29.10.2010

Reise nach Russland

29.10.2010

Gestern war ich im Vollrausch. Keinem von Alkohol, sondern einem, den man durch Sinnesreisen bekommen kann. Ich war nämlich in "Russland" einkaufen. Zu lange schon schleppte ich mit mir die Adresse herum, die ich bei der Verwandtschaft abgestaubt hatte, um endlich einmal meinen "Heimweh-Hunger" nach guten polnischen Würsten stillen zu können. Der kleine, aber feine russische Supermarkt in Rastatt entpuppte sich als Eldorado für osteuropäische Kulinarik. Mit riesigen Kinderaugen sah ich genau den gleichen Twaróg, den ich auch in Warschau immer gekauft hatte und war glücklich - so viele Rezepte waren gerettet! Nun ist Twaróg eigentlich nichts anderes als Quark, aber eben einer von einer ganz besonderen Konsistenz, die man in Frankreich gar nicht bekommt und in Deutschland mühsam durch Pressen und Abtropfen herstellen müsste. Es gibt aber ein paar göttliche Desserts, die man nur mit Twaróg hinbekommt (etwa die russische Pascha).

Krakauer? Welche Sorte hätten Sie denn gern? Soll sie fein oder grob sein, dick und rund oder lang und dünn? Darf sie aus Russland stammen, wollen sie eine aus Krakau direkt oder lieber die nach Danziger Rezept? Nicht einmal in Polen habe ich so viele verschiedene Krakauer gesehen, von Würsten ganz zu schweigen. Brot dazu, natürlich frisch - lieber das galizische, das litauische oder russisches Schwarzbrot? Ich habe sie zuhause alle drei probiert und gejuchzt. Das ist genau das Schwarzbrot, das es sonst nirgends gibt: Kein Körnerbrot, aber 80% Roggen, ganz dunkel, ein wenig süß im Geschmack von Malz, ein Hauch Koriander darin. Genau dieses Brot braucht man für den Ansatz von Barszcz oder Zurek, damit kann man Kwass herstellen und die berühmten schlesischen Saucen, in die man auch einen ganz bestimmten Pfefferkuchen gibt.

Den gab es natürlich auch, genauso wie gefühlte zwanzig unterschiedliche Sorten eingelegter Gurken und schlesisches Sauerkraut, das mit geraffelten Karotten zusammen gesäuert wird. Der geräucherte rumänische Käse schmeckt ganz genau so wie die Romben, die die Goralen in der Tatra herstellen - und natürlich gibt es all die Köstlichkeiten aus Preiselbeeren und Vogelbeeren (inklusive Likör) und Krimsekt und Spezialitäten aus Georgien, Asserbeidschan, der Ukraine, Moldawien und wo es sonst noch leckere Sachen gibt. Frische Granatäpfel und Kaki zum Spottpreis, marinierte Pilze und Hunderterlei von diesen feinen Dingen, die der Italiener Antipasti nennt: aus Zucchini, Auberginen, Melonenkürbissen, Tomaten, gemischten Gemüsen und sogar eingelegten Wassermelonen. Mit Knoblauch, mit viel Dill oder affenscharf.

Nie habe ich so viele Bonbons auf einen Haufen gesehen. Mir ist jetzt klar, warum sich die reichen Russen bei den Edelzahnärzten in Baden-Baden die Klinke in die Hand geben und sich am liebsten gleich das ganze Gebiss erneuern lassen. Bei den Haferkeksen mit Kürbiskernen konnte ich allerdings nicht widerstehen. Und all die getrockneten oder eingelegten oder frischen Fische muss ich erst einmal in Ruhe studieren. Zanderkaviar gibt's ebenfalls zum Spottpreis. Und die zwei langen dicken Kerlchen auf Eis hatte ich noch nie in meinem Leben gesehen: Es waren Störe!

