachahmen wollten? Haben Sie schon einmal Ticks und Marotten aus Büchern gesammelt?

Bei mir hat das in der Kinderzeit angefangen - mit Pippi Langstrumpf. Stundenlang war ich mit meinem Sandeleimer unterwegs, zum "Sachensuchen". Was schleppte ich für Edelsteine und Schätze an! Die Erwachsenen waren einfach nur doof, verstanden nicht, wieso ich aus dem Schotterweg so viel Quarzsteinchen und sogar glitzernde Glasscherben klaubte, und schimpften, wenn ich mir verkehrtherum lange Nägel in meine rotblonden Zöpfe steckte, damit sie endlich abstanden wie bei meinem Idol. Das sei gefährlich, sagten sie. Seit wann war Lesen gefährlich und wieso? - Obwohl ... ein Buch unserer Tage, von Stefan Bollmann geschrieben und bei E. Sandmann erschienen, erklärt das sogar: "Frauen, die lesen, sind gefährlich."

In Teenagerzeiten sorgte dann Max Frisch für einen Modetrend. Wir Mädchen trugen schwarze Cordhosen, aber nicht nur, weil die gerade der letzte Schrei waren. Nein, aus der Gesäßtasche musste auch unbedingt ein grüner Kamm lugen - für den Pferdeschwanz - und am liebsten hätten wir alle Sabeth geheißen. Ob Frisch sich bei seinem "Homo Faber" je hätte ausdenken können, was romantische Teenager aus seiner Figur machen würden? Schullektüren sind auch gefährlich.

Jetzt hat es einen anderen Schriftsteller getroffen und ich freue mich, dass man offensichtlich nie zu alt sein kann für solchen Blödsinn. Aus Hansjörg Schertenleibs "Der Glückliche" stammt die Idee, sich täglich einen anderen Namen zu verpassen, ganz der Laune nach und in Wohlklang. Als ich plötzlich eine Mail von einem Cornelius Karfiol bekam, war ich begeistert. Hieß aber, angesichts eines eher schlechten Tages, Trulla Grumpelbirn. Ein gewisser Boskop Zinn bekam dann Post von Tarantella Sonnig...

Zur fröhlichen Nachahmung empfohlen.
Ihre Madame Pomme du Ciel

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24.3.08

Leseprobe

Es gibt ab sofort ein neues Update meiner Rosen-Website zur Geschichte und den Mythen um die duftende Blume, mit vielen Pflanztipps, Rezepten und Blütenzauber in Rosenfotos. Neu ist eine Leseprobe aus "Das Buch der Rose" - 5000 Jahre Kunst und Kultur durch die Blume betrachtet - mit einem kurzen Ausschnitt aus der Römerzeit. Außerdem erfährt man auf der Seite, wie die Autorin zu ihrer Rosenliebe kam.

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21.3.08

Falle der Vergangenheit

Der aus Österreich stammende, in der Schweiz lehrende Historiker Valentin Groebner hat ein interessantes Buch vorgelegt, das nicht nur seine Historikerkollegen interessieren dürfte. Mit seinen Ausführungen über das historische Erzählen können sich vor allem Autoren und Leser historischer Romane Gedanken machen, warum es derzeit immer wieder Mittelalter sein muss, ob in Büchern, Spielen oder Filmen. Und viel wichtiger noch: was denn dieses fiktive Mittelalter überhaupt mit einer Realität zu tun haben könnte. Seine erste These sollte unter Fachleuten eigentlich längst bekannt sein: Historisches Erzählen sagt mehr über die Gegenwart des Erzählers aus als über die Menschen damals. Seine zweite These, die er in einem Interview äußert, klingt allerdings erfrischend frech, verblüffend und nachdenkenswert:

"Weil wir in einer Art Techno-Biedermeier leben. Wir haben das 19. Jahrhundert nicht verlassen; zumindest scheint es uns sehr schwer zu fallen, die Kategorien des 19. Jahrhunderts aufzugeben. [...] Das 19. Jahrhundert hat aus unterschiedlichen älteren Bildern ein Einheitsmittelalter gebastelt, in dem es seine eigenen «Ursprünge» verortet hat. Es war aber zugleich das stärkstmögliche Anti-Jetzt; eine imaginäre Gegenwelt."

