Putzfimmel

Einmal im Jahr bekomme ich einen Osterputzanfall. Oder anders gesagt: Ich komme endlich dazu, all das zu wienern, was sonst wegen der drei Jobs liegenbleibt. Diesmal habe ich auf den Rat einer klugen Mitleserin bei Twitter gehört, die solch kreativ vertane Zeit zum Nachdenken nutzt. Und in der Tat, es ist wirklich erstaunlich, was man aus so einem schmutzigen Schwamm alles herauspressen kann!

Der Plan fürs polnisch-russische Buffet demnächst steht wie von selbst. Dann war da noch ein Sensationsfund in einer alten Kiste: All meine Texte aus Warschau aus den 1990ern! Sie galten bis auf wenige Einzelstücke als unrettbar verloren, weil der Computer von damals so gecrasht war, dass wahrscheinlich nicht einmal mehr das Polizeiprogramm, das gelöschte Daten herzaubert, hätte helfen können. Und wie haben die Daten überlebt? Ganz genau: auf Papier, auf stinknormalem Papier, mit Tinte geschrieben. Leider manche auf wärmeempindlichem Faxpapier - die muss ich schleunigst erfassen, denn sie sind kaum noch zu lesen. Verrückt, was ich damals alles geschrieben habe, sogar polnische Lyrik (ich erinnere mich dunkel an eine Lesung bei geräuchertem Hering und Wodka in irgendeiner Datscha am Bug), Kurzgeschichten, Satiren, Tagebucheinträge. Hätte es damals doch bloß schon Blogtechnik gegeben! Könnte man ein Buch draus machen, aber wer will das schon? Könnte man also ein Buch draus machen, das keiner zu wollen braucht.

Bücher machen - immer noch grüble ich an den Kostenfaktoren herum, die Verlage nach wie vor unverzichtbar machen. Was das sonst alles kosten würde: PR, Lektorat, Grafik, Satz etc. Die Tatsache, dass ich mich in dieser Hinsicht gerade vernetze, brachte mich auf den höllischen Gedanken für arme Autoren. Eine Art Tausch-Kooperative unter Kollegen, die nicht nur schreiben können, sondern mindestens eins der Felder professionell belegen. Abrechnung in Fantasiegeld. Nennen wir es einen Pen zu hundert Pennies, in Relation gesetzt zum Euro. Lektoriert Kollege A, bekommt er im realen Gegenwert zur Arbeit soundsoviele Pens gutgeschrieben. Kollege B, der Grafiker, nennt seinen Preis in Pens - und Kollege A kann so mit seinem Guthaben bei ihm einkaufen. Nur mal angedacht, um gerechten Austausch zu gewährleisten.

Da wären noch riesige Hürden zu bewerkstelligen: Die Kooperative müsste sich mögen, die Bücher der anderen mögen, wirklich was können und ungefähr gleich fleißig sein. Und irgendwie müsste man die Eifersucht und Intriganz dieses Berufsstandes überwinden können... Ich sehe schon die Häme im Internet: "Kollege X hat seinen Ruhm doch nur mit einem dicken Pen-Konto erkauft!" - "Dieses Buch bekommt einen Stern, weil es von einer Kooperative gemacht wurde, weil es keiner hat haben wollen."

Haben wollen... Es macht mich immer wieder unendlich wütend, wenn ich (leider immer häufiger vorkommende) Verlagsgeschichten lese wie diese hier. Es macht mich vor allem deshalb wütend, weil ich sehe, wie Kolleginnen und Kollegen davon demontiert werden - manche bis an den Rand der Schreiblähmung - und wie Talent oft dadurch brachliegt. Warum sagen die Leute, die diese Mitteilungen machen, nicht klipp und klar die Wahrheit: "Du bist kein Einzelfall. Du kannst nichts dafür. Wir sind schuld, weil wir ein System schaffen, das uns selbst aufzufressen droht. Weil wir unsere Vertreter nicht mehr im Griff haben. Weil Bücher Ware wie Schokoriegel sind. Weil wir Werbung und Vertrieb ins Sowieso-Verkäufliche investieren, nicht in die Bücher, die beides bräuchten. Weil wir Risiko scheuen. Weil Controller manchmal mehr zu sagen haben als Leser. Du bist nicht allein. Immer mehr AutorInnen geht es wie dir!"