Überhaupt muss ich da drinnen ein wenig studieren, weil außer der polnischen Ware alles mit kyrillischen Buchstaben beschriftet ist. (Ich brauchte zwei Durchgänge, bis ich entdeckte, dass bei den Preisschildern im Regal eine deutsche Übersetzung stand). Da stellte sich wieder dieses Gefühl ein, das ich bei meiner Ankunft in Warschau hatte, wo ich mich fühlte wie ein kleiner Alien, der zunächst nur Dinge kaufen konnte, denen man auf Anhieb ansah, was es war. Zum Glück versteht man durchs Polnische ein paar russische Fresswörter. Und natürlich muss ich immer mutig, weil neugierig, experimentieren, auch wenn mich die sanft aussehenden eingelegten Auberginen erst einmal an die Decke springen lassen, weil das nette rote Zeug darin Chilli ist. Und wie wird Ayran schmecken? Man trinkt es, es hat etwas mit Milch zu tun und kommt aus Asien - probieren!

Abgesehen von den kulinarischen Freuden und der Tatsache, dass ich endlich meine nach osteuropäischer Küche lechzenden französischen Freunde stilecht bekochen kann, ist mir wieder einmal aufgefallen, was der Mensch doch für ein Nasentier ist. Gerüche und Erinnerungen - nichts ist so eng miteinander gekoppelt. Und als ich auf dem Parkplatz aus dem Auto stieg, war es wieder da: Irgendetwas hat nach Warschau gerochen. So wie in Warschau kurz nach meiner Ankunft plötzlich der Duft aus der Küche meiner Oma in der Luft lag. So ein Duft ist flüchtig, weht einem kurz in der Nase, und plötzlich sind eine Menge Bilder und Gefühle da.

In dem Moment verstand ich die fleißigen Auswanderer unserer Familie, die in Ohio oder New York, Kalifornien oder Deutschland zwar Hamburger aßen, aber auch komische, fremdländische Festessen kochten. Man kann Erinnerungen in Worte fassen und zum Geschichtenerzähler werden. Wenn aber Erinnerungen auf die Zunge kommen, braucht es keiner Worte mehr. Wie reich ist ein Land, wenn es all diese vielfältigen Erinnerungen und Genüsse sammelt und pflegt - anstatt sie zu einer langweilig faden "Leitkultur" verkochen zu lassen!

4 Kommentare:

Jan hat gesagt…

Oh, klingt das alles verlockend :))

Ich hoffe, der rubinrote Sekt hat gemundet!

Heut abend mußte ich doch lachen, ich war den Tag über in Frankenthal, kaufe noch rasch was ein, komme aus dem Laden und sehe nebenan - ein Lebensmittelgeschäft nur mit russischen und osteuropäischen Waren!

Hab vorhin mal danach geguugelt, es aber nicht im Internet gefunden, dafür aber diese Liste:
http://www.arbuz.de/sprav/rh/mag.html

Nur für alle Fälle, wenn du mal was suchen solltest...

PvC hat gesagt…

Er mundet immer noch! :-)
Aber das darf jetzt nicht wahr sein... Wie oft bin ich durch manche dieser Käffer gefahren und wie viele Jahre recherchiere ich verzweifelt meinem Barszcz-Konzentrat nach und den Würsten - und dann hätte ich bloß dich fragen müssen???
Das Ding in Rastatt in der Rheinau ist übrigens auch ein Mix-Markt (Rheinauer Ring http://www.mixmarkt.de/de/homepage.php), allerdings fehlt er in der Internet-Liste.

Heiß ist die zweisprachige Zeitung des Ladens, mit der man kochen lernen kann, russische Bräute finden oder Unterricht für den Idiotentest neben der Wodkawerbung nebst Billigstreisen in den Osten buchen kann. Pralles Läääbe!

Jan hat gesagt…

Nee, fragen hätte nichts genutzt - ich wollte dir eigentlich nur den Namen des Ladens in Frankenthal sagen... und war dann selbst verblüfft über diese Liste.

Приятного аппетита!

PvC hat gesagt…

Спасибо! Dziękuję!

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