Es ist tatsächlich erschreckend, wie unbewältigt und tief verstrickt wir uns zu Beginn des 21. Jahrhunderts in den Kategorien des 19. Jhdts. bewegen. Vielleicht scheuen sich unbewusst viele Verlage vor Romanen aus jener Epoche, weil die Kenntnis dieser Zeit so manche modernen Rückfälle entlarven könnte?

In meiner Kulturgeschichte der Rose spielt das 19. Jahrhundert ebenfalls eine Schlüsselrolle - und das ganz und gar nicht deshalb, weil zu jener Zeit so viele Rosen gezüchtet wurden wie nie zuvor. Ein anderes Massenphänomen griff tief in Kunst und Literatur ein: die industrielle und damit billige Herstellung durch die neue Chromlithografie und vereinfachte Druckverfahren. Sie machte nicht nur Bildung und Kunst plötzlich für bürgerliche Schichten zugänglich, sie sorgte auch für Phänomene, die wir eigentlich erst ein Jahrhundert später vermuten: Trivialliteratur, Kitsch, Werbung und Massenmedien schufen einen neuen Markt. Einen Markt, der Klassen und Geschlechter tief spaltete.

Wer etwas auf sich hielt oder damit gesegnet war, als Mann auf die Welt gekommen zu sein, widmete sich weiter der Literatur und Kunst. Und "echte" Künstler rieben sich an den Konventionen, lehnten sich auf gegen die von der allgemeinen gesellschaftsstützenden Moral eingezwängte "Kunst". Die Impressionisten sind ein eindrückliches Beispiel für ein solches Auflehnen - der Zeit gemäß waren die Frauen unter ihnen weniger beachtet (und das hat sich auch durch die Frankfurter Ausstellung leider nicht geändert).

Frauen hatten es aber schon schwer, überhaupt erst als Künstlerinnen aktiv zu werden. In England galt das viktorianische Ideal des "angel in the house", einem für heutige Begriffe erschreckend willenlosen, gesichtslosen Etwas, das als bettelnde Verführerin nur der Erhöhung des Mannes dienen sollte. Frauen bekamen ihre eigenen Lektüren. Das Genre des Geschenkbuchs boomte in Europa, in den USA entstanden "Ladies' Books" mit Gossip, Liebesgeschichten und Modetipps. Frauen lasen entweder Trivialromane oder speziell ausgesuchte klassische Texte, die der "Erbauung und Erziehung" des eigenen Geschlechts dienen sollten. Bei unteren Schichten galt "Lesesucht" gar als moralischer und pathologischer Defekt.

Was hat das nun mit mit der modernen Frau oder Groebners These zu tun?
Angeblich leben und denken wir nicht mehr im 19. Jhdt. Frauen haben freien Zugang zu Trivialromanen wie Hochliteratur, zu schwülstigem Rosenmädchenkitsch wie abstrakter Kunst. Aber haben sich Denken und Kategorien wirklich grundlegend geändert?

Am Beispiel der sog. "Sprache der Rosen", die verkürzt aus der "Sprache der Blumen" hervorging, beschreibe ich den Rückfall in die Unmündigkeit, die liebliche Gegenwelt, die Groebner "Techno-Biedermeier" nennt. Die Urheberin, Lady Mary Wortley Montagu, war nämlich alles andere als die romantische Blumendame, die viele Autoren noch heute in ihr sehen wollen. Mit Blumensprachen hatte es die hochintelligente, exzentrische Frau Anfang des 18. Jhdts. eigentlich gar nicht so. Ihr ging es darum, spitzzüngig und mit scharfem Geist den Finger in gesellschaftliche Wunden zu legen, Zwangssysteme des christlichen Europas mit denen des Islams zu vergleichen. Sie wurde von Voltaire geschätzt und von Pope gehasst, der sie schließlich öffentlich als "liederliche Lesbe" beschimpfte, nur weil diese Frau den Mund aufmachte vor Politikern wie Literaten. Und weil sie so herrlich beschreiben konnte und türkische Liebesgedichte übersetzte, wurde sie selbst von den Damen der Teegesellschaften angehimmelt.