Und dann werde ich aber auch wütend über manche Kolleginnen und Kollegen. Wenn sie etwa in Foren diese Mär vom möglichst großen Publikumsverlag kolportieren, der das einzig Seligmachende für einen Autor sei. Wenn sie mit geschönten Verkaufszahlen prahlen und nie die Wahrheit über die Mehrheit der Schriftsteller und den brutalen Irrsinn zugeben, der einem auf dem Weg zwischen Idee und Verkauf zustoßen kann. Wenn sie erzählen, dass man dann eben noch glatter schreiben müsse, noch gefälliger werden und sein "Handwerk" nach Baukastensystem beherrschen. Wenn sie all diejenigen belächeln, die nicht bei Thalia & Co. ausliegen, weil ihr Verlag zu klein für überzogene Rabattforderungern ist. Jedem einzelnen, dem das passiert, was der Kollegin passiert ist, möchte ich jedoch zurufen: Du bist nicht allein, du bist leider heutzutage die Norm. Die anderen sind die Minderheit.

Und da fällt mir eine Doku ein, die ich gestern in 3sat über "Solisten" gesehen habe. Es ging um sehr junge Elitegeiger, die es in die Meisterklasse von Zakhan Bron geschafft hatten. Da wurde schonungslos gezeigt, dass virtuoses Geigenspiel allein nicht reicht. Künftige Solisten brauchen eine immens stabile Psyche, körperliche Fitness, Zähigkeit und vieles vieles mehr. Wie viele haben sich die Reisen zu den Wettbewerben vom Mund abgespart und einfachst gelebt - in einem Alter, in dem Jugendliche besonders nach Markenklamotten schielen. Der Unterricht: Körperliche Qualen, psychischer Dauerstress, brutale Urteile. Keiner, der sie umtuddelt und ihnen Honig ums Maul schmiert, stattdessen Kritik Kritik Kritik. Fünf bis sechs Stunden am Tag nur Training. Kein normales Leben mehr, keine normalen Freunde mehr, Unstetigkeit, ständig unterwegs. Und ebenso ständig das eigene Versagen vor Augen, die Möglichkeit des Scheiterns, der Gedanke, dass alles umsonst gewesen sein könnte.

Kein einziger dieser Jugendlichen hat in der Doku auch nur einmal einen Gedanken an hohe Gagen oder die Anzahl der verkauften Karten für ein Konzert geäußert. Warum sie sich das alles antun, während von außen jederzeit unvorhergesehene Tiefschläge aus völlig unbeeinflussbaren Gründen drohen - das hatte nie mit Geld oder Abverkäufen zu tun. Wieder dieser Gedanke: Wir können von anderen Künsten so viel lernen!

Ich putze noch eine Runde, wer weiß, was mir dabei noch so alles einfällt...

Kommentare:

  1. die solch kreativ vertane Zeit zum Nachdenken nutzt.

    Da Nachdenken bei mir nicht solche schöpferischen Ergebnisse bringt, höre ich während des Putzens wenigstens Hörbücher. (Zur Zeit - Nachtzug nach Lissabon - gelesen von Walter Kreye)

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  2. Das ist mal eine gute Idee! Wenn ih weiter so gute Tipps zum fröhlichen Putzen bekomme, mutiere ich noch zur Superhausfrau ;-)
    Schöne Grüße,
    Petra

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  3. Ich bügle ja gerne jahreszeitlich. Zur Zeit mit dem Weihnachtsoratorium!

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  4. Da müsste ich mir mehr knittrige Stoffe kaufen oder weniger zerknittert herumlaufen ;-)

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