cronenburg

feuilles et ton - lose Blätter und Sprache - Kritiken, Kritisches und Kultur -

Name: PvC
Standort: France

Nicht Kronenbourg wie das Bier. Nicht Cronenbourg wie der Stadtteil von Strasbourg. Auch nicht Kronborg / Kroneburg wie Hamlet's Schloss. Einfach nur CRONENBURG wie PETRA VAN CRONENBURG auf http://www.cronenburg.net

15.7.08

Sinnesreisen: Formspiele

Heute geht es im Sommerspecial um das Sehen - den in unserer überladenen Bilderwelt offensichtlich am weitesten entwickelten Sinn. Aufgrund der Reizüberflutung wird er aber auch gern mal müde - oder wir schalten ihn einfach aus. Sehen wir richtig hin?

Fangen wir mal wieder beim Schreiben an, weil es aus immer gleichen Buchstaben besteht, wo der in seine Fantasiewelten versunkene Autor manchmal den Wald vor lauter Kommata nicht mehr sieht. Wenn ich nun ein neckisches Verslein schmiede über einen Frosch, der auf einer Bank eine Prinzessin erbeutet, die sich nach dem Kuss in güldenen Glibber verwandelt, so ist das doch, egal wie oft kopiert, immer der gleiche Text? Ist er das wirklich? Ich könnte den Text mit niedlich gemalten Bildern auf einer Website für Kinder veröffentlichen. Ich könnte ihn bei einem ehrwürdigen Literaturwettbewerb einreichen, sagen wir mal zum Thema Menschenrechte. Ich könnte den Text an Nachbars Tür nageln, bei dem Kerl mit den drei stinkenden Tümpeln im Garten und einem Hausdrachen von Gattin. Jedes Mal der gleiche Text - aber dadurch, dass sich der Kontext ändert, liest man ihn anders.

Nun gehe ich her und mache den Text unterschiedlich auf. Ich schreibe ihn in Times New Roman, schwarz, Normseite für Manuskripte. Oder ich schreibe ihn in bunten hüpfenden Buchstaben in Eiskremfarben. Ich könnte den Text auf Mauern sprühen oder im Internet als giftgrüne Laufschrift installieren. Es ist immer noch der gleiche Text, vielleicht immer im gleichen Kontext, aber unterschiedlich anzusehen. Habe ich beim Literaturwettbewerb die gleichen Chancen in Schwarz oder Eiskremfarben? Lese ich jedes Mal die gleiche Geschichte?

Das Auge isst mit, nicht nur beim Essen. Mit dem, was ich einem Betrachter fürs Auge liefere, beeinflusse ich ihn unterschwelliger und schneller als mit komplizierten Inhalten. Verändere ich dabei das Medium der Darstellung, verändert sich die Wahrnehmung. Ein und dasselbe Ding wird völlig unterschiedlich "gelesen", also gesehen - gewinnt neue Bedeutungsebenen.

Es darf fröhlich experimentiert werden. Der dreckige Gummistiefel, der sonst vor der Haustür steht, gewinnt völlig neue Bedeutungen, wenn man ihn zum Frühstück auf den Küchentisch stellt oder im Aquarium ersäuft. Man könnte aber auch einen Gipsabdruck von ihm fertigen, ihn malen ... vielleicht sogar vertonen?

Kunst ist so ein wunderbares Spielfeld, um die eigenen Sehgewohnheiten aufzubrechen und zu lernen, welche Rolle Form und Kontext spielen können. Am besten gelingt das, wenn sich unterschiedliche Künste vernetzen. Und dazu habe ich den absoluten Sommertipp: Den Dialog zwischen Malerei und Skulptur! Hier gelingt es, uns Bildmenschen aus der Zweidimensionalität ins Dreidimensionale zu führen. Dürften wir in Museen Dinge ertasten, käme zum Gesichtssinn der Tastsinn hinzu. Bilder werden körperlich, Körper werden zu Farben und Linien.

Zu sehen ist die einmalige Ausstellung im Museum Frieder Burda in Baden-Baden (neben der Kunsthalle im Zentrum), das sich für seine Sommerexponate ja längst als Geheimtipp etabliert hat. "Die Skulpturen der Maler" zeigt bis 26. Oktober eine erlesene Auswahl von Werken berühmter Künstler, denen ein Medium nicht genug war: sie schufen Malerei und Skulpturen. Namen wie Beckmann, Chagall, Daumier, Gauguin, Lüpertz, Miro, Modigliani, Picasso und Twombly machen die Ausstellung zu einem Muss. Und vielleicht regt sie auch dazu an, das, was wir üblicherweise zu sehen glauben, einfach einmal in einen anderen Kontext zu stellen oder mit seinen Formen zu spielen? Wir könnten nämlich noch viel mehr sehen, wenn wir wollen...