Die Teegesellschaften waren der Untergang des realen Bildes dieser Frau. Denn im 19. Jhdt. bastelten sie aus ihren Vorlagen jene angeblich von ihr erfundene Blumensprache. Jetzt wurde bereinigt: Erotik, Selbstbewusstsein, freier Geist, poetische Vielschichtigkeit - all das widersprach dem neuen Bild der Frau.

Ich will es kurz machen: Was im hochmodernen Internet über diese Blumensprache und Lady Montagu kolportiert wird, hat genauso wenig mit der Realität zu tun wie ein historischer Roman mit dem echten Mittelalter. Wir gehen wieder rückwärts. Erzählen mit Rosen von Begriffen wie Demut und Grazie, verstecken Gefühle, erniedrigen uns. Die Rose wird in der "Sprache der Rosen" zum Werkzeug einer hierarchischen Paarfindung, wie man sie exzesshaft in der Reality-Show "The Bachelor" erleben konnte.

Wir haben das 19. Jhdt. bis heute weder verstanden noch überwunden. Die Künstler und Literaten, die damals im Widerstand die Moderne einläuteten, hatten uns einiges voraus - und könnten uns einiges lehren. Eine ihrer Forderungen könnte z.B. lauten, sich besser nicht in romantisierte Bilder von Vergangenheiten und Gegenwelten zu flüchten, sondern aufzuwachen und genau hinzuschauen.

Lektüre:
Valentin Groebner: Das Mittelalter hört nicht auf. Über historisches Erzählen. C. H. Beck, München 2008
Petra van Cronenburg: Das Buch der Rose, Parthas, Berlin 2008

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19.3.08

Geliebte Erpresser

Wer kennt das nicht: Im Gespräch mit einer Freundin, einem Freund, spricht man aus, was man denkt - und plötzlich kommt eine unvermutete Antwort, die immer den gleichen Effekt hat: Man fühlt sich verdammt mies. Aus einem Menschen, der nur seine Wahrheit sagen wollte, wird ein demütiges Häufchen, zermürbt von Schuldgefühl, oder ein Gefühlsmonster, ein Bösewicht der Beziehungskisten.

Andere Variante: Liebe wird zugeteilt wie Lebensmittelmarken. War man einigermaßen brav, bekommt man einen Kuss auf die Backe. Hat man genauestens erledigt, was der andere erwartete, gibt's sogar einen auf den Mund. Kussentzug? Da hat wohl wieder einmal einer nicht brav funktioniert!

Das Zauberwort heißt "emotionale Erpressung" - die psychologischen und sozialen Parallelen zum gleichnamigen Verbrechen sind kein Zufall, wenn es sich bei dem Verhaltenssymptom auch nicht um Kriminelles, sondern Alltägliches handelt - meist um bereits früh erworbene Verhaltensmuster. Das SZ Magazin weiß, emotionale Erpressungen humorvoll vorzuführen, und sagt dankenswerterweise dazu: Es betrifft beide Geschlechter. Und übrigens nicht nur Liebesbeziehungen. Emotionale Erpresser kann es in Familien geben, unter Freunden, Nachbarn, Arbeitskollegen, Chefs - einfach überall, wo Menschen miteinander in Beziehung treten.

Es existiert ein absolut empfehlenswertes Standardwerk für Laien zum Thema. Das Buch von Susan Forward ist eine Hilfe für Erpresser wie Erpresste. Indem es an Praxisbeispielen objektiv diverse Verhaltensmuster aufdeckt und Gegenstrategien entwirft, gelingt damit in leichten Fällen die Selbsterkenntnis und Selbsthilfe. Forwards Hilfen sind aber auch an Menschen adressiert, die allein und ohne fachliche Hilfe nicht mehr aus dem Teufelskreis kommen - oder an Menschen, die unendlich darunter leiden und nicht wissen, warum.

Die Erste Hilfe für den Akutfall ist dabei so scheinbar einfach wie im SZ-Artikel: Wer zahlt, verliert. Nur wer sich der erpresserischen Situation vollkommen entzieht, kann fruchtbringend an einer Beziehung arbeiten. Die Therapie nach der Ersten Hilfe ist so einfach natürlich nicht, aber auch da lässt einen das Buch nicht alleine, sondern bietet konkrete, gangbare Wege:

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13.3.08

Eksipeksibum!

