08.05.2008

Das andere Elsass

08.05.2008
Feiertag in Frankreich. Herrlich. Nach einem elend langen Arbeitstag, der erst um Mitternacht endete, genieße ich das Ausschlafen. Und stehe um halb neun senkrecht im Bett. Zwei, drei Häuser weiter hat einer eine Höllenmaschine in Betrieb genommen, deren deutscher Name mir nicht geläufig ist. Egal, ein riesiger Benzinrasenmäher ist nichts dagegen. Eine Kettensäge schnurpselt dagegen angenehm.

Weil ich den Menschen bisher für nett hielt, habe ich ihn angerufen und versucht, auch nett zu sein. Ich wollte ihn eigentlich nur höflich sagen, dass das um die Zeit am Feiertag stört - und ob er nicht vielleicht ein paar Stunden später... Keine Chance. Am anderen Ende der Leitung spöttisches Lachen: "Ca vous dérange? Tant pis!" Aufgelegt. Übersetzt hieße die freundliche Entgegnung: "Was, das stört Sie? Umso besser." Welches die schriftsprachliche Variante für ein elsässisches "Druffg'schisse" wäre...

Weil mir eigentlich an guten mitmenschlichen Beziehungen gelegen ist, rufe ich seine Mutter an und frage sie einleitend nur mal so, ob sie wüsste, was mit ihrem Sohn sei, wie man mit dem wieder ins Gespräch kommen könne. "Der ist so. Der ist immer so." Aha. Ja, was mach ich da, ich wollte doch nur ... und ich sage eben kurz, worum es ging. Fehler. Ganz schlimmer Elsass-Anfänger-Fehler!

Die Dame, die begeistert meine Bücher liest und immer für ein Schwätzlein zu haben ist, keift plötzlich wie die Furie los, und ich lausche am Hörer, baff, überrascht, weil ich nicht mehr weiß, ob ich gerade eine Romanszene erfinde oder ob das Realität sein kann. Irgendwie schreit sie mich an, dass ihr Sohn als hart arbeitender Mensch sich das Recht erarbeitet habe, am Feiertag Lärm zu machen, so viel er wolle. So eine wie ich solle aber mal ganz schnell den Mund halten und Respekt vor so einem haben.

Denn "so eine wie ich", die schaffe ja nichts Rechtes, die habe ja nicht mal Arbeitszeiten und schon gar kein geregeltes Leben. Und überhaupt solle ich ganz still sein, denn ich ginge ja nicht einmal in die Kirche. Nie, auch kein einziges Mal sei ich in den ganzen 19 Jahren in der Kirche gesehen worden. - Da habe ich dann gebrüllt: "Jetzt reicht's." Und aufgelegt.
Denn in einer Woche wird sie mir wieder fröhlich zuwinken. Wenn ich noch meine Kirschbäume hätte, würde sie anrufen, ob sie Kirschen haben könne, ihr Sohn esse doch so gern Kirschplotzer, und meine seien immer viel eher reif als ihre (von denen ich nie welche bekam, denn ich hatte ja selbst welche). Und nachher im Sommer, wird sie wieder das Gespräch mit mir suchen, um sich zu beklagen, was für einen herzlosen Sohn sie habe. Der sie schnöde allein in der Einsamkeit zurücklasse, wenn er in Urlaub fahre. Und ich werde ihr dann freundlich empfehlen, vielleicht Trost in der Kirche zu suchen...

Auch das ist das Elsass. Ländlich-retardiert, jenseits aller inneren Noblesse, derb-respektlos, bar jeder Empathie. "L'état, c'est moi" - das Ich ist das Zentrum, um das alle Sterne zu kreisen haben, ordentlich in Grüppchen geteilt, deren Leitsternchen die Kirchen sind. Und da ist mein Canton ein besonders retardierter, der selbst Pfarrern von außerhalb das Leben und Arbeiten zur Hölle macht. Es gibt ihn nämlich noch, den Religionskrieg. Wo der Kirchgang zeigt, wer man ist (oder sein möchte). Wo man interkonfessionelle Heiraten unter Christen mithilfe der Pfarrer und wackerer Gemeindemitglieder zu verhindern weiß. Sinnvoll, denn jeder Konfessionsstreit im Elsass ist auch ein Streit um Land, um Besitz - und damit Anerkennung. In elsässischen Sagen versetzt der Teufel nachts Grenzsteine, im Leben machen es die Männer der Familien.

Katholiken haben traditionell Geschirrtücher in anderen Farben als Protestanten, Touristen kaufen die schönen roten und blauen Karos auf Leinen freudig durcheinander. Noch vor 20 Jahren, als nicht so hemmungslos Elsässer aus anderen, weltoffeneren Gebieten zuzogen, da hat man sogar an der Fensterladenfarbe sehen können, welcher Konfession jemand angehörte. Die komische Schriftstellerin war die erste, die für einen Dorfskandal sorgte. Sie erdreistete sich, eine Farbe zu benutzen, die nicht christlich war. Monatelang wurde ich dafür geächtet.

Lassen Sie sich dadurch aber nicht von einem Besuch im Elsass abschrecken. Solche Gegenden sind in der Regel auch touristisch zutiefst unterentwickelt. Und in der Kneipe wird man Ihnen fröhlich zuprosten, denn Touristen haben drei große Vorteile: Sie sind begeistert von der Idylle, die sie so herrlich an unwiderbringlich verlorene Vergangenheiten erinnert. Sie lassen Geld da. Und sie gehen vor allem wieder weg. Allerdings oft in die Landesteile des Elsass, in denen Herzensoffenheit, Respekt vor dem anderen und Weltoffenheit lebendige Tugenden sind. Diese Elsässer beneiden die anderen Elsässer dann gründlich und werden noch missgünstiger.

In diesem humorvollen Sinne schon mal eine Vorankündigung für den goldenen Oktober: Ich werde das Elsass ins Badische "exportieren". Am 24.10. werde ich in der Stadtbibliothek Gaggenau aus meinem Buch lesen: "Elsass. Wo der Zander am liebsten im Riesling schwimmt" (sanssouci bei Hanser). Anekdoten aus dem prallen Leben habe ich bis dahin ganz sicher auch reichlich im Gepäck.

Denn ich liebe dieses Land, in dem auch Witz und Kabarett blühen. Kaum einer kann sich so herrlich über "die Betonköpf'" lustig machen wie die Elsässer selbst... Geben wir es mal zu: Ob einer zu den Brückenköpf' oder Betonköpf' zählt, ist eine ganz schön europäische Angelegenheit!

2 Kommentare:

akarimé hat gesagt…

als schriftstellerin mit lotterleben habe ich diesen beitrag mit großem vergnügen gelesen, ich tu ja auch nichts rechts´ und alle welt will immer alles besser wissen und keiner versteht warum man länger als 8 uhr schlafen will. zum kostenlosen weltwissen gratulier ich herzlich, muss aber aus kostengründen vom kosten einer elsassreise absehen, auch das das ergebnis des lotterlebens mit viel wortkamelen und arbeit.

viele salams andrea karimé

PvC hat gesagt…

Da wünsche ich weiter einen guten Ritt auf den Wortkamelen - lottern wir fröhlich weiter, damit die Leser auch lottern können, denn Lesen ist ja schließlich auch keine Arbeit.
Herzliche Grüße,
Petra

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