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19.5.08

Tunnel ohne Ausgang

Dahlia, die Hauptfigur in meinem Roman Lavendelblues, fährt auf S. 64 nach Baden-Baden und muss durch den Stadttunnel. Dort heißt es:

"Ich hasse es, wenn man in Tunnel gezwungen wird. Drinnen fällt mir immer diese Geschichte ein, die ich einmal gelesen habe, von Reisenden in einem Zug, der in einen Tunnel rast, immer schneller rast, in einen Tunnel ohne Ende."

Als ich die Szene schrieb, ahnte ich nicht die Tragikkomik der Realität. Und jedes Mal wenn ich selbst durch den Michaelstunnel fuhr, falls er nicht des Nachts aus unerfindlichen Gründen ohne Hinweis- und Umleitungsschilder mal wieder gesperrt war, ahnte ich nicht, wie nah sich Roman und Wirklichkeit sein können.

Baden-Baden, die Stadt mit der höchsten Millionärsdichte und dauerpleite, hat offensichtlich 1989 am falschen Ende gespart. Und alle anderen haben geschlafen. So kommt es, dass man jetzt plötzlich bemerkt, dass dem Michaelstunnel Notausgänge fehlen. Alles hat ein Ende, nur die Wurst hat zwei. Ein Tunnel ist aber keine Wurst.

Nichts genaues weiß ich nicht, aber offensichtlich soll der Tunnel, der nur zwei Öffnungen und eine schauderhafte Belüftung hat, nächstes Jahr saniert werden. Notausgänge wird man in den Schwarzwaldfels bohren müssen. Und das wird viele Monate dauern. Baden-Baden wird zum Umleitungsspaß werden, für Auswärtige ist die wechselnde Straßenführung und Beschilderung schon jetzt kaum zu verstehen. So kommt es, wenn man am falschen Ende spart...

Aber hoffentlich kommt es nicht wie im dreist erfundenen Roman:
"Zurückfinden ist jedoch genauso schwer, weil sich die Verkehrsführung der Einbahnstraßen mit dem Wochentag, der Uhrzeit und wahrscheinlich der Wetterlage ändert."

Zitate aus: Petra van Cronenburg: Lavendelblues, BLT bei Lübbe, ISBN 3-404-92214-X

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19.1.08

Die Russen kommen

Nein, sie sind längst da. Letzten Donnerstag in Baden-Baden habe ich auf der Straße mein Russisch wieder etwas aufmöbeln können, als Schülerin musste ich dafür ins Sprachlabor. Wenn ich zwischen den Belle-Epoque-Fassaden wandle, denn in dieser Stadt verhält man unwillkürlich seinen Schritt - dann ist mir schon bewusst, dass ich auf Schritt und Tritt in die Fußstapfen der ganz Großen meines Berufes trete. Fast gespenstisch sind sie anwesend, jeder kennt sie, manche grüßen ihre Büsten, und anderswo längst vergriffene Bücher liegen wie selbstverständlich in den Buchhandlungen.

Wenn man ihnen schon an Können nicht nacheifern kann, in dieser Stadt darf man ihnen nachlaufen. Dostojewski war da und spukt noch heute ab und zu in einem Theaterspiel durchs Casino. Turgenjew lebte hier seine Ménage à trois, Gogol und Tolstoi kamen: Baden-Baden war einst nicht nur die Sommerresidenz Europas, sondern auch die Stadt der Schriftsteller. Otto Flake, dessen hübsche, mit Fachwerk verzierte Villa schräg gegenüber der Trinkhalle liegt, wo sich all die Schriftsteller beim Schlürfen von preiswertem Thermalwasser trafen, schrieb einmal, 1814 sei "Baden-Baden" zum gesellschaftlichen Begriff geworden.