Ich lerne gerade Litauisch im Crash-Kurs. Gestern kamen die Belegexemplare meiner beiden Romane Lavendelblues und Stechapfel und Belladonna in der litauischen Übersetzung aus Vilnius, wo sie bei Alma Littera erschienen sind. Und natürlich muss ich gedruckte Schrift immer lesen, egal, wie viel ich verstehe.

Das ist in diesem Fall aufgrund von Polnisch und ein paar Rudimenten Russisch noch ganz erquicklich, zumal ich ja die deutsche Vorlage kenne, 30% sind da lesbar, sogar Grammatikstrukturen offenbaren sich. Und diese Lektüre macht einfach Spaß, diese Sprache hat Musik.

Soti iki kaklo, so lerne ich im Lavendelblues, ist die Übersetzung meines ras-le-bol. Der französische Ausdruck, den man besonders gern beim Schimpfen verwendet, hieße wörtlich übertragen: "Die Kaffeeschale ist so voll, dass man sie nicht mehr anheben kann, ohne dass der Mist überläuft." Der gepflegt sprechende Deutsche würde sich eher verschnupft zeigen: "die Nase gestrichen voll". Zu gern würde ich verstehen, wo dem Litauer der Ärger dann sitzt.

Kongenial übersetzt scheinen meine Sprachspielereien wie in der Mail des Kanalhierarchen im Stechapfel und Belladonna. Und da hatte ich dann auch gleich im Prolog meinen Lacher. Mein "Exwexhaudruff", dieses berühmte Passwort für die Singlebörse, macht ebenfalls Musik: "Eksipeksibum".

Was aber besonders schön an diesen Büchern ist: es sind Hardcover, mit sehr viel Liebe gestaltet. Ich war richtig gerührt, am Cover zu sehen, dass man da tatsächlich meine Bücher ganz genau gelesen hatte. So wurde dieses so zentrale "Loch in der Tischdecke" beim ersten Roman auch zum Bildsymbol neben den Giftkräutern. Und über dem intensiv violetten Lavendelfeld des Lavendelblues schwebt doch tatsächlich der Fallschirm im Himmel, dessen Seide im Roman zu einer wichtigen Metapher wurde. Als Hinweis auf "Dalijas" Rosenboutique, für mich aber auch fast als gutes Omen für mein jetziges Das Buch der Rose sind auf dem Blütenfeld Rosen in Warhol'scher Manier gestempelt.

Und wenn ich jetzt hier so pathetisch und gerührt klinge, dann nur deshalb, weil ich mir vorstellte, dass diese beiden Hardcover bei der Buchmesse in Warschau dabei sein werden. Und dann bekomme ich einfach "Heimweh"...
Levandų bliuzas anschauen / Durnaropių ir šunvyšnių salotos anschauen

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18.2.08

Elsass. Wo der Zander am liebsten im Riesling schwimmt

Mich haben nun schon mehrfach Anfragen erreicht, warum mein Buch "Elsass. Wo der Zander am liebsten im Riesling schwimmt" bei amazon nicht richtig zu finden sei. Nun, das liegt schlicht daran, dass dort trotz mehrmaliger Anfragen ein Katalogfehler bis heute nicht behoben wurde. So kommt es, dass die Suchmaschine auf die erste Auflage mit Titelblatt verweist, während längst die zweite Auflage erschienen ist - die gibt's dann dafür ohne Titelblatt.

Also, noch einmal ganz deutlich: Mein Buch gibt es selbstverständlich nach wie vor, nämlich bereits in der zweiten Auflage. Jeder ordentliche Buchhändler wird es sofort finden:
  • ISBN-13: 9783836300872
  • ISBN-10: 3836300877
Auch im Internet ist es richtig sortiert, z.B. hier.

