28.05.2009

Schätze heben

28.05.2009
Hand aufs Herz: Wer hat einen Seume oder Weckherlin auf dem Nachttisch liegen? Wer liest noch Sachs, Scheffel oder Stendhal? Wer hat je Schriftstellernamen wie Altenberg, Wezel oder Glaßbrenner gehört? Alles alter Kram? Musenfutter für den Elitedünkel von Intellektuellen? Oder Werbehintergrund zum Geldverdienen für Google, weil die Welt ja ach so ein Bedürfnis hat, alte Klassiker zu konsumieren? Es soll ja sogar Autoren geben, die literarische Bildung für verzichtbar halten, oder welche, die grundsätzlich liegen lassen, was durch die Jahre verstaubt sein mag, weil sie der "Zeitgeist" nicht mehr anweht. Was bitte sollen solche alten Texte dann noch fürs moderne "Volk"?

Tja, wenn da nicht dieses seltsame Bedürfnis unüberschaubarer Menschenmassen wäre, besonders ehrwürdig verstaubte Bücher aus fremden, fernen Kulturen mit längst abgelaufener Zeitgeist-Halbwertszeit freiwillig und immer wieder zu lesen. Torah, Bibel, Koran - es gibt sogar Religionen, die auf Uraltbüchern fußen. Und dann gibt es die Leute, die Meterware sammelten: Goethe, Schiller, Heine - immer die Gesamtausgabe und möglichst in Leder. Denn wenn man sie auch nie wirklich las, etwas hermachen sollten sie. Und irgendwann hat man doch hineingeschaut - und sich festgelesen. Schließlich sind da die modernen Autoren, die ohne die Traditionen und Techniken der Alten nichts wären - und die, nach ihren prägenden Kindheitslektüren gefragt, zumeist Verstaubtes hervorziehen: Karl May, Mark Twain, die Gebrüder Grimm oder gar Cervantes.

Es liegen ganze Kosmen brach. Auf der Suche nach Texten kam ich aus einem profanen Grund auf die ganz Alten: Sie sollten ja schon mindestens siebzig Jahre tot sein und am besten auch gar nicht mehr verlegt. In der Digitalen Bibliothek kann man sie tonnenweise auf Silberscheiben erstehen und als Mensch wahrscheinlich gar nicht so lange leben, um sie alle zu lesen. Aber CD-ROMs kommen dem modernen Surf- und Fluchtverhalten entgegen, selbst Suchanfragen wie "Bratwurst" verbinden einen durch einen Klick mit literarischer Jahrhundertware.

Was ist das für ein Amusement! Man achte auf Themen und Jahreszahlen: Bei Fontane (1819-1898) fand ich ein Fräulein, dass ich mir durchaus in einem Brigitteforum vorstellen könnte, immer auf der Suche nach der neuesten Diät. Abraham a Sancta Clara (1644-1709) gibt's den Studenten tüchtig, die ihren Eltern allzu lange auf der Tasche liegen und ihr Studium nicht zu Ende bringen, weil Hotel Mama so gemütlich ist. Achim von Arnim (1781-1831) überliefert, wie man mit Alkoholpanscherei Reibach machen kann. Ein gewisser Weerth (1822-1856) erklärt, wie ein geschickter Vertreter vorgeht - oder redet da einer von einem Coach, der zahlenden Kunden die Ohren abschwatzt? Sitzen nicht Jean Pauls (1763-1825) todkranke Gestalten, die lediglich einen Wind verquer haben, noch heute im Wartezimmer des Arztes? Und erinnert uns nicht Gotthelfs (1797-1854) Idee, wie man in einem fetten Körper Platz schaffen könne, erschreckend an die Praktiken von Schönheitskliniken?

Es ist faszinierend, wie viel uns die Alten noch zu sagen haben, wenn wir nur hinhören wollen. Wenn wir uns vielleicht einfach einmal in kleinen Häppchen Appetit holen. So habe ich Moszkowski entdeckt, so lache ich mich kringelig über die seltsamen Diätvorschläge eines Altenberg (1859-1919), die den Bemühungen moderner Gesundheitsgurus in nichts nachstehen.

Gewiss, es gibt auch Texte, die ich bearbeiten muss - vor allem, wenn ich sie auf die Bühne bringe. Oft sind es altertümliche Wörter, die heute nicht oder missverstanden werden, wie etwa "porcellänische Gäst". Das sind nicht etwa besonders zerbrechliche Geladene, sondern Leute, die sich wie die lateinischen "porci" am Tisch benehmen. "Schweinische Gäste" sagt man heute. Sagte man auch damals schon, aber der Autor wollte zeigen, dass er sich nicht auf deren Niveau begeben mag.

Und dann gibt es das Problem der verlorenen Bildung, des vergessenen Wissens. Einen Satz von Seume (1763-1810) musste ich regelrecht übersetzen, weil er etwas mit allen drei Unterweltflüssen dieser Erde verglich. Zu seiner Zeit wusste jeder, was mit den griechischen Flüssen gemeint war, weil jeder griechische Mythen und Sagen las, weil viele Altgriechisch lernten. Gebildete kennen heute noch den Styx. Und das war es dann meist. Da wird das Deutsch dann zur Fremdsprache und bedarf der Erläuterung. Aber der Rest ist lustig, ein richtig schöner, kleiner Horrortext zum wohligen Gruseln. Ihn nur wegen dieser drei Wörter (die man im Internet nachschlagen kann) weglegen? Was wird aus unserem kollektiven Wissen, unserer persönlichen Bildung, wenn wir immer schneller weglegen, was wir bei oberflächlichem Anlesen nicht gleich verstehen?

Ich habe richtig Spaß an diesen Entdeckungsreisen in die unbekannte Vergangenheit der Literatur - und so mancher "Unbekannte" reizt mich mit diesen Appetithäppchen, mir an gemütlichen Regentagen mehr von seinem Werk schmecken zu lassen. Und wenn ich in Zukunft einige mit dieser Freude anstecken könnte - umso besser!

Literaturdetektive und Entdecker treffen sich bei:
Projekt Gutenberg
Gutenberg project
Zeno
Digitale Bibliothek
Warum ich nur diese empfehle? Sie achten die Urheberrechte.

Share/Save/Bookmark
Related Posts Plugin for WordPress, Blogger...
 
◄Design by Pocket Distributed by Deluxe Templates