Und weil Baden-Baden vor allem die Stadt der "Reichen und Schönen" ist, kommen jetzt die Russen von heute als Touristen. Nicht immer sind sie schön, nicht immer reich, aber manchmal einfach unverschämt reich. Was letztere tatsächlich treiben zwischen den auch schon in die Schlagzeilen geratenen Casinobesuchen und touristischen Edelevents, darüber wird in der Stadt viel gemunkelt und viel gelästert. Kann sich einer wirklich nur für alte Kultur interessieren, gar für Schriftsteller? Wie verdächtig, wenn heute noch jemand Dostojewski liest! Als ob man immer so genau wüsste, was deutsche, amerikanische oder japanische Reiche mit ihrem Geld anstellen...

Jedem, der das Phänomen der "kommenden Russen" verstehen will - und darüberhinaus ein wenig vom seltsamen Mikrokosmos Baden-Badens, dem empfehle ich Renate Efferns kurzweiliges Büchlein "Hurra, die Russen kommen zurück". Die hochkarätige Fremdenführerin, Leiterin der Turgenjew-Gesellschaft und Historikerin zeichnet in ihren wahren Anekoten ein sehr menschliches und differenziertes Bild von den Bewohnern beider Nationen. Ihr Humor ist trotz der Härte ihres Berufs unerschütterlich, ihre Erlebnisse sind - wie das mit dem Luxushoteldirektor unterm Tisch - manchmal umwerfend. Obwohl immer versöhnlich im Ton, entlarvt sie Großmannssucht oder menschliche Gleichgültigkeit, zeigt, dass die da oben nicht weniger schrullig sind als die da unten. Eigentlich, so der Grundtenor des Buches, sollte doch jeder willkommen sein, der sich für Schriftsteller interessiert?

Aber was machen die Schriftsteller von heute in dieser Kurstadt? Manchmal gibt es einen Stadtschreiber, inzwischen öfter lieber einen Stadtmusicus - denn da ist ja das Festspielhaus. Manchmal gibt es Autoren, die zu genau hinschauen, zu kritisch betrachten. Die mag man dann nicht so in der Stadt. Das Wort "Nestbeschmutzer" nimmt keiner gern in den Mund, man bleibt sauber. Und liest Jürgen Roths "Ermitteln verboten" trotzdem heimlich unter der Decke. Und dann gibt es Bücher über die Dekadenz gewisser Kurorte, die so freundlich entlarven, dass kaum einer merkt, wie der Kaiser plötzlich ohne Kleider dasteht. "Sanfte Illusionen" von Carsten Otte, der in Baden-Baden lebt, ist mehr als ein Buch über Kurstädte und ihre Dekadenz. Er zeichnet ein feines Bild moderner Sicherheitssehnsucht, die nur in der Rückwärtsgewandheit und Konservierung überleben kann.

Wenn ich in Baden-Baden bin, möchte ich immer Gustav Mahler hören, wie er gesagt hat: "Tradition ist die Bewahrung des Feuers und nicht Anbetung der Asche."

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4.10.06

Sommerdreieck: PELZTIERE

Letzte Woche mal wieder elegant aus der Tiefgarage Augustaplatz zur edlen Lichtenthaler Straße gestöckelt. Noch tragen die Frauen in der mediterran wirkenden Stadt Baden-Baden keine Pelze. Aber eindeutig ein Pelztier war das, was zutraulich um den großen Springbrunnen trippelte, sein Schwänzchen kurz auf die andere Seite schlug, mich mit Knopfaugen groß ansah - und nach einem kurzen Streichen der Barthaare ziemlich gemütlich im Straßengebüsch verschwand.

In Baden-Baden flanieren nicht nur Promis, Reiche und Schöne. Sogar die wohlgenährten Ratten haben diesen gewissen nonchalanten Schritt...

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11.8.06

Sommerdreieck: MARC CHAGALL

Andere Leute machen dort Urlaub, wo ich wohne, ich wohne in einem Dreiländereck, das eine Reise wert ist. Deshalb gibt es jetzt in loser Abfolge das "Sommerdreieck" mit Impressionen aus meinen arbeitsfreien Zeiten. Gleich zu Beginn eine Empfehlung, die in Frankreich bereits Geheimtipp ist und in ihrer europäischen Gesamtauswahl wohl einzigartig.