Und inzwischen kann man das Buch auch hören, Gugis hat es als Hörbuch mit zwei CDs in einer hochwertigen Geschenkaufmachung produziert, die dem Buch mit seinem farbigen Schuber in nichts nachsteht (im Beiheft gibt es Rezepte aus dem Buch und Surftipps zum Elsass). Das Hörbuch kann man im Internet anschauen und überall im Fachhandel bestellen unter
  • ISBN-13: 9783939461265
  • ISBN-10: 3939461261
Noch eine Notiz in eigener Sache: Man stößt hin und wieder auf Veranstalter beiderseits der Grenze, die unter dem Titel "Wo der Zander am liebsten im Riesling schwimmt" oder "Wo der Zander im Riesling schwimmt" Events anbieten oder Speisekarten zieren. Die sind jedoch nur dann echt, wenn ich selbst dort auftrete - denn der Titel ist eigentlich urheberrechtlich geschützt! Aufsetzer dieser Art sprechen zwar für den Erfolg des Buchs, Urheberrechtsverletzungen sind jedoch kein Kavaliersdelikt. Drum merke: Der Zander schwimmt nur dann am liebsten im Riesling, wenn ihn die Autorin selbst schwimmen lässt. ;)
In diesem Sinne: Bon appétit mit dem Original!

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19.1.08

Das Buch der Rose

Endlich ist es soweit. "DAS BUCH DER ROSE. 5000 Jahre Kunst und Kultur durch die Blume betrachtet" ist auf dem Weg in die Technik (Inhaltsverzeichnis). Ich muss nur noch das Register tüchtig einkürzen, in einer guten Woche folgen die Fahnenkorrekturen - und dann wird auch schon gedruckt! Denn der Band mit den Gemälde-Abbildungen soll pünktlich zur Frühlings- und Gärtnerslaune im März erscheinen.

Es war für mich ein Mammutwerk, nicht nur von der Recherche her, die mich in ihrem Umfang selbst überrascht hat. Ich habe gewusst, dass die Rose weltweit die Lieblingsblume Nr. 1 ist und beim Duft von Rosenöl die Herzen höher schlagen. Aber ich habe nicht geahnt, dass Menschen und Rosen so viel gemeinsam haben, über so viele Jahrtausende. Dass die Rose derart viel über uns Menschen verrät!

Doppelt freue ich mich über das Erscheinen, weil dieses Projekt im Jahr seiner Erfindung 2006 noch sehr auf der Kippe stand und beinahe nicht das Licht der Welt erblickt hätte. Und dann ist geschehen, was mir immer noch wie ein Wunder vorkommt: Ich habe einen neuen Agenten gefunden, der sich rege für die Rosen eingesetzt hat, und bald auch einen wundervoll passenden Verlag, der sich einen Namen gemacht hat in Sachen Kunst und Kulturgeschichte.

Was meine Leser interessieren wird: Es geht fleißig weiter mit Büchern von mir. Dass im Januar ein neues Geschenkbüchlein von Viola Beer erschien, habe ich vor lauter Arbeit kaum bemerkt. Mit diesem Büchlein, das als "Voller Elan in den neuen Tag" zu kaufen ist, hatte meine Existenzgründung als Vollzeitschriftstellerin begonnen. Das Original habe ich "Mein Kraftbuch" genannt gehabt, und mir selbst handgeschrieben auf weißes Bütten in einem Einband aus seltenem Baumpapier mit einer Blattgoldspirale geschenkt. Dass meine damaligen Durchhaltesprüche jetzt auch anderen zugänglich sind, freut mich besonders.

Allerdings habe ich mich nun bei meiner Arbeit auf diese "Klöpse" verlegt, die man nicht in vier Monaten "herunter" schreibt, die man dafür aber auch mehrmals lesen kann. Das nächste Sachbuch wird ein kunsthistorisches. Nur so viel darf verraten werden: Es ist wieder ein "großes" Thema und es wird üppig und aufwändig illustriert werden. Daneben bereite ich wieder ein Romanprojekt vor. Einen Neuanfang plane ich auch hier: Es wird kein Frauenroman werden...

Wenn ich also nicht zum Bloggen komme, dann nur, weil ich ständig schreibe. Und so ganz "nebenbei" wollen auch Veranstaltungen und Lesungen organisiert werden. Man sieht sich... womöglich ... zur Rosenzeit in Baden-Baden!

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Die Russen kommen

Nein, sie sind längst da. Letzten Donnerstag in Baden-Baden habe ich auf der Straße mein Russisch wieder etwas aufmöbeln können, als Schülerin musste ich dafür ins Sprachlabor. Wenn ich zwischen den Belle-Epoque-Fassaden wandle, denn in dieser Stadt verhält man unwillkürlich seinen Schritt - dann ist mir schon bewusst, dass ich auf Schritt und Tritt in die Fußstapfen der ganz Großen meines Berufes trete. Fast gespenstisch sind sie anwesend, jeder kennt sie, manche grüßen ihre Büsten, und anderswo längst vergriffene Bücher liegen wie selbstverständlich in den Buchhandlungen.

Wenn man ihnen schon an Können nicht nacheifern kann, in dieser Stadt darf man ihnen nachlaufen. Dostojewski war da und spukt noch heute ab und zu in einem Theaterspiel durchs Casino. Turgenjew lebte hier seine Ménage à trois, Gogol und Tolstoi kamen: Baden-Baden war einst nicht nur die Sommerresidenz Europas, sondern auch die Stadt der Schriftsteller. Otto Flake, dessen hübsche, mit Fachwerk verzierte Villa schräg gegenüber der Trinkhalle liegt, wo sich all die Schriftsteller beim Schlürfen von preiswertem Thermalwasser trafen, schrieb einmal, 1814 sei "Baden-Baden" zum gesellschaftlichen Begriff geworden.

Und weil Baden-Baden vor allem die Stadt der "Reichen und Schönen" ist, kommen jetzt die Russen von heute als Touristen. Nicht immer sind sie schön, nicht immer reich, aber manchmal einfach unverschämt reich. Was letztere tatsächlich treiben zwischen den auch schon in die Schlagzeilen geratenen Casinobesuchen und touristischen Edelevents, darüber wird in der Stadt viel gemunkelt und viel gelästert. Kann sich einer wirklich nur für alte Kultur interessieren, gar für Schriftsteller? Wie verdächtig, wenn heute noch jemand Dostojewski liest! Als ob man immer so genau wüsste, was deutsche, amerikanische oder japanische Reiche mit ihrem Geld anstellen...

Jedem, der das Phänomen der "kommenden Russen" verstehen will - und darüberhinaus ein wenig vom seltsamen Mikrokosmos Baden-Badens, dem empfehle ich Renate Efferns kurzweiliges Büchlein "Hurra, die Russen kommen zurück". Die hochkarätige Fremdenführerin, Leiterin der Turgenjew-Gesellschaft und Historikerin zeichnet in ihren wahren Anekoten ein sehr menschliches und differenziertes Bild von den Bewohnern beider Nationen. Ihr Humor ist trotz der Härte ihres Berufs unerschütterlich, ihre Erlebnisse sind - wie das mit dem Luxushoteldirektor unterm Tisch - manchmal umwerfend. Obwohl immer versöhnlich im Ton, entlarvt sie Großmannssucht oder menschliche Gleichgültigkeit, zeigt, dass die da oben nicht weniger schrullig sind als die da unten. Eigentlich, so der Grundtenor des Buches, sollte doch jeder willkommen sein, der sich für Schriftsteller interessiert?

Aber was machen die Schriftsteller von heute in dieser Kurstadt? Manchmal gibt es einen Stadtschreiber, inzwischen öfter lieber einen Stadtmusicus - denn da ist ja das Festspielhaus. Manchmal gibt es Autoren, die zu genau hinschauen, zu kritisch betrachten. Die mag man dann nicht so in der Stadt. Das Wort "Nestbeschmutzer" nimmt keiner gern in den Mund, man bleibt sauber. Und liest Jürgen Roths "Ermitteln verboten" trotzdem heimlich unter der Decke. Und dann gibt es Bücher über die Dekadenz gewisser Kurorte, die so freundlich entlarven, dass kaum einer merkt, wie der Kaiser plötzlich ohne Kleider dasteht. "Sanfte Illusionen" von Carsten Otte, der in Baden-Baden lebt, ist mehr als ein Buch über Kurstädte und ihre Dekadenz. Er zeichnet ein feines Bild moderner Sicherheitssehnsucht, die nur in der Rückwärtsgewandheit und Konservierung überleben kann.

Wenn ich in Baden-Baden bin, möchte ich immer Gustav Mahler hören, wie er gesagt hat: "Tradition ist die Bewahrung des Feuers und nicht Anbetung der Asche."

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