Das Museum Frieder Burda in Baden-Baden hat es geschafft, das Hauptwerk Marc Chagalls in seinen hundert größten Werken zu vereinen - aus Moskau, Petersburg, Paris, Nizza, Madrid, Düsseldorf, Frankfurt u.a. Städten kommen die Originale. Der Betrachter hat nicht nur einen umfassenden Überblick über ein Schaffen, das zwei Weltkriege überstand und etwa von 1917 bis 1975 gezeigt wird. Es gibt auch zwei bisher so noch nie ausgestellte Schwerpunkte, die die europäische Geschichte ebenfalls beleuchten. Da sind Chagalls Arbeiten als Buchillustrator - hier sieht man zu den Bildern auch einige Originalbücher. Und im Mittelpunkt steht die von der Tretjakov-Galerie in Moskau geliehene Sammlung von acht Monumentalpaneelen, die 1920 für das Jüdische Theater in Moskau gemalt wurden.

Spannend sind die Zusatzveranstaltungen, so liest etwa am 8.9. Chagalls Enkelin Meret Meyer aus seinem Spätwerk, es gibt Bilder mit Musik, mit Literatur und für Kinder. Das Museum selbst ist eine architektonische Attraktion (Richard Meier) in der Stadt, kunstvoll in den Park neben die Staatliche Kunsthalle gesetzt. Es liegt zentral - Parken in den Tiefgaragen Kurhaus oder Kongresshaus - und dann einfach ein paar Minuten zu Fuß durch den opulenten Park am Ufer der Oos. Dabei schlendert man an den Rückfassaden der traditionsreichen Grandhotels entlang und kann ein wenig von der alten Grandezza der Stadt spüren oder einen Kaffee unter Palmen und baumgroßen Oleandern trinken.

Chagall in neuem Licht: Museum Frieder Burda, Baden-Baden, vom 7.7.06 bis 29.10.06.
Lichtentaler Allee 8 b
Tel +49 / (0)7221 - 3 98 98-0
Führungen vorbestellen: fuehrungen@museum-frieder-burda.de

Und natürlich gibt's hier zu gegebener Zeit auch meine Eindrücke "von innen"!

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10.8.06

Teure Tropfen

Der Raum liegt zentral. Und ist vielleicht deshalb so perfekt gesichert wie eine Bank. Nur auserwählte Besucher, die bereit sind, für einen guten Tropfen angemessene Preise zu bezahlen, finden überhaupt Einlass. Einlass hinter das verstärkte Drahtnetz, das zusätzlich durch ein übermannsgroßes Drehkreuz gesichert ist. Die armdicken Stangen sind arretiert, werden nur freigegeben, wenn sich der Gast als würdig erweist. Noch im Drehkreuz überlege ich, ob ich hier je wieder herauskomme. Vor mir eine kleine unscheinbare Tür, die zum Schutzaufwand draußen einen fast lächerlichen Kontrapunkt setzt. Hinter mir wird das Drehkreuz sofort wieder automatisch arretiert. Ich werde einen Knopf drücken müssen, um wieder Freiheit schmecken zu können.

Wesentlich weniger furchterregend präsentiert sich die zweite Stätte. Keine Gitter, keine Gefangennahme, nur die üblichen Videoüberwachungen in der Vorhalle. Bedrückt fühlt sich der Besucher hier allenfalls, wenn es ihm an angemessener Garderobe mangelt, am nonchalanten Benehmen, das gleich dem perfekten Haarschnitt wirkt wie angeboren. Ebenso selbstverständlich und alltäglich prunken hier die Räume. Krawatten- und Jackenzwang gibt es erst dort, wo der Speckstein durch Marmor ersetzt wird, wo die Lüster im Gold hängen und man auf rotem Samt sitzt. Hier, in diesem Ambiente ohne Gitter, braucht es noch das Design abwaschbarer Werte.

Apropos Werte... ich empfehle dringend denen, die in Baden-Baden ein dringendes Bedürfnis haben, sich direkt das Kurhaus zu gönnen. Zwar ahnt man von dort aus nur den Glamour eines der schönsten alten Casinos der Welt, aber man befindet sich bereits in den Vorhallen, unter den Reichen und Schönen und unter Touristen, die eben dieses dringende Bedürfnis... Ich rate zum Kurhaus, weil Sie hier für ihre Tropfen auch nur 50 Cent bezahlen müssen. Nur? Nun ja, in der edlen Stadt nimmt man für Ihre edlen Hinterlassenschaften überall die gleichen Preise. Und die öffentliche Bedürfnisanstalt am Augustaplatz mit dem Drahtverhau gegen Junkies ist für diesen Eintrittspreis nun doch nicht das wahre...

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